Türwächter*innen der Freiheit – 11. Kapitel

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Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

11 Untergang – und Wiederaufstehen 

Leider stellt sich heraus, dass sowohl der Pessimismus von Frau Rische als auch der von Herrn Schulz irgendwie begründet ist. Ich habe zu früh gegrinst. Und wer zu früh grinst, den bestraft das Leben. Obwohl ich drei Wochen lang in jeder Pause über den Schulhof laufe und allen von der großartigen Theater AG berichte, die ab sofort jeden Mittwoch Nachmittag um 14.30 beginnt, kommt genau niemand, keiner, null. Drei Mal hintereinander stehe ich am Mittwoch Nachmittag in der leeren Aula und warte, schaue aus dem Fenster, gehe auf und ab, schaue wieder aus dem Fenster, sehe nach, ob vielleicht jemand draußen vor der Tür wartet, nein, Fehlanzeige, alles still und tot im Gebäude, also weiter sinnlos in der Aula auf und ab gehen und – warten. Drei Mal hintereinander packe ich gegen 16 Uhr meine Sachen und fahre niedergeschlagen nach Hause. Auf den Info-Plakaten zur Theater AG, die ich vor dem Lehrerzimmer und dem Sekretariat in Schönschrift aufgehängt habe, hat jemand in großen Buchstaben drüber geschmiert: Theater ist schwul. 

Das ist auch in etwa die Reaktion auf dem Schulhof, wenn ich von der Theater AG erzähle. Die Jungs prusten los: Denkst du, ich bin schwul, oder was? Mach doch Boxen! Dann komm isch vielleicht. Die Mädchen hören meistens etwas höflicher und teilweise sogar interessiert zu, aber alle haben irgendwas anderes vor: Ich muss zu Hause helfen. Ich darf nicht. Theater ist nix für mich. Ich bin schüchtern. Ich kann nicht schauspielern. Ich muss arbeiten. Meine Mutter erlaubt nicht. Ich muss auf meine kleinen Geschwister aufpassen. Usw. Usw. 

Langer Rede kurzer Sinn: Es kommt einfach mal keiner. Scheiße. 

Und meine Idee, dass die 8b sich freuen würde, wenn wir den Unterricht in die Aula verlegen, erweist sich ebenfalls – wie Herr Schulz prophezeit hatte – als Schnapsidee. 

Weil niemand zur Theater AG kommt und ich das Gefühl habe, dass meine anfängliche Begeisterung und Freude allmählich leer läuft, denke ich: Dann geh doch wenigstens mit der 8b in die Aula und fang mit denen an. Vielleicht kannst du sie begeistern und dann kommen auch welche zur Theater AG, wer weiß. Toller Plan. Die Realität sieht anders aus. 

Die Klasse steht rempelnd und grölend in einem chaotischen, leider mega-lautem Pulk vor der Aulatür. Es ist so laut, dass ich mich beeile, ihnen aufzuschließen, damit der Lärm nicht weiter durchs ganze Schulgebäude hallt. Aber kaum ist die Aulatür offen, wird es NOCH viel schlimmer: Die Klasse stürmt in den großen Raum, alle schreien, lachen, toben, werfen mit Stühlen, wickeln sich in die Vorhänge, schubsen sich, rennen wie die Bekloppten durch die Gegend, prügeln sich, reißen an der großen Schnur, durch die der Theatervorhang auf und zu bewegt werden kann, kippen Eistee auf dem Parkettfußboden um, reißen die Fenster auf und steigen auf die Fensterbänke, kreischen, … es ist ein Alptraum. Chris und Mahmoud haben in Windeseile den Technikschrank aufgeknackt, das Tonmischpult entdeckt und in Windeseile so ungefähr alle Knöpfe und Schalter betätigt, die das Mischpult hergibt. Nach einer ohrenbetäubenden Übersteuerung, nach der ich kurzzeitig überzeugt bin, meine Trommelfelle seien geplatzt – ich höre noch minutenlang einen fiesen Piepton im Ohr – gibt es einen lauten Knall und die gesamte Technik ist – tot. Gleich darauf kracht jemand – eingewickelt in besagtem Theatervorhang – mit dem gesamten Stoff zu Boden, Vorhang abgerissen, vier, fünf andere Jungs springen johlend auf den entstandenen Stoffhaufen, alle schreien rum, dann fliegen plötzlich bunte Tücher und Bälle von hinter der Bühne nach vorne – irgendjemand hat offenbar zwei Kisten mit Zeugs entdeckt, vier Jungs werfen mit voller Wucht die Bälle an die Decke, während die anderen in halsbrecherischem Tempo auf den Tüchern über den Parkettfußboden rutschen. Quasi Tücher-Skating. Ich renne anfangs noch panisch von links nach rechts, brülle herum, versuche die Lage in den Griff zu bekommen – aber zwecklos. Irgendwann gebe ich auf, werde plötzlich ganz ruhig, schaue mir diesen ganzen Irrsinn an und denke: Kein Mensch wird mir glauben, was ich hier erlebe. Ich setze mich auf einen Stuhl in die Mitte der Aula, mache gar nichts mehr und richte mich innerlich auf den totalen Untergang ein. Dann geht jetzt eben alles zu Bruch. Ich kanns nicht ändern. 

Die nächste halbe Stunde erscheint mir wie die schlimmste meines Lebens. Ich sitze da und sehe zu, wie die Jugendlichen die Aula zerlegen, wie dieser schöne, große Raum, in dem ich einen Neustart machen wollte, einfach mal komplett untergeht. Ich sehe, wie diesen Kindern absolut nichts etwas bedeutet, wie sie einfach nur Spaß daran haben, alles kaputt zu machen, einschließlich mich. Und ich bleibe einfach sitzen und lasse meine allerschlimmsten Gedanken zu. Und darin bin ich gut: Mich selbst vollkommen nieder zu machen: 

