Interview mit Yvo Wüest im Bildungs-Podcast „Education Minds“ am 4. April 2024

Yvo: Willkommen zu einer neuen Folge in der Podcastreihe Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung. Heute bei mir zu Gast: Maike Plath. Hallo Maike, schön, dass du mit dabei bist. 

Maike: Hallo Yvo, danke dir! Ich freue mich auch sehr, dass du mich in deinen inspirierenden Podcast eingeladen hast!

Yvo: Maike, du bist Ex-Lehrerin, Theatermacherin, Begründerin des Veto-Prinzips, CEO Veto Institut, Bildungsaktivistin, Mitglied des Leitungsteams von ACT e.V. und eine vielfältige und interessante Persönlichkeit.

Du hast auch eine Reihe von Büchern publiziert, zuletzt 2023 das Buch „„Das Veto-Prinzip. Die sieben Säulen gleichwürdiger Pädagogik“ im Beltz Verlag. Ein Buch, über das wir heute sicher noch sprechen werden. Maike … erzähl uns etwas aus deinem Leben!

Maike: Also ich glaube, das Wichtigste wäre: Durch Erfahrung von – wirklich – ultimativen Widerstand als Lehrerin an einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin Neukölln hatte ich die Chance, eine Entdeckung zu machen. Statt Widerstand als Störung aufzufassen und sie mit mehr oder weniger autoritär geprägten Verhaltensweisen ‚in den Griff kriegen zu wollen‘, habe ich mich irgendwann in der absoluten Not gefragt: Was muss ich tun, damit die Schüler:innen kooperieren WOLLEN? Was braucht es dafür? Und das war der Startpunkt aller Überlegungen und der Entwicklung des Veto-Prinzips als umfangreichem Konzept. Heute leite ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen in Berlin das Veto-Institut, über das wir dieses Führungskonzept in Fort- und Weiterbildungen an interessierte Menschen weiter geben.  

Yvo: Auf LinkedIn hast du kürzlich Theodor W. Adorno zitiert mit dem Satz:

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“.

Du bist die Begründerin des Veto-Prinzips. Bei diesem Prinzip geht es darum, dass Menschen schon mal gar nicht in ein Gefühl von «Ohnmacht» gelangen.

Dieses Prinzip initiiert konkrete Prozesse, um auf der Basis von echtem Selbstwert und Integrität in die eigene Führungsverantwortung und Kooperationsbereitschaft hineinzuwachsen.

Warum ist dir dieser Satz von Adorno wichtig und brauchen wir wirklich alle ein Veto-Prinzip?

Maike: Ich weiß nicht, ob wir ALLE ein Veto Prinzip brauchen. Das kann jede:r nur für sich selbst entscheiden. Aber wenn wir uns die derzeitigen Probleme in der Welt anschauen, könnte es nützlich sein, die Konsequenzen aus Adornos Schriften zu ziehen und Menschen nicht länger in die Anpassung zu zwingen. Es fängt klein an, aber wenn wir immer nur lernen, uns bestmöglich anzupassen, entwickeln wir keine eigene Identität und müssen den Mangel an echtem Selbstwert zunehmend durch Bewältigungshandlungen kompensieren, die uns in Trennung von anderen bringen – im Kleinen zu Entfremdung von uns selbst und anderen, im Großen zu Krieg und Gewalt.

Wenn wir was anderes wollen, müssen wir was anderes TUN.

