Was Freiheit für mich bedeutet – Und: Mein neues Buch erscheint im Januar – es ist: Ein Dokufiktions-Roman

Das erste Buch der Türwächter*innen der Freiheit ist fertig. Es ist ein kleines Neukölln-Epos geworden. Viele von euch haben die einzelnen Kapitel als Podcast-Folgen bei Spotify oder auf anderen Plattformen gehört. Wie euch aber sicher aufgefallen ist, ist es natürlich ein Hörbuch – und nicht im klassischen Sinne ein Podcast. Und bei einem Hörbuch braucht es dann eben auf jeden Fall auch das Buch! Zum gemütlich auf dem Sofa liegen und LESEN. Im eigenen Tempo. Und vor allem: Im Ganzen. 

In den letzten Wochen und Monaten wurden aus hunderten Seiten Bildschirm-Bleiwüste am Computer Schritt für Schritt ein wunderschönes Buch zum Anfassen, Anschauen und blättern. So als ob diese Geschichte nun einen glitzernden Anzug für den Laufsteg in die Welt bekommen hätte. Lektorat, Gestaltung und Layout. Der Anzug sitzt. Und schimmert. Da das Buch dann noch in den Druck muss, wird es allerdings leider nicht zu Weihnachten fertig. Aber es erscheint direkt im neuen Jahr – im Januar. Wegen der unsicheren Corona Lage findet die offizielle Buchpremiere trotzdem erst im März statt –  natürlich im Heimathafen Neukölln, der im Buch ja eine große Rolle spielt. Die Buchpremiere ist als kleines, großes Fest geplant. Ich freue mich sehr darauf und werde rechtzeitig informieren. Bis dahin müssen wir nun leider noch diesen Winter überstehen. Aber vielleicht geht das mit einem aufregenden Buch ja noch ein bisschen besser, in dem ihr Taher, dem Sheriff, Lila von Dornbusch, der neuen Berliner Bürgermeisterin – äh, der Fee Tinker Bell – Kirsten Heisig, Güner Balci, Dennis, Lenny, Sabrina und all den anderen Neuköllner Figuren dieser Geschichte noch mal in Ruhe selber begegnen – und in diese Geschichte eintauchen könnt wie in einen Berlin-Film. Denn genau das war ein bisschen der Plan: In eurem Kopf ein großes Kino mit vielen starken Bildern zu erzeugen, das euch gut durch die grauen Tage der Corona Krise bringt. Das wäre jedenfalls schön. 

Und jetzt noch ein paar persönliche Worte von mir zum Titel und zum Begriff der Freiheit. 

Die Freiheit zur (Selbst-) Verantwortung  

Der Begriff der Freiheit ist durch die Pandemie in den Fokus geraten und ich habe das Bedürfnis, klar zu formulieren, was für mich eine „Türwächter*in der Freiheit“ ist, bzw. wie ich den Begriff der Freiheit verstehe. 

Wenn ich von Freiheit spreche, meine ich die Freiheit zur (Selbst-) Verantwortung. Ich leite dies direkt aus meinen Erfahrungen im Berliner Schulsystem ab, in dem sich in meiner Wahrnehmung eine Mehrheit der beteiligten Menschen damals 2004 in einer Opfer-Perspektive eingerichtet hatten. (Das wurde seitens der Jugendlichen mit der Beschimpfung „Du Opfer!“ übrigens ziemlich gut auf den Punkt gebracht). 

Alle Beteiligten hatten sich damals an den untergehenden Hauptschulen in einer Opfer-Perspektive eingerichtet – und sich gegen die angeblich schuldigen ANDEREN in Stellung gebracht. Alles wurde nur noch aus der jeweils eigenen, verengten (Opfer-) Perspektive wahrgenommen. Dabei wurden die einzelnen Menschen nicht mehr individuell gesehen, sondern grundsätzlich „in Gruppenhaftung“ genommen: DIE „bildungsbenachteiligten, minderbegabten, kriminellen Jugendlichen“, DIE „Migranten“, DIE Muslime, DIE unfähigen oder wahlweise faulen Lehrer*innen, DIE verantwortungslosen Eltern, DIE bösen oder wahlweise ahnungslosen oder unfähigen Politiker*innen, DIE gemeinen Journalisten, die nur Skandale berichten, usw. usw. 

