In Wahrheit… – Haltet euch fest!

‘Und wenn du nicht weiter weißt, such dir Verbündete’ (aus ‘Haltet euch fest’, Mareike Fallwickl)

Am 6. Oktober habe ich einen Insta-Post zum Erscheinen des neuen Romans von Mareike Fallwickl gemacht.

Hier kommt die Geschichte dahinter:

Im Roman ‘Haltet euch fest’ von Mareike Fallwickl erleben wir mit den Romanfiguren, wie nährend und gut sich einerseits ein Zusammenleben anfühlen kann, das sich aus den normierten, patriarchalen Strukturen befreit – und andererseits, wie schwer dieser Schritt in die Freiheit ist und was dem in dieser Welt entgegensteht.

Ich lese dieses wunderbare Buch zu einem Zeitpunkt, an dem mein eigenes Leben an den ultimativen Brennpunkt im Spannungsfeld dieser beiden Kräfte gerät:

Der Weg in die Freiheit und in echtes nährendes Verbundensein und Neugestalten mit anderen auf der einen Seite – und der erbitterte brutale strukturelle Gegenwind des bestehenden Systems auf der anderen Seite.

Was meine ich mit ‘erbittertem brutalen Gegenwind des SYSTEMS’:

Ich bin eine Frau, die aus einer Art ‘systemischem Kollaps’ heraus (das absolute Versagen des Schulsystems an den damaligen sogenannten ‘Brennpunktschulen’), in jahrelanger Reflexion der alltäglichen Praxis im Umgang mit sehr heterogenen Gruppen dort ein Führungs-Konzept entwickelt hat, das – sagen wir es mal so einfach: – ‘Hand und Fuß’ hat und menschliches Miteinander und Innovation bewirkt.

Das Veto Prinzip ist ein durchdachtes Konzept, das in einer zufällig vom Staat unbeobachteten Phase – in 10 Jahren Brennpunktschule Neukölln, als alle aus Überforderung in die andere Richtung schauten – in aller Ruhe und in Konsequenz und Tiefe in mir reifen konnte. Wie in 10 Jahren ‘heimlichen Labor’ – fernab von behindernden Strukturen.

Als es strukturell ‘aufflog’ (HUCH?? Was haben wir denn jetzt hier plötzlich in der SCHULE??) – wurde es zum ‘Störfaktor’ und ‘musste schnell bekämpft und eingehegt werden’.
(Was damit gemeint ist und die ganze Geschichte dahinter könnt ihr nachlesen in meinem Dokufiktions-Roman ‘Türwächter:innen der Freiheit’).

Da ich aber schon erlebt und erfahren hatte, was das Veto Prinzip tatsächlich BEWIRKT, floh ich aus dem Schul-SYSTEM und glaubte, es in gemeinnützigen Strukturen in der Gesellschaft weiter verankern zu können.

Dort aber musste ich mit der Zeit schmerzhaft erfahren:
Die gesamte Projektgelder-Förderlandschaft ist strukturell so aufgebaut, dass Menschen, die nachhaltiges Wachstum bewirken wollen, mit der Zeit ausbrennen. Das konnte ich in 15-jähriger Arbeit in gemeinnützigen Vereinsstrukturen am eigenen Leib erfahren.

Inzwischen erkenne ich mit Blick von außen: Das ist ja auch logisch. Der Sinn der gesamten Fördermittel-Struktur ist ja nicht, das System zu verändern! Sondern die auffälligsten menschlichen Schäden dieses Systems kurzfristig abzupuffern und unsichtbar zu machen, damit alles so weiter gehen kann, wie gehabt.

Gemeinsam mit Stefanie López und Anna Maria Weber versuchte ich trotzdem echte Veränderung zu bewirken – TROTZ der Fördermittel-Strukturen. Jahre des Zerrieben-Werdens und der Kompromisse folgten. Bis ich zu verzweifeln begann und den Ausweg im Gründen einer Firma suchte. Dem Veto Institut.

Dies gründeten Stefanie López, Anna Maria Weber und ich gemeinsam, weil wir damals dachten: Dann stützen sich vielleicht Verein und Firma gegenseitig.

Dies erwies sich als naiver Irrtum. Wir blieben weiterhin abhängig von den Vorgaben durch Fördermittel-Geldgeber und das Veto Institut konnte nur unter schwierigsten und arbeitstechnisch eigentlich unzumutbaren Bedingungen eine sinnvolle und unternehmerisch unabhängige (Ausbildungs-) Struktur aufbauen.

Zumal mir dabei plötzlich Misstrauen und Schlimmeres entgegen schlug. So nach dem MOTTO: Jetzt wird sie KAPITALISTISCH und GELDGIERIG!!

Lustig. (Bzw. gar nicht lustig). Die ganzen schrecklichen Unterstellungen und Anfeindungen will ich hier nicht weiter vertiefen und ihnen auch in mir keinen Raum mehr geben, denn sie nahmen mir zeitweise allen Mut, überhaupt noch weiter zu machen.