Wer nach dem Veto Prinzip arbeitet, geht von der Würde und Integrität jedes einzelnen Menschen aus – und nicht von einer gesetzten Norm. Dadurch entsteht – wie auch Jesper Juul vielfach beschrieben hat – echter Selbstwert und der Wille zur Kooperation mit anderen. Jesper Juul hat das schwerpunktmäßig in Gesprächsform umgesetzt, aber ich hatte große Gruppen, in denen ich dafür eine konkrete Methodik brauchte – daher habe ich Schritt für Schritt sogenannte Erfahrungsspielräume entwickelt und Instrumente und Koordinaten, um von der jeweiligen Integrität jeder einzelnen Person im Raum ausgehend Prozesse zu initiieren und zu begleiten, die alle in Kooperation führen – und zwar deswegen, weil alle durchgehend selbstbestimmt Entscheidungen treffen dürfen und nichts machen müssen, was sie nicht wollen. Dass genau das in die Verbindung und Kooperation mit anderen führt, erlebe ich seit 20 Jahren in der Arbeit mit dem Veto Prinzip und deswegen habe ich inzwischen mit meinen beiden Kolleginnen Anna Maria Weber und Stefanie Lopez das Veto Institut gegründet, über das wir dieses Konzept in Fort- und Weiterbildungen in Deutschland und in der Schweiz an interessierte Menschen weiter geben.

Beim Veto-Prinzip ist der Startpunkt das individuelle Veto Recht jeder einzelnen Person im Raum, durch das die Integrität geschützt ist. Von dort geht es dann Schritt für Schritt in transparent angeleitete Prozesse, die zu Führungsverantwortung führen und das jeweils individuelle Potential aller Beteiligten entfalten und stärken.

Yvo: Ich will einen Moment den Begriff Integrität mit dir klären.

Der Begriff „Integrität“ taucht – wie du sagtest – auch bei Jesper Juul auf. Kannst du kurz erklären, was Integrität bedeutet und warum du denkst, dass in unseren derzeitigen Institutionen Integritätsruinen verursacht werden?

Maike: Ja, jetzt hast du meinen Lieblingsbegriff in`s Spiel gebracht: Die Integritätsruine! Aber erstmal zum Begriff der Integrität: Integrität bedeutet auch Selbstwert und hängt mit unserer Identität zusammen. Wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, kann ich mich ENTWEDER fragen: Was muss ich tun, also wie muss ich mich anpassen, damit ich hier anerkannt bin, eine gute Note bekomme, in Sicherheit bin, nicht aus der Rolle falle und nicht beschämt werde. Das wäre eine Anpassungspassung. ODER ich kann mich fragen: Wie geht es mir gerade? Was fühle ich? Was brauche ich jetzt, damit es mir gut geht und ich in Kooperation mit den anderen sein kann. Das wäre Integrität. Integrität bedeutet: dass ich meine Bedürfnisse wahrnehmen und meine Grenzen gut schützen kann. Jesper Juul hat bereits festgestellt, dass nur ENTWEDER das eine oder das andere geht. Und dass wir in den Zeiten, in denen wir mit einer Anpassungsleistung beschäftigt sind, nicht gleichzeitig Integrität und Identität ausbilden können. Das heißt: Immer dann, wenn wir mit Anpassung beschäftigt sind, ist unser Identitäts-Bildungs-Prozess gestoppt.  Wenn wir uns also unsere Schulen anschauen, können wir dort Identitätsruinen besichtigen. Alle sind mit Anpassungsleistungen beschäftigt, sowohl die Schüler:innen, als auch die Lehrpersonen. Und das schöne Bild der „Integritätsruine“ will ich noch kurz erklären, denn eigentlich heißt es ja „Investionsruine“ und das heißt: Man weiß eigentlich, dass das Fundament eines Hauses morsch ist, aber weil man schon soviel investiert hat, will man das nicht wahrhaben und baut einfach weiter oben drauf. Genauso läuft es an den Schulen: Das Fundament ist morsch, denn niemand ist wirklich auf der Basis von Integrität WIRKLICH anwesend und mit seinem echten authentischen Potential verkoppelt, sondern alle sind in der Anpassung und die Identitätsbildung ist gestoppt. Die Integrität wird quasi mit Füßen getreten. Wenn wir das über lange Zeiträume so machen, muss immer mehr der mangelnde Selbstwert kompensiert werden. Denn in Anpassungssystemen wird statt eines echten Selbstwerts ein Fake-Selbstwert genährt, der von äußerer Bestätigung und den Likes der anderen abhängig ist. 

