Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

9 Kontaktaufnahme

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Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.   

Türwächter*innen der Freiheit – 8. Kapitel

8 Extrarunde in der Geisterbahn

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Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Das erste halbe Jahr in Neukölln ähnelt einer Fahrt in der Geisterbahn. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Unterrichten oder – im Lehrerzimmer – Pause haben. Vom Lehrerzimmer flüchte ich in die Klassenräume zu den Jugendlichen. Von den Unterrichtsstunden flüchte ich ins Lehrerzimmer. Es ist wie Hin- und Herhopsen zwischen zwei heißen Herdplatten. Ich ringe in diesem quasi irren Zustand um die winzigsten Momente aufkommender Menschlichkeit, weil ich mir fest vorgenommen habe, nicht zum Zombie zu werden, nicht bei der „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm- Kaserne“ zu landen: Ein Lächeln, eine hilfsbereite Geste, ein kleines persönliches Gespräch im Raucherzimmer – der einzige Ort übrigens, wo echtes soziales Verhalten seitens der Kollegen*innen sichtbar wird – ein vertrauensvoller Blick von einem Schüler, ein paar wärmende Momente gemeinsamer Heiterkeit im Klassenraum. Ich fange an, diese Momente zu achten, sie zu suchen und sie mir am Abend vor dem Einschlafen noch mal vor Augen zu führen. Ich habe den Verdacht, dass es eine Art Überlebenstraining ist: In einem Haufen Scheiße die Lieblingsmomente finden. Und das rettet mich tatsächlich. Denn manchmal wundere ich mich, dass ich nicht einfach hinschmeiße. Am schlimmsten ist in diesem ersten halben Jahr die Erkenntnis: Ich gebe nach außen hin die angepasste Gefall-Barbie, wehre mich NICHT gegen die verbalen Anzüglichkeiten von Herrn Böhm, ordne mich in den – für mich abstrus autoritär geführten – Lehrerkonferenzen widerspruchslos unter, äußere nie meine tatsächliche Meinung und das alles aus einer – mir selbst unverständlichen – lähmenden Angst heraus. Statt zu widersprechen, wo Widerspruch angesagt wäre, ducke ich mich weg. Aber. Im heimlichen Untergrund wirkt das kleine Pflänzlein Selbstwert, das Frau Thiele und Dieter angelegt haben. Und es sendet solche Gedanken wie: Es muss doch möglich sein, dahin zu kommen, wo die Jugendlichen in Bullerbü ganz selbstverständlich waren. Klar. Hier sitzen ganz ANDERE Jugendliche. Niemand mit engagierten Eltern und Geigenkästen, kaum ein junger Mensch, den Herr Böhm als „biodeutsch“ bezeichnet hätte. Aber kann es denn nicht möglich sein, auch bei diesen Jugendlichen auf den Zugewinn an innerem Selbstwert zu setzen, statt auf Gehorsam und Anpassung?

