Machiavelli – my ass…

Habe neulich eine Doku auf arte gesehen über den damaligen CEO von American Apparel (amerikanische Hipster-Klamotten-Marke aus den Nuller-Jahren), der über Jahre junge Frauen in seinem Unternehmen missbrauchte und alle seine Mitarbeitenden auf brutalste Weise ausbeutete und nach Jahren endlich aufflog und gehen musste. Strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wurde er nicht.

Seine „Epstein-like“ Art der ‘Führung’ war inspiriert durch das Buch ‘POWER – Die 48 Gesetze der Macht’, von Robert Greene, das er allen seinen Mitarbeitenden zum Einstieg in sein Unternehmen schenkte (!). Als ich neulich mal wieder in meinem Lieblings-Buchladen stöberte, fiel ich aus allen Wolken: Da lag dieses Buch auf dem Präsentier-Tisch. Schon nach Lesen der ersten 20 Seiten wurde mir ganz schlecht. Mischung aus Fassungslosigkeit, Grauen und Angst. Zu dem Buch schrieb die SZ bereits 2025: 

“Ein altes Buch ist wieder fast ganz oben in der deutschen Sachbuch-Bestsellerliste aufgetaucht (in dieser Woche auf Platz vier), das zum Fürchten gut in den Moment der zweiten Inauguration von Donald Trump passt: „Power – Die 48 Gesetze der Macht“. Geschrieben hat es der 1959 in Los Angeles geborene Journalist und Hollywood-Drehbuchautor Robert Greene. Es erschien erstmals noch im vergangenen Jahrhundert, 1998, wurde bald in mehr als 20 Sprachen übersetzt und machte Greene nicht nur reich und bekannt. (…)

Die gerade dramatisch verblassende liberaldemokratische Idee war und ist ja, dass einem die Macht aufgrund von Tugendhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit gewährt wird. Zum Wohle der Allgemeinheit. Und auch dann nur auf Zeit. Die gerade dramatisch an Überzeugungskraft gewinnende autokratische Idee ist (allerdings), dass derjenige die Macht zu Recht hat, dem es gelingt, sie zu bekommen – und der dann alles so einrichtet, dass es für andere unmöglich wird, sie ihm wieder wegzunehmen. (…)

Der blinde Fleck der liberalen Idee ist natürlich, dass es unter Menschen so ausschließlich brav und fein leider nie zugeht. Und dass dieser Umstand auch den härtesten Idealisten nicht verborgen bleibt. Mithilfe Robert Greenes machen sie sich dann an das, was im Amerikanischen „Gaming the system“ genannt wird:

„Alles muss zivilisiert, anständig, demokratisch und fair erscheinen. Aber wenn wir uns zu strikt an diese Regeln halten, wenn wir sie zu wörtlich nehmen, werden wir von denen vernichtet, die nicht so dumm sind.“

Das Problem: Die Legitimität der bestehenden liberalen Ordnung nimmt so immer weiter immer schwereren Schaden, und irgendwann erscheint ein großer egomaner rechtspopulistischer Trickser wie Donald Trump (oder rechtspopulistische Frauen wie Marine Le Pen und Giorgia Meloni) plötzlich für eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler wie das kleinere Übel.

Dieses Irgendwann scheint jetzt zu sein.

Der blinde Fleck der autokratischen Idee immerhin ist … äh … hoffen wir bloß auf den, weil wir verblendeten Moralisten Machiavelli nicht richtig lesen wollten? In seinem „Fürst“ steht schließlich:

„Ein Mensch, der immer nur das Gute möchte, wird zwangsläufig zugrunde gehen inmitten von so vielen Menschen, die nicht gut sind.“ Seufz.” (Aus: SZ Online: “Machtratgeber von Robert GreeneGib dich dümmer als dein Opfer“, 17. Januar 2025, 14:20 Uhr, von Jens-Christian Rabe)

Seit Jahren sage ich in meinen Veranstaltungen zum Veto-Prinzip – zur Arbeit mit den Führungstypen (Status-Tieren) – : “Die Erdmännchen werden weg gefegt von den Löwen. DESWEGEN müssen Erdmännchen die lange beschwerliche Reise im INNEN machen, um die reale (!) Stärke aufzubauen, DIESEM Löwensystem etwas ANDERES, STÄRKERES (!) entgegen zu setzen!!” (Zu den Hintergründen der vier Führungstypen nach Veto-Prinzip gibt es folgendes kostenfreies Video bei YouTube):

https://youtu.be/AZUUQX3YABw?is=BluvW8mOH8heCJnl

Es reicht nicht mehr, aus der Opfer-Rolle heraus die OFFENSICHTLICHEN Ungerechtigkeiten zu benennen! Die Anhänger des ‘Robert-Greene-Universums’ lachen sich schlapp über die Argumente der ‘Linken’!

