Kapitel 17: Rütli

Berlin, März 2006

Hilferuf der Rütli-Hauptschule, bekannt geworden als der „Rütli-Brandbrief“ im März 2006:

„Wie in der Schulleitersitzung am 21.2.06 geschildert, hat sich die Zusammensetzung unserer Schülerschaft in den letzten Jahren dahingehend verändert, dass der Anteil der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund inzwischen am höchsten ist. Der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. (nicht deutscher Herkunft) beträgt 83,2 %. (…) 

Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber.

Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen.

Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden.

Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen. (…)

Unsere Bemühungen die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, treffen auf starken Widerstand der Schüler/innen. Diesen Widerstand zu überwinden wird immer schwieriger. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.

Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.

Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind.

(…) Einige Kollegen/innen stellen seit Jahren Umsetzungsanträge, denen nicht entsprochen wird, da keine Ersatzkräfte gefunden werden.

Auch von den Eltern bekamen wir bisher wenig Unterstützung in unserem Bemühen, Normen und Regeln durchzusetzen. Termine werden nicht wahrgenommen, Telefonate scheitern am mangelnden Sprachverständnis.

Wir sind ratlos.

(…)

Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie (die Jugendlichen) in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.

Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung.

(…) 

Das unausgesprochene Gesetz, dass „nichts nach außen dringen darf“, Lehrer*innen also grundsätzlich über die Zustände an den Berliner Schulen zu schweigen haben, wird im Februar 2006 durchbrochen. Das Kollegium der benachbarten Rütli-Hauptschule verfasst einen schriftlichen Hilferuf an den Senat, der wenig später als der „Rütli-Brandbrief“ bundesweit Schlagzeilen macht. 

Ich weiß davon noch nichts, als ich an einem grauen, kalten Wintertag zur dritten Stunde in der ersten großen Pause in die Schule komme und sofort spüre, dass „irgendwas los ist“. Im ersten Augenblick fühle ich mich an die „Take-That-Situation“ erinnert: Im Februar 1996, noch während meines Referendariats: Die gesamte Schule schien damals in einem ultimativen, hysterischen Heulkrampf außer Kontrolle geraten zu sein. Überall weinende, laut schluchzende Schülerinnen, in Knäueln bebend ineinander verknotet, auf dem Schulhof, auf den Gängen und in den Klassenzimmern. Ich weiß noch, dass ich – eine furchtbare Katastrophe erwartend – panisch den erstbesten Schüler ansprach, der mir ansatzweise ansprechbar erschien:  Was ist passiert??  und dann mehrere Sekunden brauchte, um seine Antwort zu verstehen.  Take That haben sich getrennt.  Ich starre den Jungen vor mir an und warte auf eine weitere Erklärung, irgendetwas ganz und gar furchtbares, unerträgliches. Aber es kommt nix mehr. Es bleibt bei  Take That haben sich getrennt.  Diese Nachricht  löst hier an der kleinen beschaulichen Schule ein emotionales Beben aus und macht drei Tage lang jeglichen Unterrichtsversuch nahezu unmöglich. Aber was ist JETZT? Zehn Jahre später in Neukölln? Auf dem Schulhof ist die Hölle los, zwar keine schluchzenden Mädchen und auf den ersten Blick denke ich:  Nur das übliche Chaos,   aber dann sehe ich die Journalisten und die Kameras. Überall kleine Pulks, in denen aufgeregt diskutiert wird, es liegt eine Spannung in der Luft, die neue Schulleiterin Susanne Sebaldt, eigentlich immer entspannt und guter Laune, rennt mit leerem Gesichtsausdruck und ohne zu grüßen an mir vorbei.  Ich bleibe stehen, beobachte den Tumult auf dem Schulhof, versuche zu begreifen, was da los ist, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich gehe rein in die Cafeteria. 

Mahmout und Chris stehen mit ein paar anderen Jungs an der Treppe und essen Sonnenblumenkerne. Die Schalen spucken sie in einen Mülleimer in einiger Entfernung, was nicht immer gelingt. Um den schwarzen Plastikeimer herum hat sich eine beachtliche Ansammlung der daneben gegangenen kleinen weißen Hülsen angesammelt. Als sie meinen Blick sehen, grinst Mahmout und macht eine beschwichtigende Geste,  Machen wir noch weg, Frau Plath! Chill ma!  –  Na dann ist ja gut,  sage ich und Chris lacht und nickt eifrig:  Auf JEDEN, man, WALLAH!  –  Und?   frage ich,    hab ich irgendwas verpasst heute? Ist irgendwas passiert?…  Und jetzt fangen die Jungs an, zu erzählen, sich gegenseitig ins Wort fallend, in kleinen Situations-Bruchstücken, Gelächter und Kommentaren. Ey wallah –  das geht hier schon seit ganz früh heute morgen AB, Alter! Alles voller Reporter hier  – Schüüüsch!  –  Warum das denn?  frage ich.  Keine Ahnung! Aber die fragen uns hier alles und machen Fotos, so Gangster Fotos…  Die Jungs machen es mir vor: Kapuze auf, düsterer Gesichtsausdruck, Arme vor dem Körper in Rapper-Pose vorgereckt.  –  Ja, oder so, man!  sagt Chris und streckt den Arm nach vorne, als hätte er eine Waffe in der Hand und diese direkt auf mich gerichtet.   Ja, und wir sollen so Gangster-Sprüche machen, Alter, so Pate-mäßig und so voll einen auf gefährlich machen, ABO!   Mahmout lacht.  Ey, Alter, für SOWAS gibts 10 Euro, man!   Er geht noch mal in eine eindrucksvolle Gangster-Pose.   Ja, genau man, und für Stuhl aus m Fenster werfen sogar 15 Euro, wallah!   Ich komme jetzt nicht mehr ganz mit:  Was genau ist mit 15 Euro? Wer hat euch Geld gegeben? Für Gangster-Posen und Stühle ausm Fenster werfen??   Chris strahlt mich an:   Ja, genau, leicht verdientes Geld man! Diese Reporter-Kartoffeln wollen so Bilder von Gangster-Neukölln, so voll gefährlicher Kiez, Alter, wir werden berühmt, man!  Die Jungs haben wahnsinnig gute Laune, immer wieder machen sie mir ihre Posen vor und lachen sich dabei schlapp, es ist fast wie eine Tanzeinlage, wie sie so im Halbkreis um mich rumstehen und mir ihre krassen Posen vorhopsen und dazu düstere Grimassen schneiden. Ich frage mich trotzdem etwas verwirrt, was das zu bedeuten hat. Was für Reporter, und warum das Geld für Gangster-Posen? Irgendwie beschleicht mich ein ungutes Gefühl, auch wenn die Jungs sich hier ja scheinbar bestens amüsieren. 

In den folgenden Tagen setzt sich das Bild zusammen. Quasi ALLE Zeitungen machen mit dem “Rütli-Skandal” auf: Und überall geht es um Chaotische Zustände an den Hauptschulen und um Jugendliche als finstere Kriminelle – Stichwort “Der Intensivtäter wird zum Vorbild”. Die skandal-fokussierte, klischeehafte Verzerrung und vor allem schmerzhaft vereinfachte Darstellung der Situation macht mich fassungslos. Und dann wütend. Als kurz darauf mal wieder eine Journalistin vorm Lehrerzimmer steht und mich anspricht:   Könnten Sie sich vorstellen, aus Ihrer Perspektive als Lehrerin zu berichten? In Form eines Interviews?  –  sage ich zu. Da ich als verbeamtete Lehrerin allerdings gar nicht mit der Presse sprechen darf – zumindest wird uns das tagtäglich so eingebläut- vereinbaren wir, dass meine Anonymität gewahrt bleibt. Das Interview möchte die Journalistin in Mitte machen, sie schlägt vor, ich soll sie in der Friedrichstraße neben dem Kulturkaufhaus Dussmann im Gebäude des Zeitungsverlags abholen, dann könnten wir entweder dort oder im nahe gelegenen Café Einstein sprechen. Gesagt, getan. Zum verabredeten Zeitpunkt stehe ich in der Friedrichstraße vor dem Verlagsgebäude, kurz darauf kommt die Journalistin aus der Tür geeilt, gibt mir zu verstehen, dass es im Café Einstein jetzt doch besser ist und wir machen uns auf den Weg. 

Ich habe gute Laune wie ein kleines Kind, das mal kurz von zu Hause abgehauen ist und etwas Verbotenes tut. Dass die Frau neben mir irritierende Sachen sagt, stört mich erstmal gar nicht. Im Café Einstein dann aber, als sie mit ihrem Moleskin Büchlein vor mir sitzt und krakelig und schnell mitschreibt, was ich sage, wird mir mulmig. Denn mir kommt das Ganze plötzlich vor wie ein Theaterstück, das zu einem bestimmten Zweck aufgeführt wird, dessen Ausgang aber schon längst feststeht, völlig unabhängig davon, was ich sage. 

Sie:  Wie erklären Sie sich die Gewalt, die Verrohung, die da an den Hauptschulen stattfindet?

Ich:  Naja, diese Kinder sehen für sich keine Perspektive und rebellieren gegen ein System, das sie abgeschrieben hat. Die können sich mit den Inhalten, die wir da im Unterricht anbieten, überhaupt nicht mehr verkoppeln. Dieses in Stein gemeißelte Bewertungsraster, das wir auf alle gleichermaßen anwenden, ist unzureichend und führt zu ständigen Herabsetzungen und Demütigungen dieser Kinder. Dagegen rebellieren die jetzt.

Sie:  Aha? Also das System ist Schuld? Die meisten Kinder in Deutschland kommen doch ganz gut klar mit diesem System. Und wer sich bei uns anstrengt, der kann ja auch was erreichen. Man hat doch eher den Eindruck, dass der hohe Ausländeranteil hier eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielt, oder nicht? 

Ich:  Ja, diese Perspektive hatte ich am Anfang auch, ich habe die Kinder mit Migrationshintergrund alle als eine homogene Gruppe wahrgenommen, aber dann habe ich gemerkt, dass die ja alle völlig unterschiedliche Hintergründe und Lebensgeschichten haben und dass genau DAS das Problem ist: UNSERE Perspektive, dass das „alles Ausländer sind“. Das ist ja in Wahrheit Quatsch.

Sie:  Wie meinen Sie das?