Frau Behrens hat mir vertraut und etwas in mir gesehen, was ich ganz offensichtlich nicht bin. Sie dachte, ich hätte die Kraft und das Charisma, diesem Chaos etwas entgegen zu setzen. Aber da ist nichts. Sie hat sich getäuscht. Ich bin eine totale Versagerin. Ich dachte, ich wäre besser als diese Zombie-Lehrer hier. Aber in Wahrheit bin ich nur naiv und ignorant. Und jetzt weiß ich, warum man hier zum Zombie wird. Ich bin kein Stück besser. Ich bin einfach nur eine jämmerliche, überforderte Provinz-Lehrerin, die sich eingebildet hat, sie könnte mal eben so an einer Brennpunktschule die Heldin spielen. Wie absolut lächerlich und peinlich. Ich kann ja GAR NICHTS. Von wegen „Berufung Lehrerin“. Das konnte ich mir nur deshalb einreden, weil ich bisher einfach mal IMMER auf die Schokoladenseite geplumpst bin. Aber kaum verlasse ich mein Bullerbü-Naturschutzgebiet, bin ich völlig hilflos. Ich KANN meinen Beruf ja gar nicht. Ich kann mich ja offenbar überhaupt nicht durchsetzen. Und mögen tut mich hier auch keiner. Was soll ich jetzt machen? Was für eine Lösung fällt mir ein? Tja. NICHTS! Ich sitze hier rum, während sich die Kinder prügeln und gegenseitig fertigmachen und alles den Bach runtergeht. Wenn diese Stunde vorbei ist, und Frau Rische und Frau Behrens das gesamte Ausmaß dieser Katastrophe sehen, dann ist die Stelle hier sowieso für mich gelaufen. Aber nee ist klar: Die Plath denkt sich, sie ist besonders schlau: Verlegt den Unterricht in die Aula. Damit es den Kindern BESSER geht. Wie komme ich darauf? Was MACHE ich hier eigentlich?  Was für eine Hybris, die tolle Schule von Dieter zu verlassen und nach Berlin zu gehen? Wie bin ich überhaupt darauf gekommen? Ich hätte schön da bleiben sollen. Schuster bleib bei deinen Leisten! Denn scheinbar bin ich für diesen Beruf absolut ungeeignet. Ich kann nur guten Unterricht geben, wenn der pädagogische Rahmen, also die Wertekultur, schon durchgesetzt ist und ich mich einfach nur ins gemachte Bettchen legen muss. Alleine kriege ich aber offenbar gar nix hin. Ich weiß null, wie ich diese Kinder erreichen kann. Jetzt unterrichte ich hier schon seit Monaten und kriege nicht eine einzige Stunde gebacken. Und REDEN kann ich auch nicht mit denen. Die Situation im Park haben die ja offenbar nur gefaked. Die HASSEN mich. Die sehen ganz genau, dass ich eine überhebliche deutsche Scheiß-Kartoffel bin. Und recht haben sie! Ich dachte ja WIRKLICH, ich wüsste irgendwas besser. Einen Scheiß-Dreck weiß ich! 

Während ich mich selbst bemitleide und meinen eigenen Untergang beschwöre, höre ich in diesem ganzen Chaos immer wieder dieses Wort: Opfer! Und ich beziehe es plötzlich auf mich selbst. Genau. ICH bin ein OPFER. Ich MACHE ja nichts. Warum MACHE ich nichts? Weder im Lehrerzimmer noch hier. Was bin ich bloß für eine blöde Heulsuse. Was für ein Opfer!!