Bei jedem erneuten Untergang im Klassenzimmer zweifle ich allerdings wieder und denke: Oh man, Maike, wie pathetisch bist du mit diesem hohen Anspruch. Am besten gleich die Welt retten, oder was? Aber gleichzeitig fällt mir NICHTS ein, woran ich mich sonst orientieren kann in diesem „Werte-Niemandsland“ außer eben: Menschlichkeit und irgendwie ein bisschen Wertschätzung… Aber außer mir will hier scheinbar niemand Menschlichkeit und Wertschätzung. Das ist das Dumme. Und das Erschreckende. Dazu kommt dieses tägliche Versagen meinerseits auf allen Ebenen: Ich habe eingesehen, dass ich überhaupt nichts kontrollieren kann und jeder Tag wie eine Lawine anrollt und mich unter sich begräbt. Ich habe vier bis fünf „Unterrichtsstunden“ am Tag und vor jeder einzelnen graut mir, weil ich nicht weiß, was passieren wird. Anfangs habe ich noch einen Rest Naivität und versuche meine Angst mit Perfektionismus tot zu schlagen: Abends stundenlang am Schreibtisch Unterrichtsvorbereitungen planen. Mir irgendwas ausdenken, was WAHNSINNIG Spaß machen wird. Was bei den Jugendlichen ein Wunder bewirken wird. Ich werde es schaffen, denke ich. Sie werden es lieben und sie werden MICH lieben. Ich werde den Unterricht revolutionieren! Dauernd kaufe ich mir tolles, buntes Unterrichtsmaterial mit tollen Folien, Filmbeispielen, lustigen Warm-Ups und Rollenspielen. Ich lese sämtliche pädagogische Literatur, die ich finden kann. Das sind dann die ruhigen, hoffnungsvollen Momente. Maike im Studierzimmer, voller Fantasien im Kopf von TOLLEM Unterricht. Aber leider muss man sagen, dass die schönsten Momente doch die Freitag Abende sind. Am Freitag ist immer eine ganze Woche geschafft. Unendliche Erleichterung. Das muss gefeiert werden! Auch Samstag ist noch schön. Aber am Sonntag morgen schon kommt dieses drückende Gefühl im Hals und in der oberen Magengegend zurück. Die Stunden bis zum Montag Morgen laufen durch wie Sand und Gemütlich-Tatort-Gucken am Sonntag Abend trägt auch nicht mehr zur Entspannung bei. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich auf den Fernseher starre und gar nicht richtig zuhöre, weil meine Gedanken schon wieder bei meinen perfektionistischen Unterrichtsvorbereitungen sind. Also erfasse ich oft den einfachsten Tatort-Plot nicht mehr, lasse nur die Bilder an mir vorbeilaufen. Der Tatort ist einfach nur eine beruhigende und tröstlich vertraute Konstante, ein Ritual, die kurze angenehme Auszeit vor dem nächsten ängstlich erwarteten Sturm. Wie eine Spieluhr, die ein unruhiges Kind in den Schlaf dösen lässt. 

Und dann kommt unausweichlich der Montag. Am Montag ist es am schlimmsten. Alle scheinen völlig Gaga zu sein. Bloody Monday. Bloody Hell. Was am Freitag geschafft war und vielleicht sogar Anlass zu ein wenig Hoffnung gegeben hat, ist am Montag komplett im Arsch. 

Das kommt, weil für die Kids das Wochenende am schlimmsten ist, erklärt mir Lena bei einer Zigarette. Da geht bei denen alles drunter und drüber und die sind den Problemen in ihren Familien volle Kanne ausgeliefert. 

Ich nicke, verstehe aber gar nichts. Was für Probleme denn? Ich will eigentlich nur meine Unterrichtsvorbereitungen durchkriegen. Mal EINE Stunde geben, wo irgendwas gelernt wird. Oder ach Quatsch. Wo einfach mal alles EIN BISSCHEN entspannter ist. Ruhiger. Das wäre ja schon mal was. 

Aber es klappt nicht. Meine emsig vorbereiteten Stunden lösen sich grundsätzlich nach wenigen Minuten im üblichen Irrsinn auf. Ok, dann versuch ich also mal Stundenvorbereitung Nummer zwei. Nach ca drei Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer drei. Nach zehn Minuten – gescheitert. Ok. Stundenvorbereitung Nummer vier… Es ist zum Heulen. Ich finde einfach nicht heraus, was ihnen Spaß machen könnte. Wie ich ORDNUNG in dieses Chaos bringen kann. Wenn ich es nur einmal schaffen könnte, dass sie sich für IRGENDWAS interessieren. Besonders deprimierend ist meine Erkenntnis, dass sich Ruhe – als Minimalanforderung – am ehesten herstellen lässt, wenn ich todeslangweilige Arbeitsbögen verteile. Dann dämmert der Großteil der Klasse immerhin einigermaßen leise 45 Minuten vor sich hin. Von kleineren Ausfällen und den üblichen Ausrastern einzelner Jungs mal abgesehen. Richtig furchtbar aber wird es, wenn ich MOTIVIERENDEN, GUTEN Unterricht machen will. Wenn sie in Gruppen zusammen was rausfinden, selbst gestalten und präsentieren sollen. Das, was Herr Böhm an dieser Schule erfolgreich als „Kuschelpädagogik“ tagtäglich abwertet. Solche Versuche kann ich gleich vergessen. „Ey, ich will RISCHTISCH Deutschunterricht, nicht so schwule Scheiße!“. (Rischtisch Deutschunterricht ist für die Jugendlichen die „Gu-ten-Mor-gen-Herr-Böhm-Nummer“ mit anschließendem Frontalunterricht. „Jetzt schmeißen Sie doch endlich mal die raus, die laut sind!“. (Ich denke: Ha, ha, also alle?) „Sie müssen uns nur endlich mal rischtisch zusammenscheißen! Sie sind zu NETT“. „Ey, gib ma Klassenkonferenz!“

Aha. 