Ich:  Genauso, wie ich gesagt habe: Die Kategorie „Ausländer“ ist nicht hilfreich, ich würde sogar sagen, sie ist total  falsch. Viele der Kinder sind erstens Deutsche und haben dann – wie gesagt – sehr unterschiedliche Hintergründe, die sich gar nicht vergleichen lassen. Wenn wir sagen „die Ausländer“ dann werden wir den jeweils einzelnen Menschen, die sie in Wahrheit sind, überhaupt nicht gerecht. Im Gegenteil: Dann nehmen wir eine defizitäre Perspektive ein. Und die wirkt sich aus. Stichwort Attribution: Wenn ich denke, dass jemand so und so ist, dann verhalte ich mich entsprechend und setze überhaupt erst einen Prozess in Gang, der meine Vorurteile dann bestätigt – völlig unabhängig davon, wie es in Wahrheit ist. Es gibt nicht „die Ausländer“. Es gibt nur einzelne Menschen. Ich denke, wir müssen dringend unsere Perspektive ändern. 

Die Frau räuspert sich leicht pikiert und wirft mir einen Blick zu, als hielte sie mich für minderbemittelt.  Naja,  sagt sie,  es sind ja nicht die DEUTSCHEN Kinder, die sich am Intensivtäter orientieren. Das sehen wir ja im Vergleich an anderen Schulen, wo der Ausländeranteil erheblich niedriger ist. Da tauchen diese Probleme ja nicht auf. Diese ganze Gewalt an den Hauptschulen – das ist doch eine direkte Folge der Sozialisierung in kriminellen arabischen Clans. 

Ich frage mich, ob die Frau mir zuhört oder nur ihre eigenen Ansichten los werden will und versuche es erneut:  Aber die sind doch nicht alle in arabischen Clans sozialisiert – das ist doch genau dieses Pauschalisieren, was ich meine! Natürlich müssen wir hinschauen, wenn ein Kind in einem kriminellen Umfeld aufwächst und fragwürdige Vorbilder hat – aber die erste Sache ist doch erstmal heraus zu finden, wer diese Kinder überhaupt sind und was sie selbst erzählen. 

Die Journalistin seufzt abfällig:  Das klingt für mich sehr naiv.

Ich:  Naiv? Wieso naiv? Ich würde eher sagen konkret und konstruktiv.

Sie:  Ach, nun spielen Sie sich hier mal nicht so auf. Das haben ja nun auch schon andere vor Ihnen versucht, da konstruktiv ran zu gehen. Aber das Problem ist doch wirklich diese Multi-Kulti-Naivität! Hört sich alles wunderschön an, was Sie da wollen, aber die Realität ist doch eine andere! Multi-Kulti ist gescheitert! Die Hauptschulen versinken im Chaos! Und wo kommt denn die ganze Gewalt her? Da gibt es Zahlen! Die Kriminalität der arabischen Clans ist ein Riesenthema! Aber scheinbar wollen Sie die Augen davor verschließen!

Ich:  Ich will nicht die Augen vor irgendwas verschließen, sondern ganz im Gegenteil die Augen für die komplizierteren Zusammenhänge öffnen! Wenn sie einen Text über Clan-Kriminalität in Berlin schreiben wollen, dann machen Sie das doch! Dann brauchen Sie doch aber nicht mit mir zu reden. Mir kommt es vor, als wollten Sie nur ein Testimonial für das, was Sie sowieso schreiben werden! 

Die Frau vor mir klappt ihr Moleskine Büchlein mit einer entschiedenen Geste zu, starrt mich mit kühlem Blick an und sagt:

Da haben Sie vollkommen recht. SIE brauche ich für meinen Beitrag offenbar nicht. Wenn Sie ihren romantischen Fantasien von Multi Kulti weiter anhängen wollen, ist das ja Ihre Sache. Ich habe andere Quellen. Mir hat beispielsweise vor kurzem ein Lehrer an einer Neuköllner Hauptschule erzählt, dass es nur noch so wenig deutsche Schüler an seiner Schule gibt, dass die die Außenseiter sind und von den arabischen Jugendlichen gemobbt und verprügelt werden. Abziehen nennt man das wohl. Die deutschen Kinder sind die Minderheit und leben an deutschen Schulen in Angst und Schrecken. Dazu können Sie aber vermutlich nichts weiter sagen, nehme ich an?    Sie grinst leicht süffisant und ich merke, wie ich wütend werde. Ich denke an Justin, und dass der wahrscheinlich tatsächlich in Angst und Schrecken gelebt hat – aber mit arabischen Jugendlichen hatte das eher weniger zu tun… Vorsichtig jetzt, denke ich, wenn ich mich jetzt aufrege, hat das alles keinen Sinn. Ich fühle mich wie eine Schülerin bei einer Prüfung, die immer die falschen Antworten gibt. Sechs, setzen, Frau Plath. Egal. Eine Sache sage ich trotzdem noch: 

Nee, tatsächlich. Dazu kann ich wirklich nichts sagen. In den Klassen, in denen ich unterrichte, haben die alle unterschiedliche Hintergründe und mir ist nicht aufgefallen, dass eine besondere Gruppe oder Minderheit speziell gemobbt wird. Vielleicht sollten Sie mal die Kinder selber fragen. Die können sehr unterschiedliche Geschichten dazu erzählen. Klar gibt es Gewalt und Mobbing, aber die Frontlinien verlaufen nicht so eindimensional, wie Sie sagen. Ich frage mich, warum Sie scheinbar gar nicht interessiert daran sind, etwas raus zu finden, was Sie vielleicht noch NICHT wissen… 

Meine Abschlussrede ist ganz offensichtlich zu lang für mein Gegenüber. Sie hat ihre sieben Sachen währenddessen eingepackt, den Kellner herangewunken, ihren Kaffee bezahlt und ihren Mantel angezogen. Jetzt steht sie vor mir, reicht mir mit einem süßlich-kalten Lächeln die Hand und sagt:   Ich wünsche Ihnen weiterhin noch viel Erfolg, Frau Plath.   Und weg ist sie. 

Diese unangenehme Begegnung hatte bei mir aber immerhin EINE positive Auswirkung: Ich fing nun an, die Beiträge dieser Dame regelmäßig zu lesen und sie mit anderen Artikeln in anderen Zeitungen zu vergleichen. Wer schreibt zu diesem Thema auf welche Weise? Und das war spannend. Und es führte zu einer neuen Gewohnheit – nämlich dem Zeitunglesen. 

Das hatte ich bis dahin nur sporadisch und zu bestimmten Themen getan. Jetzt wurde es zu einem neuen ausufernden Hobby. Durch das ständige Zeitunglesen – die großen Tages- und Wochenzeitungen und mindestens eine Lokalzeitung – entwickelte ich Freude daran, auf ein bestimmtes Thema verschiedene Perspektiven einzunehmen und dadurch immer mehr Facetten eines thematischen Feldes zu verstehen.  Ich ärgerte mich weiterhin über platte und vereinfachende Darstellungen, fand aber an anderer Stelle auch immer wieder großartige, kluge Reflexionen, die mich dann wieder trösteten. Vor allem wurde mir bewusst: Je mehr Perspektiven auf eine Sache es gibt, desto klarer wird mein Gefühl dazu, desto besser kann ich sie verstehen. Doch eine Sache blieb merkwürdig: Der Rütli-Skandal schien insgesamt zu polarisieren und auch in der Presse nicht eine Vielzahl von reflektierten Perspektiven hervorzubringen, sondern im Großen und Ganzen eigentlich nur zwei, die sich relativ unversöhnlich gegenüberstanden:

Die einen waren der Meinung, es brauche kein anderes Schulsystem, sondern mehr Law & Order – und zwar deutlich auf die sogenannten „Ausländer“ bezogen, die in dieser Sichtweise als Gruppe problematisiert wurden. Also mehr Autorität und härteres Durchgreifen bei Fehlverhalten. Und dies wurde ganz klar denen zugeschrieben, die sich abweichend verhielten, insbesondere Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Es war in etwa die Position der Journalistin, mit der ich gesprochen hatte. 

Die anderen waren der Meinung, dass viel mehr Durchmischung – sozial und kulturell – erfolgen müsste, und dass das dreigliedrige Schulsystem am Ende sei und eigentlich alle Kinder zusammen beschult werden müssten. Sie hatten die Vision einer Schule der Vielfalt mit einer Kultur, so wie ich sie in Bullerbü kennen gelernt hatte, nur eben für alle. 

Der blinde Fleck bei der zweiten Meinung war allerdings die Frage nach den wahren Gründen des Rütli-Scheiterns: Also dieses „Nicht-wahr-haben-wollen“, dass Bullerbü nicht überall funktionierte. So dieses Unverständnis darüber, warum die Lehrkräfte da denn nicht klarkamen und dann – peinlich! – in so autoritäre Verhaltensweisen gekippt waren. Rütli durfte in dieser Perspektive irgendwie nicht passiert sein. Es war dieses „Peinlich-berührt-sein“, dass ich auch bei meinen ehemaligen Kollegen*innen an Dieters Schule wahrgenommen hatte, wenn ich versucht hatte, von meinen Erlebnissen in Neukölln zu berichten. 

Mir kam das vor, wie ein Herumschleichen um die Frage, was denn zu tun ist, wenn unsere Vorstellung von „Bullerbü“ leider nur dort hinhaut, wo überwiegend Kinder sind, deren Lebenswelten unseren eigenen ähneln? Also plakativ ausgedrückt, wo alle weiß und mehr oder weniger gebildet sind? Ich nahm eine seltsame Unwilligkeit wahr, sich einzugestehen, dass eben NICHT alle Kinder dieselben Voraussetzungen mitbrachten. Und das eine sinnvolle Antwort auf dieses Problem vielleicht NICHT nur in der weißen Bullerbü-Perspektive zu suchen war.  Aber das Sprechen darüber war nahezu unmöglich, weil es scheinbar IMMER den Anhänger*innen der ersten Meinung in die Hände spielte. 

Dabei saß mir die Erkenntnis ja noch sehr spürbar in den Knochen, dass meine so gut gemeinte Vorstellung von Unterricht in Neukölln vom Feinsten krachen gegangen war. Warum machte es mir solche Schwierigkeiten, bei den Vielfalt-Vertreter*innen das Problem zu benennen, das ich ganz real spürte? 

Wenn ich mit Vertreter*innen der Law & Order Fraktion redete, wurde mir vorgeworfen, ich sei „Bullerbü“, also eine naive „Multi-Kulti-Romantikerin.