Ey, verpiss disch mal, du Opfer! ruft gerade wieder jemand. Es ist gar nicht an mich gerichtet, aber ich denke: Ja genau. Verpiss dich mal, Frau Plath. Du Opfer. Oder MACH was! Beweg deinen Arsch! Das darf doch nicht wahr sein, dass du hier wie gelähmt rumsitzt und aufgibst! MACH endlich was!! Und ganz langsam und mit riesiger Kraftanstrengung zwinge ich mich in den Raum zurück, versuche, mich der Situation zu stellen, stoppe mit aller Gewalt meinen inneren Monolog der Selbstdemontage und versuche einen konstruktiven Gedanken zu fassen. WAS kann ich tun? Das Gute ist ja quasi, dass bereits alles, was schiefgehen konnte, schon schief gegangen IST, also könnte ich ja jetzt einfach mal IRGENDWAS  versuchen. Ich sehe diesen Kindern beim Durchdrehen zu und frage mich: Wie kann ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen? Und weil in meiner Wahrnehmung sowieso schon alles zu spät ist, gebe ich mir innerlich irgendwie Narrenfreiheit – und Zeit. Mir MUSS letztendlich auch nichts einfallen, denke ich, es ist eigentlich schon egal. Neben mir auf dem Stuhl liegt der Stapel Arbeitsblätter, den ich für den „Notfall“ mitgenommen hatte. Wie genau hatte ich mir das vorgestellt, mit dem Ausfüllen – ohne Tische? Egal. Ich greife mir den Stapel, drehe die Blätter um, denke an die Situation vor ein paar Wochen im Park und schreibe mit einem Filzstift in großer Schönschrift „Libanon“ auf die Rückseite eines Arbeits-Bogens. Es ist so ein bisschen wie „Nebenbei-etwas-auf-einen-Notizblock-Kritzeln-während-man-telefoniert“. Ich versuche mir die Situation im Britzer Park wieder vor Augen zu führen und was sie da erzählt haben und schreibe gedankenverloren entsprechende Wörter auf die Din A 4 Rückseiten der Blätter, ein Wort pro Zettel: LIBANON. HOCHZEIT. KRIEG. FAMILIE. AMT/JOBCENTER. ARBEITSERLAUBNIS. SOZIALPÄDAGOGE. Ohne genau zu wissen, warum, lege ich die Blätter auf dem Boden der Aula aus. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Egal. Ich konzentriere mich auf meine Wörter. HEIMAT. BEIRUT. BERLIN. LIEBLINGSORT. LIEBLINGSMENSCH. Mir fallen immer mehr Wörter ein. Ich liebe es, schön zu schreiben, das habe ich schon immer geliebt und ich versinke ein wenig in meiner kleinen, albernen Tätigkeit. LIEBLINGSESSEN. FAMILIENFEST. REISE. KINDHEITSERINNERUNG. Immer mehr Wort-Schilder liegen auf dem Boden. Und sie sehen irgendwie schön aus. Ich halte inne und erlaube mir einen kleinen Augenblick der Freude. Selina, die gerade noch auf einem bunten Tuch an mir vorbei geschliddert ist, bleibt jetzt neben mir stehen und betrachtet die Papiere auf dem Boden. Sie haben eine schöne Schrift, wallah. Sieht voll schön aus. Sie schaut mich an.  Wozu sind die?  Es ist noch immer so laut im Raum, dass ich fast schreien muss, damit sie mich versteht: Ich weiß nicht, vielleicht wollt ihr dazu was erzählen? Selina schaut sich erneut die Blätter auf dem Boden an, scheint zu überlegen, nickt. – Aber es ist zu laut, sagt sie. Ich glaube, es gibt ein Mikro, sage ich und mache mich auf den Weg zum Technik-Schrank. Dort liegt die Kiste mit den zwei Mikros, die ich bereits an den einsamen Theater-AG-Nachmittagen während des vergeblichen Wartens entdeckt hatte. Selina nimmt die beiden Mikros aus der schwarzen Schaumstoff-Hülle, hält sich eines an den Mund, spricht hinein. Aber es geht nicht, sagt sie.Ja, die sind noch nicht angeschlossen, erkläre ich, und das Problem ist auch, dass die Anlage jetzt wahrscheinlich kaputt ist, du hast ja den lauten Knall gehört, oder? Jetzt stehen auch Momo und Mehmet plötzlich neben uns vor der Anlage und Selina sagt: Wir dürfen in die Mikros sprechen, aber die Anlage ist kaputt. Momo und Mehmet beugen sich sofort interessiert über das Mischpult. Es dauert keine weiteren zehn Sekunden, da stehen insgesamt fünf Jungs vor dem Technikschrank und debattieren. Es werden Schalter gedrückt, Kabel gesteckt, Knöpfe gedreht. Sag mal was ins Mikro, Selina, ruft Momo. Selina windet sich kichernd, wirft den Kopf nach hinten, schüttelt den Kopf. Doch, mach ma jetzt! beharrt Momo. Was soll ich denn sagen? Momo rollt die Augen. Sag doch einfach Test, Test. Eins zwei drei. Selina macht mehrere Anläufe, die in wildem Gekicher enden. Als Momo ihr genervt das Mikro aus der Hand reißen will, hält sie es hinter ihren Rücken, hört auf zu lachen. Ok, ok. Ich mach jetzt ordentlich, verspricht sie. Momo seufzt und wendet sich wieder dem Mischpult zu. Dort wird weiter heftig debattiert und gebastelt. Selina spricht ins Mikro. Test. Test. Nichts. Die Jungs sind jetzt offenbar angefixt, das Mikro, und damit die gesamte Anlage zum Laufen zu bringen. Sind da Batterien drinne? fragt Mehmet und nimmt Selina das Mikro aus der Hand. Check, sagt Mehmet mit fachmännischem Tonfall. Müsste eigentlich laufen. Sag noch mal was, Selina. Selina lächelt, wirft sich jetzt in Pose und sagt mit schnurrender Stimme: Hallo hallo hallo? Ist da jemand. I love you…! Und da – kommt der Ton. Ihre Stimme hallt durch die ganze Aula. Selina lässt fast das Mikro fallen. Iiiiiih, wie hässlisch klingt das, ABBO!!Ali greift jetzt das Mikro: Oh man, wallah! Jetzt übertreib ma nich! Er wiederholt Hallo hallo hallo! Er grinst. Ey funktioniert, Alter, mach ma Beat! Inzwischen sind fast alle im Umkreis des Technikschranks gelandet. Ali macht wild ausladende rhythmische Armbewegungen und legt spontan einen kleinen Rap hin. Es klingt ziemlich professionell. Taher springt ihn von der Seite an, reißt ihm das Mikro weg, rappt weiter. Ey schüüüüsch! sagt Ali, scheint sich aber bestens zu unterhalten. Alle klatschen. Ich nutze den Moment, greife mir das andere Mikro, fahre die entsprechende Spur hoch und bete, dass es funktioniert. Das tut es. Ok, dann können wir jetzt starten, sage ich, so als hätte es schon immer diesen Plan gegeben. Ihr seht ja die Wörter da auf dem Boden. Ihr geht gleich alle zur Musik durch den Raum. Wer etwas Persönliches zu einem Wort erzählen oder rappen möchte, klatscht laut in die Hände und ruft STOPP. Dann frieren alle in der Bewegung ein und die Person erzählt ihre Sache ins Mikro – oder rappt. Wenn ihr mit eurem Text fertig seid, legt das Mikro wieder zurück auf den Stuhl und geht weiter durch den Raum. Das Spiel heißt „Open Mike“. Verstanden? Alles klar. Geht los. 

Ich merke, dass ich vor Aufregung ganz heiße Ohren habe, hier scheint endlich was zu klappen! Ich lege eine CD ein, meinen Forrest-Gump-Soundtrack, wähle den Track „Forrest Gump Suite“, was anderes habe ich gerade nicht, schiebe die Musikspur hoch und gebeTaher, der noch das Mikro in der Hand hält ein Zeichen. Er zieht fragend die Augenbrauen hoch, kommt näher. Das Spiel heißt „Open Mike“, wiederhole ich und deswegen muss das Mikro an einer Station sein, also an einem Platz, wo man hingehen und es sich nehmen kann. Open Mike eben! Klar? Ich zeige auf den Stuhl. Kannst du das Mikro da hinlegen? Taher nickt und legt das Mikro ab. (Ich fasse es nicht). Während die Musik durch die völlig ramponierte Aula mit dem abgerissenen Vorhang, den klebrigen Eistee-Pfützen, den umgekippten Stühlen und den wahllos verstreuten Requisiten aus längst vergangenen Zeiten wabert, verwandelt sich die gesamte Situation plötzlich in eine romantische Filmszene, als sollte alles genauso sein – und auf wirklich fast magische Weise fangen alle nach und nach an, durch den Raum zu schlurfen, nicht gerade energetisch und auch nicht wirklich leise, hin und wieder werden Nackenschläge verteilt und jemand brüllt: Ey du Hurensohn! – aber immerhin. Alle halten sich mehr oder weniger an die Regeln des Spiels, weil ihnen „Open Mike“ offenbar gefällt. Klar: Die Forrest Gump Suite wird arg kritisiert: Hast du nur so schwule Musik?Aber alle sind dabei und ständig klatscht jemand und geht ans Mikro. LIBANON! Sagt Fuad mit lauter Stimme ins Mikro. LIBANON IST MEINE HEIMAT. Er schaut mich an, dann die anderen, und fängt an, zu erzählen – von seinen letzten Sommerferien in Beirut. Anschließend legt er behutsam das Mikrofon zurück auf den Stuhl, ich schiebe die Musikspur wieder ein wenig hoch, während er zurück in den Raum geht. Sofort klatscht wieder jemand. Manche sagen nur einzelne Sätze, die wie Statements klingen:

Die Lehrer wissen nicht, wie es ist, ein Araber zu sein.

