Schultheater der Länder 2018 in Kiel – oder: Wetter und Politik

(Warnung: Dies ist ein sehr persönlicher Text. Er gibt meine subjektive Sicht, meine Eindrücke vom Festival wieder. Das mögen bei anderen ganz andere gewesen sein. Für mich war dieses Festival besonders. Und deswegen schreibe ich hier darüber).

Die Festival-Woche des “Schultheater der Länder 2018″ in Kiel hatte die Besonderheit von ununterbrochener, geradezu aufdringlicher Herbst-Sonne. Alles schien in goldenes Licht getaucht, man konnte es nicht fassen und musste immer den Impuls unterdrücken, übers Wetter zu reden – und das konnte ja nicht sein: Man war ja aus anderen Gründen gekommen, als übers Wetter zu reden.

Ich muss trotzdem mit dem Wetter beginnen, denn es wurde zum Mitspieler und zum Subtext dieses gesamten Festivals zum Thema „Theater und Politik“:

Von der an eine große Sommerparty erinnernden Atmosphäre vor dem Festival-Zentrum im RBZ, über die ausgelassen fröhliche Dampferfahrt nach Laboe mit allen Festival-Teilnehmer*innen bis hin zum gemeinsamen lauschigen Draußen-Sitzen bis tief in die Nacht – überall spielte das Wetter mit. Und das alles wirkte geradezu magisch.

Aber über diesen letzten Tagen eines unglaublichen, scheinbar ewigen Sommers hing bereits die melancholische Ahnung, dass er jetzt zu Ende ging.

Die herunter plumpsenden Kastanien und raschelnden Blätter auf den Fahrradwegen erzählten davon – aber eben auch die Vorträge der Fachtagung, die 16 Theaterproduktionen, die teils rasend komisch, teils zutiefst bewegend, insgesamt aber alle auf ihre Weise politisch aufschlussreich waren, und nicht zuletzt die zahlreichen Gespräche zum Thema dieses Festivals:

Man wusste nach Chemnitz, Maaßen-Affäre und dahin bröckelnder Regierungs-Krise in Berlin, nach Trump, Brexit und Flüchtlingskrise, dass sich in diesen langen Sommer – nach außen noch unmerklich – eine dunkle, ja, eine braune Farbe eingeschlichen hatte. Winter is coming.

So beendete denn auch Uta Plate ihren fulminanten Vortrag bei der Fachtagung mit einem Aufruf an alle Theaterlehrer*innen, „den kommenden Zeiten mit Mut und Kraft entgegen zu treten“.

Und so mischte sich während des gesamten Festivals die Ausgelassenheit und Freude mit der darunter liegenden Erkenntnis, dass „ein sehr langer Sommer, den wir für selbstverständlich gehalten hatten“ mitsamt seiner Unbeschwertheit nun unwiederbringlich zu Ende ging.

Tatsächlich schien diese Theaterwoche es der Sonne gleich zu tun: Sie bot noch einmal alles auf und machte alles sichtbar, was im Schultheater an Vielfalt, Qualität und Entwicklung in den letzten Jahrzehnten möglich geworden ist. Es schien so, als habe noch kein SdL zuvor mehr Vielfalt, mehr Humor und mehr Menschlichkeit gewagt, als in diesem Jahr in Kiel.

Vielleicht war es auch der Bedrückung um die allgemeine politische Lage geschuldet, dass man den Wert und den Sinn dieser ganzen Arbeit noch einmal deutlicher sehen konnte:

Denn was ist das „Schultheater der Länder“ weniger als ein bundesweites Zusammentreffen von Menschen, die sich gemeinsam eine Woche lang die Zeit nehmen, sich auszutauschen – über das wirkmächtigste und zukunftsfähigste Bildungsmittel unserer Zeit: Über Theater im Sinne von kreieren, spielerisch erforschen, reflektieren und Welt gestalten.

Klingt pathetisch, aber derzeit gibt es nicht mehr so wahnsinnig viel, was tröstlicher und ermutigender sein könnte, als zu sehen, dass sich dieses wirkmächtige Bildungsmittel trotz aller systemischen Beschränkungen und Einhegungs-Versuche offenbar nicht klein kriegen lässt. – Dank einiger Menschen, die ihre Zeit und Energie statt aufs „Garten-Hecken-Schneiden“ auf gemeinsame gesellschaftliche Visionen verwenden und dafür sorgen, dass diese sich Schritt für Schritt realisieren lassen.

Und das ist es, was ich hoffe: Dass wir uns nicht klein kriegen lassen in den Zeiten, die kommen werden. Dass die Arbeit einer ganzen Generation an Theaterlehrer*innen nicht umsonst gewesen sein wird: Theaterlehrer*innen, die seit den 70-er Jahren unbeirrt auf der Relevanz des Schultheaters beharren und dafür – unter In-Kaufnahme der zahlreichen berühmten Mühen der Ebene – eine wirkmächtige Struktur geschaffen haben. Ich hoffe, dass dieses Haus, das sie gebaut haben, nicht bald leer stehen wird. Es ist ein Sommerhaus. Wir müssen es winterfest machen. Und uns wärmer anziehen.

So, wie es war, wird es nicht mehr sein. Aber wenn wir wollen, wird etwas Neues kommen und was das Neue sein wird und was es kann – das liegt in unserer Hand.

Es gibt nichts Gutes. Außer – man tut es.

(Erich Kästner)

Und in diesem Sinne möchte ich Tilmann Ziemke und Klaus und Christiane Mangold für diese unglaublich schöne Woche aber auch für alles andere danken:

Ihr habt mich in jeder Hinsicht auf den Weg gebracht. Und was ihr vor sehr langer Zeit und dann über all die Jahre bei mir angestoßen habt, das versuche ich weiterhin auch bei anderen anzustoßen. Ihr seid für mich ein Vorbild.

Der Herbst kann kommen. Ich hol schon mal die warmen Sachen aus dem Keller…

 

 

 

Perspektiv-Wechsel, Widerstand und Fantasie

Überall nehme ich im Moment eine zunehmende Polarisierung und Zuspitzung von Sprache wahr. Mir vergeht z.B. teilweise meine ursprüngliche Freude am Zeitung-Lesen. Früher ging es mir nur beim Thema Bildung so, dass ich beim Lesen von Artikeln dachte: Das ist aber in Wahrheit komplizierter. Inzwischen geht es mir bei fast jedem Thema so.

Erstens geht es scheinbar nur noch um „Flüchtlinge“ bzw. um Migration – als ob es keine anderen Themen gäbe (…!!). Und zweitens hat vieles nur noch diesen seltsam angespannten, eindimensionalen Ton. Diese ständigen Vereinfachungen werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Sie werden dem einzelnen Menschen nicht gerecht. Es fehlen zunehmend die feineren Facetten und das Bemühen um einen gemeinsamen Nenner aus unterschiedlichen Perspektiven.

Ich möchte drei Vorschläge machen, die vielleicht helfen und Mut machen könnten:

1 Perspektiv-Wechsel: Es gibt bei allem, was wir wahrnehmen grundsätzlich eine andere Perspektive auf dieselbe Sache. Und es ist sehr erhellend, sich für diese andere Perspektive zu öffnen. Dann verstehen wir MEHR.

2 Widerstand und Zivil-Courage: Wo braucht es klaren Widerstand und Mut zur „Sanktion” und warum tun wir uns damit so schwer? Beispiele: Wo müssen wir Grenzen setzen? Was tun wir, wenn vor unseren Augen ein Mensch gedemütigt, in seiner Würde verletzt, beleidigt, angegriffen wird? Was tun wir, wenn jemand uns auf offener Straße den Hitlergruß zeigt? Wie verteidigen wir Demokratische Werte, wenn wir bemerken, dass andere genau diese Werte dazu nutzen, um die zugrundeliegende Werte-Basis auszuhebeln? Wo braucht es eine Grenze, wo braucht es deutlichen lauten Widerspruch und eine klare Verteidigung der Wertebasis und was ist dazu (an Haltung und Handeln) notwendig?

3  Fantasie: Wo wollen wir hin? Wie können wir eine festgefahrene Situation verrücken und durch Ver-rücktes ETWAS GANZ ANDERES sichtbar machen? Der Mensch hat die Fähigkeit zur Fantasie. Wir müssen uns die Räume nehmen, in denen unzensierte Verrücktheiten entstehen können.

Zu Punkt 1: Perspektiv-Wechsel

Kleine Geschichte aus meiner Vergangenheit:

1979: Ich bin 9 Jahre alt und besuche die dritte Klasse der Grundschule am Kegelberg in Glücksburg. Neben dem Grundschulgebäude befindet sich auch die Hauptschule und die Schüler*innen beider Schulen nutzen den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen halten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort stehen sie und rauchen und sind – aus unserer Sicht – älter und cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielen meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist.

Wir gehen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern haben. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagen uns Respekt ein. Gleichzeitig wissen wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlen uns ein bisschen wichtig, weil klar ist, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen.

Kerstin kommt irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Ulrich ärgern. Ulrich ist bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussieht. Er ist in der 8. Klasse, raucht Kette, sagt immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hat manchmal ein blaues Auge. Wir stellen uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelt. Ulrich scheint uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich in den Schulbus, mit dem Ulrich immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Ulrich und als der Bus los fährt, fangen wir an, laut Witze über Ulrich zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Ulrich ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Ulrich, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiter fährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Ulrich hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt in den Rücken, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal breche ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt, meine Kniee brennen, ich warte auf den nächsten Tritt. Aber Ulrich geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte ist.

So erzähle ICH diese Geschichte. Aber die Frage ist, wie Ulrich sie erzählen würde. Ich hatte später viele solcher „Ulrichs“ im Unterricht und heute sehe ich ein kleines, verwöhntes Mädchen in einer heilen, behüteten Welt, dessen größtes Problem war, dass schon wieder Klavierstunde war und sie mal wieder nicht geübt hatte.

Und ich sehe Ulrich mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt.

Wieviel Wahrheit kennen wir, wenn wir nur die Geschichte der blonden 9-jährigen Maike kennen?

Ich habe über den Perspektiv-Wechsel auch nachgedacht, als ich in den letzten Tagen die Berichterstattung über die Beerdigung von Nidal R., „Deutschlands berühmtesten Intensivtäter“, las. Was für ein beunruhigend eindimensionaler Blick.

Ich bin Nidal einmal begegnet. Da saß er in einem schwarzen Anzug vor mir beim Elterngespräch. Und es ging darum, wie wir es gemeinsam hinkriegen könnten, dass seine beiden kleinsten Brüder, deren Klassenlehrerin ich war, es besser machen würden als er. Damit will ich nichts schön reden. Aber das Gesamtbild setzt sich aus vielen verschiedenen Aspekten zusammen. Es gibt keine einfache Geschichte. Es bringt nichts, nur EINE Perspektive sehen zu wollen. Mit nur einer Perspektive verstehen wir NICHTS.

Denn was eigentlich alle Geschichten und alle Perspektiven miteinander verbindet, ist dieser immer gleiche menschliche Wunsch: Der Wunsch aller Menschen nach Würde, Anerkennung, Selbstbestimmung und Freiheit.

Auf dem Weg dahin geht nur leider so einiges schief. Und zwar selten deswegen, weil Menschen per se „böse“ sind. Es ist unsinnig und gefährlich, eindimensionale, platte Wahrheiten gegen die jeweils anderen in Stellung zu bringen.

Es wäre so schön, wenn wir es intelligenter versuchen könnten: Anfangen, verschiedene Perspektiven zu sehen und kompliziertere Wahrheiten auszuhalten. Das wäre das Erste. Dann könnten wir über sinnvolle Lösungen nachdenken.

Und zum zweiten Punkt „Widerstand“ dann in meinem nächsten Blog Eintrag…

 

„Was ist DAS denn für ein Werbe-Video von ACT?“

Im Netz verbreiten wir (ACT e.V.) derzeit ein kleines Filmchen, dessen Ziel es ist, Fördermitglieder zu gewinnen. Es geht um diesen Video-Clip:

ACT Aufruf:  https://youtu.be/vNmwxzWRcyU

Es gibt genau zwei Reaktionen auf diesen Film.

