Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 24: Wut (Teil 1)

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Es braut sich was zusammen, denke ich, während ich die fett beschriebenen Plakate anschaue, die meine Klasse auf dem Boden der Studiobühne im Heimathafen ausgebreitet hat. Es sieht aus, wie ein „Wörter-Massaker“: Du Hurensohn!, Isch ficke deine Mutter!, Du Hund!, Halt`s Maul!, Wixer!,…

Sie haben „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin gelesen. Zumindest in Teilen. Jetzt lesen sie jeden Tag Nachrichten dazu im „Berliner Fenster „in der U-Bahn. 

Thilo weiß nicht, wie es ist, ein Araber zu sein, sagt Fuad. 

Er denkt, wir sind dumm und faul und kriegen zu viele Kinder – weil wir Muslime sind. Und er hat Angst, dass Deutschland arabisch wird. Yara lacht. Dabei ist er selber dumm. Er weiß gar nix über uns. 

Wie üblich verweigern sie die Opferhaltung. Es verletzt sie, was sie tagtäglich lesen, aber sie zucken es weg. Oder doch nicht? Der Ton ist deutlich aggressiver geworden, die Stimmung latent feindselig – gegenüber der Institution Schule aber auch insgesamt gegenüber allen erwachsenen „Kartoffeln“, die offenbar nicht verstehen wollen oder können, wie es deutschen Kindern im Alltag geht, wenn sie KEINE „Kartoffeln“ sind. Wenn mensch sie abgeschafft – äh, abgeschrieben hat. Wut liegt in der Luft. Ich beschließe die Flucht nach vorn und schlage vor, dass sie mal all ihren Ärger – gerne auch in Form von Ausdrücken – in Schönschrift auf große Plakate schreiben sollen. Einfach, damit der ganze Frust mal offiziell raus darf. Eine Form bekommt. Greifbar wird. Die Reaktion ist zum Lachen. Sie sitzen mit etwas ratlosem Gesichtsausdruck vor leeren Plakaten und schreiben – NICHTS.  Dürfen wir denn das? fragt Özlem. Die Frage bringt mich unerwartet aus der Fassung: Sie denken, dass sie sich nicht wehren dürfen. Und alle halten das für selbstverständlich. Ich bis vor kurzem ja auch. Wie absurd ist das denn eigentlich? 

Trotz meiner Aufforderung bleiben ihre Plakate erstmal leer. Also beschließe ich, einen Gang höher zu schalten. Ich frage sie, wie es ihnen mit der Thilo-Sarrazin-Debatte geht. Was für Gefühle da bei ihnen hochkommen. Und wenn ihr euch vorstellt, ihr könnt jetzt einfach mal eure Gedanken rauslassen, alles rauskotzen, was fällt euch dann ein? – und möglichst in Schönschrift, damit es auch jeder lesen kann! Einige lachen. Und langsam kommt die Sache in Gang. Wenig später liegen, sitzen und knien 26 Kinder auf dem Boden der Studiobühne und malen friedvoll und hochkonzentriert wunderschöne Wut-Plakate. Am Ende ist der gesamte Boden ein einziges großes Massaker an Worten. Die Kinder stehen etwas selbstvergessen und tiefenentspannt daneben und betrachten ihr Werk. Ihre Gesichter wirken in diesem Augenblick – man kann es nicht anders sagen – wie Engelsgesichter. Als hätte ein kleiner Exorzismus stattgefunden. In den folgenden Wochen und Monaten entsteht aus dieser Situation heraus die Theaterproduktion „Arab Queen und Thilo Sarrazin – was wir gedacht haben, als wir das gelesen haben“. Die Autorin von „Arab Queen“ kommt zu Besuch und diskutiert mit der Klasse über deren Erfahrungen im Alltag und wo sie sich in ihrem Buch wiedererkennen. Die Klasse beschließt, auch Thilo Sarrazin einzuladen, aber es kommt keine Antwort. 