Die gesamte Stimmung an den Schulen war wie eine toxische Mischung aus Depression, Ohnmachtsgefühlen, unterdrückter Wut, Zynismus und unterschwellig schwelender Gewalt. 

Die Lehrer*innen machten zynische Sprüche und wirkten ansonsten verschlossen, depressiv bzw. passiv- aggressiv. „Solidarisch“ unter Kollegen*innen zu sein bedeutete immer, GEGEN die „furchtbaren“ Jugendlichen zusammen zu halten. – Null Kooperations-Impuls.

Die Jugendlichen verweigerten bockig bis aggressiv den Unterricht, schmissen Möbel und andere Dinge aus dem Fenster und warfen mit Beleidigungen um sich. Du Hurensohn! Ich ficke diese Schule! – Null Kooperations-Impuls.

Die Eltern schienen sich innerlich und äußerlich komplett verabschiedet zu haben und verweigerten jedes Elterngespräch und jegliche Zusammenarbeit. Mensch bekam sie eigentlich nie zu Gesicht. – Null Kooperations-Impuls.

Die Berliner Senatsverwaltung schien das Problem nicht sehen zu wollen. Es hieß: Egal, was Sie da machen. Sorgen Sie einfach dafür, dass die Polizei nicht kommt. – Null-Kooperations-Impuls. 

Erklärungs-Narrative, die damals kursierten, waren allesamt negativ und trennend: 

Diese Jugendlichen sind einfach Abschaum. Und sie werden immer dümmer und immer krimineller. 

Das Niveau ist abgrundtief gesunken. Vor zehn Jahren waren die Kinder wohlerzogener und schlauer. Aber es wird alles immer schlechter und immer schlimmer.

Es liegt an den vielen „Ausländer*innen“, wahlweise an den Menschen „mit Migrationshintergrund“. (Thilo Sarrazin steuerte ein ganzes Buch dazu bei und beschwor den „Untergang des Abendlandes“). 

Die Eltern sind schuld, weil sie sich nicht kümmern und weil sie ihre Kinder nicht im Griff haben bzw. falsch erziehen. 

Die Lehrer*innen sind schuld, weil sie „faule Säcke“ sind bzw. unfähig. 

Die Politiker*innen sind schuld, weil sie sich nicht für Bildung interessieren und allesamt inkompetent sind. 

Die Medien sind schuld, weil sie immer nur Skandale sehen wollen und nicht an einer differenzierten Berichterstattung interessiert sind. 

„Die“ wollen sich nicht integrieren. 

„Die“ teilen unsere Werte nicht.

„Die“ sind alle Gangster. 

„Die“ wollen hier nur Transferleistungen abgreifen und den Staat unterwandern. 

„Die“ sind antisemitisch.

„Die“ sind verschlagen. 

„Die“ sind gewaltbereit. 

„Man kann nichts machen“. 

So lange ich diese Erklärungen glaubte und ihnen Raum gab, ging es mir immer schlechter. 

Ich war abwechselnd wütend auf die Jugendlichen, auf die Eltern, auf meine Kollegen*innen, auf die Politik. 

Eine sich immer schneller drehende Spirale aus Hilflosigkeit und Wut, genährt aus der Opfer-Perspektive und einem Feindbild, für das sich im Alltag immer mehr Beweise zu finden schienen. Klar. So, wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es hinaus. 

Die allseits übliche Strategie, diese toxische Spirale immer weiter zu befeuern, war das Märchen vom heldenhaften Widerstand: Ich gegen den Rest der Welt. 

Grollend boykottierten die Lehrer*innen jegliche Vorgabe „von oben“ und grollend boykottierten die Schüler*innen jegliche Vorgabe der Institution Schule.  Alle fühlten sich „frei“ im „Grundsätzlich-und-Diffus-Dagegen-sein“. 

Mir war das zu düster. Und auf Dauer zu anstrengend. Wut, Ohnmachtsgefühle und die Erwartung, dass alles immer schlimmer wird – das alles kostet wahnsinnig viel Kraft und macht krank.  

Mein persönlicher Weg raus aus diesem Zustand und zurück in die Freiheit bestand darin, von diesem trennenden und wertenden Denken weg zu kommen, die Personen um mich herum wieder differenzierter als einzelne Menschen wahrzunehmen und von Augenblick zu Augenblick kleine, eigene Entscheidungen zu treffen. 

Ich konzentrierte mich auf den jeweiligen Moment und versuchte, irgendetwas zu tun, was sich für MICH ruhiger und besser anfühlte. „Lass die Welt so scheiße sein, wie sie ist. Ich schau jetzt erstmal, was ich jetzt hier in diesem Moment machen kann, damit ICH nicht völlig durchdrehe“. 

Rückblickend würde ich das beschreiben als: Vom Modus der „Freiheit gegen einen vermeintlichen Feind“ in den Modus der „Freiheit zur Verantwortung“ zu wechseln.  

Ich fand heraus, dass DIE Jugendlichen weder dumm noch kriminell, sondern in Wahrheit auf der Suche nach Liebe waren. Nach Aufmerksamkeit, Zuwendung, Geborgenheit, Sicherheit und Anerkennung. Und dass sie insgeheim hofften, ich würde sie mögen und an sie glauben. Und als ich damit anfing, wuchsen sie über sich selbst hinaus. Mit einigen von ihnen arbeite ich bis zum heutigen Tag zusammen. 

Ich fand heraus, dass die Eltern in ihrem Alltag überfordert und am Rande der Verzweiflung waren und dass sie hofften, ich wäre an ihrer Seite und würde ihrem Kind eine bessere Zukunft ermöglichen. Ich verstand, warum sie die demütigenden Termine in der Schule vermieden und arbeitete Schritt für Schritt daran, ihr Vertrauen wieder herzustellen. Ich war beschämt, unter welch unfassbar schwierigen Umständen, sie jeden Tag aufs Neue ihr Bestes gaben, um ihre Kinder zu unterstützen. 

Ich fand heraus, dass viele meiner Kollegen*innen sich heimlich wünschten, mutiger zu sein und das zu verändern, was sie krank machte und dass ich bei einigen von ihnen Aggressionen auslöste, weil mein Verhalten ihnen das vor Augen hielt, was sie sich selbst nicht trauten zu tun. Und dass wiederum andere mich hoffnungsvoll beobachteten und mich unterstützen wollten. Und es Schritt für Schritt auch taten. Und zu Freunden wurden.

Ich fand heraus, dass das Hauptproblem aller Beteiligten in dem Gefühl von Selbstentfremdung und Resignation lag und dass sich alle unfrei fühlten und daher nicht mehr kooperieren wollten. Mit der Zeit entwickelte ich für mich selbst einen Fahrplan, wie ich Schritt für Schritt bei den Jugendlichen wieder ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung herstellen konnte. Aus diesem „Fahrplan“ wurde mit der Zeit das Konzept des „Veto-Prinzips“ (Mischpult). Ich selbst lernte dabei am meisten und fand heraus, dass es nicht nur bei Kindern funktioniert, sondern bei jedem von uns. 

Mir wurde klar, wie wichtig dabei Integrität, Selbstbestimmung und Freiheit sind.

