Medizin für die Demokratie Part 5: „Online ist NICHT geil!“

In den letzten zehn Tagen habe ich mich mit Online-Plattformen auseinandergesetzt. Welche es gibt, was sie können, welche Vor-und Nachteile sie haben und wie ich Veranstaltungen online durchführen kann. Zuerst war es schön und aufregend und machte Spaß – mal was Neues.

Dann aber fiel mir etwas auf: Alle derzeitigen Online-Tools machen nur einen sehr herkömmlichen Unterricht möglich. Man kann dozieren, was an der „Tafel“ erklären (PDF-Slides), man kann Arbeitsbögen verteilen, die Leute in Gruppenarbeit schicken, Materialien zeigen und dazu wieder dozieren, man kann Leute „drannehmen“ und andere „stummschalten“ (der Traum jedes autoritär tickenden Herzens), man kann bei den einzelnen Arbeitsgruppen vorbei schauen und beraten und man kann „Leute ein- und austreten lassen“. 

Was man nicht kann: Echte Partizipation ermöglichen und demokratische Räume etablieren. Mit den Online-Tools ist es so, als müsste ich jetzt wieder zur Didaktik der 90-er Jahre zurück. All das, was ich an unseren Schulen als bildungsbenachteiligend wahrgenommen und mit der Erfindung des Mischpult-Prinzips überwinden konnte, ist mit derzeitigen Online-Tools nicht möglich. 

Selbst, wenn man irgendwann bei Jitsi ankommt, das weniger hierarchisch angelegt ist, ist man dann nur beim „nicht funktionierenden demokratischen Stuhlkreis“ angekommen, wo alle nur ihr Eigenes (durcheinander) reden und alle frustriert sind und denken: „Siehste? Demokratie funktioniert also nicht“. 

Die Prinzipien, mit denen WIRKLICHE Partizipation und wechselnde demokratische Führung gelingt, sind mit den bestehenden Online-Tools nicht umsetzbar. Von der fehlenden Resonanz und fehlendem Kommunizieren über Beziehung ganz zu schweigen. Unzählige Facetten menschlicher Kommunikation gehen am Bildschirm natürlich einfach unter. Aber das ist ja ohnehin klar. 

Erstaunlich fand ich nun, dass aber diese Aspekte beispielsweise von den Hochschulen so wenig thematisiert werden. Überall wird jetzt fröhlich alles online angeboten und wenn ich dazu Bedenken äußere, bin ich sofort mit einer leicht vorwurfsvollen Irritation konfrontiert, so nach dem Motto: „Also man muss jetzt diesen Schritt in die Zukunft machen!“

Echt jetzt? Ich nehme eher einen Rückfall in die Didaktik des letzten Jahrhunderts wahr. Online-Veranstaltungen, wie sie JETZT ablaufen, erzeugen wieder genau dieselben Probleme, die wir nun gerade angefangen hatten wahrzunehmen und Lösungen dafür zu entwickeln. Zusätzlich sollte uns durch das ganze social distancing ja auch irgendwie klar geworden sein, wie wichtig die echte menschliche Begegnung ist – zumal im Feld Bildung, wo es auf BEZIEHUNG ankommt. Hatten wir irgendwie GERADE alles so einigermaßen gecheckt… – Aber jetzt rufen alle ONLINE! Super! und machen es sich bequem auf der Couch zu Hause: Toll: Dann schick ich die jetzt mal schön mit ner Aufgabe in die Break-Out-Rooms und esse solange meine Pasta mit Bärlauch-Pesto! IM ERNST? 

Ich verweigere mich nun wirklich nicht der Technik und schon gar nicht der Zukunft, aber es wäre doch irgendwie angebracht, jetzt darüber zu sprechen, welche ZIELE wir denn verfolgen. Denn die Technik selbst ist weder gut noch böse. Sie verstärkt nur das, was da ist. Und in diesem Falle leider eine pädagogische Haltung aus einer längst vergangenen Zeit, die sich als zumindest fragwürdig im Umgang mit Vielfalt erwiesen hat und Bildungsungerechtigkeit und hierarchisches Denken verschärft. 

Wir WAREN doch jetzt schon an dem Punkt, wo uns aufgefallen war, dass vieles in unserem Schulsystem so sehr auf eine Norm ausgerichtet ist, dass wir unfreiwillig alle Beteiligten zu unmündigen Kindern machen, die sich – um Selbstwert zu generieren – entweder anpassen, um „eine 1 zu bekommen“ oder aber sich ganz doll kritisch GEGEN alles stellen bzw. verweigern (siehe vorhergehende Parts der „Medizin für die Demokratie“). 