Wenn ich mit Vertreter*innen der Vielfalt-Fraktion, also eigentlich meiner eigenen, redete, wollte niemand so richtig darüber sprechen, warum ich gescheitert war. Wenn ich anfing, meine Wahrnehmungen zu benennen, wurde mir vorgeworfen, dass ich problematisierte, also auch „schon so redete, wie die Law & Order-Fraktion“, es gäbe diese „Probleme“ und diese „Unterschiede“ zwischen den Kindern nicht, die ich da erwähnte. 

Ich fühlte ein Unbehagen und hörte auf, über Probleme zu sprechen. Ich dachte mir: Pass auf, dass dir nicht der Kopf abgerissen wird in dieser Debatte. Halt` einfach die Klappe und finde selber raus, wie das Problem gelöst werden kann. 

Einige Zeit später lernte ich die Richterin Kirsten Heisig kennen. Sie besuchte die Neuköllner Brennpunktschulen und stellte in den Lehrer-Kollegien ihr Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität vor.  (Was ich hier kenntlich machen muss: Kirsten Heisig ist, bzw. war, eine reale Person, sie geriet mit ihrem Konzept zur Bekämpfung von Jugendkriminalität in Berlin in die Schlagzeilen. Ihr Buch „Das Ende der Geduld“ wurde nach ihrem Tod ein Bestseller und rief unterschiedlichste Reaktionen hervor. Es wurde später unter gleichem Titel mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt).   

Wir saßen alle in der Aula, Kirsten Heisig stand mit ihrem Kollegen vorne und während sie redete, dachte ich: Diese Frau kennt den blinden Fleck. Sie spricht die Probleme an. Was ich aber auch wahrnahm: Die Law & Order Fraktion in unserem Kollegium klatschte und applaudierte und macht Bemerkungen wie „Richtig so!“. Sie hörten offenbar ein „Wir müssen härter durchgreifen gegen diese kleinen Gangster!“ und fühlten sich bestätigt. Ich hörte aber etwas anderes. Und meinte wahrzunehmen, dass diese Frau die Jugendlichen MOCHTE und sie besser verstand, als viele Neuköllner Lehrer*innen. Als sie ihren Input beendet hatte und mit ihrem Kollegen die Aula verließ, stand ich ebenfalls auf und ging hinterher. Ich holte die beiden auf der Treppe vor der Lehrerzimmer-Tür ein, stellte mich vor und fragte: 

Was für einen Eindruck haben Sie denn, wenn Sie jetzt so durch die Schulen fahren? Glauben Sie, dass Sie in den Lehrer-Kollegien richtig verstanden werden? 

Kirsten Heisig, die auf mich ein wenig gehetzt gewirkt und eben noch so ausgesehen hatte, als ob sie sich auf keine Verzögerung einlassen würde, blieb stehen und sah mich an: 

Das kann ich, ehrlich gesagt, nicht beurteilen. Für mich ist es entscheidend, dass ich all die Leute, die mit den straffällig gewordenen Jugendlichen zu tun haben, miteinander vernetze und wir eine gemeinsame Strategie finden, wie wir da konstruktiv zusammenwirken können. Haben Sie denn was anderes verstanden? 

Ich:  Es könnte auch so verstanden werden, dass die Kinder möglichst schnell in den Knast verfrachtet werden sollen. Law & Order. Kurzer Prozess und fertig. Gefängnis als zynische Maßnahme – so nach dem Motto: Dann sind wir sie los. 

Darum geht es ÜBERHAUPT nicht,   sagt Kirsten Heisig in geduldigem Ton, sie scheint oft missverstanden zu werden und ist darauf vorbereitet:   Im Moment haben wir die Situation, dass einige Kinder in Neukölln auf die falsche Bahn geraten und es viel zu lange dauert, bis da eine Konsequenz für sie spürbar wird. Sie machen dann einfach weiter, sammeln Straftaten an und landen dann irgendwann tatsächlich in der Strafanstalt. Und ich sehe das genauso wie Sie: Das ist kein Ort, der ihnen hilft. Ganz im Gegenteil. Er versaut ihnen ihr ganzes Leben. Das heißt: Wir müssen vorher tätig werden. Das sind ja teilweise 14-jährige Jungs oder noch jünger. Wenn die merken: Ich komme mit einer Straftat einfach so durch und danach passiert drei Jahre gar nichts, dann rutschen die in eine Welt rein, die sie maßgeblich prägt und aus der sie später auch nicht mehr so ohne weiteres rauskommen. Man kann es Kindern nicht übelnehmen, dass sie es erstmal als Abenteuer oder als Ehre verstehen, wenn sie aufgefordert werden, ein Drogenpäckchen quer durch die Stadt an einen Kunden zu überbringen. Vor allem dann nicht, wenn das ihre Bezugspersonen sind, die das von ihnen verlangen, Menschen, zu denen sie aufschauen.  Wenn der Staat da ewig lange Zeit verstreichen lässt, bevor irgendeine Maßnahme erfolgt, entwickeln diese Kinder gar kein Unrechtsbewusstsein und rutschen in eine Denke und ein Verhalten rein, das ihnen später gar keine andere Möglichkeit mehr lässt, als kriminell zu werden. Wenn ich mich dafür einsetze, dass wir uns schnell und wirksam um diese Kinder kümmern müssen, meine ich gerade nicht Gefängnisstrafen, sondern alles andere, was wir zur Verfügung haben, um sie wirklich zu erreichen und auf einen anderen Weg zu bringen. Vor allem zeitnah und wirksam auf einen Weg, den sie selber bestimmen können. Im Moment haben wir eine Situation, in der diese Jungs von erwachsenen Familienmitgliedern instrumentalisiert werden. Da ist eine psychische Abhängigkeit, die sich mit einem lahmen Gespräch vorm Familienrichter alle drei Jahre nicht durchbrechen lässt. Ich finde, dass wir eine Verantwortung dafür haben, Kindern zu helfen, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg gehen zu können. Wir müssen dafür sorgen, dass die selbst in der Lage sind, den Berg nach oben zu steigen. Wenn wir immer nur anbieten, sie ein Stück weit zu tragen, dann kommen die nie oben an. Ein bisschen Führung und auch klare Konsequenzen sind absolut notwendig, um gegen die autoritären und missbräuchlichen Strukturen in einigen dieser Familien anzukommen. Mir geht’s darum, dass die eine Chance auf ein eigenes, glückliches Leben haben. Und dafür müssen alle Institutionen und Menschen, die in diese Fälle involviert sind, viel enger zusammenarbeiten. Im Moment läuft das alles aneinander vorbei und allen fehlen die notwenigen Informationen. Wie gesagt: Es geht mir eben gerade darum, dass diese Kinder NICHT im Gefängnis landen. Sollte ich da missverstanden werden, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das in Ihrem Kollegium weiter diskutieren könnten. Wir sind auf Ihre Mithilfe angewiesen. 

Ich nicke und bin ein bisschen beeindruckt, weil sie sich so offensichtlich auch auf persönlicher Ebene – als Mensch – in dieses riskante Thema hineinbegibt. Was für ein Unterschied zwischen ihr und der Journalistin. Mit Kirsten Heisig ist es möglich über Jugendkriminalität und arabische Clans zu reden, OHNE dabei die ganze Zeit diesen inneren Stress zu empfinden, dass sie diese Kinder innerlich abwertet oder aufgrund von Herkunft defizitär betrachtet bzw. sie als eigenständige, individuelle Menschen gar nicht im Blick hat. Sie hat diese Kinder im Blick. Und zwar nicht als „arabische“ Jugendliche, sondern einfach als Kinder, die in ihrer Situation etwas anderes brauchen, als gut gemeinte Gleichgültigkeit und Laissez faire auf der einen Seite – oder rassistische Zuschreibung auf der anderen Seite. 

Das Seltsame ist aber, dass ich mich später zunehmend weniger traue, diese Gedanken anderen gegenüber auszusprechen, weil mir irgendetwas den Hals zuschnürt. Es fühlt sich so an, als könnte ich nur missverstanden werden, egal, was ich sage. 

Und genau das beobachte ich dann aus der Ferne im Fall von Kirsten Heisig. Sie wird zunehmend angefeindet und offenbar absichtlich missverstanden, in der Öffentlichkeit als autoritäre „Law & Order“ Tante diffamiert –  und absurderweise gleichzeitig von der Law & Order Fraktion für eigene Zwecke instrumentalisiert – im Sinne von: „Endlich greift eine Richterin Gnadenlos in der ausufernden arabischen Jugendkriminalität mal ordentlich durch! Das haben wir ja gleich gesagt: Da helfen eben nur harte Strafen und Knast!“ Was ich schon im Kollegium in der Aula wahrgenommen hatte, passierte nun auch auf der öffentlichen Bühne. Die „Richtig-So!“ Rufer*innen, die sich aus den falschen Gründen „härtere Strafen für die kleinen Gangster“ wünschten, gewannen im Diskurs an den Schulen die Oberhand. Mein inneres Grauen war dann vollständig, als ich eines Morgens die Nachricht von ihrem Suizid in der Berliner Zeitung las – offensichtlich hatte sie sich in einem Waldstück aufgehängt – und sofort wurde spekuliert, sie sei von arabischstämmigen Jugendlichen umgebracht worden, was sich später als falsch erwies. 

Aber wie immer gab es auch über diese verstörende Entwicklung keinen gemeinsamen Austausch im Kollegium. Ich war froh, dass ich Mausi und Andrea “hatte”, mit denen ich es mir zur Gewohnheit gemacht hatte, alles – sowohl was innerhalb als auch außerhalb der Schule passierte – in Ruhe durchzuquatschen. Erst viel später merkte ich, dass diese regelmäßige Verarbeitung mit den beiden mir ganz erheblich dabei half, gesund zu bleiben. 

Wie absurd ist es eigentlich, dass Lehrer*innen all das, was sie in ihrem Alltag erleben, eigentlich nie geordnet mit anderen professionell reflektieren können. Dafür fehlen bis heute die angemessenen (Zeit-)Räume und Settings. Es wird einfach immer alles oben drauf geschmissen, all die Eindrücke und unverarbeiteten Gefühle. Jede*r bleibt damit mehr oder weniger allein. Ein absoluter Wahnsinn. Im schlechtesten Fall dann mit dem Ergebnis der Zombie-Apokalypse im Lehrerzimmer… aber ich schweife ab. 