Stattdessen erhalte ich eine Einladung zu einem „Berliner Salon“ in Charlottenburg. Offenbar besteht ein Interesse an meinen Erfahrungen als Lehrerin im Neuköllner Schulalltag. Die Autorin ist ebenfalls eingeladen. Es soll eine kleine Lesung geben mit anschließender Diskussion. An besagtem Abend fahre ich also „in den West-Teil der Stadt“, und während ich in frühabendlicher Idylle bei Vogelgezwitscher durch die seltsam stillen Straßen eines gediegenen Villenviertels spaziere, staune ich mal wieder über die Kontraste dieser Stadt: Jeder Kiez ist ein anderes Universum, und in diesem war ich bisher überhaupt noch nicht. Ein wuchtiges Gitter-Tor mit Gegensprechanlage und Kamera, dahinter ein parkartiges Grundstück. Ich klingel und bereite mein „Sesam-öffne-dich-Sätzlein“ vor. Eine Stimme aus der Gegensprechanlage schnarrt aus dem Lautsprecher. Ich erkläre, wer ich bin und warum ich hier stehe. Es summt, ich umfasse den runden Türknauf und schiebe das Tor auf. Eine breite, geschwungene Kiesauffahrt, gesäumt von gepflegten Blumenbeeten und Hecken.  Alter, wo bin ich gelandet?,  denke ich und habe Bilder aus „Eyes wide shut“ von Stanley Kubrick im Kopf. Dann stehe ich vor der Eingangstür der Villa. Ich muss nicht lange warten, die Tür öffnet sich, eine ältere Dame in wehendem Seidengewand und Haarknoten bittet mich freundlich herein. Hohe Decken, Holzdielen, teure Antikmöbel, Gemälde an der Wand, große Blumenvasen mit Orchideen, ein riesiger Kristall-Kronenleuchter. Im Wohnzimmer stehen in Grüppchen leise murmelnde Menschen mit Sektgläsern, vor den offenen Terrassentüren ist ein Buffet mit allen möglichen Fingerfood-Varianten aufgebaut. Die Dame mit dem Haarknoten stellt mich einem Grüppchen vor, drückt mir ein Sektglas in die Hand und überlässt mich der Smalltalk-Situation. Ich nippe erstmal an meinem Sekt und lausche den Gesprächen. Ich hasse Smalltalk. Lieber nicke ich hin und wieder, mache mmh-mmh und lächle an den richtigen Stellen. Hoffentlich geht die Lesung bald los. Was mir auffällt ist eine seltsame Erregung im Raum. Die Leute sprechen zwar gedämpft, doch scheinbar sind sie irgendwie aufgebracht. Mehrfach höre ich den Satz: Das darf man ja aber heute gar nicht mehr sagen. Oder: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Da ich bisher noch davon ausgehe, dass ich mich unter Kritiker*innen der Zustände an Neuköllner Schulen bzw. des Bildungssystems insgesamt befinde, beschließe ich, mein leichtes Unwohlsein zu unterdrücken und die Situation interessant zu finden. Bald erklingt dann auch ein Glöckchen und die Gesellschaft bewegt sich weiter murmelnd in einen noch größeren Raum nebenan, der offenbar für die Lesung vorbereitet ist. Stuhlreihen, vorne ein Tisch mit einem Fläschchen Wasser darauf, der Platz für die Autorin. Bis alle eingetrudelt und sich hingesetzt haben, dauert es noch ein wenig. Die Autorin steht am Rand und schaut angespannt. Ich atme einmal durch, checke noch mal mein Handy, packe es in meine Tasche und warte auf den Start. Dann ist es endlich soweit. Die Haarknoten-Dame begrüßt die Gäste und anschließend die Autorin und einen weiteren Menschen, der vorne in der ersten Reihe sitzt. Wie ich erfahre ein pensionierter Neuköllner Hauptschullehrer, der nach der Lesung ebenfalls noch zu Wort kommen soll. Na dann. Ich bin gespannt. Die Autorin liest eine halbe Stunde, ich höre ihr gerne zu, kenne zwar das Buch inzwischen nahezu auswendig, aber finde es trotzdem unterhaltsam und klug. Als sie fertig ist, klatscht das Publikum höflich, der Haarknoten tritt nach vorne und „freut sich, jetzt Fragen an die Autorin zulassen zu können“. In den folgenden 20 Minuten wird mir klar, was hier passiert. Nicht eine einzige Frage ist ohne Subtext. Offenbar haben alle hier im Raum das Bedürfnis, die Autorin als Kronzeugin einer Kritik am Islam zu benutzen: Wird nicht an dieser und jener Textstelle in „Arab Queen“ eindeutig die Unmenschlichkeit des muslimischen Glaubens offensichtlich? Werden da nicht die Frauen unterdrückt? Gewalt ausgeübt? Hat die Autorin als emanzipierte, erfolgreiche Frau muslimischer Prägung nicht deutlichere Worte gegen die Gefahr des sich ausbreitenden Islam in Deutschland? Die Autorin ist sichtlich gestresst, windet sich, beantwortet aber dennoch klar und selbstbewusst alle Fragen. Allerdings nicht zur Zufriedenheit ihres Publikums. Denn hier in diesem teuer und elitär anmutenden Berliner Wohnzimmer haben sich die Bewunder*innen und Fans von Thilo Sarrazin versammelt. Sie kennen offenbar schon alle Antworten auf ihre Fragen, aber sie wollen Bestätigung. Die Autorin hat in ihrem Buch teils autoritäre familiäre Strukturen beschrieben. Dass diese aber nun zum Anlass für eine Pauschal-Verurteilung des Islam herhalten sollen, bringt sie sichtlich aus der Fassung. Vergeblich weist sie auf die doch etwas umfangreichere Komplexität der Thematik hin, verweist auf autoritäre Strukturen in zahlreichen anderen Kontexten – aber niemand hört ihr zu. Als dem illustren Kreis klar wird, dass von dieser Autorin zu wenig Beweismaterial für die These vom „Untergang des Abendlandes“ kommt, wird kurzerhand der zweite Gast des Abends ins Spiel gebracht. Der pensionierte Hauptschullehrer erhebt sich umständlich und nimmt vorne neben der Autorin Platz. Er beginnt mit ein paar Sätzen zu seiner Vita – fast 40 Jahre Schuldienst in Neukölln – und braucht nicht lange, um sich in Fahrt zu reden. Es klingt 1:1 wie der Sheriff. Offenbar sind sie Brüder im Geiste. Der Kronzeuge für den „Untergang des Abendlandes“ berichtet vom rasanten Niveauverlust des Unterrichts und der Verdummung der Schülerschaft in den letzten zehn Jahren. Natürlich führt er diesen auf den hohen Anteil von Jugendlichen „nicht-deutscher-Herkunft“ zurück. 

Er liefert damit diesem Publikum genau die Argumente, die es hören will: Die alte Leier von der Verrohung und Verdummung der Schüler*innen durch zu viel Rücksichtnahme auf die „migrantischen“ Jugendlichen. Diese seien „kriminell“ und „faul“, hätten aber in den Klassenzimmern und auf den Schulhöfen „die Macht übernommen“, terrorisierten ihre Mitschüler*innen und ihre Lehrer*innen und „kämen mit allem durch“, weil „eine naive linke Kuschelpädagogik herrsche“, die ein sinnvolles Durchgreifen gegen diese Sozialschmarotzer immer gleich an den Pranger stelle.  Wer sich hier durchsetzt und auch mal ne klare Ansage macht, bzw. diese Kinder zur Selbstverantwortung erzieht, der wird gleich als Nazi bezeichnet…  Ich kann mir einen kleinen Seufzer nicht verkneifen. Sofort reißt er den Kopf zu mir herum und blökt mich an:   Ja – IST doch so! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! 

Jetzt ist der Moment gekommen, wo ich was sagen muss, auch wenn mir klar ist, dass es wahrscheinlich gar nichts bringen wird. Ich bezwinge mein aufkommendes Herzrasen und sage laut:  Es ist ja ehrlich gesagt genau umgekehrt. Ich bin absolut der Meinung, dass wir zur Selbstverantwortung erziehen sollten, aber es ist doch genau DIESE Perspektive, die SIE einnehmen, die gerade verhindert, dass Jugendliche Verantwortung übernehmen und sich konstruktiv einbringen können! Sie schauen – bildlich gesprochen – aus einer behaglichen Wohnzimmer-Perspektive auf die anderen Zimmer im Haus – aber ohne jemals in den anderen Zimmern gewesen zu sein. Sie müssten auch mal in den Keller gehen oder auf den Dachboden, um beurteilen zu können, wie die Welt von dort aussieht. Sie haben keinen Einblick in irgendwelche anderen Räume, sondern beurteilen alles vom Wohnzimmer-Sofa aus. Sie wollen anderen erklären, wie sie den Keller, den Dachboden oder die Küche einrichten sollen. Aber Sie haben keine Ahnung, weil Sie davon ausgehen, dass die Wohnzimmer-Perspektive die Normale ist. Das ist aber eine ignorante und überhebliche Perspektive. Wenn die Kinder dagegen rebellieren, ist das nur ein Zeichen für ihre psychische Gesundheit. 

Ablehnende Geräusche und höhnisches Gelächter aus dem Publikum. Ich fühle mich sofort dumm und peinlich, obwohl ich zu 100 Prozent glaube, etwas Richtiges gesagt zu haben. Woher kommt dieses unangenehme, schamhafte Gefühl? Ich merke, wie in mir die Wut aufsteigt. Gleichzeitig fühle ich mich komplett ausgebremst, irgendwie lahm, zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Ich denke, dass ich ganz woanders anfangen müsste – aber schon bei der Vorstellung, was mir dann alles an „Argumenten“ von der Gegenseite in meine Richtung geschmettert werden wird, verliere ich den Mut. Gefühlt tausend Geschichten überlagern sich jetzt in meinem Kopf, die ich erzählen könnte und die die Worte des Hauptschullehrers entkräften könnten. Aber ich weiß, dass ich soweit gar nicht kommen werde, weil ich zuvor gefühlt eine Million angeblicher „Sachargumente“ kühl und messerscharf zerlegen müsste. Schon beim Gedanken daran verlässt mich allerdings jegliche Energie. Denn diese angeblichen „Sachargumente“ erscheinen mir absurd und vor allem menschenfeindlich. Ich versuche es trotzdem, beginne von Taher und von Lenny zu erzählen, aber schon während ich spreche, fühle ich mich blöd. Wie kann das sein, dass authentisches Sprechen in diesem Raum zerschellt wie an einer Betonmauer? Dauernd werde ich unterbrochen und soll zu irgendwelchen „Statistiken“ aus „Deutschland schafft sich ab“ Stellung nehmen, die in keinem Zusammenhang zum Gesagtem stehen, aber angeblich beweisen, dass alle Muslime kriminell und faul sind und dass das genetisch bedingt sei. Die Theorie von der genetischen Minderwertigkeit muslimischer Menschen und von der drohenden Gefahr durch den Islam wird im Duktus und Habitus „des Professors“ vorgetragen, ich dagegen „bin“ die naive, emotionale Frau mit den „Multi-Kulti-Fantasien“. Es gibt hier scheinbar nur Schwarz-Weiß-Denken und das Absurdeste dabei ist, dass diese Leute dabei eine wissenschaftliche Objektivität behaupten und mich durch die kühle und überhebliche Art ihres Sprechens gefühlsmäßig zum kleinen Mädchen reduzieren – statt auf das einzugehen, WAS ich sage. Es fühlt sich so an, als würde ich gedanklich und körperlich leise knirschend zermalmt. Die Kraftanstrengung zu sprechen empfinde ich als nahezu übermenschlich. Ich habe kaum ausreichend Luft zu atmen, geschweige denn so zu formulieren, dass ich hier durchdringe. Irgendwann gehen mir die Worte aus. Wie ein Motor, der ins Stocken gerät und dann noch so ein bisschen rumstottert, um schließlich vollständig den Geist aufzugeben. Mein Gehirn fühlt sich an wie Pudding. Ich stehe auf und suche die Toilette. Auf einem schmucken Marmorklo sitze ich dann ein paar Minuten so rum, betrachte den silbernen Klorollen-Halter und frage mich, wo ich hier gelandet bin. Offenbar treffen sich diese Leute regelmäßig. Der Salon findet einmal im Monat statt. Durch das eindrückliche Gitter-Tor kommt nur, wer eine Einladung hat. Für mich wird es wohl das einzige Mal gewesen sein, dass ich hier bin. Selbst wenn ich beschließen sollte, hier weiterhin zu erscheinen – das nächste Mal hoffentlich besser vorbereitet – bezweifle ich, dass ich noch einmal durch dieses Tor gelassen werde. Vielleicht auch besser so. Was soll es bringen? Ich mache mich auf den Weg zur Garderobe, im Vorbeigehen ein letzter kurzer Blick durch die geöffnete Tür in das herrschaftliche Wohnzimmer, wo sich jetzt alle sekt-trinkend weiter aufregen, die Autorin steht allein am Fenster, unsere Blicke treffen sich kurz, ich deute auf den Ausgang, sie nickt mit dem Hauch eines Lächelns,  ja, verstehe, soll das wohl heißen,  aber ich bleibe noch,  ich nicke zurück und forme mit meinen Lippen ein „Viel Glück…!“, dann nehme ich meine Jacke und schleiche mich hinaus. Meine Schritte knirschen auf der Kiesauffahrt, ich denke: Hoffentlich komme ich hier überhaupt alleine raus. Doch das Gittertor öffnet sich problemlos mit einem kleinen Klicken, als ich gegen den Türknauf drücke, und erleichtert schlüpfe ich hindurch und trete auf die Straße. 