Wenn die Lehrer Ausländer wären, hätten sie mehr Erfahrung über Hartz IV Empfänger. 

Oder

Türken und Araber lernen schnell die deutsche Sprache, aber die Deutschen können unsere Sprache in tausend Jahren noch nicht!

Können wir noch andere Wörter aufschreiben?fragt Basak. Ich reiche ihr den Papierstapel und den Edding Stift. Sie kniet sich kurz auf den Boden und schreibt sehr ordentlich in Schönschrift AUSLÄNDER auf das Blatt. Ich denke: Warum immer dieses Wort „Ausländer“? 

Die Forrest-Gump-Suite hat kaum eine Chance, gehört zu werden, denn alle drei Sekunden klatscht jemand, ruft „Stopp!“  und geht ans Mikro, um etwas zu erzählen. Und in Windeseile entstehen neue Karten, die alle in Schönschrift (!) zu meinen  dazu gelegt werden. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber. Die Themen irritieren mich teilweise. Warum geht s immer um „Ausländer“ im Gegensatz zu „Deutschen“? Viele erzählen, dass sie in Berlin geboren sind und bezeichnen sich trotzdem als „Ausländerkinder“. Überhaupt bekommt Basaks Karte mit dem Wort AUSLÄNDER die meiste Aufmerksamkeit. Fast alle haben offensichtlich was dazu zu sagen, WOLLEN etwas dazu sagen:

Ich hasse nicht die Deutschen, es kommt darauf an, wie sie sich verhalten!! Aber die Ausländerkinder halten immer zusammen.

Ohne Ausländer wäre Deutschland NIX.

Die Deutschen werden nicht so oft von Türken und Arabern gemocht. Und die Juden waren immer so Feinde für Türken und Arabers (Araber). Aber manche Araber und Türken können sich auch untereinander nicht verstehen.

Araber haben was gegen Juden. Die meisten Araber haben auch was gegen Türken und die Türken gegen die Araber, aber alle haben was gegen die Deutschen. Die schlagen auch die Deutschen, obwohl sie hier leben. Ich glaube, weil wir alle eine andere Religion haben. Aber wir müssen uns hier alle verstehen. Wir verstehen uns aber einfach nicht. Es gibt Streit auf den Straßen. Überall gibt es Schlägereien. 

Können sich arabische und türkische Menschen gegenseitig leiden? Wie ich weiß, können sich arabische und türkische Kinder gut leiden. Aber ich habe auch sehr viele Freunde, die allgemein die Araber nicht leiden können. Und es ist auch anders herum. Fühlen sich Deutsche auf dem Schulhof gemobbt? So wie ich es weiß, eigentlich gar nicht. Nur ich hatte mal eine Auseinandersetzung mit einem Deutschen. Ich habe aber auch deutsche Freunde. Ob wir Muslime Juden leiden können? Wir können die Juden nicht leiden, weil die Juden unser muslimisches Palästina umgebracht haben.

Es geht gar nicht um Muslime oder Deutsche. Es geht darum, Opfer zu sein oder nicht Opfer zu sein.

Wenn wir hier nicht leben würden, würden die Deutschen kein Falafel, kein Schawarma, kein Döner, usw. kennen.

Im Koran steht es: Wer lügt, wird bestraft und geht in die Hölle. Lügen ist Haram. Ich z. B. lüge auch, und ich weiß, dass ich bestraft werde, aber was soll ich machen, ich muss, weil ohne Lügen wäre das Leben schwer. Wenn ich zu spät komme, muss ich meine Mutter anlügen.

Ich finde, man sollte nicht so oft lügen. Letztendlich kommt das Wahre doch ans Licht. Aber eine Notlüge ist in Ordnung. Zum Beispiel wenn wir raus wollen, wir dürfen nicht raus gehen, wir dürfen nicht mal feiern gehen, nichts. In so einem Fall ist es erlaubt, zu lügen, finde ich. Jeder Mensch hat sein gutes Recht, dahin zu gehen, wo er will. Aber wir sind muslimisch, wir dürfen das nicht. Wenn es um die Freiheit geht, in dem Fall bin ich der Meinung, man muss lügen, denn man hat keine andere Wahl. 

Teilweise stockt mir der Atem. Soll ich da jetzt unterbrechen? Aber ich habe ein ganz starkes Gefühl, dass ich jetzt erstmal zuhören und zulassen muss. Außerdem bin ich mir in diesem Augenblick gar nicht so sicher, was ich jetzt Sinnvolles tun könnte. Verbote aussprechen? Ein Problemgespräch im Kreis beginnen? Mir würde ALLES um die Ohren fliegen und es wäre mit Sicherheit NICHTS erreicht. Sie würden ihre Sätze trotzdem sagen – oder DENKEN. Und was dahinter steckt, ob sie das WIRKLICH denken und vor allem, warum, das würde ich dann mit Sicherheit NIE erfahren. Außerdem hindert mich noch etwas anderes daran, einzugreifen: Es herrscht eine merkwürdige Ernsthaftigkeit im Raum und ein vorsichtiges Zutrauen, das wie eine Frage an mich im Raum hängt. Können wir dir vertrauen? scheinen sie indirekt zu fragen. Sie WISSEN ganz genau, dass ich ihre Sätze höre. Und scheinbar wollen sie, dass ich sie höre. Gleichzeitig sind sie dabei aber vollkommen kooperativ. Es liegt überhaupt keine Provokationsabsicht im Raum, obwohl manche Sätze genau danach klingen. In ihren Gesichtern ist aber etwas anderes. Da ist ein großer Ernst und auch Aufregung. Ein unausgesprochenes: Können wir dir vertrauen? Und innerlich antworte ich JA. Ich merke, dass ich herausfinden will, wer diese Kinder sind. Nachfragen und klären kann ich später. Aber diesen Moment kann und will ich nicht unterbrechen. Zum ersten Mal erfahre ich etwas. Und tatsächlich will ich auch vertrauen. Mir fällt ein, dass man ja auch von Vertrauen SCHENKEN spricht. Genau. Wir müssen es uns gegenseitig SCHENKEN. Absichern ist nicht. 