1 Begeisterung

2 Skepsis, im Sinne von leichter moralischer Entrüstung

Über die Begeisterung freuen wir uns. Aber die zweite Reaktion ist natürlich interessanter. Denn hinter der Skepsis bzw. der moralischen Entrüstung wird etwas sichtbar, das es wert ist, genauer angeschaut zu werden, nämlich ein interessanter blinder Fleck: Ein Widerspruch in unserer Wahrnehmung. Und der hat einen gewissen Erkenntniswert, wie ich finde. Daher lohnt es sich, diesen blinden Fleck mal ein bisschen zu beleuchten. Here we go:

Die Gedanken der moralisch Entrüsteten gehen in etwa so:

„Die Professionalität des Clips macht mich misstrauisch. Denn das ist ja nur Werbung und dann noch so glatt. Sieht aus, als hätte das ordentlich Geld gekostet. Investiert ihr in die Arbeit mit den Jugendlichen – oder in SOWAS??“

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist das neueste filmische Produkt aus unserem ACT Lab. Dafür haben wir niemanden beauftragt. Wir haben diesen Clip selbst gemacht. Auf der Basis all dessen, was wir im letzten Jahr gemeinsam gelernt haben. Denn im ACT Lab beschäftigen wir uns mit dem Medium Film und arbeiten nach den Prinzipien der Demokratischen Führung. Daraus sind im letzten Jahr mehrere Filme entstanden, unter anderem auch „Amers Geschichte“.

WARUM WIR DIESEN WERBE-CLIP GEMACHT HABEN

Kurz vor den Sommerferien war ACT e.V. – wie so oft – existentiell bedroht, und die Zukunft mehrerer Projekte von ACT hing am seidenen Faden. Früher konnte ich in solchen Situationen nicht mehr schlafen. Inzwischen hat die „Katastrophendichte“ bei diesem Thema zu einer gewissen „Abhärtung“ geführt.

„Projekte“: Das klingt so abstrakt. Aber das sind immer Menschen, gewachsene Beziehungen, gemeinsames Ringen um eine erfolgreiche künstlerische Arbeit. Wenn von den vielen Anträgen, die wir ununterbrochen schreiben und einreichen müssen, zu viele abgelehnt werden, stehen ganze Gruppen mit all ihrer Arbeit und ihrem Engagement vor dem Aus.

Das ist schwer auszuhalten. Wir haben auch gelernt, dass die Welt leider nicht gerecht ist. Ha ha. Die Gesetzmäßigkeit: „Je fleißiger und besser ihr Anträge schreibt, desto sicherer ist eure Arbeit“ geht nicht auf. Obwohl wir immer besser werden, ist es mal so, mal so und im Ganzen unberechenbar.

Fakt ist, dass unfassbar viel Zeit und Nerven in die ständige finanzielle Sicherung der Arbeit investiert werden muss und diese Zeit immer auf Kosten der Jugendlichen geht, für die wir dann logischerweise WENIGER Zeit haben.

Also entstand in besagter Situation vor den Sommerferien bei unserem ACT Festival die Idee, einen Werbefilm zu machen, um Fördermitglieder zu gewinnen. Denn: Je mehr Fördermitglieder, desto unabhängiger sind wir vom nervenaufreibenden Auf und Ab der Antragsbewilligungen oder Absagen. Und desto mehr Zeit und Energie haben wir für die kontinuierliche, inhaltliche Arbeit mit den Jugendlichen. Für die langfristige Qualität dieser Arbeit.

WAS IST EIN GUTER WERBEFILM?

Gemäß unseres konzeptionellen Drei-Schritts (1 Ziele formulieren. 2 Erfahrungsräume eröffnen. 3 Reflektieren.) machten wir uns an die Arbeit, einen Werbefilm zu realisieren.

Und jetzt kommen wir zum springenden Punkt. Das Ziel war es – ja genau (!) -einen Werbefilm zu machen. Welche ästhetischen Koordinaten machen einen Werbefilm aus, wenn wir es – wie immer – möglichst gut, möglichst professionell machen wollen? Ein Werbefilm ist etwas anderes, als eine Doku, als ein künstlerisches Portrait, als ein Kurzfilm, usw. Ein Werbefilm ist ein Werbefilm. Und wie muss der aussehen, damit er als Werbefilm im professionellen Kontext bestehen kann und Wirkung erzielt?

Offenbar ist die Arbeit gelungen. Denn die einen sind begeistert und die anderen sind empört, dass „es so ein professioneller Werbefilm ist“. Und jetzt gehen wir dieser Empörung mal nach:

WARUM IST WERBUNG „BÖSE“?

Erstens: Was genau ist an Werbung verwerflich? Spielt es keine Rolle, WOFÜR ich Werbung mache? Ist Werbung gleich Werbung – egal ob für Primark, für die AFD, für Amazon, für Greenpeace oder für ACT e.V.?

