Ein Lichtstrahl der Hoffnung und der Bedeutung von Kunst in unsicheren Zeiten – Das Figurentheater-Festival BLICKwechsel in Magdeburg

Es gibt Abende, an denen ich sofort weiß, dass ich sie nicht vergessen werde. Abende, die nicht nur unterhalten, sondern etwas in Bewegung setzen – in einer Stadt, zwischen Menschen, in einer Gesellschaft. Das Eröffnungsfest „la notte“ des gegenwärtigen Internationalen Figuren-Theater-Festivals BLICKwechsel in Magdeburg war so ein Abend.

Für wenige Stunden verwandelte sich der Klosterbergegarten in einen poetischen Ausnahmezustand: In einen Ort zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Jahrmarkt und Kunst, zwischen Staunen und Nachdenken. Wer durch das Portal trat, betrat nicht einfach eine Festivalwiese, sondern einen anderen Möglichkeitsraum – voller überraschender Eindrücke und Begegnungen. Der Garten wurde zu einem lebendigen Gesamtkunstwerk, in dem jede Wegbiegung eine neue Geschichte, eine neue Vorstellung, ein neues Ereignis bereithielt und jede Begegnung eine Einladung war, die Welt für einen Moment mit anderen Augen zu sehen.

Besonders beeindruckend war die Qualität und Vielfalt der eingeladenen internationalen Künstler:innen. Mit großer Souveränität und feinem Gespür für Atmosphäre und Dramaturgie vereinte die Künstlerische Leitung (Ania Michaelis, Sophie Neu, Miriam Locker) unterschiedlichste theatrale Formen zu einem Abend, der nie beliebig wirkte, sondern wie eine präzise komponierte Reise durch Bilderwelten, Klänge, Theatrale Ereignisse, die alle auf ihre ganz eigene magische Weise unterschiedlichste Türen zur gegenwärtigen Stimmungslage in der Welt eröffneten.

Ein Höhepunkt des Abends war für mich die Vorstellung des Künstler-Kollektivs Le G. Bistaki aus Frankreich, in der vier Tänzer auf der Wiese – mit sehr reduzierten Mitteln (ein paar weiße Laken, Wäsche-Leinen, Porzellantassen, Musik) – eine dramaturgisch und performativ atemberaubende Tour-de-Force präsentierten – durch die zutiefst komischen und tragischen Facetten der großen und kleinen Momente des Mensch-Seins in dieser Welt. Ich habe selten etwas so Souveränes, Feines und Kluges und gleichzeitig so rasend Komisches, Berührendes und zugleich Kraftvolles gesehen, wie diese Vorstellung. Auch das ist etwas, das ich nie mehr vergessen werde.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war die Arbeit von Theater Titanick. Mit „Upside Down“ schuf das renommierte Ensemble ein monumentales Bild unserer Gegenwart: Eine riesige, bewegliche Weltkugel wurde zur fragilen Bühne für Menschen, die versuchen, in einer aus den Fugen geratenen Welt das Gleichgewicht zu halten. Physical Theatre, Vertikaltanz, kinetische Kunst und Videokunst verschmolzen zu einer eindringlichen Metapher für eine Zeit, die vielerorts von Unsicherheit, Krisen und gesellschaftlichen Verwerfungen geprägt ist. Selten wurde die Schieflage unserer Gegenwart so spektakulär und zugleich so poetisch sichtbar gemacht.

Insgesamt aber war es die Fülle, die Verschiedenartigkeit und die Qualität der eingeladenen internationalen Beiträge von Ensembles hochkarätiger Künstler:innen aus Europa und darüber hinaus, die mich zutiefst beeindruckt und an das Festival in Avignon haben denken lassen.

Sie alle machten deutlich, wie lebendig, innovativ und gesellschaftlich relevant zeitgenössisches Figuren-, Objekt- und Straßentheater heute sein kann.

Das Festivalprogramm insgesamt zeugt von einer außergewöhnlichen kuratorischen Qualität: Über Ländergrenzen, Sprachen, kulturelle Hintergründe und politisch herausfordernde Zeiten hinweg entsteht hier ein starkes, vibrierendes, mutiges – und ermutigendes (!) – ‘magisches Feld’, das deutlich macht, wie groß und wichtig die Kraft der Kunst und des Theaters gerade heute wieder ist.

Dafür gebührt der künstlerischen Leitung mit Ania Michaelis, Sofie Neu und Miriam Locker ebenso großer Respekt wie der Intendantin Sabine Schramm. Ihnen ist es gelungen, ein Festival zu gestalten, das nicht nur künstlerisch herausragend ist, sondern auch eine gesellschaftliche Haltung formuliert: offen, international, neugierig, demokratisch und zutiefst menschlich.

Gerade deshalb ist BLICKwechsel viel mehr als ein Kulturereignis. In einer Zeit, in der Polarisierung zunimmt, demokratische Werte unter Druck geraten und das Laute, Vereinfachende und Trennende oft den öffentlichen Raum dominiert, setzt dieses Festival einen Gegenentwurf. Es erinnert daran, dass Kunst Räume schaffen kann, in denen Menschen einander begegnen, zuhören, staunen und gemeinsam Erfahrungen machen. Räume, in denen Unterschiedlichkeit nicht Bedrohung, sondern Bereicherung ist. Räume, in denen Empathie, Fantasie und echter Dialog entstehen können.

Das Internationale Figuren-Theater-Festival BLICKwechsel zeigt eindrucksvoll, warum Kunst kein Luxus ist, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Dass ein Festival von solcher internationalen Strahlkraft, künstlerischen Konsequenz und menschlichen Wärme gegenwärtig in Magdeburg stattfindet, ist alles andere als selbstverständlich. Umso wertvoller erscheint diese Woche voller Figuren, Geschichten und weißer Elefanten. BLICKwechsel erinnert uns daran, dass Kultur nicht nur zeigt, wie wir leben, sondern auch, wie wir miteinander leben KÖNNTEN.

DANKE!!!

Maike Plath (Veto Institut, www.vetoinstitut.de)