Diese erstaunliche Doppelstunde in der Aula nimmt dann auch ein ebenso erstaunliches Ende. Ich muss das „Open Mike“-Spiel gegen große Widerstände abbrechen. Immer schreit noch jemand: Nur noch eins, Frau Plath! Eins noch! und grabscht sich das Mikro. Ok, aber JETZT müssen wir wirklich Schluss machen, es klingelt gleich…

EINS noch! Ich will nur noch EINE Sache sagen…!

Eins noch, Frau Plath! 

Irgendwann muss ich lachen und rufe laut dazwischen: Ihr habt gleich PAUSE!Jetzt ist Schluss! und schalte die Anlage und damit das Mikro aus. 

Aber können wir das wieder machen mit „Open Mike?“ fragen mehrere gleichzeitig, während andere schon zur Tür rennen. Ich rufe STOPP und bin verwundert, dass sich der Trupp an der Tür tatsächlich umdreht. Taher ist dabei. Sonst lässt er sich von einem Stopp ja eher nicht beirren. Erwartungsvoll schauen mich nun alle an. Kurze Stille. Als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. Ich hole Luft und sage: 

Ganz ehrlich: Guckt euch kurz die Aula an. So können wir die nicht lassen. Und das geht auch gar nicht, dass ihr mich das alleine aufräumen lasst. 

Stille. Keiner bewegt sich. Dann. Setzt sich der Jungs-Trupp an der Tür in Bewegung Richtung Bühne. Der Vorhang. Bzw. der Stoffberg. Die Jungs steuern darauf zu. Und da sehe ich es. Ich starre auf die Bühne: Die Bühne sieht jetzt viel BESSER aus. Ohne den Vorhang. Der Vorhang erinnert mich an meine Abitur-Abschlussfeier. Vor so einem Vorhang gabs den Handschlag und das Abschlusszeugnis. Dieser Vorhang atmet hundert Jahre Förmlichkeit und steife Zeugnis-Ausgabe. Ohne den Vorhang ist das jetzt eine Theaterbühne. Man könnte sie schwarz streichen. Sie wäre schön. Ich sehe es schon vor mir. 

Wartet mal. Sage ich. Den Vorhang müsst ihr nicht wieder aufhängen. Der ist doch eigentlich – hässlich. Die Bühne sieht viel besser aus ohne den Vorhang. 

Die Jungs schauen überrascht. Ich nutze den Moment: 

Den Vorhang könnt ihr liegen lassen. Da kümmere ich mich drum. Aber die Stühle… und das Zeug auf dem Boden… Und den Eistee müssen wir weg wischen, das klebt. Mahmout, Chris, Taher: Könnt ihr mal die Stühle wieder ordentlich hinstellen und Fatima: Holst du mal Klopapier für die Pfützen? Und Fuad, Momo, Ali: Könntet ihr mal diese ganzen Tücher und Requisiten aufsammeln und wieder in die Kisten zurück packen? Und Kevin: Kannst du mal den Besen da nehmen und fegen? … Und Basak und Selina: Könnt ihr die Wort-Schilder einsammeln…?

Und das Erstaunliche ist jetzt: Sie machen es wirklich. Sie räumen auf. Ich stelle mit den Jungs die Stühle in einen ordentlichen Stuhlkreis und das Ganze dauert nicht mehr als drei Minuten. Innerhalb kürzester Zeit sieht der Raum einigermaßen passabel aus. Der Müll quillt zwar jetzt über mit klebrigem Klopapier, leeren Eistee-Tetra-Packs und Yum Yum Nudeltüten, aber ansonsten könnte man meinen, hier hätte gar nichts statt gefunden. Nur ein Vorhang wurde entfernt, weil er das Gesamtbild störte. 

Und während sich die Klasse auf den Weg in die Pause macht, packe ich mein Zeug zusammen, schließe den Musikschrank ab und nehme den Stapel mit den Wörter-Schildern vom Stuhl. Es ist keine einzige Arbeitsbogen-Rückseite leer geblieben. Auf jedem Papier steht hinten ein Wort. Ich blättere sie kurz durch und bleibe hängen: Auf eines hat jemand das Wort LIEBE geschrieben und daneben ein etwas wackeliges Herz gemalt. Zu diesem Wort hat heute keiner was gesagt, denke ich. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.  

Türwächter*innen der Freiheit – 10. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 10. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

10 Neustart

Nachdem Taher gegangen ist, erwarte ich die Auflösung der kleinen Park-Idylle, denn wahrscheinlich wollen jetzt ALLE nach Hause, und da ich Taher nicht aufgehalten habe, steht mir jetzt auch irgendwie nicht so wirklich ein überzeugendes Argument zur Verfügung, warum die anderen nun bleiben sollen. Aber zu meiner Überraschung macht keiner Anstalten zu gehen. Daher nutze ich erstaunt die Gunst der Stunde und versuche das kleine Gespräch in Gang zu halten, das sich vor Tahers Abgang entwickelt hatte und es läuft ganz gut, ich kann kaum glauben, dass sie so offen und unverblümt weiter quatschen. Meltem plappert fröhlich über die ungerechte Situation in ihrer Familie zu Hause: Ey voll unfair – ich hab fünf Brüder und eine kleine Schwester und raten Sie mal, wer immer kochen, abwaschen, aufräumen muss, dies das… IMMER meine Schwester Gülüzar und ich. Warum dürfen die Männer immer so Prinzen sein? Das ist VOLL ungerecht! Und mein jüngster Bruder Can ist 12 und darf einfach so raus. Ich nie! 

Ich: Und sagst du dann was? 

Meltem: Nee, geht gar nicht, mein Vater wird dann sauer. 