Klassenkonferenz. Das ist auch sowas, was ich vorher nicht kannte. Ein durch und durch autoritär gedachtes Tribunal:

Der Delinquent bzw. die Delinquentin wird zu einem bestimmten Termin in die Schule bestellt. Dort wird er oder sie von einem Gremium der unterrichtenden Lehrer*innen schön der Reihe nach zum unhaltbaren Problemfall erklärt. Jede Lehrkraft erhält ausreichend Raum, das als Fehlverhalten identifizierte Handeln des Schülers bzw. der Schülerin detailreich zu beschreiben. Dies wird auch genüsslich ausgekostet, denn es ist die einzige Möglichkeit für die geschundenen Seelen der völlig runtergerockten Lehrer*innen sich ein wenig Trost und Kompensation für die zahlreichen erlittenen Demütigungen zu verschaffen. Endlich darf sich die Lehrkraft hier mal so richtig vor allen anderen entlasten und gleichzeitig Macht demonstrieren. Aufzählen, was mir angetan wurde von diesen VOLLPFOSTEN. Um dann im Anschluss gemeinsam eine GERECHTE SANKTION gegen diese unerzogene Göre zu beschließen. Hach. Endlich ein bisschen Gerechtigkeit. Nach außen reden natürlich alle nur „vom Besten für das Kind“ und von „pädagogischen Maßnahmen“. Während die eingeschüchtert da sitzende, selten Deutsch sprechende Mutter mit erschrockenen Augen stumm dabei sitzt und nur Bahnhof versteht – und dann am Ende – nach der Urteilsverkündung – in herzzerreißendes Weinen ausbricht. Denn meistens lautet die „Sanktion“, äh pädagogische Maßnahme: Umsetzung an eine andere Schule. Rausschmiss also. Das versteht dann auch die Mutter. Für den Delinquenten – meistens waren es Jungs – eine unerträgliche Scham: Vor der Mutter so herabgewürdigt zu werden und Auslöser für diese Tränen zu sein. Und: Aus allem raus gerissen zu werden, was vielleicht gerade angefangen hatte, ein bisschen Sicherheit zu geben.

Ich hatte schon gehört vom berühmten „Hauptschulkarussell“. Viele Jugendliche kompensierten ihre Demütigung, indem sie sich auf dem Schulhof genau damit brüsteten. Quasi ein konstruktives „Reframing“ einer anders nicht zu ertragenen Herabsetzung: Das ist schon meine fünfte Schule, wallah. Echt? Fünfte erst? Ich muss nur noch Kepler. Alle anderen war ich schon… ABO!…! (Die Kepler Hauptschule galt unter den Schüler*innen als die letzte Station). 

Das Setting der sogenannten Klassenkonferenz war insofern interessant, als alle von einem „pädagogischen Format“ sprachen, in dem „alle gemeinsam im Gespräch zu einer „pädagogischen Maßnahme im Sinne des Kindes“ kommen wollten. Und tatsächlich wurde zwar sehr viel geredet, aber „der Delinquent“ selbst hatte zu keinem Zeitpunkt eine ernst gemeinte Möglichkeit, SEINE Sicht der Dinge ebenfalls darzustellen. Zu seiner Verteidigung wurde ihm offiziell der gegenwärtige Schülersprecher zur Seite gestellt. Meistens ein ängstlicher, weißer Junge mit Pickeln, Typ Streber, der ganz genau wusste, in welcher misslichen Lage er sich befand: Zum Schülersprecher nur deswegen gewählt, weil sich alle anderen Schüler*innen jeglicher Zusammenarbeit mit dem System Schule verweigerten und offen rebellierten und jetzt quasi als „Verräter-Kartoffel“ in der sehr unschönen Situation befindlich, als demokratische Strohpuppe genau diejenigen stotternd und völlig wirkungslos verteidigen zu müssen, die ihn dafür zwei Stunden später aus Rache auf dem Schulhof verprügeln oder „abziehen“ würden. Was im Klartext hieß: Turnschuhe weg, Handy weg und paar auf die Fresse. Dementsprechend wirksam fiel auch immer die „Verteidigung“ aus. 