Yvo: Du bringst die heute Zeit gut auf den Punkt: Anpassungssysteme. Und in den modernen Industriegesellschaften begegnen uns in der Folge  viele Menschen, die ständig als „Ich-AGs“ unterwegs sind, jedes Mittagessen und jede Alltagserfahrung ssofort auf Social Media posten. Um ständig nachzusehen, wieviele Likes und Kommentare sie damit generierten.

Was macht das mit den Menschen, nach deiner Erfahrung?

Maike: Diese ständige Sucht nach äußerer Bestätigung ist ein Ergebnis autoritär geprägter Führung. Autoritär geprägte Handlungsweisen (belohnen, bestrafen, beschämen, moralisieren, manipulieren, drohen, ausschließen) führen grundsätzlich in Integritätsruinen und in Bewältigungshandlungen, weil sie immer Anpassung einfordern. Wenn ich der Überzeugung bin, dass ich weiß, was für mein Gegenüber „das Richtige“ ist, handle ich autoritär, so lieb und freundlich ich auch spreche. 

Demgegenüber steht die wirklich gleichwürdige Führung beim Veto-Prinzip. 

Das hat auch gesamtgesellschaftliche Relevanz:  Wir müssen unterscheiden zwischen Integrität und Egoismus. Es ist NICHT egoistisch, für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzustehen, denn dadurch entsteht erst der echte Selbstwert, der die Basis ist für den Willen zur Kooperation und Verantwortungsübernahme. Wenn wir Demokratie, Gleichwürdigkeit und Vielfalt wollen, müssen wir uns fragen, welcher Weg uns dahin führt und ob das, was wir derzeit in Schulen und Institutionen erleben, in Bezug auf dieses Ziel wirklich nützlich ist. Wir sehen überall einen Vertrauensschwund in Bezug auf demokratische Systeme. Wenn wir aber noch das Ziel einer stabilen Demokratie haben, müssen wir uns Gedanken machen, ob es heute andere Weg zu diesem Ziel braucht. Ich denke, das ist dringend notwendig. Ein Beitrag dazu ist das Veto-Prinzip, weil es beim Fundament ansetzt: Beim Selbstwert jedes einzelnen Menschen. 

Yvo: Kannst du kurz erklären, was genau das Veto Prinzip ist?

Maike: Beim Veto-Prinzip geht um Führungsverantwortung. Beispiel: Alle haben ein Veto-Recht und dann fahren wir – bildlich gesprochen – den „Zug mit all den Waggons prall gefüllt mit Instrumenten und Wegbeschreibungen“ herein, wie es vom Veto-Recht aus weiter geht – ins Land der inneren Freiheit – raus aus dem Land des inneren Gehorsams. 

Es gibt drei Bestandteile beim Veto-Prinzip: 1 Die Arbeit an der inneren Haltung (Aufbau von Integrität). 2 Die Arbeit am äußeren, authentischen Auftritt in der Welt und 3 Die partizipative Methodik und Systematik. Das Führungshandeln wird Schritt für Schritt vorgelebt und transparent gemacht mit dem Ziel, dass nach und nach alle auf der Basis ihres jeweiligen Potentials individuell und auf der Basis derselben Haltung Führungsverantwortung übernehmen können. Es geht nicht um Konsent oder Kollektiv. Beim Veto Prinzip ist immer eine Person in Führungsverantwortung, aber diese wechselt. Nach all meinen Erfahrungen würde ich sagen: Keine Führung ist nämlich auch keine Lösung. Und genau das ist eventuell auch der Eindruck vieler Leute, die derzeit an der Funktionstüchtigkeit der Demokratie zweifeln.