Und Moment mal: Ging es nicht gerade noch darum, die Grundlage für eine funktionierende Demokratie zu schaffen und die Leute weg vom Gehorsam hin zur Verantwortung zu erziehen? Und hatten wir nicht gerade verstanden, dass der Selbstwert sich nicht in Abhängigkeit zu einer normierten Bewertung von außen entwickeln kann – sondern auf der Basis der eigenen Integrität und der eigenen Potentiale? Wo bleibt jetzt der Teilhabe-Aspekt und die vielbeschworene Innovation von Vielfalt? 

In den Online-Veranstaltungen haben wir wieder eine Situation wie in der Häschen-Schule. Für die Kursleitungen ist das wunderbar bequem – das einzige, was nervt, sind noch die technischen Bugs und die skandalös geringe Bandbreite in Deutschland – aber für die Zukunft unserer Gesellschaft ist die kritiklose und eilfertig gehorsame Übernahme des derzeitigen Online-Hypes ein Disaster. 

Und die jüngere Generation weiß es natürlich. Während sich jetzt die Älteren auf die Schulter klopfen, wie fortschrittlich und zukunftsgewandt sie jetzt „alles online machen“, verabschieden sich gerade zahlreiche Jugendliche aus der digitalen Welt und gehen im Wald spazieren… „Also diese ganze Online-Scheiße fickt mein Gehirn“, sagt Abdi, 19 Jahre (Name geändert). Ich wundere mich, das DAS Hartmut Rosa noch nicht aufgefallen ist. 

Die Technik verstärkt nur das, was da ist. Wenn wir jetzt einfach so in eine überholte Didaktik abgleiten, wird es lange dauern, bis Online-Tools entwickelt werden, die den Anforderungen von Demokratie, Teilhabe und Vielfalt gerecht werden. 

So lange wir jetzt einfach nur selbstzufrieden und stolz sind, dass wir so geil innovativ „Zoom bedienen und Online Kurse anbieten können“, werden wir die Chance einer wirklich innovativeren Bildung – ein weiteres Mal – verpassen. Und ausgerechnet jetzt.

Wo deutlich wird, dass es die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft ist, die darüber entscheidet, WIE konstruktiv und freiheitlich wir aus einer weltweiten Krise wieder raus kommen! Da klagen jetzt dauernd Menschen darüber, dass „ein Großteil der Bevölkerung einfach zu DUMM ist“ – und DESWEGEN müsse man eben „hart durchgreifen“ und den Bürger*innen Freiheitsrechte entziehen! Oh man. DAs kommt mir SO bekannt vor. Die Hauptschüler*innen damals waren ja angeblich auch zu „dumm“ und zu „verantwortungslos“ und deswegen musste man da ja dann auch „hart durchgreifen“… (Sheriff lässt grüßen…)

Ich frag mich wirklich, wann wir diesen Zusammenhang checken. Mit Bildung legen wir die Grundlage für eine gesunde Demokratie. Aber nee. Dann lass uns jetzt erstmal begeistert die Krise mit Online-Veranstaltungen überbrücken und uns dabei super fortschrittlich fühlen. Dazu kann ich nur sagen: Sechs! Setzen! Und ab sofort zurück in die Häschen-Schule! Und bitte nur sprechen, wer sich schön meldet, Leute…!!

(Wir bei ACT e.V. und auch ich selbst bieten jetzt Veranstaltungen auch online an, fühlen uns aber verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass es das oben beschriebene Problem gibt und dass wir dringend darüber diskutieren sollten. Denn ich hoffe, dass es dann sehr bald bessere Online-Tools gibt. Dafür brauchen wir aber eine kritische Haltung, eine klare Vorstellung davon, was wir wollen und einen intensiven Dialog mit Programmierer*innen! Bisher reden Pädagogen*innen und Programmierer*innen ja noch nicht so auffällig viel miteinander… Sollten sie aber tun! Ich bin derzeit schon dabei – mit meiner Programmierer-Freundin Anke!) 🙂

– Und abgesehen davon glaube ich mehr denn je daran, dass wir die komplexen Möglichkeiten und Chancen echter menschlicher Kommunikation in den Fokus nehmen und schnellstmöglich zu realen, analogen Räumen zurückkehren sollten. Sobald es geht! Eine Zukunft sehe ich im angemessenen Ausbalancieren von beidem: Da wo Online irgendwann (!) Sinn macht gerne auch Online – und ansonsten DIREKT – von Mensch zu Mensch.)