Was war das denn? Ich bedauere ein wenig, dass ich mich jetzt nicht mehr mit der Autorin über dieses sehr merkwürdige Erlebnis austauschen kann. Was mag sie gedacht und gefühlt haben? Was war das dort für ein seltsamer, gruseliger Geruch von brauner Scheiße? Sowas habe ich bisher noch nicht erlebt. An meiner Schule in Bullerbü und auch in meinem Freundeskreis würde mir noch nicht mal jemand glauben, dass das so überhaupt wirklich stattgefunden hat: Dass Leute so sprechen. Sich damit so sehr im Recht fühlen. Ist das jetzt der Vorbote zu etwas Schlimmerem? Ich wundere mich über diese seltsame Beklommenheit, die mich gerade niederdrückt. Es fühlt sich an wie eine düstere Ahnung von Dingen, die vielleicht kommen werden. Was wäre, wenn dies nur der Anfang von etwas Größerem ist?  Ach, so ein Blödsinn,  denke ich sofort.   Jetzt fang nicht gleich an, alles zu dramatisieren. Das ist eine kleine, absonderliche Runde gewesen an diesem Abend. Mehr nicht. Kennst du IRGENDJEMANDEN, der so denkt und spricht? – Na, eben! Kein Grund zur Panikmache.  Ich atme tief durch und beruhige mich wieder etwas. Nein. Selbstverständlich ist das NICHT der Anfang von etwas Größerem. Das war einmal. Vor langer Zeit. Aber die Mehrheit in Deutschland ist offen und demokratisch, der freie Diskurs eine gewachsene Selbstverständlichkeit. So schnell kann eine Stimmung nicht kippen, nur weil ein paar Spinner den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Ich muss jetzt fast lachen. Völlig absurd,  denke ich,  völlig undenkbar! und mit einem Gefühl der Erleichterung, dass dieser Abend überstanden ist, mache ich mich auf den Weg nach Hause. 

Die Proben zu „Arab Queen und Sarrazin“ gehen in ihre letzte Phase. Die Wut der Kinder auf „Thilo, der nicht weiß, wie es ist, ein Araber zu sein“, bleibt ein Grundrauschen während der gesamten Zeit und da ich mir durch meine Berliner-Salon-Erfahrung zumindest im Ansatz vorstellen kann, wie sprachlos sie sich wahrscheinlich fühlen, ermutige ich sie nach Kräften, ihre Wut nicht zu unterdrücken, sondern eigene Worte dafür zu finden und ein Theaterstück daraus zu formen. Wir schicken eine weitere Einladung an Herrn Sarrazin – zur Premiere. Aber der für ihn reservierte Platz bleibt leer. Dafür kommt die Autorin und „Nachtkritik“ veröffentlicht eine positive Rezension zum Stück. In die vier Vorstellungen kommen viele interessierte Menschen (auch viele „Kartoffeln“), feiern die Kinder und sprechen anschließend lange mit ihnen im Foyer über das, was sie erleben und denken. Zum ersten Mal hört jemand zu, sagt Yara zufrieden,  auch wenn viele sagen, dass es ein bisschen aggressiv gewirkt hat. Das wäre nicht nötig gewesen. 

Und?,  frage ich, wie siehst DU das? Yara lacht: Ich finde, das war noch gar nicht aggressiv GENUG! Wir haben einfach mal ein bisschen was rausgelassen. Die sollen nicht gleich heulen! 

Die Frage ist, ob sie verstehen, was Yara meint, denke ich. Denn auch bei mir hat es etwas gedauert. Es ist dieser Umgang mit der Wut. Mit der Aggression, die uns da entgegenschlägt. Da kann ich drüber erschreckt sein. Und das wäre gut. Denn es wäre ein Anfang. Aber meistens ist es eher so mit der Publikums-Reaktion: 