Hier nur so viel: Wenn ich ein neues Haus bauen will, das ANDERS ist – und übrigens langfristig sehr viel stabiler (!) – als die bisherigen – dann muss ich anerkennen, dass es nicht mit Luft und Liebe allein entstehen kann. Ich kann nicht auf den MOND ziehen!

Wenn mensch ein gesellschaftlich relevantes Konzept in Form eines Unternehmens in DIESE (kapitalistische) Welt stampfen möchte, braucht es Mut zum Risiko und unendlich viel Nerven im Angesicht ständiger Angst vor Insolvenz – denn es braucht ausreichend Einnahmen, damit die Investitionen gedeckt werden können. Das gilt insbesondere für ein kleines Unternehmen, dass eine NEUE Idee in die Welt bringt, die eben NICHT das System Elon Musk reproduzieren will!

Ich gebe zu, ich habe selber nicht geahnt, WIE schwer das ist. Aber weil ich hier nicht mit Details langweilen will, an dieser Stelle nur so viel:

Ich habe nie wieder so viel Geld verdient und so viel Sicherheit gehabt, wie als verbeamtete Lehrerin.

Aber das ist ok. Denn MEIN Ziel war und ist:

Das Veto Prinzip in der Gesellschaft strukturell so zu verbreiten und zu verankern, dass es echte gesellschaftliche Transformation in Richtung Kooperation, Menschlichkeit und NÄHRENDE Wachstumsprozesse bewirkt.

Im Kleinen tut es das bereits so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Weil die von uns gebauten Ausbildungs-Strukturen bereits ein wenig zur Verbreitung und vor allem zur erfolgreichen UMSETZUNG des Veto Prinzips an vielen verschiedenen Orten beigetragen haben.

Daran sehe ich auch: Wer das Veto Prinzip wirklich KENNT, bleibt dran. (Das ist so SCHÖN!)

Doch noch mal zurück zur Situation der beiden Organisationsformen Verein und Firma:

Beide verloren in der kompromisshaften Verschränkung miteinander irgendwann an ‘Saft’ und an Richtung. Deshalb wagte ich im Juni 26 den Schritt, die Firma aus dem Verein heraus zu lösen.

Es folgten mehrere Monate in diesem Sommer 2026, in denen Anna und ich die Strategie – entsprechend eines unabhängigen Unternehmens – komplett überarbeiteten und uns dafür professionelle Beratung suchten. Danke an dieser Stelle an Karolina Goldberg! Das gesamte Back Office musste umgebaut werden, Investitionen in das Material (Veto-Mischpulte), Druckkosten, Vertrieb, Video Tutorials, Buchhaltung, Miete für die Seminarorte, Werbung, Website, Community-Plattform, usw usw. getätigt werden.

Da ich in dieser Welt eine Frau bin ohne ‘patriarchales Backup’, also ‘ohne Mann und ohne Geld’, ha ha, ging das alles gar nicht, ohne sich zu verschulden. Aber ich weiß inzwischen:

Das ist ganz normal, wenn mensch sowas wagt! Und wir stehen im Verhältnis zu den Herausforderungen sehr gut da! Wir haben alles richtig gemacht!

UND – ich weiß von sehr vielen Menschen:

Das Veto Prinzip ist so gut und so relevant, dass es sich langfristig finanziell tragen können wird. Der notwendige strukturelle Schritt dafür ist jetzt getan und ich weiß:

Das Konzept hat das Potenzial, unsere Gesellschaft zum Positiven, Nährenden zu verändern und Demokratie von innen heraus zu stärken.

Und nun zurück zum Anfang:

Am 6. Oktober erschien der Roman von Mareike Fallwickl. Am gleichen Tag erfuhr ich folgendes:

Aufgrund der Investitionen, die in diesem Sommer für die Neuausrichtung notwendig waren, ist das Veto Institut im Minus. Über den Sommer hinweg gab es unerwartet zu wenige Anmeldungen zu unseren Veranstaltungen, die eingeplant gewesen waren, um die Investitionskosten auszugleichen.

Und besonders hart:

Stefanie, Anna und ich hatten VOR diesem Sommer, als die Organisationen noch verschränkt waren, wie immer als Verbündete agiert – im Sinne der SACHE:

Für die Buchpublikation von Stefanie ‘Das Veto Prinzip in der Familie’ hatten wir gemeinsam beschlossen: Das Veto Institut schießt die Produktionskosten für Stefanies Buch vor, damit es umgesetzt werden kann. Gleichzeitig wurde der Betrag als Fördersumme bei einer Stiftung beantragt und bewilligt. Das Geld sollte laut Ankündigung im vergangenen Juni (!) von besagtem Fördermittel-Geldgeber an das Veto Institut zurück gezahlt werden.

Das Veto Institut wartet bis heute auf diese Rückzahlung. Es kann aber solche Summen nicht über Monate kompensieren, schon gar nicht in der Investitions-Phase. Ein Unternehmen aber, das am Ende des Monats seine Rechnungen nicht zahlen kann, geht pleite. So ist das Gesetz. Ewig warten geht da eben nicht.