Nachdem sich die Wogen über den Rütli-Skandal einigermaßen gelegt hatten, ging es an den Neuköllner Schulen zunächst einfach so weiter wie bisher. Wir bekamen eine weitere Sozialarbeiterin, ansonsten passierte nichts. Die Rütli-Schule wurde mit Kreativ-Maßnahmen, Geldern und Innovation aus der ganzen Bundesrepublik beworfen und entwickelte sich in den folgenden Jahren zum Vorzeigeprojekt: Dem Campus Rütli. Ich selbst hatte ein neues Thema für meine Forschungsarbeit in der Aula gewonnen: Der blinde Fleck. Die unausgesprochene Lücke zwischen “Law & Order” und “Bullerbü”. 

In der 9b rede ich noch lange mit den Jugendlichen über „Rütli“ und was sie denken, wie eine gute Schule funktionieren könnte. Am Ende kommen auch wir bei dieser seltsamen Lücke an: Gibt es etwas ZWISCHEN „Hart durchgreifen“ und „Lieb-sein-wie-der-Sozialpädagoge?“

Und wie immer kommen die besten kleinen Erkenntnisse genau von dort, wo alles angefangen hat. 

Wir wollen, dass die Lehrer sich durchsetzen. Sonst ist immer Chaos,   sagt Mahmout. 

Was wäre denn, wenn IHR euch durchsetzt?

Das geht nicht. Dann IST ja Chaos.

Was wäre denn, wenn ihr lernt euch durchzusetzen, OHNE dass Chaos ist? 

Cool. Aber WER setzt sich dann durch? Es kann ja nur einen geben! 

Nee. Es kann viele geben. Wenn ALLE lernen, sich durchzusetzen. 

So abwechselnd oder was?

Ja zum Beispiel. 

Das ist voll langweilig, das ist so Demokratie… macht kein Spaß!

Jetzt warte doch erstmal ab. Ich meine nicht so Stuhlkreis. 

Was denn?

Sag ich doch: Lernen, sich durchzusetzen, also Chef zu sein. 

Chef sein ist gut!   Mahmout lacht.  

Na eben. 

Und das bringst du uns jetzt bei, Frau Plath? 

Ich werd’s mal versuchen. 

Deal!   –  Mahmout streckt seine Hand aus, wir klatschen kurz ab. 

Aber jetzt ist erstmal Pause, wallah! 

Kapitel 16: Die Bretter, die die Welt bedeuten

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Justin ist schuldistanziert. Wenn er weiterhin so viele Fehlstunden ansammelt, müssen wir uns was überlegen. Das läuft da insgesamt völlig aus dem Ruder. Der Junge ist total von der Rolle. Hat sich nicht im Griff. Provoziert. Verweigert den Unterricht – oder erscheint gar nicht erst. Wenn der nicht allerschnellstens wieder in die Spur kommt, können wir den hier nicht weiter beschulen“. 

Sagt der Sheriff. Ich sitze im Lehrerzimmer in der Runde der Kollegen*innen, die in der 8b unterrichten, es geht um die nächste Klassenkonferenz von Justin, und ich fühle mich mal wieder sagenhaft scheiße. Denn natürlich wäre jetzt der Moment, etwas zu sagen. Justin ist nämlich bei mir keineswegs schuldistanziert. Verweigert auch nicht den Unterricht. Ganz im Gegenteil ist so eine neue Wachheit in seine Augen gekommen. Außerdem ist er jetzt jeden Mittwoch zuverlässig bei der Theater-AG. Wo er inzwischen unverzichtbar ist. Nicht nur hat er sich mit Herrn Schulze angefreundet und mit ihm vier alte Strahler aus dem Keller geborgen, die wir nun als Scheinwerfer benutzen, nein – er hat mit dem Hausmeister-Trio auch noch ein Wochenende in der Aula verbracht und geholfen, die Bühne schwarz zu streichen und mit ihnen zwei zusätzliche Holzwände an den Seiten der Bühne angebaut – dann kann man hinter der Bühne sein, ohne, dass die Zuschauer einen sehen, sagt Justin – und auch insgesamt ist es in Wahrheit eher so, dass Justin sich wahlweise im Hausmeister-Kabuff oder in der Aula aufhält – und offenbar in bestimmten Unterrichtsstunden ganz bewusst fehlt – aber deswegen ganz und gar nicht schuldistanziert ist. Denn eben: In der Schule ist er ja. Leider nur nicht da, wo er laut Plan sein soll. Vor allem offenbar nicht bei Herrn Böhm. Wenn ich aber daran denke, dass er noch bis vor kurzem 90 Prozent des Unterrichts mit Kapuze auf und Kopf auf dem Tisch reglos wie eine Statue aus Stein die Zeit abgesessen hat, dann denke ich schon, dass man die Entwicklung der letzten Wochen insgesamt als positiv bezeichnen könnte. Eigentlich sogar als fulminanten Durchbruch. Aber klar, pathetisch werden nützt jetzt nix. Ich forme in Gedanken die Worte, die dieses „Gremium“ hier am Tisch eventuell überzeugen könnte und höre mich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich sagen:

Also mein Eindruck ist eher, dass Justin sich gerade total verbessert. Er ist IMMER bei der Theater AG und in meinem Unterricht fehlt er auch nicht. Ich glaube, der macht gerade eher auf und da passiert was Positives. Den jetzt abzuschulen, wäre doch eine Vollkatastrophe…

Weiter komme ich nicht, denn Herr Böhm unterbricht mich jetzt in eisigem Ton:

Danke für diese ungebetene Einschätzung, Kollegin Plath, die hier im Übrigen niemand teilt. Was in deinen Stunden los ist, wissen wir hier alle. Dass Justin bei DIR zum Unterricht kommt, erstaunt auch niemanden: Bei dir dürfen die ja machen, was sie wollen. Chaos veranstalten ist aber nicht das, was denen auf Dauer im Leben weiterhilft. Daher hoffe ich, dass noch ein paar sinnvollere Vorschläge kommen, die vor allem auf ETWAS mehr beruflicher Kompetenz beruhen. 

Er schaut in die Runde. Einige grinsen.

Mir schießt das Blut ins Gesicht und ich kriege kaum Luft. Mist. So vieles will ich sagen, aber ich habe keine entsprechenden Worte. Wo soll ich anfangen? 

Bei all den Geschichten, die die Jugendlichen jetzt beim Theater erzählen und in letzter Zeit sogar aufschreiben und in Bildern und kleinen Szenen auf die Bühne bringen? Bei meinem Besuch vor zwei Wochen bei Justins Mutter? Bei meiner Erkenntnis, dass Justins Mutter den ganzen Tag trinkt und weint und völlig überfordert ist und ich nicht eine Sekunde länger wütend darüber sein kann, dass sie sich nicht um ihr Kind kümmert, weil sie selbst noch eins ist und dringend Hilfe benötigt? Oder bei meinen vergeblichen Telefonaten mit dem Jugendamt, wo ich immer nur weitervermittelt werde und zu hören bekomme, dass derzeit aufgrund der Vielzahl der Fälle keine Unterstützung möglich ist, wenn ich Glück habe, in sechs Monaten vielleicht? Oder soll ich das Ganze gleich abkürzen mit meiner neuen Erkenntnis, dass es auf uns selber ankommt, weil von außen keine Hilfe zu erwarten ist und gar nichts besser davon wird, wenn wir die Verantwortung immer nur an andere, an eine andere Schule, eine andere Institution, eine andere Maßnahme abgeben? Während mir das alles durch den Kopf rauscht, werde ich wütend. Und das ist hilfreich, denn ich finde meine Stimme wieder:

Es ist doch Wahnsinn, Justin an eine andere Schule oder sonst irgendeine andere Institution abzuschieben – jetzt, wo er gerade anfängt, Vertrauen zu entwickeln. Wenn er offenbar ein Problem damit hat, regelmäßig zur Schule zu kommen, ist es doch absurd, ihn deswegen GANZ raus zu schmeißen! Da sollten wir doch lieber nach den Ursachen forschen, WARUM er fehlt! 

Breiiges Schweigen im Raum. Herr Böhm atmet an. Doch dann passiert das Unerwartete. Jemand sagt:  

Das sehe ich ehrlich gesagt auch so. 

Ich drehe mich um, es ist Andrea Marquart, die Sportlehrerin, ich habe sie eigentlich noch nie etwas sagen gehört. 

Herr Böhm lacht laut und höhnisch:

Da haben sich ja zwei gefunden! Bei der einen toben sie in der Aula rum, bei der anderen in der Turnhalle. Geschätzte Kolleginnen, es geht hier darum, dass Justin ein Anrecht auf FACHUNTERRICHT hat. Nichts gegen eure Spaß-Faxen und Freizeitaktivitäten, ist ja auch mal ganz schön ab und dann, aber Justin braucht ganz eindeutig ein geordnetes Umfeld, eine klare Struktur, eindeutige Ansagen und Regeln. Vor allem würde ich doch aber anraten, dass wir solche Fälle professionell behandeln und Expertenmeinungen einholen, statt hier emotionale Bauchentscheidungen zum Besten zu geben. – Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass insbesondere bei der Kollegin Plath gerade so einiges aus dem Ruder läuft. Der Junge dreht ja nicht ganz zufällig gerade frei! 

Und jetzt verengen sich die Augen des Sheriffs und er holt zur lang erwarteten Attacke aus: 

Und das liegt nicht ganz unwesentlich an dem ganzen Quatsch, den die Kollegin Plath da in ihrem angeblichen Unterricht einführt: Veto Recht und andere fragwürdige Experimente. Ich wollte es ja eigentlich hier nicht zur Sprache bringen, aber die Kollegin hetzt derzeit ganz bewusst unsere Schüler gegen uns auf. Als hätten wir hier nicht schon genug Probleme! 

Ich denke:  Ach, auf einmal sind es jetzt „unsere Schüler“. 

Andrea Marquart starrt den Sheriff an, sagt aber nichts mehr, senkt den Kopf. Und mir pocht die Wut im Hals. Aber auch die Angst, leider. Denken die jetzt alle, ich würde tatsächlich die Schüler aufstacheln? Wie ist es möglich, dass er die Tatsachen so krass verdrehen kann und niemand widerspricht? Soll ich hier kurz mal schildern, wie er mit den Jugendlichen in seinem Unterricht umgeht? Oder mit mir? Was hindert mich daran? Ich habe dieses schreckliche Gefühl, dass niemand mir glauben würde. Und er scheint das zu wissen. Es darf doch nicht wahr sein, wie sicher er sich fühlt, wie hoch er pokert! Und gleichzeitig sehe ich in den Gesichtern der Kollegen um mich herum diesen Zweifel. Dieses: 

Hetzt sie WIRKLICH die Schüler gegen uns auf? Was für ein Veto Recht?  