Zweitens: Muss Werbung, die für ein soziales Anliegen wirbt, möglichst unprofessionell und „selbst gebastelt“ daher kommen, damit alle erleichtert sein können, dass wir unsere Energien in die WIRKLICHE Arbeit mit den Jugendlichen stecken – und nicht in deren Oberfläche? Ist eine professionelle Oberfläche grundsätzlich Anlass für Misstrauen, egal, um welchen Inhalt es geht?

Hinter diesem Misstrauen verbirgt sich eine gewisse Ignoranz und Weltfremdheit. Wenn wir den jungen Menschen bei ACT beibringen, dass nur die „inneren Werte“ zählen und es auf die Oberfläche nicht ankommt, verraten wir die gesamte Idee, für die wir angetreten sind.

Denn uns geht es um Selbstermächtigung – und zwar nicht im Elfen-Traumland, sondern im Hier und Jetzt. Wer sich nicht um Professionalität bei Oberflächen, Vermarktung und bei der Akquise finanzieller Mittel bemühen muss, sitzt offenbar recht weich im Wohlstands-Sessel und kann es sich leisten, mit „Selbstgebasteltem“ auszukommen.

WARUM DÜRFEN LEUTE, DIE SICH FÜR „EINE GUTE SACHE“ EINSETZEN, NICHT ÜBER GELD REDEN?

Wie kommt es, dass gute, ideelle, soziale oder künstlerische Arbeit in unseren Köpfen irgendwie immer halb ehrenamtlich sein muss, um glaubwürdig zu sein?

Dieser Gedanke ist meiner Ansicht nach der größte blinde Fleck der sozialdemokratischen Denke. Denn er führt dazu, dass nur die Privilegierten diese „gute, ideelle, sinnstiftende Arbeit“ machen und Gesellschaft gestalten können.

Nämlich nur diejenigen, die es sich leisten können, kein Geld zu verlangen und keine Werbung zu machen: Diejenigen, die als unabhängige Künstler oder Weltenretterinnen wirken können, weil beispielsweise ihre gutbürgerlichen (West-) Eltern ihnen durch Geld und Netzwerke diesen beneidenswerten Luxus finanzieren können. (Und wer sich das selbst finanziert, geht irgendwann in den Burnout, oder „wird DOCH Lehrer*in“… Das ist für den Bereich, von dem ich hier spreche, leider nicht nachhaltig…)

Wer kann in unserer Gesellschaft einer selbstbestimmten, gemeinnützigen, gestaltenden und damit erfüllenden Arbeit nachgehen? Also Hussein, Hala, Sinan, Walid, usw. können das nicht. Ihnen werden schon in der Schule die „Bullshit-Jobs“ vorgeschlagen: Jobs, mit denen man im besten Fall sein Auskommen verdienen, aber sehr selten selbstbestimmt – und zugleich sinnstiftend für andere – arbeiten kann.

Und solange die Privilegierten unter uns verächtlich reagieren, wenn in diesen beruflichen Kontexten jemand von GELD oder Vermarktung (Igitt!) spricht, wird sich diese soziale Ungerechtigkeit weiter verschärfen.

Das Privileg, etwas ausschließlich aus gemeinnützigen, sozialen oder künstlerisch gestaltenden Gründen zu tun und sich in der Folge moralisch überlegen fühlen zu können, bleibt denjenigen vorbehalten, die es sich leisten können.

UNENTGELTLICH ZU ARBEITEN, VERSCHÄRFT DIE SOZIALEN GRÄBEN IN UNSERER GESELLSCHAFT

Beispiel: In meiner ersten Zeit als Leiterin des Jugendclubs am Heimathafen konnte ich immer schön glänzen mit der Aussage: „Ja, das mache ich hier alles quasi ehrenamtlich. In meiner Freizeit“. Ja super. Das konnte ich so machen, weil ich jeden Monat ein fettes Lehrergehalt auf dem Konto hatte.

Das war doppelt privilegiert: Ich war finanziell voll abgesichert und konnte gleichzeitig die gesamte Ladung sozialer Anerkennung einheimsen, nämlich die Bewunderung dafür, dass ich mich „opfere“ und NEBEN meinem Beruf „so tolle, wichtige Arbeit quasi UMSONST mache!“ Was für ein materieller und moralischer Luxus. Aber was für eine Ignoranz. (In Wahrheit: Teures Hobby…)

Denn sobald wir existentiell angewiesen sind, in diesen Bereichen bezahlt zu werden, schwindet beides: Die finanzielle Sicherheit UND die soziale Anerkennung: Was? Dafür nimmst du GELD?? – Ja, wie denn sonst? – Also zumindest, wenn es mehr als ein „Hobby“ sein soll… (Ich nehme diese Ignoranz niemandem übel – denn ich habe es in meiner Lehrerinnen-Blase selbst nicht gemerkt. Ich fühlte mich ganz toll ehrenhaft damals…).

Aber inzwischen habe ich schmerzlich zur Kenntnis nehmen müssen, dass für „gemeinnützige, bildende oder künstlerische Tätigkeiten“, wie z.B. auch die Leitung eines Jugendclubs an einem kleinen Kieztheater, meistens nur privilegierte, bürgerliche, weiße Menschen in Frage kommen, die noch andere Geld-Töpfe anzapfen können – denn die meisten anderen können sich so einen Luxus (Gutes für wenig oder kein Geld zu tun) selten leisten.

Nur aufgrund der Tatsache, dass wir uns bei ACT e.V. in voller Absicht – immer wieder hartnäckig – unbeliebt machen, indem wir uns um GELD bemühen und die ständige moralische Entrüstung darüber aushalten, dass wir für eine angemessene Bezahlung in diesem Bereich kämpfen, konnten wir das Wunder möglich machen, dass ich meine Leitung am Heimathafen an Walid Al-Atiyat abgeben konnte. Denn ehrenamtlich könnte er diese Arbeit natürlich niemals machen. Logisch.

QUALITÄT KOSTET GELD

Wir leben leider (noch) in einer Gesellschaft, in der der Wert des Menschen an seine Lohn-Arbeit gekoppelt ist. Es herrscht die Ansicht: Was viel kostet, ist viel wert. (Den Umkehrschluss überlasse ich euch selbst). Wir glauben manchmal, wir wären besonders schlau, wenn wir uns dieser kapitalistischen Denkweise verweigern, indem wir menschliches, soziales Engagement vom Geld entkoppelt sehen wollen. Aber so funktioniert es nicht.

So lange fundierte und professionelle Arbeit für eine menschlichere Gesellschaft in den Köpfen der Leute „irgendwie nichts mit Geld zu tun haben darf“, bleibt sie einem kleinen Kreis an Privilegierten vorbehalten, die sich dadurch als bessere Menschen fühlen können – aber insgesamt gesehen bewirkt sie dann leider auch nicht viel. Es bleibt dann eher so eine moralisch-erhebende Freizeit-Beschäftigung am Rande, denn im Moment gibt es noch kein Grundeinkommen und die Miete und die Krankenversicherung müssen nun einmal bezahlt werden.

Also entweder sind wir mit Bildung, mit Verteilung von Wohlstand und Teilhabe-Chancen und derzeitigen politischen Entwicklungen usw. ganz zufrieden – DANN reicht es wahrscheinlich, soziales Engagement eher als unentgeltliches Hobby fürs gute Gewissen zu betrachten – oder aber wir erhoffen uns davon tatsächlich langfristig positive Entwicklungen.

Aber dann – ganz ehrlich – funktioniert es nur mit Qualität und mit beständigen Strukturen. Und dann müssen wir dafür Geld investieren – genauso wie für alles andere, wo wir Qualität erwarten. Für ordentliches Bio-Fleisch müssen wir ja auch mehr ausgeben, als für eingeschweißte Mortadella-Wurst von Lidl. Seltsam. In diesem Bereich sind die Zusammenhänge bekannt. Warum nicht bei professioneller politisch-künstlerischer Arbeit außerhalb der Strukturen?

Ich behaupte: Weil dort der Zuckerguss einer falschen Moral die Wahrnehmung verklebt. Bei eingeschweißter Mortadella Wurst ist es jedem Menschen klar. Aber warum bestimmte Tätigkeiten personell so „bürgerlich-lastig“ sind – das ist schwerer zu erkennen.

DIE QUALITÄT DER ARBEIT VON ACT E.V.

ACT versucht, dem derzeitigen Auseinanderdriften unserer Gesellschaft konzeptionell und nachhaltig entgegen zu wirken und zu beweisen, dass ein konstruktives Miteinander nicht nur möglich, sondern für jeden einzelnen Menschen sinnvoll und perspektivisch erfüllender ist, als Abgrenzung, Ängste, Konkurrenzkampf und Hass.

