Vortrag beim Beltz Forum 2018: Wohin wir ausziehen müssen, um die Freiheit zur Verantwortung zu lernen

Der folgende Vortrag (gehalten beim Beltz Forum in Weinheim am 10. November 2018) ist besonders für all diejenigen interessant, die mit dem Mischpult arbeiten, denn JEDE Übung, jedes Ball-Warm-up, jedes Mal „Actionfiguren auf Bahnen“, jedes Spiel, jede Aktion des Mischpult-Konzepts, kann immer wieder auf diese inhaltliche Basis hier zurückgeführt werden. Dadurch wird das Mischpult-Prinzip als künstlerisches Konzept zur Veränderung unserer Perspektive auf Gesellschaft verständlich. 

 

Trump. Brexit. Chemnitz. Maaßen. Ständige Aufregung in den sozialen Medien, die zu immer neuen Ängsten, Verschwörungstheorien, zu Endzeit-Stimmung und sinnlosen Hysterien führt.

Die Welt hat sich verändert.

Ganz grob gefasst erleben wir gerade eine Zuspitzung zwischen Identitätspolitik und Eintreten für eine freie Gesellschaft der Vielfalt auf der einen Seite und Sehnsucht nach Abschottung, Nationalismus und patriarchalen Verhältnissen auf der anderen Seite.

Die allgemeine Stimmung wird unversöhnlicher, hysterischer und beängstigender durch die sozialen Medien und ihrer Mechanismen.  Spaltung, Narzissmus, innere Opferhaltung, Befindlichkeit und Kampf um Aufmerksamkeit werden durch Facebook, WhatsApp, Instagram, usw. zunehmend massiv verstärkt und damit zum Problem für unsere Demokratie – ein Kampf um Aufmerksamkeit und „Likes“ ist entbrannt, die Meinungen polarisieren sich, ein vorsichtiges Ausloten der zahlreichen Facetten von menschlicher Kommunikation wird immer seltener.

Dies aber wäre für eine funktionierende Demokratie unverzichtbare Grundlage, quasi der Kitt, der das komplexe Gebilde der Demokratie zusammenhalten könnte. (Hierzu empfehle ich das Interview im aktuellen Spiegel mit Jaron Lanier, Internetkritiker und seit 30 Jahren tätig im Silicon Valley, Spiegel Nr. 45/3.11.2018, „Dieser Mist verdirbt uns alle“, Seite 60-62).

Die Bedeutung der Identitätspolitik für die Demokratie

In einer Demokratie ist Identitätspolitik ein unverzichtbarer Schlüssel. Dadurch sind zahlreiche Perspektiven verschiedenster Minderheiten für den sogenannten „Mainstream“ verständlich geworden, und ebenso die Tatsache, dass sehr viele Menschen nicht dieselben Ausgangsbedingungen haben, wie andere. Kurz: Dass in unserem ganz normalen Alltag sehr ungleiche Machtverhältnisse herrschen und insbesondere diejenigen, die davon profitieren, gar nicht merken, dass es so ist. Das heißt: Unverzichtbare Basis einer funktionierenden Demokratie ist die schrittweise Bewusstwerdung aller vorhandenen Perspektiven für jeden einzelnen Menschen und die eigene Rolle im Verhältnis zu den anderen, denn dies ist die Grundvoraussetzung für Würde, Selbstwertgefühl und echte Teilhabe.

Wir müssen auf die Illusion verzichten, dass nur EINER recht hat. Dass nur EINE Perspektive die richtige ist. Dass wir nur zurück zu starker Autorität müssen und dann wird schon alles wieder. Dass es eine Instanz gibt, die uns von der eigenen Verantwortung entlastet. – Diese Sehnsucht, die Verantwortung an andere, an anderes, abgeben zu wollen, ist das Übel, an der eine funktionierende Demokratie krankt – und sterben kann.

Deswegen kann es nur in die andere Richtung gehen: In die Stärkung des Selbstwertes und Ermächtigung zur Freiheit jedes einzelnen Menschen. Nur auf dieser Basis kann ein Mensch den inneren Raum entwickeln, sich für etwas Gemeinsames einzusetzen und anderen zuzuhören.

Denn: So lange ich nicht gesehen, nicht gehört, nicht wertgeschätzt oder sogar diskriminiert und ausgegrenzt werde, KANN ich – zur bloßen Selbsterhaltung–  nichts Anderes tun, als um meine EIGENE Stimme, meine eigene Integrität, meine Existenz kämpfen. Für einen GEMEINSAMEN Impuls in die Zukunft ist dann kein Raum. Das zunehmende Sichtbar-Werden von denjenigen, die Benachteiligung und Diskriminierung erleben (also alle, die durch Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Körperlichkeit, …, von der gedachten gesellschaftlichen Norm abweichen) ist fundamental wichtig zur Erweiterung des gesamtgesellschaftlichen Horizontes – wenn wir die derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen auf menschliche Weise meistern wollen.

Stattdessen durch noch mehr „Grenzen setzen“ und noch mehr Dominanz gegenüber angeblich Abweichenden, verweigern wir die einzig mögliche Lösung und begeben uns langfristig zielsicher in eine menschliche Katastrophe, die uns alle betreffen wird. Das Übel an der Wurzel zu packen, bedeutet: Verschiedenheit und Vielfalt auszuhalten und sich der schmerzhaften Wahrheit, quasi der gesellschaftlichen Botschaft, die uns die „Abweichenden“ und jetzt auch die Geflüchteten bringen, gemeinsam und solidarisch zu stellen: Nicht die „Abweichenden“, nicht die „Fremden“ sind das Problem. Sondern unser Beharren auf einer angeblich überlegenen – in Wahrheit eindimensionalen und rein egoistischen – Perspektive. Wir werden einander alle brauchen. Denn die wirklichen Probleme, die auf uns zukommen, können wir nur in Kooperation miteinander lösen. Die Alternative dazu ist Gewalt und Unmenschlichkeit. Diese Tatsache lässt sich gegenwärtig nur noch mit großem Verdrängungsaufwand leugnen. Wir müssen uns also entscheiden. Entweder Mauern und Grenzen, das hieße: Ignoranz, Abwertung (bis hin zu Auslöschung) der „ANDEREN“ – oder Freiheit und Vielfalt. Beides geht nicht.

Darth Vader oder Luke Skywalker?

Wenn wir uns für Freiheit und gleichberechtigte Vielfalt entscheiden, ist auch das kein Ponyhof. Da wird es einiges zu tun geben. Aber wo möchtet ihr lieber dabei sein: Bei Lord Voldemort oder bei Harry Potter? Bei Darth Vader oder bei Luke Skywalker? Ich dachte nicht, dass es noch mal nötig sein würde, zu sagen: Ich bin für den Weltfrieden und für Menschlichkeit. Aber wir können nicht für den Weltfrieden und für Menschlichkeit sein und gleichzeitig glauben, dass einige Menschen wertvoller sind, als andere.

Gemeinsame Vision

Was MACHEN wir also jetzt? Wenn wir die Gleichwertigkeit verschiedener Menschen und Perspektiven akzeptieren, also die real existierende Vielfalt der Menschen, dann braucht es ALS NÄCHSTEN, darauf aufbauenden Schritt, eine GEMEINSAME Vision für die Zukunft und den Willen und die Fähigkeit, diese GEMEINSAM konstruktiv zu gestalten

Um solche GEMEINSAM GEDACHTEN und in die Zukunft gerichteten Vorhaben überhaupt entwickeln zu können, bei gleichzeitiger Wertschätzung und Einflussnahme verschiedenster Perspektiven, braucht es die demokratische FÄHIGKEIT zur Verantwortung für etwas Gemeinsames, durch Kommunikation und konkrete Gestaltung. Und es braucht den Mut zur Freiheit – im Sinne von Verzicht auf dominierende Instanzen, die uns die Verantwortung abnehmen sollen. Denn eine Instanz, der „Papa“, wird der real existierenden Vielfalt niemals gerecht werden können, womit wir wieder beim Anfang des Problems wären.

 

Der Schrecken der Freiheit

Es muss also darum gehen, zu lernen, den „Schrecken der Freiheit“ (zur Selbstverantwortung und zur Verantwortung für ein Gemeinsames) auszuhalten und die Freiheit konstruktiv im Sinne einer gemeinsamen Idee gestalten zu können. Das ist derzeitig wahrscheinlich unsere wichtigste Aufgabe.

Das heißt für den Bereich Bildung: Wir müssen – noch viel mehr als jemals zuvor – Demokratische Kernkompetenzen und den Willen und den Mut zur Freiheit VERMITTELN.

Das sind neben Empathie, Toleranz, Vertrauen und Identifikation:

Erstens die Fähigkeit MITEINANDER statt GEGENEINANDER zu reden

Zweitens das Wissen darum, was es BEDEUTET, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und wie genau das individuell umsetzbar ist

Drittens GEMEINSAME Ziele und Visionen zu entwickeln und

Viertens tatsächlich gemeinsam Verantwortung dafür zu übernehmen, also es zu TUN – es also nicht nur moralisch einzufordern.

Um diese hochkomplexen MENSCHLICHEN Fähigkeiten zu vermitteln, die übrigens niemals eine Maschine leisten kann (!), brauchen wir konkrete Erfahrungsräume, in denen wir Verantwortung und Freiheit ÜBEN können und auch scheitern dürfen, ohne dass gleich großer Schaden entsteht, und in denen wir das Positive daran Schritt für Schritt selbst erleben können. Das ist Aufgabe von Bildung.

Warum Vielfalt und Demokratie, wenn das so anstrengend ist?

Die Demokratien sind derzeit bedroht, deswegen ist es so wichtig, sich jetzt damit zu beschäftigen, was Demokratie bedeutet und nicht die Demokratie an sich anzuzweifeln, denn bei allem Untergangs-Gerede müssen wir sehen, dass durch die Demokratien die Dinge in der Welt bisher über sehr lange Zeiträume betrachtet immer BESSER geworden sind, auch wenn vieles noch immer schlecht läuft (nicht aber im Vergleich zu früheren Zeiten!).

Insgesamt wird der Mensch durch Mündigkeit und Mitsprache schlauer. Insgesamt gesehen leben immer mehr Menschen in Freiheit und Wohlstand und verfügen über eine bessere Bildung als beispielsweise noch vor hundert Jahren und davor. Insgesamt werden die Menschen auf der Welt toleranter, gehen Gewalt und Kriege zurück und das Verständnis der Menschen für Vielfalt und Freiheit wächst. Noch in den 50-er Jahren gab es beispielsweise noch gar kein Bewusstsein dafür, was heute durch die #metoo-Debatte öffentlich diskutiert wird. Dass wir so viel über Diskriminierung und Rassismus reden ist ein GUTES Zeichen, denn es bedeutet, dass unser Bewusstsein dafür größer und differenzierter geworden ist.

Aber: Wir dürfen diesen Wohlstand und den selbstverständlich gewordenen Frieden nicht selbstverständlich nehmen, denn es gab leider – historisch gesehen – auch immer retardierende Momente und Purzelbäume rückwärts. Im Moment könnten wir uns gerade in so einem Rückwärts- Purzelbaum befinden…

Demokratie erfordert Mut und Geduld und harte Arbeit und das Einstehen für demokratische Werte fühlt sich nicht immer angenehm an. Demokratie und eine freie Gesellschaft der Vielfalt sind nicht selbstverständlich. Wir müssen die dafür notwendigen Kompetenzen VERMITTELN.

Wer Demokratie will, muss auf die konstruktive Kraft von Vielfalt setzen

Wie? Was müssen wir TUN?

Die größte Herausforderung, die ich im Bereich Bildung sehe, ist, wie wir in Schulen mit Vielfalt, also verschiedensten Perspektiven und Haltungen auf der einen Seite und mit dem allumfassenden gesellschaftlichen Wandel durch die digitale Revolution auf der anderen Seite umgehen wollen.  Wie wir mit der ständigen, alltäglichen Irritation KONSTRUKTIV umgehen und gleichzeitig auf der Basis demokratischer Werte die Fähigkeit zur Selbstverantwortung und zur Führung vermitteln wollen. Denn nichts Anderes bedeutet „die Freiheit zur Verantwortung lernen“.

Und da sitzen wir mitten in einer riesigen Baustelle, auf der nichts wirklich gut läuft. Es geht nur auf der Basis eines Perspektivwechsels, nämlich der Erkenntnis, dass nicht die „Abweichenden“ das Problem sind, sondern der Schlüssel zur Lösung.

Pars pro toto: Das Kleine im Großen – oder umgekehrt

Bei mir kam dieser Perspektivwechsel abrupt. Damals, 2004 an einer Hauptschule in Berlin Neukölln: Da erlebte ich die Situation, die jetzt auch auf anderen Ebenen der gesellschaftlichen Realität angekommen ist, zum ersten Mal: Eine Gruppe von Menschen, die außer sich waren, ein Haufen verrückter Kinder: Alle gegeneinander, alle gekränkt, alle um Aufmerksamkeit schreiend, alle liebesbedürftig, aber gleichzeitig nicht mehr in der Lage, offen auf andere und auf Neues, von den eigenen Denk-Horizonten Abweichendes, zuzugehen…

Der Konflikt in dieser Situation war und ist noch immer, dass immer dann, wenn wir systemisch mit der Diversität und dem Demokratischen Handeln an Grenzen geraten, wenn es also wirklich mal herausfordernd wird, dass dann auf VIELFALT, also auf das zunächst mal herausfordernde „Chaos“, mit autoritärem Handeln, Paternalismus und patriarchalen Strukturen reagiert wird. Oder mit GRENZEN SETZEN. Also mit einer Rückwärtsrolle in autoritäres Handeln. Und dann haben wir es sofort wieder mit Herabsetzung, mit Kränkung und in der Folge mit der Kompensation der Kränkung zu tun – mit allen üblen Konsequenzen, an denen unsere Demokratien derzeit kranken. Ein Teufelskreis.

Auf gesellschaftlicher Ebene erleben wir dieselbe Hilflosigkeit, wenn die Demokratie an ihre Grenzen zu stoßen scheint. Da rufen einige dann gleich wieder nach „dem starken Mann“, der es mit „Zucht und Ordnung“ richten soll. Und der Gegenseite, die GEGEN das Patriarchat eintritt, fällt derzeit noch zu wenig Konkretes ein, um das entstandene Machtvakuum konstruktiv zu füllen. Glauben wir so wenig an die Demokratie, dass wir immer gleich nach „Papa“ rufen müssen, wenn es schwierig wird? Was denn nun?? Es ist immer dasselbe: Wollen wir von außen kontrollieren, korrigieren und „Grenzen setzen“? Oder wollen wir langfristig von innen her zur Verantwortung und zur Freiheit erziehen und damit langfristig die Basis legen für eine funktionierende Demokratie?

Demokratie und Gleichwertigkeit von sehr verschiedenen Menschen sind unabdingbar miteinander verbunden. Wenn wir eine demokratische freie Gesellschaft wollen, müssen wir uns der Aufgabe der real existierenden Vielfalt und dem „Schrecken der Selbstverantwortung in unsicheren Zeiten“ wirklich (!) stellen.

Meine persönliche Reaktion auf die systemische Hilflosigkeit des Schulsystems im Umgang mit Vielfalt war, ein Konzept zu entwickeln, um die Führung von EINER Person auf die Schultern von VIELEN zu verteilen: Das Mischpult-Prinzip. Ein Konzept zur schrittweisen Vermittlung „des Schreckens der Freiheit und der Selbstverantwortung“ (und dann irgendwann des Glücks der Freiheit, aber dafür braucht es einen langen Atem…).

Demütigung und Gewalt durch ungleiche Machtverhältnisse

Ich bin damals zunächst einmal der Frage nachgegangen: Wo kommen die Wut und die Gefühle der Demütigung bei den Kindern und Jugendlichen her? Und ich habe – nicht auf den ersten Blick, aber ganz allmählich – herausgefunden: Es ging auch hier im Kleinen um die Demütigung (und Gewalt) durch ungleiche Machtverhältnisse: Um die direkt daraus resultierende Wut darüber, nicht gesehen und nicht gehört zu werden – als Mensch. Es ging um mangelndes Selbstwertgefühl. Deswegen habe ich bei ihren biografischen Geschichten angefangen. Beim Zuhören, Verstehen und Sichtbarmachen ihrer Geschichten. Bei der Stärkung ihres Selbstwerts.

Denn übergeordnet müssen wir – immer – beim Selbstwert und bei der Würde des Menschen anfangen. Wir müssen das Selbstwertgefühl stärken, bzw. überhaupt wiederherstellen und deshalb müssen wir ungleiche Machtverhältnisse und die dazu gehörigen Biografien zunächst einmal verstehen und gleichwertig anerkennen. Und damit die Tatsache, dass jeder Mensch UNTERSCHIEDLICHES symbolisches, geistiges, kulturelles Kapital mitbringt, dass also grundsätzlich die Welt ungerecht ist (!), die Ausgangsressourcen UNGERECHT verteilt sind! Wir müssen deswegen konkrete Instrumente für eine BEWEGLICHE, selbstgesteuerte und jeweils individuelle Kommunikation entwickeln (Beispiel: Die vier demokratischen Führungs-Joker und das individuelle Veto-Recht), um die Vielfalt als selbstverständlichen Ausgangspunkt betrachten zu können, handeln zu können, kommunizieren zu können, ohne dabei persönliche Grenzen zu verletzen. Wir müssen die Angst davor verlieren, etwas falsch zu machen. Nur dann können wir uns menschlich begegnen.

(Einschub: Sensibilisierung für ungleich verteiltes Kapital – Das Kapital-Mischpult. Siehe Youtube-Folge „Rede mal ordentlich, Frau Plath“, Folge „Kapital-Mischpult“).

Gleichzeitig habe ich verstanden, dass diese ganzen Geschichten und Perspektiven, nur dann die ganze Kraft, den ganzen „Zauber“ entwickeln, wenn sie nicht isoliert stehen bleiben, sondern auf etwas Gemeinsames, Zukünftiges gerichtet sind. In der Schule war das – im Kleinen – die gemeinsame Theaterproduktion.

Denn auch in der Schule erleben wir ja schon im Kleinen, was auch im Großen gilt: Schon im alltäglichen „demokratischen Stuhlkreis“ wird klar, dass es zäh und destruktiv wird, wenn jeder nur seine spezifische Perspektive einfordert, ohne Verantwortung für das Gemeinsame zu übernehmen. Aber zu wissen, WIE ich Verantwortung übernehme und es zu TUN, das ist heute ÜBERHAUPT nicht mehr präsent.

Diese Fähigkeit muss Schritt für Schritt gelernt werden. Das ist harte Arbeit. Aber wenn wir damit zumindest im Bildungsbereich erfolgreich sind, dann haben wir in einem Klassenzimmer nicht 27 „abweichende“ Kinder, die uns in den Burnout verfrachten, sondern 27 junge Menschen, die wechselweise Führung und Verantwortung übernehmen können.

Deshalb geht es bei meinem Gesamt-Konzept im Kern um Demokratische FÜHRUNG und um das schrittweise „Erlernen und Aushalten der Freiheit“: Um die Fähigkeit aller Beteiligten, zu FÜHREN, damit eine verantwortungsvolle, wechselnde Führung im Sinne aller anderen möglich wird. Es geht also um die Kompetenz verantwortungsvoll zu führen aber genauso um die Kompetenz, autonom und selbstbestimmt zu folgen. Das ist kein Widerspruch. Denn alle die folgen, können in der nächsten Minute auch führen. Das ist Demokratie.

Die Frage ist also: Wie ermächtigen wir Menschen zur Führung – zur Übernahme von Verantwortung? Und damit zur Freiheit?

Kern-Thema und Ausgangspunkt muss der SELBSTWERT des Menschen sein. Und darauf basierend muss es um Führung, um Verantwortung und das schrittweise Aushalten der Freiheit gehen.

(Einschub: Siehe auch Youtube-Folge „Herrschaft oder Führung“, Rede mal ordentlich, Frau Plath).

 

Das Mischpult-Prinzip als künstlerisches Konzept

Ich bin mit meinem Konzept immer in Schubladen gesteckt worden. Didaktik. Theater. Pädagogik. Therapie. Kommunikation. Politik. Beziehungsgestaltung. Ich sehe mein Konzept in keiner dieser Schubladen – oder in all diesen und noch hundert weiteren.

Ich verstehe mein Konzept am ehesten als „künstlerisch im Sinne von gesellschaftsverändernd durch Irritation und Aktion“.

Die Irritation besteht darin, zu erkennen und auszuhalten, dass es keine Instanz gibt, die uns von der Verantwortung entlastet. Es gibt niemanden, der lobt, urteilt, bewertet. Es gibt keine Note. Die Irritation der Freiheit wird in der jeweils individuellen eigenen Anverwandlung des Konzeptes für jede*n schrittweise spürbar. Und zwar selbstgesteuert in dem Maße, wie es individuell „aushaltbar“ ist.  Denn darum geht es im Ganzen:

Zu erkennen, dass es auch im Großen keine allgemeingültige Instanz gibt, nur eine stetig wachsende Erkenntnis- Wissens- und Erfahrungsgrundlage, auf derer wir immer klügere Entscheidungen – auf gemeinsame Ziele ausgerichtet – treffen können. Aus der Vielzahl grundsätzlich unendlich vieler Möglichkeiten, müssen wir ununterbrochen wählen. Entscheidungen treffen. Und dabei unterscheiden lernen zwischen Menschlichem und Unmenschlichem. Im Kleinen und im Großen. Das ist Freiheit zur Verantwortung. Und darum geht es in diesem Konzept: Schrittweise im Spiel zu verstehen, was das heißt, wie sich das anfühlt, und dann vom Einfachen zum Komplexen schrittweise überall die „Freiheit zur Verantwortung“ aushalten und gestalten zu lernen.

Ich verstehe das Mischpult-Prinzip als eine praktische, konkrete Irritation bei jedem einzelnen Menschen, die im besten Falle zu einem grundsätzlichen Perspektivwechsel im Kleinen, Privaten führt – und damit einen kleinen aber nachhaltigen Beitrag leisten kann, hin zu Mitgliedern einer Gesellschaft, die über ein starkes Selbstwertgefühl verfügen, individuell und ungewöhnlich denken können, gemeinsame Ziele formulieren und für diese Ziele menschlich einstehen und Verantwortung übernehmen.

Auf dieser Grundlage könnten sich im besten Fall noch mehr Menschen auf die extrem fließenden, also sich verändernden Zustände unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation einlassen und ihre Angst vor diesen ganzen ständigen schnellen Veränderungen überwinden.

Auf der Basis eines intakten Selbstwerts können sie darüber hinaus „das Fremde“ an sich herankommen lassen und erkennen, dass wir nur noch durch Kooperation – also GEMEINSAM – unsere derzeitigen (globalen) Probleme lösen können.

Das Konzept ist quasi ein „Kunst-Haus“, indem wir die Freiheit zur Verantwortung Schritt für Schritt erfahren und individuell erleben und verinnerlichen können.

Wir alle müssen ausziehen, das Fürchten zu lernen. Damit es nichts mehr zu befürchten gibt. Tempo! Klarheit! Verantwortung! Veto!

Maike Plath

Prinzipien des Mischpult-Konzepts:

  • Sensibilisierung dafür wer führt und wer folgt. Für Machtverhältnisse (diesbezüglich spielerisches Achtsamkeitstraining als ständiger Bestandteil des Konzepts). Wie fühlt sich das konkret an? Wie können wir uns offen und auf Augenhöhe begegnen – ohne dass ungleiche Machtverhältnisse und in der Folge Herabsetzungen und/oder Ohnmachts- und Demütigungsgefühle entstehen?