Yvo: Wenn ich dir hier zuhöre, klingt das für mich alles plausibel. Kannst du ein Beispiel geben, wie das Veto-Prinzip in der Praxis funktioniert?

Maike: Nehmen wir mal den Start des Ganzen: Das Veto Recht. Damit ist augenblicklich die Integrität aller Personen im Raum geschützt. Dann muss ich aber erstmal lernen, meine Integrität überhaupt zu entwickeln, damit ich das Veto-Recht konstruktiv nutzen kann und nicht nur „autoritär geprägt“ ins rebellische Kind falle und nur aus Trotz und Rebellion zu allem Veto mache. Ich muss lernen, mich zu fragen, was ich will bzw., was ich NICHT will. Wie es mir grad geht, was meine Bedürfnisse sind und wie ich dafür sorgen kann, dass es mir gut geht. Das kann ich beispielsweise mit den Sieben demokratischen Führungsjokern des Veto-Prinzips trainieren: 1 Veto 2 Tempo 3 Klarheit 4 Verantwortung 5 Freispiel 6 Störgefühl 7 Blick von außen. Wir starten mit dem Erfahrungsspielraum „Wahrheit oder Pflicht“. Jeweils drei Personen sitzen zusammen und das Ziel ist es, etwas Persönliches voneinander zu erfahren. Jede Person in diesem Trio übernimmt für 15 Minuten lang die Führung und das heißt: Sie stellt sehr persönliche Fragen an die beiden anderen. Damit diese aber steuern können, WIE persönlich es werden darf, haben sie die sieben Führungsjoker als Instrument, um ihre Grenzen und Bedürfnisse genau zu justieren. Zum Beispiel: Wenn ich eine Frage zu persönlich finde, kann ich Veto einlegen. Dann muss diese Frage zurückgezogen werden. Wenn es mir ZU persönlich oder zu WENIG persönlich (zu schnell oder zu langsam) geht, kann ich den Joker „Tempo“ ziehen. Wenn ich etwas nicht verstehe, kann ich an die fragende (und führende) Person „Klarheit“ zurück melden. Wenn ich die Frage zwar beantworten möchte, aber mir Sorgen mache, dass mein Gegenüber die Antwort nicht verträgt, kann ich „Verantwortung“ für die jeweils ANDERE Person übernehmen und signalisieren: Ich würde dir antworten, aber ich vermute, dass meine Antwort eventuell DEINE Grenze überschreitet. Wenn ich plötzlich „getriggert“ bin, also ein Gefühl aufkommt, das ich noch nicht richtig erklären kann, dass mich aber daran hindert, mich auf die Frage einzulassen, kann ich mit „Störgefühl“ signalisieren, dass es mir grad nicht gut geht und eventuell erstmal mein Gefühl versorgt werden muss. Mit dem Joker „Freispiel“ zeige ich an, dass ich die Frage zwar beantworten will, aber auf meine ganz eigene Weise. Eventuell beantworte ich auch eine andere Frage, die aber entfernt mit dem Thema zu tun hat. Und mit dem Joker „Blick von außen“ kann ich anzeigen, dass ich gerade einen Konflikt wahrnehme und es besser ist, wenn wir kurz aus der Situation aussteigen und (systemisch) von außen drauf schauen sollten. Für diesen 7. Führungsjoker gibt es eine gesamte Coaching-Spielweise beim Veto-Prinzip: Das sogenannte Konflikt-Mischpult. 

Yvo: Lass uns den Blick einen Moment ausweiten. Wie sieht dein Blick auf die Schullandschaft in Deutschland, in Europa aus?

Maike: Überall beobachten wir gerade einen Vormarsch des Autoritarismus. Gefährliche Entwicklung. Das ist aus meiner Sicht eine gefährliche Entwicklung. Ein Beispiel aus der Schweiz dafür ist für mich auch das Konzept der „Neuen Autorität“ von Haim Omer, das das Autoritäre durch die Hintertür wieder salonfähig macht, indem es nach außen als „Führen über Beziehung“ verkauft wird. Ich sehe hier aber die Gefahr, dass viele Menschen ihre eigenen autoritär geprägten Anteile gar nicht so bewusst haben und das Konzept benutzen können, um sehr autoritär zu handeln – ohne, dass es von außen so aussieht. Das ist fast noch schlimmer. Ich sage noch mal: Wir müssen uns hinterfragen, ob wir als Führungsperson glauben, dass wir irgendeinen Menschen irgendwohin „hinbringen müssen“. Wenn wir das denken, handeln wir automatisch autoritär. Deswegen ist es zuallererst die Haltung, an der wir arbeiten müssen. Wir selbst müssen erstmal in unsere Integrität und Zufriedenheit kommen, bevor wir andere dahin führen können. Die Schullandschaft erscheint mir derzeit insgesamt hilflos auf die zunehmenden Probleme unserer Zeit zu reagieren, statt mutig TASÄCHLICH am Ursprung Veränderungen vorzunehmen. Statt Menschen irgendwohin zu manipulieren, müssen wir ANDERS beginnen, nämlich mit der Frage: Was brauchen Menschen, damit sie kooperieren WOLLEN?

Yvo: Du sagt, im Prinzip fängt jede Veränderung zuerst einmal bei mir selber an. Wir müssen zuerst einmal unsere eigene Entwicklungsarbeit leisten, in unsere eigene Integrität und Zufriedeneit kommen. Bevor wir andere dahin führen können.

Aus unserem Vorgespräch weiss ich auch, du bietest auch in der Schweiz Veranstaltungen zum Veto Prinzip an, zusammen mit Urs Eisenbart, der auch kürzlich hier in der Podcastreihe auf Besuch war.

Was kann man bei Urs und dir lernen?

Maike: Ich würde sagen: Lösungen für im Grunde all unsere Alltagsprobleme: Wie kann ich besser führen – sowohl im Privaten – als auch im Beruflichen. Stichwort: Führe Regie über dein Leben! Ein wichtiger Schlüssel bei dieser Arbeit ist, dass wir nicht nur auf der kognitiven Ebene arbeiten, sondern dazu kommen die Ebenen Emotion und Körper. Ein wesentliche Teil ist die Analyse, Reflexion und Arbeit mit Gefühlen und der Körpersprache. 

Das Veto-Prinzip eröffnet Räume, in denen die verschiedensten Menschen ihren Bedürfnissen treu bleiben können. Wir arbeiten nicht an einer Norm orientiert, sondern an der jeweils individuellen Integrität. Alle steuern sich selbst durch die vier Integritätsfragen des Veto-Prinzips. Es geht immer um die Suche nach dem JA zu etwas. Bei Widerstand lernen wir, nicht in autoritäre Verhaltensweisen zu kippen, sondern statt dessen den Kooperationsimpuls zu finden, das JA zu etwas. Und das können wir nur dann herausfinden, wenn wir erstmal NEIN sagen, also Veto machen dürfen. Schon Jesper Juul hat gesagt: „Es ist ein bekanntes zwischenmenschliches Phänomen, dass wir erst von ganzem Herzen JA zu etwas sagen können, wenn wir uns sicher sind, auch mit voller Berechtigung NEIN sagen tun können.“

Und: Führungskompetenz entsteht nicht nur über das Lesen von Büchern, sondern das geht über den Körper. Ein Beispiel: Die Erfindung des Status-Reset-Verfahren. Dieses Format lieben die Leute und es wird sehr viel gelacht, weil dabei so viele überraschende und tiefe Erkenntnisse entstehen. Das Status-Reset-Verfahren ist ein komplett auf der eigenen Integrität aufbauendes Rollenspiel, in dem jede Person aus einer Vielzahl von Möglichkeiten komplett selbstgesteuert auswählen darf, was sie ausprobieren will. Ich muss selber auch immer lachen, weil das alle lieben – und insbesondere diejenigen, die sich sonst vor jeglicher Art von Rollenspielen gruseln. 