Wir wünschen uns nicht naiv eine bessere Welt (dafür sind wir zu alt), sondern wir arbeiten sehr konkret und erfolgreich an den bestehenden gesellschaftlich problematischen Baustellen – auf der Basis von jahrzehntelanger Erfahrung, Know-How und einem fundierten Konzept. Wir wissen aus Erfahrung, dass der Schlüssel zu einem demokratischen Miteinander in der Selbstermächtigung und Stärkung des Selbstwerts jedes einzelnen Menschen liegt – und dass das keine leichte Aufgabe ist. Aber WEIL wir das professionell und nachhaltig betreiben – und nicht als Freizeitbeschäftigung – geht das nicht ohne Geld.

Auch die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, bereiten wir nicht „auf eine Blumenwiese“ vor. Wir vermitteln ihnen, dass Selbstermächtigung nicht heißt, sich auszubeuten oder mit Absicht unprofessionell zu agieren, weil „es ja um die INNEREN Werte geht“ und das Äußere ganz egal ist. Selbstermächtigung heißt nicht, sich zu schämen, über Geld zu sprechen.

SELBSTERMÄCHTIGUNG ALS SCHLÜSSEL FÜR EINE GERECHTERE GESELLSCHAFT

Selbstermächtigung heißt:

Die Welt so zu sehen, wie sie ist, ungleiche Machtverhältnisse zu erkennen und diese entweder bewusst (!) und selbstbestimmt zu akzeptieren oder aber diese konstruktiv zu überwinden.

Selbstermächtigung heißt, die eigenen Stärken erkennen zu können (auch, wenn kein anderer sie erkennt!), sie weiter zu entwicklen und sie kreativ und mutig in die gegenwärtige Gesellschaft einzubringen – und zu wissen, WIE.

Selbstermächtigung heißt, sich nicht unreflektiert von anderen bestimmen und benutzen zu lassen, sondern in dieser Welt einen eigenen Weg zu finden, der Selbstwirksamkeit, soziale Anerkennung und Selbstwertgefühl bringt – und Geld. Weil derzeit (noch) ohne Geld keine Selbstbestimmung möglich ist!

In diesem Sinne sollten sich die Entrüsteten fragen, welches Weltbild sie zementieren, wenn aus ihrer Sicht nur die „Bösen“ (Google? Facebook? Die AFD?) professionelle Werbung machen und sich vermarkten „dürfen“. Damit das Feindbild schön einfach bleibt? Damit Werbung ganz klar verdächtig ist und die Guten natürlich immer edel darauf verzichten? Ist es denn so, dass sich das Gute derzeit ganz von alleine verbreitet?

Dass ein Werbefilm bei uns im ACT Lab entsteht, von dem Leute glauben, dass „der aber wahrscheinlich richtig viel Geld gekostet hat“, also “verdächtig ist”, ist aus unserer Sicht ein Grund, um zu sagen: WIE GEIL IST DAS DENN?? Denn – Kleine Überraschung: Wir SIND gar nicht Google!!

WERBUNG KANN VERSCHLEIERN, MANIPULIEREN – ODER ABER AUFKLÄREN UND ZUR SELBSTERMÄCHTIGUNG MOTIVIEREN

Und das Wichtigste zum Schluss: Zu den Inhalten dieses Clips. Das ist nicht nur Werbung. Das ist unser öffentliches und ernst gemeintes Bekenntnis zu einer Geisteshaltung und einer Werte-Kultur, für die wir uns mit ACT e.V. konkret und tagtäglich einsetzen: Als deutliche Abgrenzung gegen die Renaissance des Braunen, die gerade stattfindet und in beängstigender Weise gesellschaftliche Maßstäbe verschiebt.

Die Zeiten, in denen es eine kleine erbauliche Freizeitbeschäftigung sein konnte, sich so ein bisschen für eine bessere Gesellschaft einzusetzen, sollten vorbei sein. Wir meinen es ernst. Wir brauchen Geld.

Wenn du auch etwas tun möchtest, aber noch nicht genau weißt, was – dann werde Fördermitglied bei ACT e.V. ! Und hier zum Abschluss unser kleines Filmchen/Statement/Werbung…:

ACT Aufruf:  https://youtu.be/vNmwxzWRcyU