Wir schlittern in ein furchtbares, unbarmherziges, gewaltvolles Zeitalter, das mit autoritärem Handeln, Zynismus und struktureller Gewalt alles Menschliche und Verbindende abschafft und statt dessen ein System errichten wird, das nur den Machtausübenden selbst, also einer winzigen gesellschaftlichen Elite, dient.

Alle anderen (!) werden darin „zertrampelt“ werden (Erdmännchen-Metapher) und in jedem Falle – ganz real – unermesslichen Schaden nehmen (siehe Mitarbeitende von American Apparel, siehe Epstein-Opfer, usw usw). Schaden sowohl gesellschaftlich, als auch individuell, sowohl strukturell, als auch ganz konkret an Körper und Seele sehr vieler Menschen. Und diese Schäden werden bis weit in die nächste Generationen reichen.

Ich staune darüber, dass dieser zynische „Ratgeber für den Aufstieg“ ernsthaft gelesen und wahrscheinlich sogar teilweise (?) ernst genommen wird:

Wem nützen denn diese „Tipps“? Ausschließlich den wenigen, die durch Vorteile und Privilegien an die Macht kommen und DANN entsprechend dieses Buches agieren!

Die Reihenfolge ist aber falsch: Man kommt nicht DURCH diese Gesetze zur Macht. Sondern durch Geld und Vitamin B und Privilegien. In diesem System leider immer noch. Genauso. Und derzeit sogar wieder vermehrt GENAUSO. Und DANN erst sichern diese Personen ihre Form der korrupten, amoralischen und gewaltvollenMacht durch DIESE Strategien (48 Gesetze der Macht) „luftdicht“ nach unten ab – eine Form der Macht, durch die bei der Mehrheit der Menschen unendliches Leid erzeugt wird.

Zu Zeiten der Jäger und Sammler waren die Menschen scheinbar intelligenter als heute: Herrscher, die ein solches Macht-Verhalten an den Tag legten, wurden von der Gruppe gemeinschaftlich „entsorgt“, also vertrieben oder getötet. Warum finden jetzt so viele so ein evil Buch wieder spannend? Geht’s noch? Wieviele Epsteins, Trumps, Weinsteins, Pelicots,… brauchen wir denn NOCH??

Ok. Ich finde: Es braucht was ganz anderes. Es braucht dringend den stärkenden Weg im INNEN für die große Mehrheit der Menschen, damit sie sowohl die gemeinsame als auch die jeweils individuelle Kraft und konkrete HANDLUNGSFÄHIGKEIT entwickelt, das vollkommen unmoralische und zynische System der ‘Löwen’ zu beenden. Es braucht mehr Veto-Prinzip.

Aber ich hab leider nicht 48 Tipps und Tricks parat. Veto-Prinzip dauert länger. Ich bin trotzdem optimistisch, denn es dürfte ja eigentlich JEDEM Menschen sowieso klar sein, dass das Gute etwas länger dauert. Wer sagte das auch schon mal? Ach ja, klar: Goethe. Er nu` wieder. „Gut Ding will Weile haben“. (Sehe gerade: Goethe hat das nur geklaut. Vorher hat das ein Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen geschrieben – also, falls die KI nicht wieder lügt). Trotzdem. Ist auch meine eigene Erfahrung, dass das Gute immer länger dauert. Und sich trotzdem sehr lohnt. Wenn man durchhält.

Fazit: Um diesen „Löwen“-Dynamiken etwas wirklich Wirkungsvolles entgegenzusetzen, braucht es die Anstrengung und den Willen, in echte innere Prozesse zu gehen und auf dieser Basis einen MENSCHLICH gewachsenen Boden für Demokratie zu bauen, der den Namen DEMOKRATIE verdient. Und dafür müssen wir als allererstes aus den Dynamiken und Gegen-Dynamiken des Löwen-Systems AUSSTEIGEN. DANN könnten wir was NEUES kreieren. Gemeinsam. Machiavelli my ass… Nimm dies: