Liebeserklärung an die älteren, weißen Männer

Neulich bei einer Stiftungsveranstaltung, bei der ich meine Gedanken zum Thema „Zukunft Schule“ vortragen sollte, haben mich mal wieder ein paar weiße, ältere, gebildete Männer in gereiztem Ton in Grund und Boden geredet und ich habe mich gefragt: Warum sind die denn jetzt schon wieder so aggressiv? Warum können wir nicht einfach in Ruhe reden? Warum komme ich mit einem Gedankengang gar nicht mehr durch, ohne dass jemand sich angegriffen oder beleidigt fühlt?

Was ist denn da eigentlich los?

Ich habe deswegen beschlossen, dass ich jetzt eine Liebeserklärung an alle älteren, weißen Männer schreibe.

Aber weil sie mich immer unterbrechen, bevor ich fertig bin, habe ich beschlossen, dass diese Liebeserklärung nur diejenigen bekommen, die diesen Text ZU ENDE lesen. Denn es kann ja nicht sein, dass wir im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram, Mails und Sprachnachrichten offenbar nur noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Kaninchens haben und dann nicht abwarten können, bis ein Gedankengang zu Ende formuliert ist.

Der folgende Text ist also eine Art Training für all diejenigen, deren Konzentration ins Flackern geraten ist und die mal schauen wollen, ob es noch möglich ist, an EINEM Text von Anfang bis Ende dran zu bleiben.

Dieser Text ist für euch alle. Aber insbesondere für die älteren, weißen, gebildeten Männer, die eine Belohnung bekommen, wenn sie ihren eventuellen Ärger im ersten Teil dieses Textes in den Griff bekommen und trotz ihrer möglichen Irritationen konzentriert weiter lesen bis zum Schluss.

Worum geht’s? Es geht darum, dass ich erklären möchte, was der Zusammenhang ist zwischen Unisex-Toiletten, Greta Thunberg, Herrschaftsfreiheit, normiertem Denken und unserem Schulsystem.

Und wer sich jetzt zusammenreißt und dranbleibt, wird belohnt. Versprochen.

Meine These: Ich glaube, dass es Zeit wird, bestehende Normen zu hinterfragen und sie durch gemeinsame Werte zu ersetzen. 

Das möchte ich erklären:

Wann immer eine Norm herrscht (etwas als „normal“ gilt), ergibt sich eine Hierarchie. Eine Hierarchie ist gleichbedeutend mit ungleich verteilten Machtverhältnissen:

Dazu folgende Beobachtung:

In Kontexten, die stark normativ geprägt sind (wie zum Beispiel an Schulen aber auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Kontexten), fühlen sich diejenigen am sichersten und haben am meisten Vorteile, die der herrschenden Norm entsprechen. Das sind quasi die Gold-Marie-Menschen. 

Eine herrschende Norm ist das, was die meisten Menschen für „normal“ halten. Zum Beispiel eine Beziehung zwischen Mann und Frau.

Oder: In Schulen halten Lehrkräfte es für normal, dass die Leistungen von Schüler*innen in Form von Noten gemessen werden. Um eine Note geben zu können, braucht es einen sogenannten „Erwartungshorizont“. Ein Erwartungshorizont ist eine Norm: Was entspricht einer Note 1, was einer 2? usw. Kinder, die dem Erwartungshorizont ohne größere Mühe entsprechen, erfüllen die Norm und sind somit „Gold-Marie-Schüler*innen“. (Ich glaube niemand wird heutzutage noch behaupten, dass die Noten ein objektives Mittel sind um tatsächliche Leistung zu messen).

Dann gibt es diejenigen, die von der Norm abweichen, sich aber ganz doll anstrengen, dass es möglichst niemand merkt. Das sind die „I can pass!“-Menschen. Diese Leute unterdrücken ihre eigenen Potenziale zugunsten der normierten Erwartungen in der Hoffnung, dass sie dann doch noch als „Gold-Marie-Menschen“ durchgehen, bezahlen dafür aber einen hohen Preis an Selbstwertgefühl. Sie machen die Erfahrung, dass etwas, das sie mitbringen oder können, nicht zählt. Dafür aber etwas anderes, das sie entweder nicht mit bringen oder nicht so gut können. Die „I-can-pass-Menschen“ halten ihre eigene Abweichung von der Norm für einen Makel, den sie verstecken müssen. Stattdessen strengen sie sich an, die Norm zu erfüllen, was aber nur möglich ist, wenn sie einen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen.

Dann gibt es diejenigen, die von der Norm abweichen, das normative Konstrukt aber durchschauen (entweder intuitiv wie „meine“ Schüler*innen damals an der Neuköllner Hauptschule oder aber auch intellektuell wie zahlreiche Aktivisten*innen und Künstler*innen). Das sind die Rebell*innen. Sie wissen oder spüren intuitiv, dass ein Teil ihrer Potentiale und ihrer Persönlichkeit innerhalb der herrschenden Norm nicht die entsprechende Anerkennung erhält, weil dafür gar kein Raum geboten wird.

Diese dritte Gruppe entlarvt und hinterfragt das Konstrukt der Normativität und die daraus resultierenden ungleichen Machtverhältnisse und wird mit den eigenen Anliegen und Fähigkeiten laut und sichtbar. Aber auch diese Menschen zahlen einen hohen Preis, denn ihr Widerspruch wird erstmal immer (!) als störend, „egomanisch“, „befindlich“ und „nervig“ empfunden. Dabei erfordert jedes Stückchen hart erkämpfter Sichtbarkeit großen Mut und verursacht jedes Mal den Schmerz, von den „Gold-Marie“- und den „I can pass-Personen“ krass abgewertet zu werden. Denn wer die herrschende Norm in Frage stellt, wird immer zunächst einmal als Störung oder als Bedrohung wahrgenommen. Die übliche Reaktion auf eine solche Bedrohung ist Abwertung.

Das wissen auch die „I-can-pass-Menschen“ und sie haben Angst davor, weil sie „innen tief sind“ (innere Tiefstatushaltung) und die Harmonie suchen – auch auf Kosten des eigenen Selbstwerts. Sie haben bereits Opfer gebracht, um im bestehenden System Anerkennung zu erhalten und sind daher RICHTIG sauer auf die Rebellen, weil die Rebellen ihre mühsam erkämpften normativen Erfolge natürlich in Frage stellen.

Und als vierte Gruppe gibt es noch die „Pech-Marie-Menschen“, die Unsichtbaren. Das sind diejenigen, die für sich keine Chance mehr sehen, innerhalb der bestehenden Norm Anerkennung zu finden und nicht die Kraft oder das Selbstbewusstsein haben, dagegen zu protestieren. Sie internalisieren die Demütigung, immer als „abweichend“ und nicht „gut genug“ zu gelten, halten sich selbst für „Loser“ oder „Freaks“ und fragen sich ihr Leben lang, was mit ihnen „nicht stimmt“.

Die Goldmarie-Menschen sind beispielsweise im Bereich

Race“ die weißen Menschen,

im Bereich „Gender“ die hetero-normativen Männer,

im Bereich „Class“ die akademisch gebildeten Menschen und

im Bereich „Education“ die weißen, hetero-normativen Jugendlichen mit akademischem Bildungs-Hintergrund.

Die „I-can-pass!“-Menschen sind diejenigen, die beispielsweise am Arbeitsplatz ihre Homosexualität verheimlichen und in der Kantine mit hetero-normativen Männern gemeinsam über Schwulen-Witze lachen, oder Menschen, die ein Leben lang ihre soziale Herkunft als Makel empfinden und stolz darauf sind, wenn sie in Hochburgen des Bildungsbürgertums als „ihresgleichen“ angesehen werden. „I-can-pass-Menschen sind stets darum bemüht, sich der vorherrschenden Norm anzupassen und darüber Anerkennung zu erhalten.

Die „Rebell*innen“ sind im Bereich

Race“ die politisch und/oder künstlerisch aktiven und sichtbaren POCs (person of color)

Im Bereich „Gender“ die politisch und/oder künstlerisch aktiven und sichtbaren Frauen und LGBTI-Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender: lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen)

Im Bereich „Class“ derzeit kaum jemand, (was interessant ist, da denke ich an Didier Eribon und „Rückkehr nach Reims“, und frage mich, ob das an Schamgefühlen liegt, denn WENN mir an dieser Stelle überhaupt jemand einfällt, dann höchstens Teile der ostdeutschen Pegida-Anhänger*innen, der „Gelbwesten“ oder auch der Trump-Wähler*innen aus den „Fly-over-countries“, die leider noch nicht bemerkt haben, dass rechte Positionen niemals zu mehr Gleichberechtigung führen können) – und

im Bereich „Education“ sind es die rebellierenden Jugendlichen – hauptsächlich an sogenannten „Brennpunktschulen“, aber zunehmend auch anderswo. Und Greta Thunberg und die derzeit gegen die Versäumnisse der älteren Generation beim Klimawandel protestierenden Jugendlichen seien hier auch als aktuelles und sehr interessantes Beispiel genannt…

Die „Pech-Marie-Menschen“ sind in allen vier Bereichen die Unsichtbaren, nämlich diejenigen, deren Geschichten wir nicht kennen.

Grob vereinfacht lasse ich das jetzt mal so stehen, auch wenn es natürlich zahlreiche weitere Facetten gibt: Wie immer denke ich in Skalen, nicht in schematischen Tabellen. Aber um die grundsätzlichen Schnittmengen in diesen emanzipatorischen Prozessen zu veranschaulichen, ist diese Aufteilung in Race, Gender, Class und Education und mit den vier Gruppen vielleicht hilfreich.

Und von „unsichtbar sein“, bzw. „sich für Anerkennung verbiegen“ bis hin zu „sichtbar werden“ und sich emanzipieren – sind es überall ähnliche Stufen und ähnliche schmerzhafte Erfahrungen. Grundsätzlich aber gilt, dass ein Mensch, der sein gesamtes Potential leben kann, ein freier Mensch ist. Und deswegen lohnt sich diese ganze Anstrengung.

Wegen dieser Parallelen bei allen emanzipatorischen Prozessen ist für mich der vierte Bereich, nämlich Bildung (education), der Schlüssel, um in allen anderen Bereichen eine Entwicklung hin zu mehr Selbstermächtigung und Vielfalt zu initiieren.

Vielfalt oder auch Diversität wird nur dann produktiv, wenn sich alle Menschen gleichwertig mit ihren verschiedenen Potentialen einbringen können. So lange aber eine Norm herrscht, entsteht eine Hierarchie, die genau DAS verhindert.

Ich frage mich, warum dieser offensichtliche „Fehler“ im System nicht längst behoben worden ist. Denn nach außen hin, sind sich alle einig, dass Diversität Innovation hervorbringt und daher Ziel aller Anstrengungen sein muss. Warum aber hält unsere Gesellschaft oder auch unser Bildungssystem am normierten Denken fest?

Es liegt meiner Ansicht nach an den Goldmarie-Menschen. Denn diese behindern die innovative Kraft von Diversität dadurch, dass sie nicht sehen, dass es eine Norm GIBT. Und dass es aber diese (für sie unsichtbare) Norm ist, die zu Hierarchien und zu Ungleichheit führt und den Reichtum von Diversität blockiert.

Warum SEHEN die Goldmarie-Menschen nicht die Norm?

Die Goldmarie-Menschen sind grundsätzlich diejenigen mit dem blinden Fleck. Und das liegt daran, dass sie selbst mitten drin in der Norm sitzen und ihnen der Außenblick fehlt. Sie verstehen die Aufregung der anderen nicht. Denn SIE erfahren ja keine Ungleichheit. (Das heißt NICHT, dass sie keine Probleme und Ungerechtigkeiten erfahren. Es heißt nur, dass sie in dem Feld, in dem sie der Norm entsprechen keine Ungleichheit erfahren).

Das Problem mit den Goldmarie-Menschen ist, dass sie sich selbst nicht von außen betrachten, sondern davon ausgehen, dass ALLE die Welt so wahrnehmen, wie sie selbst. Aus dieser Perspektive halten beispielsweise weiße, hetero-normative Männer Unisex-Toiletten für eine total überspannte und unnötige Verrücktheit oder selbstbewusste Frauen (die Rebellinnen unter ihnen) für „emotional“, „aufgeregt“ oder „nervig“.

Weißen Menschen erscheinen aus dieser Perspektive alle Personen anderer Hautfarbe (die Rebell*innen unter ihnen) „so unentspannt“ und „schlechter Laune“ (was WOLLEN die denn noch???).

Akademisch gebildeten weißen Menschen erscheinen arabische Jugendliche aus Neukölln wie „kleine Gangster“ und weiße, hetero-normative Jugendliche mit akademischem Bildungshintergrund denken sich: Na, die Chantal und der Kevin sind eben dümmer als ich und deswegen sind die nicht auf dem Gymnasium.

Auch die Frage „Woher kommst du?“ ist unter dem Aspekt der Perspektive interessant, aus der heraus sie gestellt wird: Wenn sie vom Hochsitz aus gestellt wird, fühlt sich das für das Gegenüber weniger nach ehrlichem Interesse an, sondern eher wie eine Zuschreibung mit dem Subtext: Du bist ja sicherlich nicht „richtig deutsch“, also eben nicht „normal deutsch“. Und das macht einen Statusabstand auf statt einer Einladung zur menschlichen Begegnung.

So ließen sich beliebig viele weitere Beispiele finden, aber was sie alle eint ist: Das alles sind Perspektiven vom „normativen Hochsitz“ aus, wo sich die versammeln, die der Norm entsprechen und deswegen nicht checken, wie es sich lebt, wenn mensch eben NICHT der Norm entspricht.

Wer aber plötzlich bemerkt, dass diese Perspektive nur vom Hochsitz aus möglich ist und alles ganz anders aussieht, wenn mensch stattdessen unten auf dem Boden steht und zum Hochsitz hinaufschaut, der reibt sich erstaunt die Augen…

Und dann gibt es eben jetzt diese letzte entscheidende Frage, durch welche normative Perspektive unsere Gesellschaft derzeit noch immer durch und durch geprägt ist. Und dazu müssen wir uns anschauen, welcher Typus bei uns 2019 in Deutschland auf keinem einzigen der vier Felder jemals Ungleichheit erlebt hat (wie gesagt: Probleme und Ungerechtigkeiten sicherlich, aber eben keine Ungleichheit), und deswegen noch nie vom Hochsitz runter klettern musste.

Und das ist der weiße, akademisch gebildete, hetero-normative (ältere) Mann mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Sowohl unser Bildungssystem als auch unsere gesamte Gesellschaft ist durch diesen normierten Blick geprägt. Diese Männer haben maßgeblich die Strukturen des gesellschaftlichen Handelns, Gestaltens und Denkens unserer Gesellschaft geprägt.

Und das haben sie gut gemacht. Dass ich diesen Text schreiben kann und mir diese Zusammenhänge bewusstwerden, hat viel damit zu tun, was diese Männer den nachfolgenden Generationen ermöglicht haben. Uns.

Aber JETZT steht dieser weiße, hetero-normative, gebildete Mann, der unsere Gesellschaft geprägt hat, bildlich gesprochen in der Aula einer Brennpunktschule und blickt auf die Verschiedenheit und Ansprüche der anderen, wie ich damals auf meine rebellierende Hauptschulklasse. Und er denkt sich: Oha, da rollt eine Tsunami-Welle auf mich zu. Da muss ich jetzt hart durchgreifen und die mal alle in die Spur bringen.

Aber ganz ehrlich: Das ist nicht die Lösung. Die Lösung ist das Gegenteil. Ich habe damals in Neukölln gedacht: „Dann muss diese Welle jetzt kommen. Ich regiere NICHT mehr gegenan, sondern gebe ganz im Gegenteil allen das Veto-Recht als Grundlage dafür, dass alle ihre Integritätsräume schützen können und von dort aus bauen wir dann Schritt für Schritt ein neues Haus aus gemeinsamen Werten und Zielen“.

Und das ist das Beste, was ich je erlebt habe. Denn wenn ich freie Menschen vor mir habe, dann KÖNNEN sie gemeinsame Werte entwickeln und dafür Verantwortung übernehmen. Dann werden sie stark und entwickeln den Willen zur Verantwortung. Weil sie selbst Teil dieser Werte und Ziele sind.

Und genau das ist das Verdienst des weißen, hetero-normativen, gebildeten Mannes, dass er diese demokratischen Strukturen geschaffen hat, durch die jetzt viele Menschen gelernt haben, Rebell*innen zu werden, ihre Integritätsräume zu schützen und nicht mehr alles Eigene zu verdrängen um Bestätigung zu erhalten. Es gibt heute MEHR freie Menschen, MEHR Perspektiven auf die Welt, MEHR Möglichkeiten, die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.

Deswegen geht es NICHT darum, „irgendwas in die Spur zu kriegen“, sondern im Gegenteil. Es geht darum, den eingeschlagenen, richtigen Weg WEITER zu gehen:

In unserer globalisierten Welt heute machen normative Konstrukte, über die Dominanz und Gewalt gegenüber abweichenden Menschen ausgeübt wird, keinen Sinn mehr. Denn wir können für die JETZIGEN größeren gesellschaftlichen Probleme nur ZUSAMMEN menschliche Lösungen finden. Und logisch: je mehr verschiedenes Potential dafür zur Verfügung steht, desto besser.

Ich könnte aber auch einfach sagen: Ich lebe lieber in einer Welt, in der möglichst viele freie, starke und glückliche Menschen leben und möglichst wenig Gedemütigte. Denn die freien, starken und glücklichen Leute haben wahrscheinlich mehr Bock darauf, Zukunft konstruktiv gemeinsam zu gestalten.

In der Neuköllner Schule damals – und seitdem immer wieder – habe ich gesehen, was passiert, wenn Menschen auf der Basis ihrer Verschiedenheit gemeinsam produktiv werden. Und ich habe gesehen, was es dazu braucht:

Einen herrschaftsfreien Raum mit einer klaren menschlichen Führung auf der Basis gleichwertiger Beziehungen – klare konzeptionelle Regeln und schrittweise Vermittlung von Werten und Führungskompetenz.

Wenn dann mit der Zeit alle diese Form der menschlichen Führung können und wollen – im Sinne von Verantwortung übernehmen – dann haben wir eine Chance, die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Deswegen wünsche ich mir, dass alle Leute, die sich noch auf den Hochsitzen befinden, runter kommen und sich anschauen, was in Wahrheit alles möglich ist. Denn wer noch oben sitzt, wird es mir nicht glauben: Aber ich weiß, dass es eine ENTLASTUNG ist, die Brille der normativen Überheblichkeit abzusetzen und die anderen zu SEHEN, wie sie wirklich sind.

Dafür müssen wir Herrschaft (über das Mittel einer bestehenden Norm) ersetzen durch menschliche Führung.

Und ich stehe mit Respekt und Dankbarkeit vor allen älteren, weißen, hetero-normativen, gebildeten Männern, die die gesellschaftliche Grundlage für all diese emanzipatorischen Entwicklungen geschaffen haben, in der diese Gedanken überhaupt erst wachsen konnten:

Liebe weiße Männer,

Jetzt ist es Zeit in gegenseitiger Anerkennung zu bleiben und den folgerichtigen nächsten Schritt zu wagen, den ihr erst ermöglicht habt: 

Herrschaft durch MENSCHLICHE FÜHRUNG ersetzen und die jeweils herrschende Norm durch gemeinsame Werte. 

…Und an dieser Stelle klettere auch ich selbst vom Hochsitz wieder runter, den ich für das Schreiben dieses Textes absichtlich eingenommen habe, um ein bisschen spiegeln zu können, wie es sich anfühlt, wenn wir mit Begriffen und Zuschreibungen beschriftet werden. Denn wer hier eine schmerzhafte Irritation empfunden hat, der kann vielleicht einen Hauch davon erahnen, wie es sich für viele Menschen die ganze Zeit anfühlt. Ich hoffe, dass wir uns dann am Boden (der Tatsachen) wieder treffen und ein spannendes Gespräch auf Augenhöhe beginnen können… nämlich darüber, wer wir wirklich sind.

 

 

 

 

Schultheater der Länder 2018 in Kiel – oder: Wetter und Politik

(Warnung: Dies ist ein sehr persönlicher Text. Er gibt meine subjektive Sicht, meine Eindrücke vom Festival wieder. Das mögen bei anderen ganz andere gewesen sein. Für mich war dieses Festival besonders. Und deswegen schreibe ich hier darüber).

Die Festival-Woche des “Schultheater der Länder 2018″ in Kiel hatte die Besonderheit von ununterbrochener, geradezu aufdringlicher Herbst-Sonne. Alles schien in goldenes Licht getaucht, man konnte es nicht fassen und musste immer den Impuls unterdrücken, übers Wetter zu reden – und das konnte ja nicht sein: Man war ja aus anderen Gründen gekommen, als übers Wetter zu reden.

Ich muss trotzdem mit dem Wetter beginnen, denn es wurde zum Mitspieler und zum Subtext dieses gesamten Festivals zum Thema „Theater und Politik“:

Von der an eine große Sommerparty erinnernden Atmosphäre vor dem Festival-Zentrum im RBZ, über die ausgelassen fröhliche Dampferfahrt nach Laboe mit allen Festival-Teilnehmer*innen bis hin zum gemeinsamen lauschigen Draußen-Sitzen bis tief in die Nacht – überall spielte das Wetter mit. Und das alles wirkte geradezu magisch.

Aber über diesen letzten Tagen eines unglaublichen, scheinbar ewigen Sommers hing bereits die melancholische Ahnung, dass er jetzt zu Ende ging.

Die herunter plumpsenden Kastanien und raschelnden Blätter auf den Fahrradwegen erzählten davon – aber eben auch die Vorträge der Fachtagung, die 16 Theaterproduktionen, die teils rasend komisch, teils zutiefst bewegend, insgesamt aber alle auf ihre Weise politisch aufschlussreich waren, und nicht zuletzt die zahlreichen Gespräche zum Thema dieses Festivals:

Man wusste nach Chemnitz, Maaßen-Affäre und dahin bröckelnder Regierungs-Krise in Berlin, nach Trump, Brexit und Flüchtlingskrise, dass sich in diesen langen Sommer – nach außen noch unmerklich – eine dunkle, ja, eine braune Farbe eingeschlichen hatte. Winter is coming.

So beendete denn auch Uta Plate ihren fulminanten Vortrag bei der Fachtagung mit einem Aufruf an alle Theaterlehrer*innen, „den kommenden Zeiten mit Mut und Kraft entgegen zu treten“.

Und so mischte sich während des gesamten Festivals die Ausgelassenheit und Freude mit der darunter liegenden Erkenntnis, dass „ein sehr langer Sommer, den wir für selbstverständlich gehalten hatten“ mitsamt seiner Unbeschwertheit nun unwiederbringlich zu Ende ging.

Tatsächlich schien diese Theaterwoche es der Sonne gleich zu tun: Sie bot noch einmal alles auf und machte alles sichtbar, was im Schultheater an Vielfalt, Qualität und Entwicklung in den letzten Jahrzehnten möglich geworden ist. Es schien so, als habe noch kein SdL zuvor mehr Vielfalt, mehr Humor und mehr Menschlichkeit gewagt, als in diesem Jahr in Kiel.

Vielleicht war es auch der Bedrückung um die allgemeine politische Lage geschuldet, dass man den Wert und den Sinn dieser ganzen Arbeit noch einmal deutlicher sehen konnte:

Denn was ist das „Schultheater der Länder“ weniger als ein bundesweites Zusammentreffen von Menschen, die sich gemeinsam eine Woche lang die Zeit nehmen, sich auszutauschen – über das wirkmächtigste und zukunftsfähigste Bildungsmittel unserer Zeit: Über Theater im Sinne von kreieren, spielerisch erforschen, reflektieren und Welt gestalten.

Klingt pathetisch, aber derzeit gibt es nicht mehr so wahnsinnig viel, was tröstlicher und ermutigender sein könnte, als zu sehen, dass sich dieses wirkmächtige Bildungsmittel trotz aller systemischen Beschränkungen und Einhegungs-Versuche offenbar nicht klein kriegen lässt. – Dank einiger Menschen, die ihre Zeit und Energie statt aufs „Garten-Hecken-Schneiden“ auf gemeinsame gesellschaftliche Visionen verwenden und dafür sorgen, dass diese sich Schritt für Schritt realisieren lassen.

Und das ist es, was ich hoffe: Dass wir uns nicht klein kriegen lassen in den Zeiten, die kommen werden. Dass die Arbeit einer ganzen Generation an Theaterlehrer*innen nicht umsonst gewesen sein wird: Theaterlehrer*innen, die seit den 70-er Jahren unbeirrt auf der Relevanz des Schultheaters beharren und dafür – unter In-Kaufnahme der zahlreichen berühmten Mühen der Ebene – eine wirkmächtige Struktur geschaffen haben. Ich hoffe, dass dieses Haus, das sie gebaut haben, nicht bald leer stehen wird. Es ist ein Sommerhaus. Wir müssen es winterfest machen. Und uns wärmer anziehen.

So, wie es war, wird es nicht mehr sein. Aber wenn wir wollen, wird etwas Neues kommen und was das Neue sein wird und was es kann – das liegt in unserer Hand.

Es gibt nichts Gutes. Außer – man tut es.

(Erich Kästner)

Und in diesem Sinne möchte ich Tilmann Ziemke und Klaus und Christiane Mangold für diese unglaublich schöne Woche aber auch für alles andere danken:

Ihr habt mich in jeder Hinsicht auf den Weg gebracht. Und was ihr vor sehr langer Zeit und dann über all die Jahre bei mir angestoßen habt, das versuche ich weiterhin auch bei anderen anzustoßen. Ihr seid für mich ein Vorbild.

Der Herbst kann kommen. Ich hol schon mal die warmen Sachen aus dem Keller…

 

 

 

Perspektiv-Wechsel, Widerstand und Fantasie

Überall nehme ich im Moment eine zunehmende Polarisierung und Zuspitzung von Sprache wahr. Mir vergeht z.B. teilweise meine ursprüngliche Freude am Zeitung-Lesen. Früher ging es mir nur beim Thema Bildung so, dass ich beim Lesen von Artikeln dachte: Das ist aber in Wahrheit komplizierter. Inzwischen geht es mir bei fast jedem Thema so.

Erstens geht es scheinbar nur noch um „Flüchtlinge“ bzw. um Migration – als ob es keine anderen Themen gäbe (…!!). Und zweitens hat vieles nur noch diesen seltsam angespannten, eindimensionalen Ton. Diese ständigen Vereinfachungen werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Sie werden dem einzelnen Menschen nicht gerecht. Es fehlen zunehmend die feineren Facetten und das Bemühen um einen gemeinsamen Nenner aus unterschiedlichen Perspektiven.

Ich möchte drei Vorschläge machen, die vielleicht helfen und Mut machen könnten:

1 Perspektiv-Wechsel: Es gibt bei allem, was wir wahrnehmen grundsätzlich eine andere Perspektive auf dieselbe Sache. Und es ist sehr erhellend, sich für diese andere Perspektive zu öffnen. Dann verstehen wir MEHR.

2 Widerstand und Zivil-Courage: Wo braucht es klaren Widerstand und Mut zur „Sanktion” und warum tun wir uns damit so schwer? Beispiele: Wo müssen wir Grenzen setzen? Was tun wir, wenn vor unseren Augen ein Mensch gedemütigt, in seiner Würde verletzt, beleidigt, angegriffen wird? Was tun wir, wenn jemand uns auf offener Straße den Hitlergruß zeigt? Wie verteidigen wir Demokratische Werte, wenn wir bemerken, dass andere genau diese Werte dazu nutzen, um die zugrundeliegende Werte-Basis auszuhebeln? Wo braucht es eine Grenze, wo braucht es deutlichen lauten Widerspruch und eine klare Verteidigung der Wertebasis und was ist dazu (an Haltung und Handeln) notwendig?

3  Fantasie: Wo wollen wir hin? Wie können wir eine festgefahrene Situation verrücken und durch Ver-rücktes ETWAS GANZ ANDERES sichtbar machen? Der Mensch hat die Fähigkeit zur Fantasie. Wir müssen uns die Räume nehmen, in denen unzensierte Verrücktheiten entstehen können.

Zu Punkt 1: Perspektiv-Wechsel

Kleine Geschichte aus meiner Vergangenheit:

1979: Ich bin 9 Jahre alt und besuche die dritte Klasse der Grundschule am Kegelberg in Glücksburg. Neben dem Grundschulgebäude befindet sich auch die Hauptschule und die Schüler*innen beider Schulen nutzen den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen halten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort stehen sie und rauchen und sind – aus unserer Sicht – älter und cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielen meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist.

Wir gehen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern haben. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagen uns Respekt ein. Gleichzeitig wissen wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlen uns ein bisschen wichtig, weil klar ist, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen.

Kerstin kommt irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Ulrich ärgern. Ulrich ist bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussieht. Er ist in der 8. Klasse, raucht Kette, sagt immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hat manchmal ein blaues Auge. Wir stellen uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelt. Ulrich scheint uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich in den Schulbus, mit dem Ulrich immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Ulrich und als der Bus los fährt, fangen wir an, laut Witze über Ulrich zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Ulrich ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Ulrich, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiter fährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Ulrich hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt in den Rücken, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal breche ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt, meine Kniee brennen, ich warte auf den nächsten Tritt. Aber Ulrich geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte ist.

So erzähle ICH diese Geschichte. Aber die Frage ist, wie Ulrich sie erzählen würde. Ich hatte später viele solcher „Ulrichs“ im Unterricht und heute sehe ich ein kleines, verwöhntes Mädchen in einer heilen, behüteten Welt, dessen größtes Problem war, dass schon wieder Klavierstunde war und sie mal wieder nicht geübt hatte.

Und ich sehe Ulrich mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt.

Wieviel Wahrheit kennen wir, wenn wir nur die Geschichte der blonden 9-jährigen Maike kennen?

Ich habe über den Perspektiv-Wechsel auch nachgedacht, als ich in den letzten Tagen die Berichterstattung über die Beerdigung von Nidal R., „Deutschlands berühmtesten Intensivtäter“, las. Was für ein beunruhigend eindimensionaler Blick.

Ich bin Nidal einmal begegnet. Da saß er in einem schwarzen Anzug vor mir beim Elterngespräch. Und es ging darum, wie wir es gemeinsam hinkriegen könnten, dass seine beiden kleinsten Brüder, deren Klassenlehrerin ich war, es besser machen würden als er. Damit will ich nichts schön reden. Aber das Gesamtbild setzt sich aus vielen verschiedenen Aspekten zusammen. Es gibt keine einfache Geschichte. Es bringt nichts, nur EINE Perspektive sehen zu wollen. Mit nur einer Perspektive verstehen wir NICHTS.

Denn was eigentlich alle Geschichten und alle Perspektiven miteinander verbindet, ist dieser immer gleiche menschliche Wunsch: Der Wunsch aller Menschen nach Würde, Anerkennung, Selbstbestimmung und Freiheit.

Auf dem Weg dahin geht nur leider so einiges schief. Und zwar selten deswegen, weil Menschen per se „böse“ sind. Es ist unsinnig und gefährlich, eindimensionale, platte Wahrheiten gegen die jeweils anderen in Stellung zu bringen.

Es wäre so schön, wenn wir es intelligenter versuchen könnten: Anfangen, verschiedene Perspektiven zu sehen und kompliziertere Wahrheiten auszuhalten. Das wäre das Erste. Dann könnten wir über sinnvolle Lösungen nachdenken.

Und zum zweiten Punkt „Widerstand“ dann in meinem nächsten Blog Eintrag…