Beispiel: Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ mit dem Nachbarn und mit den vier Demokratischen Führungs-Jokern: Tempo. Klarheit. Verantwortung. Veto. (Wie das geht: Dazu gibt es bald eine Folge bei „Rede mal ordentlich, Frau Plath“).

Sinn des Spiels: Ungleiches Kapital muss offengelegt werden, nicht verschleiert. Dazu braucht es klare Koordinaten, wie ein „Gespräch unter Freunden“ wirklich hergestellt werden kann. Beispiel für solche Koordinaten: Die vier Führungs-Joker.

Demokratische Führung muss Schritt für Schritt transparent gemacht werden, damit jeder Mensch (!) lernt, auf seine Weise Verantwortung zu übernehmen und auf dieser Grundlage SEINE Themen und Perspektiven einzubringen.

  • Konzeptionelle Grundstruktur: Der Drei-Schritt.

1 Gemeinsame Ziele.

2 Erfahrungsspielräume nur mit gemeinsamen transparenten Referenzsystem!

3 Reflektieren mithilfe konkreter Gesprächs-Formate (Beispiel: „Gespräch unter Freunden“)

Weitere Prinzipien:

Mischpult als Bild für den Menschen. Siehe unter „Glossar“ bei Mischpultprinzip

Gemeinsames flexibles Referenzsystem, Open Knowledge Prinzip

Low Floor. Wide walls. High ceiling.

Skala statt Tabelle.

Ritualisiertes Regelsystem zur Etablierung einer einschließenden Kommunikation und Wertekultur

Schrittweise Vermittlung (von einfach bis komplex) der Koordinaten Demokratischer Führung und wechselnder Verantwortung (Führung)

Pars pro Toto. (Die Matroschka als Metapher). Das Kleine steht in diesem Konzept grundsätzlich auch für das Große. (Beispiel: Wenn wir im Klassenzimmer  das „Chaos der Demokratie“, das anfangs ganz natürlich ist und nur langfristig, konzeptionell und konsequent in konstruktive Ordnung verwandelt werden kann, sofort mit der Forderung nach „Regeln und Grenzen“ beantworten, dann müssen wir die Parallele sehen, die das im Großen bedeutet: Gibt es wirklich nur „Chaos der Vielfalt“ oder „Kontrolle und Grenzen…“? Die großen Dinge fangen im ganz Kleinen an…).

Dieses Konzept ist keinem Fach und keiner „Schublade“ zuzuordnen. Es ist ein neues und zugleich sehr altes „Fach“ – aber in neuen Zeiten. Es heißt Demokratie.

(Wem das jetzt ein bisschen zu rezept-artig vorkam, der kann alles sehr ausführlich lesen in meiner aktuellen Publikation „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution.“)  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schultheater der Länder 2018 in Kiel – oder: Wetter und Politik

(Warnung: Dies ist ein sehr persönlicher Text. Er gibt meine subjektive Sicht, meine Eindrücke vom Festival wieder. Das mögen bei anderen ganz andere gewesen sein. Für mich war dieses Festival besonders. Und deswegen schreibe ich hier darüber).

Die Festival-Woche des “Schultheater der Länder 2018″ in Kiel hatte die Besonderheit von ununterbrochener, geradezu aufdringlicher Herbst-Sonne. Alles schien in goldenes Licht getaucht, man konnte es nicht fassen und musste immer den Impuls unterdrücken, übers Wetter zu reden – und das konnte ja nicht sein: Man war ja aus anderen Gründen gekommen, als übers Wetter zu reden.

Ich muss trotzdem mit dem Wetter beginnen, denn es wurde zum Mitspieler und zum Subtext dieses gesamten Festivals zum Thema „Theater und Politik“:

Von der an eine große Sommerparty erinnernden Atmosphäre vor dem Festival-Zentrum im RBZ, über die ausgelassen fröhliche Dampferfahrt nach Laboe mit allen Festival-Teilnehmer*innen bis hin zum gemeinsamen lauschigen Draußen-Sitzen bis tief in die Nacht – überall spielte das Wetter mit. Und das alles wirkte geradezu magisch.

Aber über diesen letzten Tagen eines unglaublichen, scheinbar ewigen Sommers hing bereits die melancholische Ahnung, dass er jetzt zu Ende ging.

Die herunter plumpsenden Kastanien und raschelnden Blätter auf den Fahrradwegen erzählten davon – aber eben auch die Vorträge der Fachtagung, die 16 Theaterproduktionen, die teils rasend komisch, teils zutiefst bewegend, insgesamt aber alle auf ihre Weise politisch aufschlussreich waren, und nicht zuletzt die zahlreichen Gespräche zum Thema dieses Festivals:

Man wusste nach Chemnitz, Maaßen-Affäre und dahin bröckelnder Regierungs-Krise in Berlin, nach Trump, Brexit und Flüchtlingskrise, dass sich in diesen langen Sommer – nach außen noch unmerklich – eine dunkle, ja, eine braune Farbe eingeschlichen hatte. Winter is coming.