Nachdem ich das erste Mal ein solches Tribunal besucht hatte, musste ich danach erstmal drei Stunden schlafen, um mein kleines Trauma der Schuld zu bewältigen: Nämlich das schreckliche Gefühl der Scham, dieser Veranstaltung wort-und tatenlos beigewohnt zu haben, ohne auch nur einmal das gesagt zu haben, was offensichtlich war: Das hier ist eine abgrundtief verlogene Farce! Unverantwortlich und vor allem unmenschlich bis zum Irrwitz! 

Warum sagte ich das nicht? Warum saß ich da rum, knetete meine Hände im Schoß und hoffte, nichts sagen zu müssen? Es lag an einem moralischen Dilemma, das ich empfand. Meistens kamen die entsprechenden Kollegen schon ein, zwei Tage vorher auf mich zu und schütteten mir vermeintlich ihr Herz aus. Plötzlich schlugen sie einen ganz persönlichen Tonfall an. Wie FURCHTBAR der Schüler Soundso sei und dass „man den jetzt endlich abschulen könne“, ob ich da nicht in der Klassenkonferenz auch meinen „solidarischen Beitrag dem Kollegium gegenüber leisten könne“, denn die arme Frau Soundso sei ja schon dauererkrankt und der Herr Soundso kurz vorm Burnout und da „müsse man jetzt wirklich mal Seite an Seite zusammenstehen“ und die rechtlichen Mittel der Schule nutzen, um sich gegen diese „Gangster-Mafia“ zur Wehr zu setzen. Also: Wir rechnen fest mit Ihrer Solidarität, Kollegin Plath… 

Ich war verwirrt. Mir ging es schlecht. Ich wollte solidarisch sein. Aber irgendwas schien mir an der Sache ganz und gar falsch zu sein. War es nicht meine Aufgabe, solidarisch mit den Jugendlichen zu sein? Und wieso musste ich mich überhaupt für die einen und dann zwangsläufig GEGEN die anderen entscheiden? Vor allem: Ich fühlte mich wie ein Alien. Ohne Verbündete. Irgendwie abgetrennt von allen. Was MACHTE ich hier eigentlich an dieser seltsamen Institution? Außer mit Lena wechselte ich in dieser Zeit mit kaum jemandem an der Schule ein persönliches, wärmendes Wort. Die meisten Kollegen*innen behandelten mich wie eine Auszubildende im hierarchisch schlechtesten Sinne. Sie redeten mit mir, als wäre ich 12 und wüsste nicht, wo der Kopierer angeht. Geschweige denn, wie man Schüler*innen unterrichtet. Völlig nutzlos, immer wieder zaghaft anzubringen, dass ich bereits 8 Jahre an einer anderen Schule unterrichtet hatte. Ich kam mir auch zunehmend blödsinniger vor, Sätze mit „Also an meiner alten Schule…“ anzufangen. Es interessierte (logisch!) keinen. Kann mensch natürlich auch verstehen. Jetzt war ich ja hier. Gestern war gestern. Aber in der völligen Ignoranz meiner Person und meinen bisherigen Erfahrungen lag auch etwas Feindliches, das ich mir nicht erklären konnte. Ich war doch nett! Ich war freundlich. Ich bemühte mich doch! Aber auch das interessierte keinen. Bei den Jugendlichen war es nicht anders.