Das Schlimme ist, dass ich nicht daran glaube, ausreichend Zeit oder Raum zu bekommen, um das Veto Recht so zu erklären, dass der Sinn dahinter verständlich wird. Was der Sheriff sagt, klingt viel einleuchtender, weil einfacher – und empörender. Es ist einfach die bessere Skandal-Nachricht. Er hat damit jetzt die volle Aufmerksamkeit der Runde. Was ich dagegen zu sagen habe, ist irgendwie komplizierter, es hat mit einer längeren Entwicklung zu tun, ich kann dafür noch keine kurzen, knackigen Worte finden, obwohl ich spüre, dass es richtig ist, was ich da angefangen habe. Aber „spüren“ ist leider ein nicht ganz so überzeugendes Argument und nach außen sieht es nun einmal – ja – leider – irgendwie nach Aufstacheln aus. 

Ich habe die vergangenen Wochen sowohl mit meinen Klassen als auch mit der Theater AG in einer aufreibenden emotionalen Dauerauseinandersetzung verbracht, darüber, was das Veto bedeutet und wie es konstruktiv werden kann, statt alle Anwesenden auf die Palme zu bringen. Und dieser Weg führte zunächst einmal über ihre persönlichen Geschichten und Gedanken – und dann immer weiter zu dem ganz tiefen Frust, den diese Kinder in sich angesammelt hatten. Endlich erfuhr ich, warum sie die ganze Schule „verrostet“ fanden, sie kotzten sich regelrecht aus:

Am meisten macht Spaß, bei ALLEM Veto zu machen, isch ficke diese Schule, wallah! Isch ficke diese Lehrer! Isch ficke diese deutschen Kartoffeln! Alter, isch ficke ALLES! 

Mir wurde klar, dass die Veto Karte in etwa so wirkte wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die ganze aufgestaute Scheiße kam jetzt raus. Ein einziges riesen-großes Veto. Es war so, als hätte ich ein Monster aufgeweckt, das seit Jahren im Keller vor sich hinvegetiert hatte, und sich jetzt plötzlich mit aller Wucht erhob. Weil so viel Frust da war, und ich das alles gar nicht in Gesprächen auffangen konnte, spielten wir stundenlang „Open Mike“ mit „All in “, was hieß, dass sie erzählen, schimpfen und auch fluchen durften, so lange sie niemanden im Raum direkt meinten. Das passierte aber auch ohnehin nicht, denn ihre Wut richtete sich nicht gegeneinander, sondern hauptsächlich gegen die Schule, gegen das Job-Center und gegen alle, die sie verlassen, aufgegeben, gedemütigt oder herabgesetzt hatten. Nach den Open Mike Phasen durften sie Wut-Texte und Wutbriefe schreiben, die ich ihnen dann zu Hause ohne Fehler abtippte und ihnen als schöne, ordentliche Texte zurückgab. Ganz allmählich konnten wir dann auf dieser Grundlage Gespräche führen, die etwas länger dauerten, als drei Sätze und die dazu führten, dass die Jugendlichen genauer zuhörten, was ich mit dem Veto-Recht meinte und wie sie es in meinen Unterrichtsstunden konstruktiv anwenden konnten. Sie nutzten es zunehmend als Schutzschild, wenn sie irgendetwas nicht machen, sagen oder präsentieren wollten und wir redeten viel über eigene Grenzen und wo diese von anderen überschritten worden waren und warum das schmerzhaft gewesen war. Manche ihrer Texte waren nur kurz, bestanden teilweise nur aus ein oder zwei Sätzen, hatten es aber in sich und auf der Bühne wurden daraus mit Hilfe des Fernbedienungs-Spiels ganze Geschichten, die immer weniger wirkten, wie alberne Sketche, eher wie bildhafte, theatrale Bruchstücke von Wut und Enttäuschung. 

Und nach einer dieser Stunden steht Justin irgendwann neben mir und murmelt: 

Ich will nicht mehr, dass Herr Böhm „Du fette Sau“ zu mir sagt. Ich mach da jetzt Veto

Und ja. Es stimmt. Ich habe ihn darin bestärkt. Nicht konkret gegen Herrn Böhm, aber insgesamt darin, sich gegen Herabsetzungen und Beleidigungen dieser Art zu wehren. Eine Grenze zu ziehen. Zu sagen: So redet keiner mit mir. Hier ist Schluss. Die Grenze ist überschritten. 

Was genau nun Justin Herrn Böhm gegenüber gesagt oder getan hat, weiß ich nicht, aber offenbar ist die Entwicklung der letzten Wochen nicht spurlos am Sheriff vorbeigegangen. Wahrscheinlich ist die Situation zwischen Justin und Herrn Böhm eskaliert. Kann ich mir gut vorstellen, so klar und irgendwie stark wie Justin jetzt immer wirkt. Mir wird plötzlich ganz schlecht, weil ich ahne, warum wir hier überhaupt sitzen. Es geht gar nicht um Justin. Es geht um einen Machtkampf. Und ich kriege Angst, wenn ich nur dran denke. Ich hätte eigentlich längst was sagen müssen. Aber es scheint in dieser beklemmenden Atmosphäre irgendwie ganz und gar unmöglich das Offensichtliche auszusprechen. 

Ich mache trotzdem noch einen Versuch. Sämtliches Blut scheint mir dabei in den Kopf zu schießen und ich kriege kaum Luft. 

Justin wehrt sich im Moment nur gegen diese ständigen Herabsetzungen. Ich halte das für sehr gesund. 

Ich bin vor lauter Stress so kurzatmig, dass ich Luft holen muss. Dann schiebe ich noch hinterher: 

Und es stimmt nicht, dass ich die Schüler aufhetze. Ich ermutige sie nur, für ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzustehen. 

Mehr schaffe ich nicht. Mein Kopf fühlt sich an wie Brei. Ich nehme nur noch verschwommen wahr, dass Herr Böhm sich aufrichtet, die Adern an seinem Hals und auf der Stirn hervortreten und er anfängt zu brüllen. MICH anzubrüllen. 

Ich glaube echt, es hackt! Haste jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was? Wie kann man nur so dermaßen arrogant sein bei gleichzeitiger vollkommener Verblödung! Willst du uns jetzt erklären, wie wir unseren Job zu machen haben?? Na, vielen Dank auch! Die Kollegen hier reißen sich tagtäglich den Arsch auf, damit aus diesem Gesocks hier noch IRGENDWAS Produktives raus kommt und was machst du? Spielst hier die Heilige! Die ARMEN Kinder! Mein Gott- bist du naiv, das ist ja gar nicht auszuhalten! Deren GRENZEN UND BEDÜRFNISSE!! Ich lach mich tot! Haste mal eine Sekunde über die Grenzen und Bedürfnisse der Kollegen hier nachgedacht?? Nee- Solidarität ist bei dieser Kollegin hier ganz klein geschrieben, ach Quatsch, was red ich: Gar nicht vorhanden! Schleimt sich auf miese Art und Weise bei den Schülern ein: Bei mir dürft ihr alles, aber die BÖSEN anderen Lehrer- die verstehen euch nicht, die machen alles falsch, ach dann wehrt euch doch mal gegen die und macht denen das Leben schwer! Ich könnte kotzen! Ich werd mich beschweren, Kollegin, das lass ich mir hier nicht mehr bieten! Macht euren SCHEISS doch alleine!!! 

Und mit lautem Poltern verlässt der Sheriff die „Bühne“, WUMMS, die Lehrerzimmer-Tür fällt hinter ihm zu, die vielen Zettel mit den Namenslisten der Jugendlichen für die nächsten Klassenkonferenzen zittern noch eine Weile. 

Ich sacke innerlich zusammen. Eine Kollegin sagt in leicht bissigem Ton: 

Ich wunder‘ mich auch immer, woher diese jungen, völlig unerfahrenen Kolleginnen ihr Bomben-Selbstbewusstsein her nehmen. Unterrichten zwei, drei Wochen und wissen dann gleich alles besser… aber das nützt ja nun alles nix, ich nehme mal an, diese Besprechung hier ist zu Ende. Ich schau mal, wo der Werner hingegangen ist. 

Klar. Der arme verletzte Werner-Sheriff muss jetzt schnellstens umsorgt werden nach diesem traumatischen Ereignis: Ihm wurde widersprochen. Ich packe meine Sachen und gehe zur Damentoilette. Nachdem ich mir ein paar Ladungen kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und damit das Aufkommen von Tränen einigermaßen in den Griff bekommen habe, öffnet sich die Tür und drei Kolleginnen betreten das Damenklo. Kaum haben sie mich vor dem Waschbecken ausgemacht, brechen sie in aufgeregte Sympathiebekundungen aus: 

Ach Mensch, Maike! Ich fand das ganz toll, was du gesagt hast- ich bin absolut auf deiner Seite, du hast sowas von recht!

Ich tupfe mein nasses Gesicht mit Toilettenpapier ab (Handtücher gibts nicht) und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Denn was ich sagen, nein, eigentlich schreien WILL, ist: Ja und warum habt ihr nix gesagt?? 

Wobei. Andrea hat was gesagt. Ist allerdings jetzt nicht hier auf dem Damenklo. Ich beschließe, sie suchen zu gehen. Ich murmle sowas wie   Danke, danke…das freut mich…   und mache mich schnell auf und davon. 

Wenn ich Michelle Pfeiffer in „Gangstas Paradise“ gewesen wäre, dann hätten sich jetzt mehr und mehr Leute getraut, dem Sheriff zu widersprechen, Justin hätte Unterstützung erhalten, der Sheriff hätte beleidigt das Feld geräumt – oder wäre – von Justin’s Theater-Erfolg zutiefst berührt – ein neuer Mensch geworden. Das Schuljahr hätte geendet mit der gefeierten Aufführung der Theater AG, einem glücklichen Justin, einer strahlenden Mutter, die den Entzug geschafft hat und mit einer großen allgemeinen Versöhnung im Lehrerzimmer. Aber es war kein Film. Und Herr Böhm verließ nicht das Feld und wurde auch nicht geläutert. Ganz im Gegenteil trommelte er zur Schlacht. Er drohte mir, mich „fertig zu machen“, sollte ich mich weiterhin in SEINER Klasse einmischen. Justin nahm er in die Mangel und setzte ihn unter Druck. Was genau sich abspielte, weiß ich nicht, aber in der folgenden Konferenz gab Justin mit gesenktem Kopf zu Protokoll, Herr Böhm nenne ihn zwar immer „fette Sau“, aber das sei nur Spaß und eigentlich seien sie ja „gute Kumpels“, Herr Böhm sei eben ein strenger, aber eben auch ein guter Lehrer, der „die Lage im Griff hätte“. Andrea und ich gaben unsere Beobachtungen und unsere Sichtweise trotzdem zu Protokoll. Die Reaktion darauf war allgemeines, unangenehmes Schweigen, bei dem ich mich die ganze Zeit fühlte wie eine Verräterin. Aber: Taher, Mahmout, Chris und Selina bestätigten zu meiner großen Überraschung meine und Andrea‘s Aussagen und schrieben – ganz und gar freiwillig und ohne dazu aufgefordert worden zu sein – den längsten Text, den sie wohl je in der Schule freiwillig geschrieben hatten, nämlich eine Wörter- Liste mit folgender Überschrift: „Liste der Beleidigungen, wie Herr Böhm uns immer nennt – von der 8b“. Die Reaktion darauf im Kollegium war:  Ach. Die Jugendlichen erzählen halt viel, wenn der Tag lang ist. 