So beendete denn auch Uta Plate ihren fulminanten Vortrag bei der Fachtagung mit einem Aufruf an alle Theaterlehrer*innen, „den kommenden Zeiten mit Mut und Kraft entgegen zu treten“.

Und so mischte sich während des gesamten Festivals die Ausgelassenheit und Freude mit der darunter liegenden Erkenntnis, dass „ein sehr langer Sommer, den wir für selbstverständlich gehalten hatten“ mitsamt seiner Unbeschwertheit nun unwiederbringlich zu Ende ging.

Tatsächlich schien diese Theaterwoche es der Sonne gleich zu tun: Sie bot noch einmal alles auf und machte alles sichtbar, was im Schultheater an Vielfalt, Qualität und Entwicklung in den letzten Jahrzehnten möglich geworden ist. Es schien so, als habe noch kein SdL zuvor mehr Vielfalt, mehr Humor und mehr Menschlichkeit gewagt, als in diesem Jahr in Kiel.

Vielleicht war es auch der Bedrückung um die allgemeine politische Lage geschuldet, dass man den Wert und den Sinn dieser ganzen Arbeit noch einmal deutlicher sehen konnte:

Denn was ist das „Schultheater der Länder“ weniger als ein bundesweites Zusammentreffen von Menschen, die sich gemeinsam eine Woche lang die Zeit nehmen, sich auszutauschen – über das wirkmächtigste und zukunftsfähigste Bildungsmittel unserer Zeit: Über Theater im Sinne von kreieren, spielerisch erforschen, reflektieren und Welt gestalten.

Klingt pathetisch, aber derzeit gibt es nicht mehr so wahnsinnig viel, was tröstlicher und ermutigender sein könnte, als zu sehen, dass sich dieses wirkmächtige Bildungsmittel trotz aller systemischen Beschränkungen und Einhegungs-Versuche offenbar nicht klein kriegen lässt. – Dank einiger Menschen, die ihre Zeit und Energie statt aufs „Garten-Hecken-Schneiden“ auf gemeinsame gesellschaftliche Visionen verwenden und dafür sorgen, dass diese sich Schritt für Schritt realisieren lassen.

Und das ist es, was ich hoffe: Dass wir uns nicht klein kriegen lassen in den Zeiten, die kommen werden. Dass die Arbeit einer ganzen Generation an Theaterlehrer*innen nicht umsonst gewesen sein wird: Theaterlehrer*innen, die seit den 70-er Jahren unbeirrt auf der Relevanz des Schultheaters beharren und dafür – unter In-Kaufnahme der zahlreichen berühmten Mühen der Ebene – eine wirkmächtige Struktur geschaffen haben. Ich hoffe, dass dieses Haus, das sie gebaut haben, nicht bald leer stehen wird. Es ist ein Sommerhaus. Wir müssen es winterfest machen. Und uns wärmer anziehen.

So, wie es war, wird es nicht mehr sein. Aber wenn wir wollen, wird etwas Neues kommen und was das Neue sein wird und was es kann – das liegt in unserer Hand.

Es gibt nichts Gutes. Außer – man tut es.

(Erich Kästner)

Und in diesem Sinne möchte ich Tilmann Ziemke und Klaus und Christiane Mangold für diese unglaublich schöne Woche aber auch für alles andere danken:

Ihr habt mich in jeder Hinsicht auf den Weg gebracht. Und was ihr vor sehr langer Zeit und dann über all die Jahre bei mir angestoßen habt, das versuche ich weiterhin auch bei anderen anzustoßen. Ihr seid für mich ein Vorbild.

Der Herbst kann kommen. Ich hol schon mal die warmen Sachen aus dem Keller…

 

 

 

Perspektiv-Wechsel, Widerstand und Fantasie

Überall nehme ich im Moment eine zunehmende Polarisierung und Zuspitzung von Sprache wahr. Mir vergeht z.B. teilweise meine ursprüngliche Freude am Zeitung-Lesen. Früher ging es mir nur beim Thema Bildung so, dass ich beim Lesen von Artikeln dachte: Das ist aber in Wahrheit komplizierter. Inzwischen geht es mir bei fast jedem Thema so.

Erstens geht es scheinbar nur noch um „Flüchtlinge“ bzw. um Migration – als ob es keine anderen Themen gäbe (…!!). Und zweitens hat vieles nur noch diesen seltsam angespannten, eindimensionalen Ton. Diese ständigen Vereinfachungen werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Sie werden dem einzelnen Menschen nicht gerecht. Es fehlen zunehmend die feineren Facetten und das Bemühen um einen gemeinsamen Nenner aus unterschiedlichen Perspektiven.

Ich möchte drei Vorschläge machen, die vielleicht helfen und Mut machen könnten:

1 Perspektiv-Wechsel: Es gibt bei allem, was wir wahrnehmen grundsätzlich eine andere Perspektive auf dieselbe Sache. Und es ist sehr erhellend, sich für diese andere Perspektive zu öffnen. Dann verstehen wir MEHR.