Wenn auch bei all unseren Vorstellungen weit und breit kein „Berliner-Salon-Anhänger“ zu finden ist, sitzen doch die meisten von diesen netten Menschen im sinnbildlichen Wohnzimmer, von wo aus die Wut logischerweise verstörend auf sie wirkt. Alle sind sehr freundlich gestimmt und halten sich für tolerant, merken aber gar nicht, dass es natürlich einfacher ist, vom Wohnzimmer-Sofa aus freundlich und charmant zu sein. Von dort aus erscheint ihnen die Wut „ein bisschen krass“. Und dann kommt immer so diese irritierte Sorgenfalte auf der Stirn: Ja, also ich versteh das natürlich, aber muss das alles immer so DOLL sein? – Ja. Muss es. Glaube ich. Es muss sich auch mal nicht so gut anfühlen dürfen: Das wäre ja das Mindeste, was mensch erwarten kann, wenn schon niemand leibhaftig mit in den Keller kommen will: Dass wenigstens hin und wieder ein Eindruck davon vermittelt werden darf, wie es sich in anderen Räumen – außerhalb des Wohnzimmers – anfühlt. Mir kommt plötzlich dieser blöde Macho-Witz in den Sinn, wo der Mann im Wohnzimmer sitzt, die Frau in der Küche arbeitet und der Mann ihr zuruft: Ich kann gar nicht mit ansehen, wie du in der Küche schuftest! – Und dann hinzufügt: Kannst du mal die Tür zu machen?  So ähnlich kommt es mir vor mit dieser freundlich-toleranten Beschwichtigungshaltung:  Ach, ihr seid sauer, dass es im Keller feucht und schimmelig ist, und auf dem Dachboden zieht und die Küche einen Wasserschaden hat – aber warum könnt ihr euch nicht ein bisschen anstrengen und mit GUTER Laune und Souveränität mit uns darüber reden, ob im Wohnzimmer ein Perserteppich oder ein Parkettfußboden schöner wäre? Dieser gereizte Ton, der stresst mich etwas. Das ist mir echt ein bisschen zu doll jetzt.  

Ich stelle erstaunt fest, dass ich mit der Zeit so eine leicht gereizte Ungeduld mit diesen leise und tolerant sprechenden „Kartoffeln“ entwickelt habe, die den Jugendlichen immer so GUTGEMEINT raten, doch nicht immer „so böse“ zu sein und „die Gewalt nicht immer so zu feiern“. 

Warum können wir das stattdessen nicht einfach mal aushalten, uns ein bisschen ungemütlich fühlen und versuchen zu verstehen, wo diese Wut denn wohl herkommt? Vom Wohnzimmer-Sofa aus muss doch wenigstens DAS möglich sein? Dafür allerdings müssten wir wohl überhaupt erstmal SEHEN, wo wir sitzen. 

Ich denke: Yara hat absolut recht. Da geht auf jeden Fall noch was. Und es stellt sich bald heraus: In der Tat.  

Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 23: Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Eine Demütigung ist eine Demütigung ist eine Demütigung. Die Frage ist, wie mensch, damit umgeht. Übliche Phasen sind, glaub ich, und so ging es mir auch: Erstmal Schock. Dann Verleugnung (das wird schon alles wieder). Dann Wut. Dann sehr erstaunlich krasser Schmerz. 

Ich wollte das zuerst nicht wahrhaben, wollte diesen Schmerz nicht fühlen. Aber er kam mit aller Wucht. Es haute mich um. Immer wieder fing ich wie aus dem Nichts an, zu weinen. Ich heulte in der Badewanne, ich heulte am Küchentisch, ich heulte nachts im Bett, ich heulte morgens unter der Dusche. Werde ich jetzt Psycho?, dachte ich. In meinem Bauch wütete ein großer, dumpfer Schmerz und es gelang mir nur phasenweise, mich davon abzulenken. Anfangs verstand ich gar nicht, was überhaupt mit mir los war. Gib doch dieser einen Frau nicht so viel Macht, sagten meine Freundinnen. Das klang logisch, aber mein Körper sagte etwas anderes. Mir war dauernd schlecht, als müsste ich mich übergeben. Mir wurde klar, dass ich mit dem, was ich die letzten Jahre getan hatte, etwas sehr Persönliches von mir freigeschält und in die Welt gestellt hatte. Und dass ich damit nicht nur die Kinder ein Stück weit befreit hatte, sondern vor allem mich selbst. Die Jugendlichen hatten einen verschütteten Teil meiner Persönlichkeit lebendig werden lassen. Sie hatten mich ermutigt, zu mir selbst zu stehen, so, wie ich sie umgekehrt dazu ermutigt hatte. Wir hatten uns irgendwie gemeinsam und gegenseitig befreit. Es war ein Raum entstanden, der vorher nicht da war und der irgendwie etwas Zukünftiges, Zuversichtliches aufmachte. Eine Ahnung davon, wer wir sein könnten. Die Situation in der Boddinstraße hatte diesen Raum explodieren lassen und mich in den Keller meiner Kindheitsängste verfrachtet. In dieses: Ich bin nichts wert, ich kann nichts, es hat alles keinen Sinn, es war alles umsonst, spring einfach vom Balkon. Es fühlte sich unerträglich an. Ich erlebte Tage, ja wahrscheinlich Wochen wie durch einen Schleier. 