Yvo: Du hast ein anderes Buch geschrieben mit dem Titel „Türwächter:innen der Freiheit“. Ich habe es hier vor mir auf dem Tisch und bereits die ersten Kapitel darin gelesen.

Magst du dazu etwas sagen und vielleicht auch, was der Titel bedeutet?  

Maike: Eine Türwächter*in der Freiheit ist ein Mensch, der durch eigene schmerzhafte Erfahrung erkannt hat, dass durch Verletzung der Integrität und der inneren Freiheit eines Menschen langfristig die größten Kosten für die Gesellschaft entstehen. Eine Türwächter*in der Freiheit besitzt daher den Mut, diesen Wert – falls nötig – gegen Widerstände, gegen Missbrauch und gegen jegliche Form der Gewalt – zu verteidigen. Sie bewacht bzw. hält die Tür zu den Werten einer offenen, vielfältigen Gesellschaft und damit zur inneren Freiheit und Würde des Menschen gegen Bedrohungen und Angriffe von innen und außen. 

Das Buch ist eine Dokufiktion und erzählt die ganze Geschichte hinter dem Veto-Prinzip, also wie das alles entstanden ist und welche wahren Begebenheiten und Menschen dahinter stecken. 

Yvo: Lass uns jetzt noch über dein neustes Buch, das «Veto-Prinzip» austauschen.

Im Buch „„Das Veto-Prinzip. Die sieben Säulen gleichwürdiger Pädagogik“, schreibst du vom ‚Führungstyp Schildkröte‘. Das ist ein interessantes Bild. Was genau meinst du mit «Führungstyp Schildkröte»?

Maike: Adorno unterschiedet die autoritär geprägte Persönlichkeit von der freien, autonomen Persönlichkeit. Der Führungstyp „Schildkröte“ entspricht der „freien autonomen Persönlichkeit“ nach Adorno und ist ein Entwicklungsziel. Alle Prozesse des Veto-Prinzips haben dieses Entwicklungs-Ziel. 

Yvo: Jetzt heisst ja unsere Podcastreihe „Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung“.

In deinem Buch und heute in unserem Gespräch sprichst du vom ‚Mischpult-Prinzip‘ und vom Dreischritt. 

Kannst du diese Begriffe erläutern und ein Beispiel nennen, wo du bei deiner Arbeit bewusst auf Reduktion von Fülle setzt, oder Komplexität bearbeitest, damit die Teilnehmenden besser damit umgehen können?