Das Drama eines hohlen Selbstwerts, der sich unablässig an äußerer Bestätigung nährt, beginnt in der Kindheit, wenn wir lernen, Liebe mit Anerkennung zu verwechseln. Eigentlich wissen wir das ja alles: Menschen, die als Kind lernen, dass sie unabhängig von ihren Leistungen – einfach um ihrer selbst willen – geliebt werden, haben es später einfacher, sich selbst zu lieben, also Integrität zu entwickeln, und sie sind deshalb unabhängiger von äußerer Anerkennung und Lob – und deshalb auch weniger anfällig für autoritäre Systeme. Sie stehen quasi auf sicheren Füßen und laufen nicht so sehr Gefahr, sich entgegen der eigenen Bedürfnisse zu verbiegen. Und wer die eigenen Bedürfnisse kennt und ernst nimmt und sich in der Folge weniger verbiegt, muss weniger brüchigen Selbstwert kompensieren, braucht also weniger Bestätigung von außen. 

Leider ist so eine bedingungslose Liebe als Basis für den Selbstwert alles andere als der Standard und viele von uns sind daher leider nicht frei vom Bedürfnis nach äußerer Anerkennung. Deshalb wäre es allerdings umso wichtiger, einen möglichen Mangel an Liebe bei sich selbst als das zu erkennen, was es ist und diese Tatsache anzunehmen, statt diesen Mangel fälschlicherweise ständig mit äußerer Bestätigung auffüllen zu wollen. Denn das ist logischerweise ein Fass ohne Boden: Keine äußere Anerkennung der Welt wird einen Mangel an Liebe ersetzen. Aber es gibt eine andere Medizin: Lernen, sich selbst zu lieben. Seine Bedürfnisse, Grenzen, Schwächen, aber auch die eigenen Fähigkeiten sehen und anerkennen lernen und anfangen, sich damit zu mögen. Harte Arbeit – aber dafür ist es nie zu spät.

Und dass das wirklich stimmt, bemerkte ich daran, wie überraschend wirksam bei mir bereits allein die wenigen Eindrücke und Erfahrungen im Referendariat und in Bullerbü waren: Zwar kippte ich aufgrund meiner langjährigen sozialen Prägung erstmal quasi automatisch in den ängstlichen Anpassungsmodus zurück, als ich mit dem Regime des Sheriffs in Berührung kam. Aber darunter hatte sich in den wenigen vorangegangenen Jahren durch Frau Thiele und Dieter ein kleines Selbstwert-Pflänzlein gebildet. Und dieses Pflänzlein wirkte im Untergrund – auch wenn ich nach außen noch den widerspruchslosen Anpassungsroboter gab. Im Gegensatz zu früher war da jetzt so ein kleiner, zarter Wille zum Widerstand bzw. zur Rebellion. Ich traute mich das zu dem Zeitpunkt gar nicht zu denken, geschweige denn, auszusprechen, aber gefühlt brannte da etwas wie auf sehr kleiner Flamme, still und beharrlich vor sich hin. Bevor diese kleine Kraft im Untergrund jedoch eine Chance bekam, wirkte zunächst einmal mit aller Macht meine tief verinnerlichte soziale Prägung und manövrierte mich nahezu in die Selbstaufgabe.