Außer, dass Herr Böhm einen weiteren Tobsuchtsanfall bekam und mir androhte, mich wegen Verleumdung anzuzeigen, bewirkte das Ganze leider so gut wie nichts, außer, dass Justin die Klasse wechselte, weil er es mit Herrn Böhm nicht mehr aushielt. Und der Sheriff selbst schwieg grimmig zu allen Vorwürfen, wurde aber auch nachhaltig von Frau Rische und dem Hühnerstall verteidigt und getröstet – und machte Andrea und mir fortan das Leben zur Hölle. Was man halt alles so machen kann, wenn Mann heimliche Schulleitung ist. Im Kollegium änderte sich NICHTS, zumindest dachte ich das damals. Aber offenbar änderte sich sehr wohl etwas, nur fand das eher im Verborgenen statt. In den Köpfen einzelner, die aber noch nicht laut werden wollten oder konnten. 

Ich selbst leckte zu Hause meine Wunden, stellte fest, dass die Welt nicht gerecht ist – mit 33 Jahren wurde das ja auch allmählich mal Zeit – und hielt mich an meine neuen Freundinnen: Andrea und Mausi. Wir saßen abends im Café Casablanca und versuchten zusammen zu begreifen, warum ein Phänomen wie der Sheriff so unangreifbar war und was das eigentlich über uns alle aussagte.  

Sag mal, Mausi: Hast du denn damals mal was gesagt, wenn sich der Sheriff wie ein Arschloch verhalten hat?   fragte ich, und hoffte auf eine Gebrauchsanweisung. Aber zu meiner Enttäuschung bekam ich nur ähnliche Variationen davon zu hören, wie es auch jetzt gelaufen war. So ein bisschen Aufruhr, mutiger Schlagabtausch, aber leider kein überzeugendes Ergebnis. Zu wenige trauten sich, ebenfalls aus der Deckung zu kommen. 

Mausi schaut traurig in ihr Weinglas:  Wir sind halt alle zum Stillhalten erzogen worden. Das hat System. Du siehst ja auch jetzt: Die Kinder werden ja nicht dazu erzogen, freie Menschen zu sein, sondern sich an alle Gegebenheiten anzupassen, egal wie unmöglich die eigentlich sind. Und wer da aus der Reihe tanzt, bekommt die volle Ladung sozialen Druck zu spüren. 

Mein erstes Schuljahr in Neukölln ging also nicht mit einem Happy End zu Ende, wohl aber mit einer fulminanten Theateraufführung, bei der 14 Jugendliche mit voller Power auf der Bühne standen und ihre Geschichten erzählten. Und auch, wenn Herr Böhm natürlich nicht kam und nur ein paar versprengte Eltern und befreundete Jugendliche im Publikum saßen, entgingen mir nicht die Tränen, die einige Zuschauer*innen in den Augen hatten, und ich dachte: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und als Justin in einer Szene mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und sagt: Was ich in diesem Jahr gelernt habe? Ich habe gelernt, Veto zu sagen, muss ich mich abwenden, weil mir selbst die Tränen kommen. Also. Alles in allem ein gar nicht ganz so schlechter Anfang. 

Kapitel 15: Never walk alone

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Wer dieses Kapitel lieber hören möchte, findet es auf dieser Seite bei „Maikes Podcast“ oder unter dem Titel „Türwächter*innen der Freiheit“ bei Spotify!

15 Never walk alone

Irgendwann in ein paar Jahren in Berlin vielleicht…:

Ein kleines Kieztheater in der Karl-Marx-Straße mitten in Neukölln. Ein Innenhof, ein paar Holz-Tische vor einem hübschen kleinen Theater-Cafe. Auf den Tischen stehen kleine Vasen mit Blumen. Es ist noch Winter, aber heute scheint die Sonne und die Vögel zwitschern und alles ist ein bisschen wie Frühling. Es weht ein leichter Wind.  Von drinnen leise Musik. A perfect day. Lou Reed. Ich muss nie mehr ins Lehrerzimmer. Ich bin in einem anderen Leben. 

Habt ihr euch schon beim neuen Technischen Leiter vorgestellt? 

Ahmad, der vor mir sitzt und raucht, schaut mich fragend an. Neuer TL? 

Birte, die wie immer auf dem Sprung zu irgendwas ist, entweder Angelegenheiten im Haus, Probe oder Büro, rattert eine Erklärung runter:

Kalle ist unser neuer TL, seit zwei Wochen jetzt am Haus. Macht n guten Eindruck, der arbeitet sich jetzt gerade ein, Klaus war natürlich auch voll ok, aber Kalle ist halt deutlich jünger und hat die Ruhe weg… mal sehen, wie lange noch…  (sie lacht kurz: klar, wie lange kann man als Technischer Leiter am Theater ruhig bleiben?)  – ja, und heute ist ja nicht viel los, da könnt ihr ja mal runtergehen und bisschen mit dem quatschen, Jugendclub vorstellen und was jede Woche so anliegt für eure Proben – was ihr braucht, wie alles so läuft und so… Ich muss los, Tschüssi, bis später…  Birte ist Leiterin des Kieztheaters und immer zwischen mindestens drei Baustellen unterwegs. Auch jetzt spricht sie die letzten Sätze im bereits Weiterlaufen und – weg ist sie. Ahmad steckt sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen, schaut mich kurz an: 

Oder ist dir kalt, wollen wir reingehen?  Ich schüttel den Kopf,  nee, geht noch auf eine Zigarettenlänge, aber dann lass mal rein und die Probe heute besprechen, hast du schon was im Kopf?

Ahmad nickt.  Ja, klar, ich wollte mit Warm-Up Mischpult anfangen und dann die Szene von Basak von letzter Woche weitermachen, am besten arbeiten die Mädchen und die Jungs da heute mal getrennt, und danach führen wir das zusammen. Und heute müssen wir das fertig kriegen, ich hol dich rein zur Präsentation, Maike, und vielleicht kannst du noch mal ne Viertelstunde Dramaturgie-Input geben am Schluss?

Ich nicke: Hört sich nach nem guten Plan an… willst du, dass ich bei der Gruppenarbeit unterstütze? Also, wenn die getrennt arbeiten? – 

Ja, das wäre gut, glaub ich – ihr könnt ja erstmal ins Foyer gehen, und die Jungs proben auf der Bühne und danach wechseln wir dann. 

Alles klar, Ahmad, und lass mal drinnen gleich noch mal kurz schauen, was die geschrieben haben und wie wir das bauen können heute… Haben die dir Texte auf whatsapp geschickt?

Ja, ich habe fünf Texte gekriegt. Schick ich dir gleich mal rüber.  Er nimmt sein Smartphone vom Tisch. Ahmad ist der kleine Bruder von Taher. Er sieht ihm so ähnlich, dass ich von weitem immer noch manchmal denke, es IST Taher. Ahmad kam im Sommer 2009 in die Aula geschlendert, 13 Jahre alt,  kann ich bei der Theater AG noch mitmachen? – Ja, klar.  Seitdem sehen wir uns mindestens einmal die Woche, meistens öfter, und das ist nicht ganz selbstverständlich, denn seit 2013 sind wir beide nicht mehr in der Schule. Er ist kein Schüler mehr und ich keine Lehrerin. Ahmad leitet jetzt selbst eine Theatergruppe – am einzigen kleinen Theater in Neukölln – und ich unterstütze ihn dabei. Er ist Projektleiter in unserem eigenen Verein, den ich mit zwei anderen Kolleginnen leite (schönen starken Power-Frauen übrigens), wenn ich nicht gerade rumreise und Veranstaltungen gebe oder schreibe. Ahmad leitet nicht nur dieses Projekt am Theater, sondern coacht auch Lehrkräfte in Berlin zum Thema Führungskompetenz – und: Er ist inzwischen ein bekannter Filmschauspieler. Gerade dreht er mal wieder eine Tatort Folge, diesmal Tatort Ludwigshafen mit Lena Odenthal. Die Rolle in der Neuköllner Kultserie „4 Blocks“ hat er abgelehnt, weil er nicht immer nur Kanackenrollen spielen will. Ahmad hat auch bei Frank Castorf und Rene Pollesch an der Volksbühne gespielt, liebt das Theater, nicht nur den Film, wirft sich immer wieder rein in die hitzigen Debatten – und weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn die anderen alle weiß sind und in ihm den Neuköllner Kanacken sehen. Im Moment geht’s darum, ob sein neuer Film bei der Berlinale läuft. Es ist Ende Januar und die Entscheidung fällt in den nächsten Tagen. 

Ahmad drückt seine Zigarette aus,  Lass ma reingehen.  Er hält mir die Tür auf.  Und nachher lass ma noch n bisschen privat quatschen, nach der Probe, – ist wieder viel passiert, wallah…Ich brauch ma deinen Rat…

Wir laufen nebeneinander durchs Foyer, dann rein ins Cafe Casablanca, wir setzen uns an „unseren“ Tisch. Ahmat seufzt, strahlt mich dann ganz plötzlich an und sagt:  Weißt du, was geil ist, Maike? Ich bin jetzt Chef. Chef über mein eigenes Leben. Ich musste nicht Maler und Lackierer werden, wie die Lehrer immer zu mir gesagt haben. Und ich musste auch nicht Gangster-Rapper werden, um erfolgreich zu sein. LÄUFT bei mir!   Wir lachen. Ahmad fragt     Kaffee und Cola Zero wie immer, oder?  Ich nicke und er wendet sich rum, um zu bestellen. Raid steht hinterm Tresen, lächelt und winkt uns zu.  Einmal wie immer?, ruft er und Ahmad ruft zurück: Hey Raid, wie geht’s? Alles gut? Und: Ja genau: Wie immer!  