Für mich bedeutet Freiheit, 

  1. dass ich zuallererst bei mir selber ankomme und mich frage: Was will ich? Was tut mir gut? Was fühle ich? Was brauche ich? Was muss ich tun, damit es mir gut geht? Und was muss ich lernen, damit ich für mich und meine Bedürfnisse offen, klar und selbstbewusst einstehen kann? (Selbstwert und Integrität)
  2. dass ich mich traue, die Welt aus der Perspektive anderer Menschen zu betrachten und dies zunehmend tue, auch dann, wenn es weh tut. (Mitgefühl)
  3. dass ich mich der Tatsache stellen kann, dass unsere Welt ungerecht ist und unsere gesellschaftlichen Strukturen so gebaut sind, dass sie tendenziell immer dieselben Personengruppen bevorteilen bzw. benachteiligen, dass also der Grad der Freiheit vom sozialen und symbolischen Kapital abhängt (politisches Bewusstsein in Bezug auf Machtverhältnisse und Ungleichheit)
  4. dass ich weiß, dass ich trotz meines „In-die-Welt-Geworfen-Seins“ zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Position mit Zugriff auf bestimmtes soziales und symbolisches Kapital DENNOCH jederzeit mein eigenes und das Schicksal anderer Menschen durch meine Entscheidungen und mein Verhalten zum Besseren oder zum Schlechteren ändern KANN. (Selbstwirksamkeit).  
  5. dass ich weiß, dass ich trotz des Zustandes der Welt und meiner teils vorherbestimmten Position darin, jederzeit die Freiheit besitze, Veränderungen zu bewirken (Selbstvertrauen und Zuversicht) und 
  6. dass dies am besten in Solidarität und Kooperation mit anderen gelingt – vorausgesetzt, ich beachte Punkt 1, 2 und 3. (Kooperation statt Konkurrenz)

Für mich ist Freiheit daher die Freiheit zur (Selbst-) Verantwortung. Da bin ich ganz bei Erich Kästner:

Es gibt nichts Gutes. Außer: Man tut es. 

Mein Konzept ist mein persönlicher Schritt in die Freiheit und ich freue mich jeden Tag, zu erleben, wie andere sich damit ebenfalls Wege zur Selbstbestimmung und zur Freiheit bauen. 

Meine persönliche Geschichte dahinter mit all ihren kleinen und großen Dramen und Lieblingsmomenten erzähle ich in den „Türwächter*innen der Freiheit“. 

Und zum Schluss noch folgender Fun-Fact:

Ich glaube tatsächlich nicht, dass alles immer schlimmer wird. Aber selbst wenn… wenn die Schwarzseher*innen recht hätten und wir gerade auf einen bösen Überwachungsstaat zusteuerten, indem einige wenige Mächtige alle anderen per digitaler Überwachung versklaven wollen – wäre es dann nicht ERST RECHT allerhöchste Zeit, auf trennende und rechte Narrative zu verzichten, die Punkte 1- 6 zu beherzigen und damit die Grundlagen für eine vielfältige und offene Gesellschaft zu stärken…?

Egal. Erstmal wünsche ich euch wunderbare Glitzer-Unterhaltung mit meinem ersten Roman. Und vielleicht sehen wir uns ja im Frühling bei der Buchpremiere im Heimathafen. Ich würde mich freuen. 

Abschließend hier meine Definition der Türwächter*innen der Freiheit:

Eine Türwächter*in der Freiheit ist ein Mensch, der durch eigene schmerzhafte Erfahrung erkannt hat, dass durch Verletzung der Integrität und der inneren Freiheit eines Menschen langfristig die größten Kosten für die Gesellschaft entstehen. Eine Türwächter*in der Freiheit besitzt daher den Mut, diesen Wert – falls nötig – gegen Widerstände, gegen Missbrauch und gegen jegliche Form der Gewalt – zu verteidigen. Sie bewacht bzw. hält die Tür zu den Werten einer offenen, vielfältigen Gesellschaft und damit zur inneren Freiheit und Würde des Menschen gegen Bedrohungen und Angriffe von innen und außen. 

Maike Plath, 16. Dezember 2021