Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten

Angelika Slavik schreibt am 15.09. bei SZ online („Die Kluft wird größer“): 

„In der Summe ist 2 G dennoch die beste Option, die im Kampf gegen das Virus und seine Folgen derzeit zur Verfügung steht. Man sollte sich nur nicht der Illusion hingeben, dass für diesen Schritt nicht ein verdammt hoher Preis zu zahlen ist“.

Dann erreichen mich per mail Fragen wie diese:

„Wie wollt ihr damit umgehen, wenn Menschen aus dem Team nicht geimpft sind? Jetzt, wo 3 oder 2G gilt, frage ich mich, in welchen Bereichen sich meine Bewegungsfreiheit einschränken wird, wenn ich mich entscheide, mich NICHT impfen zu lassen. Zum Beispiel: Kann ich überhaupt noch Workshops geben?

Was passiert, wenn 3 G gilt, mit Tests, die bald nicht mehr kostenfrei sind? Was mache ich, wenn 2 G irgendwann auch in Berlin gilt? Wo falle ich dann überall raus?  

Damit fing mein Tag heute an. Und brachte ein ungutes Gefühl der letzten Tage quasi zum „Überlaufen“: 

Schon die Vorstellung eines gesellschaftlichen 2G Szenarios macht mich fassungslos. Auf DIESE Weise sollen Menschen zum „Impfen motiviert“ werden?? Ernsthaft?

Ein Mensch kann durch autoritäre Impulse wie Belohnung, Bestrafung oder Manipulation NIEMALS zur selbstbestimmten und damit würdevollen Kooperation finden. Es darf nicht passieren, dass wir jetzt – auf gesamtgesellschaftlicher Ebene – DENSELBEN Fehler machen, den so viele Lehrpersonen aus ihrem Schul-Alltag kennen: 

Bei Widerstand auf autoritäre Verhaltensweisen zurückgreifen. Wir WISSEN doch, wozu das führt! Wer nicht auf der Basis der eigenen Integrität handeln darf, koppelt sich ab, verschließt sich, verliert an Selbstwert und geht der Gesellschaft verloren. Das konnte man live und in Farbe an den ehemaligen Hauptschulen besichtigen. 

Ich habe buchstäblich mein Leben damit verbracht, Menschen in Kooperation zu bringen und was ist dabei meine absolut zentrale Erkenntnis gewesen? – Es braucht ein Veto Recht! Und zwar gerade DANN, wenn der Mensch vor mir sich im Widerstand befindet! Genau DANN eröffnet die Möglichkeit, auch NEIN sagen zu können, überhaupt erst den inneren Raum, sich mit der anstehenden Frage zu beschäftigen und zu einem EIGENEN, individuellen Kooperations-Impuls (auf das Ziel bezogen) zu finden. 

Wenn ich aber über die Integrität meines Gegenübers hinweg walze, indem ich Strafen und Einschränkungen androhe, oder Belohnungen in Aussicht stelle, behandle ich mein Gegenüber wie ein unmündiges Wesen und verletze seine Würde. Mit fatalen Folgen. Denn der Selbstwert, der durch diesen autoritären Vorgang in meinem Gegenüber verletzt wird, muss dann auf andere Weise wiederhergestellt werden: 

Meistens nicht so gut. Gängige Strategien sind dann Angriff, Rebellion und Aggression oder auch „Sich-Tot-Stellen“, innere Emigration, Depression, Flucht. 

Diejenigen, die sich – aus was für Gründen auch immer – nicht impfen lassen wollen oder können, werden durch ein Droh-Szenario von 2G erst RECHT nicht erreicht. 

Das ist nichts anderes als: „Denn bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“. Mit Androhungen von 2G Regelungen für den öffentlichen Raum wird schon JETZT, während ich dies schreibe, eine Spaltung in unserer Gesellschaft erzeugt. 

Und das betrifft uns alle. Denn wenn schon in meinem allerengsten Familien- und Freundeskreis zwei Menschen betroffen sind, kann ich mir ausrechnen, wie die Risse bereits jetzt durch Familien und Freundschaften gehen. 

Wenn wir die Pandemie in den Griff kriegen wollen, geht das nur in Kooperation. Und Kooperation entsteht nur auf der Grundlage der Würde jedes einzelnen Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar. 

Ich finde, das geht nicht, dass wir das einfach mal gesamtgesellschaftlich als Wertegrundlage kassieren. Schlimm genug, dass es trotzdem tagtäglich auf der Welt geschieht. Daher wissen wir ja auch mit welchen Folgen: 

Wer die Würde des Gegenübers missachtet, setzt einen vergifteten Prozess in Gang, der immer weitere Probleme und menschliche Kosten nach sich zieht. 

Ich bin fassungslos, dass ich an dieser Stelle von „einem Preis“ lese, der „eben teuer zu zahlen ist“. Im Ernst? 

Welche Gesellschaft ist DAS denn, in der wir nach einem solchen Szenario wieder aufwachen? 

2G ist nichts anderes, als die Androhung, eine Mauer zu bauen. Eine Mauer mitten unter uns. 

Und ja. Vielleicht war das Thema 2G nur ein kleiner Spuk und ist morgen vergessen. Wollen wir mal hoffen. 

Wie könnten wir das Problem anders angehen? 

Wir brauchen sehr wahrscheinlich eine höhere Impfquote, um gemeinsam diese Pandemie zu überstehen. Aber wir sollten alle verfügbaren Kräfte darauf verwenden, dieses Ziel in Kooperation und in gegenseitigem Respekt MITEINANDER zu erreichen. 

Ja – und ich sag’s jetzt einfach mal: In LIEBE miteinander. Und ich weiß. Das ist nicht leicht. Und kostet viel Arbeit und Kraft. Aber jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung ist bereits viel stärkender und sinnstiftender als immer wieder dieses alte, ausgrenzende, autoritäre, passiv-aggressive Gegeneinander. 

„In LIEBE miteinander“ heißt: Auf der Grundlage der menschlichen Grundbedürfnisse. 

SELBSTWERT. BINDUNG. AUTONOMIE. SICHERHEIT. FREIHEIT. LUSTBEDÜRFNIS. ANERKENNUNG. SELBSTWIRKSAMKEIT. FÜRSORGE. RESONANZ. 

Das könnte ganz konkret erstmal heißen: 

3G Regelungen und jederzeit und überall verfügbare, kostenlose Tests – denn das wäre das Mindeste, was wir brauchen, um in Verbindung miteinander und ohne Angst sein zu können. 

Aber noch wichtiger scheint mir gerade zu sein, dass wir das hier nicht vergessen – und es bei Bedarf verteidigen:  

Jeder Mensch hat zu jeder Zeit das Recht, seine individuellen Grenzen und Bedürfnisse zu schützen. Erst dann entsteht die Möglichkeit auf ein gemeinsames Ziel hin zu kooperieren und Lösungen für komplexe Herausforderungen wie diese zu finden. 

Die Würde des Menschen ist unantastbar. 

Willkommen beim Veto-Prinzip. Willkommen im Land der inneren Freiheit.