Sag mal, SCHLÄFST du?  Ich zucke zusammen. Eine Kollegin von der Keplerschule hat sich neben mich auf die Bank gesetzt und grinst mich an. Ich bin kurz verwirrt, die Probe ist zu Ende, der Tänzer verabschiedet gerade die Gruppe, Selina und Fatima rennen auf mich zu, um ihren Schmuck und ihre Handies bei mir abzuholen,  war cool heute!  ruft Selina. Ich starre die Kollegin neben mir an, immer noch etwas neben der Spur, lache dann und sage:   Nee, nee, alles gut. Ich hab nur ein bisschen rum geträumt, wie alles sein KÖNNTE…  Die Kollegin lacht jetzt ebenfalls, sie legt ihre große Kamera neben sich auf der Bank ab, streckt mir die Hand entgegen und sagt:  Ich dachte, ich stell mich mal vor. Ich bin Mausi. Und ja – träumen, wie alles sein könnte. Das mach ich auch manchmal.  Ich frage mich, wie jemand ernsthaft Mausi heißen kann, aber so sympathisch, wie ich sie auf den ersten Blick finde, ist es mir dann eigentlich auch egal. Ich drücke ihre Hand,  ich bin Maike.  Es klingelt. Die Kollegin, die Mausi heißt, fragt:  Kommst du mit, n Kaffee trinken?  Ich nicke. Sie nimmt ihre Kamera und wir machen uns auf den Weg nach draußen.  Kennst du das Cafe Casablanca in der Karl-Marx-Straße?  fragt sie. Und ich denke: Da wollte ich immer schon mal hin. 

Es ist Mittag und das Cafe Casablanca ist ziemlich voll. Die Kellnerin ist offensichtlich muffelig, es ist schwierig ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht ist das aber auch die Berliner Gastro-Masche: Gäste erstmal verschrecken. (Und schauen, ob sie sich würdig erweisen). Irgendwann haben Mausi und ich Getränke und Essen bestellt und es wird ziemlich schnell gemütlich. 

Herr Böhm? Ja, DEN kenn ich, sagt Mausi. Das is n Arschloch.  

Ich finde es seltsam beruhigend, dass jemand das so klar ausspricht. Wenn ich mir erlaube, Herrn Böhm als Arschloch zu betrachten, macht alles irgendwie Sinn. Ich nehme etwas erstaunt zur Kenntnis, dass mir dieser „Trick“ ansonsten nicht zur Verfügung steht. Ich KANN vor mir selbst niemanden als „Arschloch“ bezeichnen, weil ich grundsätzlich erstmal denke, dass das Problem bei mir selber liegt. Dass ICH irgendetwas hätte besser, geschickter, klüger anstellen sollen. Außerdem weiß ich einfach nicht, „ab wann“ jemand ein „Arschloch“ ist und bin eigentlich immer bemüht, die Dinge differenzierter zu betrachten. Gibt es gut und böse? Ich weiß es nicht. Ich denke: Eher nicht. Und merkwürdigerweise erinnere ich mich jetzt aus heiterem Himmel an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Sie ploppt ganz plötzlich auf: Ich bin 5 oder 6 Jahre alt, auf jeden Fall noch nicht in der Schule, denn alles, was mit Schule zu tun hat, finde ich wahnsinnig spannend. Aber ich bin noch zu klein und muss warten. Daher ist es das Tollste, wenn ich mit meinem Vater oder meiner Mutter in die Schule fahren darf, wo sie unterrichten. Ich stehe dann ehrfürchtig und aufgeregt im Lehrerzimmer und darf Milchpulver naschen, dass die Erwachsenen sich in ihren Kaffee schütten. Löffelweise schiebe ich mir das weiße Pulver in den Mund, das auf der Zunge sofort klebrig wird und am Gaumen pappt und dann süß wird und – wie ich finde – wahnsinnig gut schmeckt. Ich beobachte die Erwachsenen, die mit Zetteln und Heftern herumlaufen und wichtige Dinge zu tun scheinen und die alle sehr nett zu mir sind und solche Sachen sagen, wie: Na, kommst du uns heute mal besuchen? Bist du denn auch schon in der Schule? Und leider muss ich dann mit meinem breiigen leckeren Milchpulver im Mund sagen:  Nee, leider noch nicht, aber bald! 

An einem Nachmittag im Winter darf ich nach dem Besuch im Lehrerzimmer mit meinem Vater die vielen Treppen hoch steigen zu seinem Musikraum. Das ist der schönste Raum, den ich je gesehen habe. Es hängen viele bunte Bilder an den Wänden und alles ist voller Musikinstrumente und Bücher und vorne steht ein Barhocker, denn mein Vater sitzt gerne auf Barhöckern, auch, wenn er unterrichtet. Er sagt:  Hast du Lust, ein bisschen alleine in meinem Musikraum zu bleiben, ich hab noch eine Konferenz, danach hol ich dich wieder ab.  Und klar gibt es überhaupt nichts Schöneres, als alleine im Musikraum zu bleiben und mir alles genau anzugucken, ich bin völlig aus dem Häuschen vor Glück. Mein Vater geht und schließt die Tür mit seinem großen Schlüsselbund ab, und das finde ich gut, denn jetzt fühle ich mich sicher und geborgen in diesem kleinen Paradies. Niemand Fremdes wird mich stören, bis mein Papa wiederkommt. Ich gehe andächtig den ganzen Raum ab, schaue mir die Bilder ganz genau an, dann die Cover von den vielen Platten, die im untersten Regal stehen, dann nehme ich vorsichtig ein Buch nach dem anderen aus dem Schrank und blättere sie nach Bildern durch, ich probiere ein paar Instrumente aus und setze mich ans Klavier, probiere mit dem Zeigefinger ein paar Tasten, kurz: Ich bin im Glück. Ich habe keine Uhr, aber irgendwann denke ich: Jetzt ist es aber schon sehr lange her, dass Papa weggegangen ist. Ich setze mich auf ein Kissen neben einen riesengroßen Kontrabass und schaue das Buch „Peter und der Wolf“ an. Aber meine Gedanken sind jetzt ein wenig durchlöchert von der Sorge, warum Papa nicht wiederkommt. Und tatsächlich wird es allmählich dunkel. Und dann merke ich auch noch, dass ich pinkeln muss. Mist. Nun ist es mit der inneren Ruhe vorbei. Ich kann mich nicht mehr auf Peter und der Wolf konzentrieren, außerdem ist die Stille um mich herum plötzlich unheimlich. Und: Ich weiß nicht, wie lange ich noch ohne Toilette aushalten kann. Ja. Mensch kann sich vorstellen, wie diese Geschichte weitergeht. Sie endet mit einer kleinen Pfütze in der Mitte des Raumes und einem Kind, das schamgefroren direkt danebensteht – im Dunkeln – wohlbemerkt. Denn nachdem das Malheur passiert war, hatte ich nur noch diesen einen beherrschenden Gedanken, das Licht im Raum auszuknipsen, damit mein Papa, wenn er denn wiederkam, nicht sehen würde, was ich angerichtet hatte. Was natürlich völlig sinnlos war, denn das Erste, was er machte, als er endlich irgendwann den Raum betrat, war natürlich: Das Licht anzuschalten. Was er sofort sah war diese Pfütze und ein heulendes Kind daneben. Und mein Vater konnte es nicht ab, wenn jemand heulte. Dann versteinerte er. So auch jetzt. Was dazu führte, dass sich meine Scham ins Unermessliche steigerte. Er packte mich wortlos an der Hand, ließ alles, wie es war, schloss den Musikraum hinter uns ab und fuhr schweigend und mit grimmigem Gesicht mit mir nach Hause. Dort hörte ich meine Mutter später schimpfen, was für ein Egoist er sei, dass er seine eigene Tochter einfach in der Schule vergaß. Auf diesem Wege begriff ich, dass er nach der Konferenz nach Hause gefahren war, Zeitung gelesen und zwei Geigenstunden gegeben hatte. Erst beim Abendessen war aufgefallen, dass ich fehlte. Die Episode hätte schnell vergessen sein können, aber nach diesem Malheur redete mein Vater drei Wochen nicht mit mir. Ich setzte mich an den Frühstückstisch – und war Luft. Ich setzte mich an den Mittagstisch – und war Luft. Ich fragte vorsichtig: Papa? Und war Luft. Mir war klar: Nach dieser peinlichen Sache war ich für ihn gestorben. Es war wie ein kleiner Tod. Jetzt könnte mensch argumentieren, dass mein Vater ein Arschloch ist. Aber. Es war eben komplizierter. Ich selbst dachte damals, dass ja jeder mal was vergisst. Ich ja auch. Und dass er immer versteinerte, wenn jemand weinte, erklärte ich mir – insbesondere später als Erwachsene – damit, dass er ein Kriegskind war. 1940 geboren. Er hatte als kleiner 5-jähriger Junge die Flucht erlebt. Was das bedeutete, las ich viele Jahre später in den entsprechenden Büchern zum Thema Kriegstraumata. Ich hatte also grundsätzlich eine innere Sperre, jemanden zu beurteilen. Und jemanden als Arschloch zu betiteln ging für mich schon mal gar nicht. Umso überraschenderweise war das nun, wie sehr ich mich freute, dass diese Frau, die Mausi hieß, es trotzdem tat. 

Ich sitze also so vor ihr und nehme erstaunt zur Kenntnis, was für eine unmittelbar spürbare Heilkraft der Gedanke hat, dass der Sheriff ein Arschloch ist. Ich möchte dieser Frau, die Mausi heißt, gerade sehr gerne weiter zuhören. 

Und woher kennst du den?   frage ich und hoffe auf weitere tröstende Informationen. Die werden auch umgehend geliefert.   Den kenne ich noch aus Kommune-Zeiten in den 70-ern. Damals war ich auch noch gar nicht Lehrerin. Da war ich Fotografin und konnte mir auch gar nicht vorstellen, in die Schule zu gehen. Da ging es insgesamt darum, die Gesellschaft radikal zu verändern. Der Versuch mit der Kommune und der freien Liebe hat aber nicht so gut geklappt. Das haben die Männer da einfach als Ausrede benutzt, um sich wie Arschlöcher zu benehmen. Ich bin dann irgendwann da abgehauen. Und mit dem Fotografieren hab ich zu wenig Geld verdient. Deswegen bin ich dann Lehrerin geworden. Weil: Damals gings darum, dass wir Berufe ergreifen, in denen wir die Gesellschaft radikal verändern können. –

Und da bist du LEHRERIN geworden?  frage ich ungläubig.   Ja klar!  sagt Mausi,   Stichwort Bildung! Das ist doch fast die wichtigste Baustelle, wenn man Gesellschaft verändern will!   