Nach vier, fünf Monaten war es soweit: Ich fing an, aufzugeben. Ich hatte mich in der einschläfernden „Arbeitsbögen-Taktik“ eingerichtet und einen Zustand erreicht, in dem ich die Stunden mit den Jugendlichen einigermaßen überleben konnte. Reinkommen. Auftrag an die Tafel schreiben – denn Sprechen war sinnlos, es hörte sowieso keiner zu – dann Arbeitsbögen verteilen, dann ans Pult setzen und warten, bis die Stunde um war. Hin und wieder aufstehen, wenn ein Mädchen sich gelangweilt meldete (Jungs meldeten sich nie), hingehen, eine Frage beantworten, wieder nach vorne gehen, wieder ans Pult setzen, warten. Sobald ich irgendeinen Versuch unternahm, diese bleiernde Langeweile zu durchbrechen, rasteten einzelne Schüler*innen aus oder – im besten Fall – blökten mich an: Oh man, erzähls doch der Wand, Frau Plath. Auch der klägliche Hinweis auf ihre Noten, (welch peinliches Druckmittel!, dachte ich beschämt), prallte voll an ihnen ab. Am besten tragen Sie bei mir gleich ne Sechs ein, wird sowieso nicht besser, und dann hat jeder seine Ruhe, war die Reaktion. Meine anfänglichen Argumentationsversuche wurden dann mit „Ey, jetzt nerv ma nicht!“ gekontert. Und das war die warmherzige Variante. Es ging bedeutend schlimmer. Meine Versuche, „ganz tollen Unterricht mit Medieneinsatz, Gruppenarbeit, Rollenspielen und anderem Gedöns“ zu machen, waren also nach wenigen Wochen bereits so dermaßen kläglich gescheitert, dass ich mir davon noch immer meine Wunden leckte und keine Kraft hatte, neue aktionistische Versuche zu machen, die Welt zu verändern. Im Kollegium schien man das beruhigt zur Kenntnis zu nehmen. Nicht, dass jemand das Wort an mich gerichtet hätte, aber offenbar sah ich aus wie Jack Nicholson nach der Elektroschock-Behandlung in „Einer flog über das Kuckucksnest“… Von mir ging jedenfalls keine Gefahr mehr aus, irgendjemandem mit nervig-hoffnungsvollen Ideen auf den Sack zu gehen. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Und die Jugendlichen schienen dasselbe zu denken. Gottseidank. Sie nervt nicht mehr. Also business as usual. Es war der Punkt erreicht, den ich wenige Jahre später so unfassbar treffend in der Fernsehserie „The Wire“ (vierte Staffel) dargestellt fand: Dem Lehrer Presbelucci wird als „Tipp, um die Klasse ruhig zu halten“ geraten, die Heizungen im Klassenraum voll aufzudrehen, „denn dann

werden die Kids müde, und Sie haben Ihre Ruhe“. Angetäuschter Frontalunterricht (etwas an die Tafel schreiben) und Arbeitsbögen austeilen hatte einen ähnlichen Effekt. Es gab Momente, in denen ich dachte: Was willst du denn, Frau Plath? Ist doch ein easy Job: Du bekommst ordentlich Gehalt, musst nix mehr vorbereiten, nur so am Pult rumsitzen und warten, bis die Stunde vorbei ist. Und bloß keine Aufregung erzeugen, denn dann eskaliert alles, und die Polizei muss gerufen werden, und du bist die Deppin, die vor allen anderen so dasteht, als „hätte sie ihre Klasse nicht im Griff“. Jetzt allmählich dämmerte mir, dass das kein Scherz gewesen war: Diese „Minimalanforderung“, die es zu erfüllen galt, dass „die Polizei nicht kommt“. DAS war also gemeint gewesen… Es galt, die Klasse still zu kriegen. Alles andere: Egal.

Ok. Dann heul jetzt mal nicht rum, dachte ich. Konzentrier dich doch einfach auf dein Privatleben. Andere würden dich beneiden! Bisschen rumsitzen und Geld einstreichen. Gesagt getan. Ich konzentrierte mich also auf mein Privatleben. Berlin ist dafür ja nicht die schlechteste Adresse. Ich ging ständig aus, ins Kino, ins Theater, Essen und in nette Kneipen im Prenzlauer Berg und überall dorthin, wo sowieso scheinbar niemand ernsthaft an Arbeit dachte. Mir kam es insgesamt in der Zeit so vor, als wäre ich die einzige, die arbeiten ging. Alle anderen machten Kunst oder irgendwelche interessanten „Projekte“, die es nicht erforderten, dass mensch vor 14 Uhr aus dem Bett kam. Das war bei mir natürlich anders, ich musste um 8 in der Institution sein, aber weil ich immer schon um 14 Uhr fertig war (Kopierer AUS, und wer länger bleibt, „verdirbt die Preise“), also dann, wenn die anderen mit frühstücken fertig waren, konnte ich noch ausreichend Schlaf nachholen, bevor es abends mit dem angenehmen Teil des Tages losgehen konnte. Zwischendurch dachte ich immer wieder daran, vielleicht doch unten im Schuhladen als Verkäuferin anzufangen. Ja, man kann es nicht anders sagen: Ich war gestrandet. Das Pflänzlein schien eingegangen zu sein. Die Glut ging aus. Fast.