Maike: Ja, das wäre das Arbeitsinstrument des Karten-Mischpults. Zu einem Thema wird Wissen in seine kleinsten Bausteine fragmentiert und in Form von Karten in verschiedenen thematischen Kategorien zur Verfügung gestellt. Das sind immer dies vielen bunten Karten auf Tischen oder auf dem Boden, die Mischpulte. Das jeweilige thematische Mischpult bildet den Referenz-Rahmen für die gesamte Gruppe und ist die Basis für die sogenannten Erfahrungsspielräume. Das sind Spielfelder mit bestimmten Spielregeln, in denen sich alle selbst steuern und unentwegt Entscheidungen treffen: Was vom Karten-Mischpult will ich WIE verhandeln. Dazu gibt es Skalen, anhand derer ich mich orientieren kann, wo in meinen Prozessen ich mich befinde. Welche persönliche Challenge stelle ich mir selbst in diesem Spielfeld und auf welchen thematischen Skalen will ich welche Fortschritte machen? Das Ganze ist immer im sogenannten Drei-Schritt strukturiert. Als erstes fragen wir uns: Was ist der Sinn von dem, was wir jetzt machen? Was ist das Ziel? Das zweite ist der jeweilige Erfahrungs-Spielraum, das Spielfeld, in dem ich meine eigenen Erfahrungen machen kann, orientiert an den Mischpult-Karten, den jeweiligen Spielregeln und den Skalen für die Selbstbeobachtung. Das dritte ist dann die Reflexion. Wenn ein Erfahrungsspielraum beendet ist, tauschen sich alle nach transparenten Regeln und Fragen darüber aus, welche individuellen Erfahrungen gemacht wurden. Was habe ich erlebt, erfahren und erkannt, während ich in diesem Erfahrungsspielraum war? Für diese Reflexionen gibt es verschiedene Formate, die klar geregelt sind. Insgesamt gilt: Dass alle Drei-Schritte auf einer Skala zwischen Einfach und Komplex zunehmend komplexer werden. Die Karten-Mischpulte werden von den Gruppenmitgliedern zunehmend erweitert. Alles, was an Erkenntnissen und Erfahrungen passiert, wird immer wieder der gesamten Gruppe zur Verfügung gestellt und in weiteren Erfahrungsspielräumen prozessiert. Auf diese Weise können nicht nur komplexe thematische Felder gemeinschaftlich erschlossen werden, sondern vor allem dauernd neue, kreative Lösungen für komplexe Fragestellungen und Probleme gefunden werden.

Yvo: Lass uns hier gleich ein Experiment mit Reduktion machen:

Wenn du unseren Zuhörenden nur einen Rat geben könntest, was würdest du ihnen empfehlen, wenn sie einen mit dem von dir propagierten Veto-Ansatz weiter durchs Leben gehen möchten?

Maike: Sich in Alltags-Situationen diese vier Fragen zu stellen: Was will ich NICHT? WAS will ich? (Nach dem klaren JA zu etwas suchen) WIE will ich das? Was BRAUCHE ich dafür? Sich zunehmend in unterschiedlichen Kontexten für die eigenen ehrlichen Antworten sensibilisieren und auf diese Weise den Muskel der eigenen Integrität in Gang setzen und trainieren. 

Yvo: Maike, lass mich einen Moment zusammenfassen, was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die wir heute mitnehmen können?

Ich nehme mit

1. Verstehen ist Zufall. Wenn eine vielfältiger werdende Demokratie funktionieren soll, brauchen wir wirksame Instrumente, mit deren Hilfe wir gleichwürdiger und kooperativer kommunizieren lernen – trotz bestehender Unterschiede, verschiedener Meinungen und Perspektiven. 

2. Keine Führung ist auch keine Lösung. Konsens – Konzepte reichen nicht aus. Es muss darum gehen, Verantwortung zu übernehmen um aus der Opfer- und der Jammerperspektive raus zukommen. 

3. Die Schlüsselfrage lautet: Was braucht es, damit Menschen kooperieren wollen?

Deine Empfehlung lautet klar, bei der Würde des Menschen anfangen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn wir das ernst nehmen, müssen wir bei Integrität BEGINNEN und also mit dem Veto-Recht für jede einzelne Person. 

Habe ich etwas vergessen, gibt es Ergänzungen von dir?

Maike: Ich finde, dass du alles wunderbar zusammengefasst hast, Yvo. Ich würde nur noch dies ergänzen: Den Aspekt des Lustprinzips und der intrinsischen Motivation. Unser Gehirn ist nämlich ein Lustorgan. Und weil das Veto Prinzip Lust-orientiert ist und auf den menschlichen Bedürfnissen aufbaut, macht es nachhaltig glücklich.

Yvo: Wo findet man Informationen zu deinen Angeboten und wo kann man sich mit dir verbinden?

Maike: Webseite https://vetoinstitut.de

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/maike-plath-36269772/

Yvo: Liebe Maike, ich danke dir für dieses inspirierende Gespräch!

Maike: Danke dir auch, lieber Yvo!