Das erstaunt mich jetzt, ich erinnere mich aber an den Satz von Herrn Böhm mit dem proletarischen Kind… Scheinbar hatten die eine andere und deutlich politischere Perspektive. Ich jedenfalls war nicht Lehrerin geworden, um die Gesellschaft zu verändern. Über den Gedanken musste ich fast lachen. Was konnte ich als Lehrerin schon VERÄNDERN? Aber klar – das waren halt die 68-er. Und tatsächlich hatten die ja gesellschaftlich EINIGES in Bewegung gebracht. Mausi macht jetzt allerdings gleich noch einen neuen Gedanken auf.

Deswegen war das ja auch nach der Wende so ne Katastrophe in den Berliner Lehrer-Kollegien, redet sie gutgelaunt weiter, die ganzen Linken wurden da ja gnadenlos zusammen geschmissen und das kannst du mir mal glauben, dass die Linken im Osten und im Westen nicht die gleichen Vorstellungen hatten – meine Güte, das ging da richtig ans Eingemachte! Die haben sich bis aufs Blut bekämpft, das war nicht lustig. Und da hat auch dein Herr Böhm ordentlich mit ausgeteilt, der war einer der Schlimmsten. Alter K-Gruppen-Kader. Kein Spaß. Humor hatten die sowieso alle nicht.  Sie macht eine kleine Pause.  Also ich – ich war eher so der Hippie.  Sie scheint kurz in Gedanken versunken und ich denke: Also waren die Hippies offenbar die Weiseren… 

Was war denn der Unterschied zwischen den Linken im Osten und im Westen? frage ich und komme mir vor wie ein Kind, dass Geschichten von der Oma aus dem Krieg hören will. Aber egal. Ich weiß es ja wirklich nicht. Und mache eine Notiz an mich selbst:  Häufiger mit anderen Menschen treffen! Nicht immer nur innerhalb deines Lehrerzimmers versauern!   

 Mausi rollt kurz mit den Augen.   Naja. Die Leute, die im Osten Lehrerinnen und Lehrer waren, das waren die Systemkonformen. Andere haben die ja gar nicht in die Schulen gelassen. Und das musst du dir mal vorstellen: Da sind dann nach der Wende so Menschen aufeinander getroffen, die ganz unterschiedliche Haltungen und innere Prägungen hatten: Die linken Lehrer und Lehrerinnen in West-Berlin, das waren so Leute mit rebellischer Haltung. Die waren auf Krawall gebürstet. Schon alleine wegen ihrer Nazi-Eltern. Und die Lehrer aus dem Osten, das waren halt die, die eher vorsichtig waren, eher angepasst. Das waren eher so die, die beim Klassenstreich nicht mit machen und die anderen verpetzen. Also nicht alle, natürlich. Aber tendenziell fanden wir die Ost-Kollegen viel zu autoritär geprägt und viel zu gehorsam… Für uns war deren Haltung enttäuschend konservativ! So Dienst nach Vorschrift machen und so ne Scheiße. Das war ja eigentlich voll unpolitisch! 

Ich bin jetzt etwas verwirrt und frage nach:   Naja, aber die Haltungen – also inhaltlich – müssen doch irgendwie ähnlich gewesen sein. Das war doch gelebter Sozialismus bei denen, oder nicht?  

Und Mausi:   Das würde ich so nicht unterschreiben. Eher von oben verordneter Sozialismus, der dann aber nicht persönlich verinnerlicht war! Diese Ost-Kollegen und Kolleginnen   (mir fällt auf, dass Mausi immer ganz ordentlich die männliche UND die weibliche Form benutzt, was ich in meinem Umfeld an der Schule und im Freundeskreis so nicht kenne, es ist 2005…),    also diese Ost-Kollegen und Kolleginnen, die waren so drauf, dass sie sozialistische Haltungen vertraten, weil es ihnen von oben verordnet worden war und die so ne Art Strebertypen waren. Da war jetzt gar nicht so die persönliche Haltung drunter, ganz im Gegenteil, die waren eher obrigkeitshörig. Und wir aus dem Westen wollten ja nun gerade dieses Obrigkeitsdenken abschaffen.   

Jetzt kriege ich innerlich aber doch einen kleinen Widerspruchsanfall:  

Also, der autoritärste Typ, den ich je kennen gelernt habe, ist ja nun gerade Herr Böhm! Also das kann ja nicht stimmen, was du sagst!   (wieder mache ich erstaunt eine Notiz an mich selbst: Mit Mausi rede ich nach zehn Minuten bereits so, als würden wir uns seit Jahren kennen…). 

Mausi pustet nur verächtlich Luft aus:   Ich sag ja gar nicht, dass die West-Leute mit dem rebellischen Impuls nicht auch ne autoritäre Haltung internalisiert hatten! Das merk ich ja bei mir selber! Ein ganzes Leben hab ich mit dieser Nazi-Scheiße meiner Eltern zu tun. Und wir haben Kinderläden gegründet und volles Programm antiautoritär versucht! Trotzdem ist die Scheiß-Prägung natürlich drin! Ich sag ja nur: Angepasstes Kind und rebellisches Kind! Ossis und Wessis gleichermaßen Kindergarten. Leider kein Erwachsenen-Ich. Die Ossis in den Lehrerzimmern waren im angepassten-Kind-Modus, die Wessis im rebellischen-Kind-Modus, aber leider eben ALLE im KIND-Modus. Deswegen wurde das ja auch alles nicht konstruktiv. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass diese Kollegien ein einziger großer, zänkischer Kindergarten waren.   

Ich denke an die Konferenzen, die mir vorkommen wie eine Häschen-Schule und an das kindische Verhalten der Kollegen und frage mich, ob es diese unterschiedlichen Fraktionen wohl immer noch gibt – und diese latente gegenseitige Verachtung – und ob die Zombie-Atmosphäre vielleicht tatsächlich zumindest teilweise auch daher rührt… Mausi hat angefangen, ihre Suppe zu essen und ich denke noch ein bisschen über die Historie dieser seltsamen Stadt nach. Berlin ist nicht Bullerbü. Das wird mir auf jeden Fall gerade noch mal ganz besonders klar. Und auch, dass ich sehr naiv in dieses Kollegium hineingeplumpst bin. Kein Wunder, dass die so gereizt auf mich reagieren. Mmmmh. 

Und sag mal, warum heißt du denn eigentlich Mausi?, frage ich, um jetzt mal wieder auf eine persönlichere Ebene zu wechseln. 

Ach, das ist so ne Art Verarsche aus Kommunezeiten…  lacht Mausi.   Die Männer haben mich da auf ihre Scheiß-Macho-Art immer Mausi genannt, weil das mein Spitzname aus Kindertagen war – und ich hab das dann ironisch umgedreht und zu meinem Kampfnamen gemacht. Flucht nach vorne, sozusagen. 

Ich merke es ganz deutlich: Ich fange an, Mausi sehr zu mögen. Warum habe ICH eigentlich keinen Kampfnamen, frage ich mich? 

Ja und das mit den Kinder-Rollen kann ich nachvollziehen,  greife ich den Faden noch mal auf,   aber das mit den unterschiedlichen linken Haltungen, das kapier ich immer noch nicht so ganz… 

Aber Mausi schüttelt den Kopf:   Das führt jetzt zu weit, DAS Fass machen wir dann das nächste Mal auf. Ich will jetzt viel lieber wissen, was DICH eigentlich so antreibt… Ich beobachte dich ja so n bisschen bei den Proben und denk immer: Die Frau ist ja spannend, die ist ja auch auf Krawall gebürstet… 

Was?,   ich muss lachen,   was meinst du denn? Also ich hab jetzt schon festgestellt: So große politische Ambitionen hab ich GAR NICHT! 

Mausi lehnt sich vor:   Aha? Was willst du denn mit den Jugendlichen erreichen? 

Ich seufze kurz und zucke mit den Schultern:   Also ehrlich gesagt will ich nur überleben. Und ich will, dass die endlich ernst genommen werden. Dass die sich nicht immer so falsch fühlen. Mir wurde immer eingeredet – mein Leben lang – dass Kinder an den Hauptschulen dumm sind. Aber ich sehe jetzt: Die sind Null Komma null dumm, die kommen nur mit ihren Sachen, also ihren Themen, nicht durch. Ich will, dass die sich zeigen und selbstbewusst werden und dass Leute SEHEN, was die KÖNNEN. Das würde uns allen ziemlich gut tun, ehrlich gesagt. Mir war nämlich bis jetzt gar nicht klar, wie blutleer und eindimensional vieles in meinen  Umfeldern so ist.  Außerdem fühl ich mich gerade selber so ein bisschen wie die.  

Mausi fängt schallend an zu lachen. Ich bin verunsichert. Und ein bisschen pikiert. Vielleicht ist sie doch nicht so sympathisch. Ich werfe ihr einen fragenden, latent aggressiven Blick zu und denke: Wenn du dich mit mir anlegen willst, bitteschön… 

Mausi sagt:   Und DU sagst, du bist nicht politisch! Ich LACH mich tot! Willkommen im Club. Ich wusste es gleich. Das sieht ja n Blinder mit nem Krückstock, dass da ein Feuer brennt. Ja, das ist doch mal ne Ansage, Frau Plath! 

Ich halte noch ein klein wenig an diesem latent beleidigten Gefühl fest, lasse es aber schließlich los und beschließe, dieser Frau zu trauen. Ich erzähle ihr alles von meinen Veto-Versuchen und was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Nur die Aula-Scheiße mit Herrn Böhm lasse ich weg. Und Mausi richtet sich auf und sagt:   Ganz ehrlich, Maike: Das ist klasse, was du machst. Mach weiter. Lass dich nicht unterkriegen! Am besten treffen wir uns hin und wieder. Das Wichtigste ist nämlich, dass du merkst, dass du nicht der einzige Freak bist.  

Und damit hatte sie natürlich vollkommen recht. Sie wurde meine erste nahe Freundin in Berlin. Mit Mausi brachen bessere Zeiten an. Ich war nicht mehr allein.