2 Widerstand und Zivil-Courage: Wo braucht es klaren Widerstand und Mut zur „Sanktion” und warum tun wir uns damit so schwer? Beispiele: Wo müssen wir Grenzen setzen? Was tun wir, wenn vor unseren Augen ein Mensch gedemütigt, in seiner Würde verletzt, beleidigt, angegriffen wird? Was tun wir, wenn jemand uns auf offener Straße den Hitlergruß zeigt? Wie verteidigen wir Demokratische Werte, wenn wir bemerken, dass andere genau diese Werte dazu nutzen, um die zugrundeliegende Werte-Basis auszuhebeln? Wo braucht es eine Grenze, wo braucht es deutlichen lauten Widerspruch und eine klare Verteidigung der Wertebasis und was ist dazu (an Haltung und Handeln) notwendig?

3  Fantasie: Wo wollen wir hin? Wie können wir eine festgefahrene Situation verrücken und durch Ver-rücktes ETWAS GANZ ANDERES sichtbar machen? Der Mensch hat die Fähigkeit zur Fantasie. Wir müssen uns die Räume nehmen, in denen unzensierte Verrücktheiten entstehen können.

Zu Punkt 1: Perspektiv-Wechsel

Kleine Geschichte aus meiner Vergangenheit:

1979: Ich bin 9 Jahre alt und besuche die dritte Klasse der Grundschule am Kegelberg in Glücksburg. Neben dem Grundschulgebäude befindet sich auch die Hauptschule und die Schüler*innen beider Schulen nutzen den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen halten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort stehen sie und rauchen und sind – aus unserer Sicht – älter und cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielen meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist.

Wir gehen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern haben. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagen uns Respekt ein. Gleichzeitig wissen wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlen uns ein bisschen wichtig, weil klar ist, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen.

Kerstin kommt irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Ulrich ärgern. Ulrich ist bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussieht. Er ist in der 8. Klasse, raucht Kette, sagt immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hat manchmal ein blaues Auge. Wir stellen uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelt. Ulrich scheint uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich in den Schulbus, mit dem Ulrich immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Ulrich und als der Bus los fährt, fangen wir an, laut Witze über Ulrich zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Ulrich ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Ulrich, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiter fährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Ulrich hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt in den Rücken, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal breche ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt, meine Kniee brennen, ich warte auf den nächsten Tritt. Aber Ulrich geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte ist.

So erzähle ICH diese Geschichte. Aber die Frage ist, wie Ulrich sie erzählen würde. Ich hatte später viele solcher „Ulrichs“ im Unterricht und heute sehe ich ein kleines, verwöhntes Mädchen in einer heilen, behüteten Welt, dessen größtes Problem war, dass schon wieder Klavierstunde war und sie mal wieder nicht geübt hatte.

Und ich sehe Ulrich mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt.

Wieviel Wahrheit kennen wir, wenn wir nur die Geschichte der blonden 9-jährigen Maike kennen?

Ich habe über den Perspektiv-Wechsel auch nachgedacht, als ich in den letzten Tagen die Berichterstattung über die Beerdigung von Nidal R., „Deutschlands berühmtesten Intensivtäter“, las. Was für ein beunruhigend eindimensionaler Blick.

Ich bin Nidal einmal begegnet. Da saß er in einem schwarzen Anzug vor mir beim Elterngespräch. Und es ging darum, wie wir es gemeinsam hinkriegen könnten, dass seine beiden kleinsten Brüder, deren Klassenlehrerin ich war, es besser machen würden als er. Damit will ich nichts schön reden. Aber das Gesamtbild setzt sich aus vielen verschiedenen Aspekten zusammen. Es gibt keine einfache Geschichte. Es bringt nichts, nur EINE Perspektive sehen zu wollen. Mit nur einer Perspektive verstehen wir NICHTS.

Denn was eigentlich alle Geschichten und alle Perspektiven miteinander verbindet, ist dieser immer gleiche menschliche Wunsch: Der Wunsch aller Menschen nach Würde, Anerkennung, Selbstbestimmung und Freiheit.

Auf dem Weg dahin geht nur leider so einiges schief. Und zwar selten deswegen, weil Menschen per se „böse“ sind. Es ist unsinnig und gefährlich, eindimensionale, platte Wahrheiten gegen die jeweils anderen in Stellung zu bringen.

Es wäre so schön, wenn wir es intelligenter versuchen könnten: Anfangen, verschiedene Perspektiven zu sehen und kompliziertere Wahrheiten auszuhalten. Das wäre das Erste. Dann könnten wir über sinnvolle Lösungen nachdenken.

Und zum zweiten Punkt „Widerstand“ dann in meinem nächsten Blog Eintrag…