Und menschlich bitter: So verhindern die unberechenbaren Zahlungs-Modalitäten innerhalb der Fördermittel-Vergabe-Systeme nicht nur Innovation, sondern untergraben auch Kooperationsverhalten untereinander:

Die Unterstützung des einen Vorhabens (Stefanies Buch) führte in eine existentielle Notlage des anderen (das Veto Institut). Wieder wird deutlich:

Etwas menschlich, fachlich und finanziell Verlässliches lässt sich über Projektgelder auch deshalb langfristig nicht verwirklichen. Die Beteiligten bleiben immer abhängig, immer in der Schwebe. Kooperationsverhalten und selbstbestimmte (!) Impulse, die auf das Ziel einer nachhaltigen Idee bezogen sinnvoll sind, werden ‘bestraft’.

Das war mein Schock am 6. Oktober. Ich dachte: Es ist vorbei mit dem Veto Institut. Mit der ganzen Idee. Und dann lass ich Mareike Fallwickl’s ‘Haltet euch fest’ – und plötzlich fiel in mir alles zusammen wie ein riesiges Puzzle. Ich begriff, dass ich NICHT alleine bin. Dass all das nicht mein eigenes, privates, kleines fucking Problem ist. Sondern:

Wenn Menschen ‘ohne patriarchales Backup’ in dieser Welt etwas bewegen wollen, werden sie durch die Strukturen (und auch durch Menschen, die diese Strukturen vielleicht gar nicht sehen und einfach falsche Schlüsse ziehen) GEGENEINANDER ausgespielt und ausgebremst. Finanziell und menschlich.

Und deswegen bin ich dankbar für diesen Roman. Und dankbar, dass das Veto Prinzip darin vorkommt! (Seite 174, 175 – wer es gerne genauer hätte). Danke dir, Mareike Fallwickl!

Ich habe wieder Mut gefasst und deswegen schreibe ich jetzt Tacheles.

Und suche mir Verbündete!

Und der erste Schritt dahin ist, zu ERZÄHLEN und TRANSPARENT zu machen, was ich erlebe. Denn:

‘A feminist is any woman, who tells about her life.’ Virginia Woolf

Das hab ich jetzt getan. (Und werde es weiter tun).

Und abschließend:

Es gibt etwas sehr Schönes: Es gibt das Veto Prinzip. Es gibt Publikationen dazu.

Es gibt dank unseres Mutes und unseres nie unter zu kriegenden Kooperationswillens auch Stefanies Publikation „Das Veto Prinzip in der Familie“. Und ich feiere dich, Stefanie, dafür und freue mich, dass es in die Welt kommen konnte! Dass es jetzt sogar auf der Frankfurter Buchmesse gelandet ist!

Und: Es gibt Veranstaltungen und wunderbares, sehr durchdachtes Material dazu. Schaut es euch an auf vetoinstitut.de! Schaut euch an, was wir diesen Sommer gewuppt haben! 🙂

Und: Das Veto Prinzip wächst und ermutigt bereits sehr viele Menschen, konkret etwas zu TUN.

Es gibt unser Angebot und die Veto Ausbildung, um in Ruhe in die Sicherheit UND in die Freiheit mit diesem Konzept hinein zu wachsen – und dann darauf aufbauend den Mut und die Fähigkeit auszubilden, dieser Welt etwas Konstruktives und Verbindendes entgegen zu setzen.

Das Veto Institut braucht keine HILFE. Es braucht Menschen, die ebenfalls den Schritt in die innere Freiheit gehen wollen und ganz konkret: die in unsere Veranstaltungen kommen. Ansonsten wird es nicht Teil dieser Welt sein können.

So einfach ist das. Wir brauchen Verbündete. Und Geld. – Denn wie auch Mareike Fallwickl so treffend schreibt:

“Wer glaubt, Menschen zu etwas bringen zu müssen, handelt automatisch autoritär. Das werde ich nicht tun. Freilich müssen wir anerkennen, dass es kapitalistische Zwänge gibt, die uns hierher an diesen Ort gebracht haben, weil es unser Job ist zu spielen und wir das Geld brauchen. Das Ziel soll aber sein, dass wir es unbedingt spielen wollen”.

Es gibt viele, die unbedingt Veto Prinzip WOLLEN!

Das Veto Institut ist das Haus, das es gibt, damit wir weiter spielen können. Reich wird davon keiner. Aber es braucht Geld, damit es in dieser Welt existieren und immer mehr Menschen erreichen und die Gesellschaft zu einem funktionsfähigeren und wärmeren Ort machen kann.

Wir haben über den Sommer hinweg das Haus gebaut. Das Veto Institut steht. Jetzt braucht es Leute, die NEU einziehen! Die dazu kommen!

Also, Leute – kommt vorbei! ES WIRD SO GROSSARTIG!! (Lest gerne die Aussagen anderer: Auf unserer Startseite vetoinstitut.de unter Erfahrungsberichten!)

P.S. Und bei allen Auf und Ab’s dieses seltsamen Lebens halte ich mich immer wieder auch an Hannah Arendt:

„Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert.

Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“ Hannah Arendt

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