Ich: Und deine Mutter?

Meltem macht ein „ts“ Geräusch und rollt mit den Augen. Keine Antwort. 

Fatima: Bei mir is auch so: Die Männer dürfen alles – raus gehen, feiern, rauchen, dies das, aber wenn meine Tante mal ne Zigarette auf dem Balkon raucht, – Schüüüüsch….(sie zieht dramatisch die Augenbrauen hoch)

Selina: Aber trotzdem, wallah, die Frauen sind die Chefs, man… 

Die Jungs johlen spöttisch, lachen, werfen sich Blicke zu. 

Momo: STOOORY! – Alter!!! Wo lebst DU denn, du Pussy? 

Fatima reckt ihr Kinn nach vorne: Ey pass mal auf du Muschi, du weißt GAR NIX! Ohne die Frauen sind die Männer kleine Babies, die machen doch nur so Show nach außen, man, aber wer regelt denn den ganzen Alltag? 

Momo: Ey Schüüüüsch, übertreib ma nich! 

Fatima: Also mein Vater sitzt nur so mit seinen Kumpels rum und raucht Shischa! Aber meine Mutter geht aufs Amt und kümmert sich ums Geld, um Essen, Trinken, Putzen, dies das, ALLES eigentlich und sie kümmert sich um die Familie, um die ganzen Probleme von allen und so… 

Momo: Das heißt ja nicht, dass sie Chef ist… Die Männer sind die Chefs, man, egal, was die machen… 

Fatima: Ey, verPISS disch mal, du Opfer!!

Momo: Bist du jetzt so ne Emanzen-Schlampe geworden oder was? Voll hässlisch! Wallah! Pass ma auf, man, so heiratet dich keiner! 

Fatima: Wer hat gesagt, dass ich heiraten will, du Spast?

Ich fange gerade an, mir Sorgen zu machen, dass es gleich eskaliert, da lacht Momo zu meiner Überraschung los und klatscht mit Fatima ab. Beide scheinen sich bestens zu amüsieren. Sogar Kevin grinst ein bisschen, aber als er merkt, dass ich ihn anschaue, guckt er sofort nach unten. Ganz offensichtlich will er auf keinen Fall angesprochen werden, kein Wunder bei dem Stress, den er im Klassenraum mit Herrn Böhm immer aushalten muss. 

Fuad erzählt dafür jetzt von seinem Vater und seiner Firma im Libanon und einem riesigen Haus, das seine Familie mal hatte, direkt am Meer, in Beirut, voll schööön, müssen Sie mal hinfahren, Frau Plath. Aber jetzt wohnen wir Fünf-Zimmer-Wohnung Germania-Promenade, sieben Jungs, – Alter – das is echt eng, man. Meine Mutter dreht durch… Er lacht. 

Und was macht dein Vater jetzt?, frage ich. Fuad zuckt die Schultern. Nix, fernsehn gucken, dies das, der darf nicht arbeiten. Erlauben die in Deutschland nicht. 

Noch bevor ich darauf antworten kann, ergänzt Fuad mit einem Grinsen: Aber macht nix, wallah, der macht bisschen Geschäfte, der is n FUCHS, man.

Ich: Und vermisst du dein Zuhause im Libanon?

Fuad: Ja. Aber Berlin is geiler. Im Libanon war Krieg, deswegen sind meine Eltern nach Deutschland gekommen. Im Sommer fahren wir immer Libanon und besuchen unsere Tanten und Onkels. Aber meine Eltern warten auf deutschen Pass, damit mein Vater hier arbeiten kann. Meine Brüder auch. 

Ich: Sind deine Brüder jünger oder älter? 

Fuad: Alle älter.

Ich stelle mir eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Germania-Promenade vor mit sieben testosteron-pumpenden jungen Männern, einer rotierenden Mutter und einem Vater, der mitten drinsitzt und Fernsehen guckt und Fuad, der versucht Hausaufgaben zu machen. Obwohl. Wahrscheinlich ist da nicht so viel mit Hausaufgaben machen. 

Fatima hat jetzt die Fotos von der Hochzeit ihrer Cousine aus dem Libanon rausgeholt und endlich habe ich die Ehre, sie auch mal in Ruhe anzuschauen. Unglaublich kitischige Bilder mit roten Herzen und goldenen Rosen und Glitzer, einem unfassbar rosa-pink-farbenen Sonnenuntergang und einem Hochzeitskleid, das aussieht wie eine Sahnetorte. Aber Fatima strahlt, während sie mir eines nach dem anderen vorsichtig rüberreicht, als wären es Heiligenbilder. Offenbar ihr ganzer Stolz. Wie war das eben noch mal mit dem „Nicht-Heiraten“? Ich bekomme leichte Zweifel an ihrer flammenden Unabhängigkeitsrede von gerade eben, aber wer bin ich, das zu beurteilen? 

Es ist mir in diesem Augenblick auch egal, denn ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass die Stimmung so dermaßen entspannt ist und ich ENDLICH mal irgendwas richtig zu machen scheine. Ich mache eine Notiz an mich selbst: Wir müssen irgendwie aus diesem furchtbaren Klassenraum raus. Aber wohin? Und plötzlich weiß ich es. Die Aula. Die steht das ganze Jahr über leer und wird nur für Einschulungs- und Abschlussfeiern genutzt. Warum eigentlich? 

Bei nächster Gelegenheit frage ich den Hausmeister. 

Die steht unter Denkmalschutz, brummelt Herr Schulz. 

Und das heißt? frage ich-  mal wieder schön naiv.

Dit heißt, da darf keener rin. 

Aber die Feiern finden doch auch immer da statt, wende ich ein. 

Herr Schulz macht ein Gesicht, bei dem mir das altmodische Wort „unwirsch“ einfällt. Er schüttelt genervt den Kopf. 

Dit is wat anderet. Offizielle Anlässe. Aber wenn da jeden Tag die Gören drin rum toben, denn is da bald keen Möbel mehr auf`m andern. Die machen da in Null Komma Nix totale Verwüstung. 

Bevor mir eine kluge Antwort darauf einfällt, wendet sich Herr Schulz zum Gehen und weg ist er. 

Tja, das war wohl nix. 

Ich gehe zur Schulleiterin. Sie ist nicht erfreut. 

Die Aula steht unter Denkmalschutz, sagt sie. 

Ja. Das hat Herr Schulz auch schon gesagt. 

Na, dann wissen Sie`s ja schon.  

Aber kann man da nix machen?

Frau Rische schaut über den Rand ihrer Brille, ihre Augen starren mich an, wie die einer Gottesanbeterin. 

Was davon haben Sie nicht verstanden, Frau Plath? Die Aula steht unter DENK-MAL-SCHUTZ. 

Ich habe hier jetzt zu tun. Wenn Sie so freundlich sind, machen sie bitte beim Rausgehen die Tür hinter sich zu.

Alles klar. Denke ich. Aber wie war das noch mal mit der Schulrätin Frau Behrens? Hatte die nicht gesagt, sie würde die Hand über mich halten? 

Im Lehrerzimmer krame ich mein Portemonnaie durch, sie hatte mir doch ihre Karte…? Da ist sie. Ich wähle die Nummer. Automatische Ansage. Aha, Sprechzeiten bla bla… Ich denke, ok, dann rufe ich sie halt morgen an.

Der nächste Tag beginnt dann erstmal mit einer Enttäuschung. Irgendwie noch so ein bisschen beseelt von den Gesprächen im Park, komme ich gutgelaunt in den Klassenraum der 8b – aber. Es gibt leider keinen Anschluss an die Situation von gestern. Es ist eher so, als wären wir nie im Park gewesen. Ich rufe „Hallo“ und lächle. Niemand reagiert. Einige schauen kurz hoch, nehmen mich ausdruckslos zur Kenntnis und quatschen dann ungerührt weiter. Es ist wie ein kleiner Tritt in den Bauch. Auch Taher grinst nur kurz – kalt und spöttisch – so als freue er sich ein bisschen über meine offensichtliche Enttäuschung. Ich packe mein Lächeln wieder ein, mache mich innerlich hart. Ok.Los geht’s. Satzteile, sage ich einen Tick zu kühl (komme mir dabei allerdings vollkommen bescheuert vor) und beginne betont ungerührt, meine langweiligen Arbeitsblätter auszuteilen. Wollen wir doch mal sehen, wer kälter sein kann, denke ich. Aber eben. Ich bin bei solchen „Wettbewerben“ ganz klar die Lusche.  Taher liest in meinem Gesicht wie in einem Buch. Und offenbar versteht er meine Enttäuschung als Einladung, um ein bisschen weiter zu sticheln. Na? Dachtest du, wir sind jetzt Freunde, oder was, nur weil wir bisschen im Park sitzen? Wallah, wir sind NIEMALS Freunde, verpiss disch mal! Du bist ne LEHRERIN, ne Scheiß-KARTOFFEL, man! 

Es rieselt mir eiskalt den Rücken runter und für einen Moment ist mir richtig schlecht. Bloß keine Emotionen zeigen jetzt. REISS DICH ZUSAMMEN… 

Warum sind die immer so fies, denke ich? Was SOLL das? Wo kommt diese Freude her, wenn es ihnen gelingt, mich zu verletzen? Ich verbringe die Unterrichtsstunde in einer Mischung aus Wut – und Schiss, in Tränen auszubrechen. Sehr anstrengend. Danach sitze ich im Raucherzimmer auf dem knarzenden Sofa und bin so fertig, dass ich eigentlich gleich nach Hause fahren möchte. Schlafen. Aber. Ich will ja noch Frau Behrens anrufen. Jetzt erst recht, denke ich. 

Und im allumfassenden Gefühl des Scheiterns, ist es dann ganz besonders erstaunlich, wenn MANCHMAL Dinge dann DOCH klappen. Ein kurzes freundliches Telefonat und am darauf folgenden Montag sitzt Frau Behrens mit ihren blau geschminkten Augen, tiefblauer riesiger Rüschenbluse, klirrenden Armreifen, blau lackierten Fingernägeln und einer sehr lauten rostigen Lache raumfüllend im kleinen Schulleiterzimmer. 

Ach, nun sein Se doch ma nich so kleinkariert, Fau Rische, da brechen Se sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn die Plath dieses schöne alte Gemäuer hier mal n bisschen mit Theater belebt.   

Frau Rische reißt die Augenbrauen hoch: THEATER?

Frau Behrens runzelt kurz irritiert die Stirn und wirft mir einen fragenden Blick zu, setzt dann aber ungerührt ihre erstaunliche kleine Performance fort.

Ja, wissen Sie das denn gar nicht, Frau Rische? Die Plath ist doch ne Fachfrau für Theater! Deswegen hab ich die doch eingestellt! 

Frau Rische hat jetzt RICHTIG schlechte Laune, raunzt: 

Theater ham wa hier nich! 

Frau Behrens beugt sich mit ihrer wallenden Rüschenbluse und den klappernden Armreifen nach vorne und tippt mit ihrem beeindruckend knallblauen Fingernagel ihres Zeigefingers auf die Tischplatte:

Ja eben! Dann wird s doch mal Zeit! Man soll die Gelegenheiten beim Schopfe packen, sach ich immer, das ist doch TOLL für die Schule, wenns hier Theater gibt! 

Frau Rische sieht aus, als würde sie gefoltert. 

Aber Theater ist kein Fach. Das gibt’s gar nicht in der Stundentafel! Das ist hier kein Gymnasium!

Frau Behrens haut mit der flachen Hand auf den Tisch und ruft laut und fröhlich:

Na, dann machen wir eben ne Theater AG! Oder? Wie finden Sie das Frau Plath? Man kann ja erst mal klein anfangen, dann kriegen Sie den Aulaschlüssel und bieten da einmal die Woche am Nachmittag ne Theater AG an. Also ich find das GROSSARTIG!

Frau Rische schüttelt den Kopf: 

Da kommt sowieso keiner, das können Se doch gleich vergessen. 

Das wolln wir erstmal SEHN, widerspricht Frau Behrens und vermittelt insgesamt den Eindruck, dass die Theater-AG jetzt beschlossene Sache ist. Aber Frau Rische will sich offenbar nicht so schnell geschlagen geben. 

Also wenn schon ne Theater AG, dann macht die Plath das aber schön außerhalb Ihres Stundendeputats, ich brauch hier jede Stunde Deutsch und Englisch, Sie wissen ja selber, wie hier der Krankenstand ist und ich hab immer noch drei Stellen nicht besetzt, also für Experimente gibt’s hier KEINE Stunden, das sach ich Ihnen gleich. 

Es ist lustig, dass die beiden Frauen über mich reden, als wäre ich nicht anwesend bzw. ein kleines Kind, das zwischen seinen streitenden Eltern sitzt und den Mund zu halten hat. Insofern wartet Frau Behrens jetzt auch gar nicht meine Antwort ab, sondern beendet die Debatte mit einem lauten fröhlichen: Na dann ha`m wirs doch jetzt: Frau Plath kriegt ihre Theater AG und macht das in ihrer Freizeit. Dafür kann sie in die Aula, wann sie will. Ich geb dann gleich mal dem Herrn Schulz Bescheid, damit das mit der Schlüsselübergabe zügig über die Bühne geht, dann müssen Sie sich da gar nicht drum kümmern, Frau Rische, Sie haben ja hier genug zu tun. Alles Gute, und man sieht sich! Firma dankt! Nen schönen Tag noch, Frau Rische! 

Frau Behrens schiebt mit lautem Gepolter ihren Stuhl nach hinten, erhebt sich umständlich, aber vergnügt und strahlt mich an: Ja, dann komm Se gleich mal mit, Frau Plath, dann klärn wir das jetzt mit dem Schlüssel… Tschüss, Frau Rische…

Frau Rische nickt nur mit dem Kopf. Ihr Mund ist ein dünner Strich.

Wenige Minuten später stehe ich mit der riesigen blauen Rüschenbluse und einem sehr schlecht gelaunten Herrn Schulz im Hausmeister-Kabuff an einer großen alten Schlüsselwand, die so aussieht, als wäre sie noch aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben. 

Herr Schulz schimpft ohne Unterbrechung vor sich hin, aber gleichzeitig scheint er dabei – sehr langsam und sehr umständlich – die Schlüsselübergabe an Frau Plath vorzubereiten. Er scheint diese Katastrophe für unausweichlich zu halten – weil die blaue Rüschenbluse eine hohe Vorgesetzte ist – aber trotzdem möchte er auch deutlich kundtun, für welch unverantwortlichen FEHLER er das Ganze hält.  

Und nur, dass dit hinterher nich wieder heißt, der Herr Schulz hat dit erloobt und da den Schlüssel raus jegeben, wenn der Schaden erstmal da is, dit is ja allet ne totale Schnaps-Idee, dit sieht ja jeder Blinde mit nem Krückstock, aber dit stelln sich die Leute an ihren gemütlichen Schreibtischen da im Amt ja immer ganz anders vor, aber dit meen ick eben, dit is halt weit weg von ne Realität, und wer hat dit am Ende auszubaden? Die da oben sicher nich, die sitzen dann schön im Warmen, wenn bei uns dann wieder die ganze Kacke am Dampfen is, und das sach ich nämlich gleich: Dit sind allet Gangster und Idioten, diese Ausländergören, dit wissen wa ja alle, dit seh ick allet schon kommen, die ganzen Schäden, dit dauert doch keene drei Tage, dann is dit allet im Arsch, und dann ist dit Geheule groß, denn darf ick da wieder Überstunden machen und dit Janze uffräumen und reparieren, und wer bezahlt dit Janze am Schluss, dit is ja ooch nich raus, wer dit allet zahlt! Aber mich fragen Se ja nich, dit kenn ick schon, von oben heeßt dit immer: Lass di ma machen, diese Troomtänzer da mit ihrer Multi-Kulti-Fantasy, dabei klappt dit doch nich, dit sehn die aber nich, weil die da in ihren Elfenbeintürmen sitzen, und die müssen ja die Suppe ooch nich auslöffeln, aber eben: Mich hat ja keener jefracht. Mich fragt ja nie eener…

So in etwa geht es in unfassbarer Länge und Ausdauer ohne Pause weiter, während er missmutig mal diesen, mal jenen alten Schlüssel anfasst, irgendwelche Papiere und kleinen Zettel studiert, seine Brille auf und absetzt, seufzt, nach hinten läuft, hinten irgendwas rumpeln lässt, dann wieder nach vorne kommt, weitere Schlüssel in Augenschein nimmt, und das Ganze begleitet von diesem ewigen, resignierten Schimpf-Monolog, der ganz und gar ohne Antwort auskommt, es ist noch nicht mal klar, ob er überhaupt davon ausgeht, dass wir zuhören. Frau Behrens nickt zu alldem mit geduldigem Lächeln und weicht nicht von der Stelle. Irgendwann ist es dann so weit. Nachdem ich vier Zettel unterschrieben habe, halte ich den Schlüssel in der Hand. Nicht zu fassen. Ich begleite Frau Behrens noch raus zu ihrem Auto, in das sie sich keuchend und lachend hineinwuchtet, um mir dann noch mal durch die beschlagene Fensterscheibe verschwörerisch zuzuzwinkern und zu winken, bevor sich ihr kleines Auto dann über das Kopfsteinpflaster der Schulauffahrt rumpelnd entfernt. Ich atme tief durch – und gehe rauf zur Aula. Es ist bereits still im Schulgebäude, die meisten sind nach Hause gefahren, es ist 14.30, Kopierer aus, und als ich die Aulatür öffne, empfinde ich es fast als heiligen Moment. Der große Raum mit den hohen Decken, den riesigen, hellen Fenstern und dem alten Parkettfußboden wirkt wie eine alte, schöne Film-Kulisse, die still und geduldig darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Ich halte den Atem an und habe für einen kleinen Moment so ein lächerliches pathetisches Gefühl, dass sich hier noch „Großes“ ereignen wird. Langsam gehe ich über die knarzenden Holzdielen zur Tür zurück, drehe mich noch einmal um und schaue auf die Bühne, die stumm zurück zu schauen scheint. Frau Behrens ist ganz schön schlau, denke ich, und während ich meinen Schlüssel im Schloss herumdrehe, erlaube ich mir ein ganz kleines Grinsen. 

Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

9 Kontaktaufnahme

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.