Wie nun weiter? Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Entscheidung treffen musste: Unterwerfung und in der Folge wachsender, sich verfestigender Groll oder Flucht nach vorne – in die Eigenverantwortung?  Dafür gibts ja auch diesen blöden Spruch, der mir aber zumindest die Richtung anzeigte: Aufstehen. Krönchen richten und Weiter gehts. 

Das war aber erstmal deswegen so schwierig, weil es viel einfacher war, mich selbst zu bemitleiden, meine Wunden zu lecken und in Gedanken die SCHULDIGEN zu suchen, zu finden und sie gedanklich immer wieder aufs Neue zu verfluchen. Das tut ja vermeintlich – bzw gefühlt – erstmal gut. Mensch kann sich so schön im Recht fühlen und sich im Elend suhlen – bringt aber leider nix. Denn ich musste ziemlich schnell feststellen, dass ich mich dadurch langfristig keineswegs besser fühlte. Eher immer schlimmer, eher RICHTIG scheiße. Nämlich wie ein Opfer. Sich wie ein Opfer zu fühlen ist langfristig, glaube ich, das Gefährlichste und Ungesündeste, was es so gibt. 

Auch was dieses Thema anging, hatte ich von den Jugendlichen einiges gelernt. Ey du OPFER! Das hätte Taher gesagt. Und natürlich hätte er dummerweise recht gehabt. ALLE Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, hatten zehntausend bessere Gründe, sich zu bemitleiden, als ich. Und von ihnen kam die Formulierung Ey, du Opfer! Als ultimative Beleidigung. Nicht etwa: Du Arme, das ist ja gemein von der Welt, dass sie dich gefickt hat. Nee. Die Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, WUSSTEN, dass die Welt ungerecht ist. Dass Erschütterungen und Verletzungen durch Demütigung an der Tagesordnung sind. Denn im Gegensatz zu mir erlebten sie die Auswirkungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ja tagtäglich, während ich im Vergleich dazu eher so die Prinzessin auf der Erbse war. Ich begann, die Sache von außen zu betrachten. Aus der Perspektive der Neuköllner Jugendlichen. Und aus DIESER Perspektive konnte man die Sache auch ganz anders betrachten, nämlich so: 

Ich heulte also schon rum, nur weil ich jetzt mal etwas unsanft aus meiner privilegierten Erwartungshaltung herausgeflogen war („Ich bin gut, also wird alles gut“. NOT!). Wer konnte sich eine solche Erwartungshaltung überhaupt leisten? Wieso war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass man meine Leistung anerkennen und wertschätzen würde? Ich landete etwas unsanft auf dem Boden der Tatsachen und stellte fest: Wenn niemand zu dir sagt: Du armes, armes Hascherl und dir aufhilft, nachdem du gestürzt bist und dir die Knie aufgeschlagen hast, dann nützt es irgendwie nicht so viel, weinend auf der Straße sitzen zu bleiben, dann musst du wohl oder übel alleine wieder aufstehen. Wenn keiner deinen Sturz beachtenswert findet, dann kannst nur du selbst die Entscheidung treffen: Opfer sein oder nicht Opfer sein? Wenn du kein Opfer sein willst: Sei keins! 

Das war so ein bisschen die Weisheit, die ich von Taher & Co mitgenommen hatte. Bei ihnen war das allerdings dann teilweise nicht immer konstruktiv gewesen. Ich hatte zum Beispiel Taher irgendwann davon überzeugen können, dass es nicht unbedingt zielführend ist, die Opfer-Rolle zu verweigern, indem man “Arschlöchern den Fuckfinger zeigt und türenknallend den Raum verlässt”. So gut sich das im ersten Moment anfühlen mag: Was ist das ZIEL der Aktion? Taher war über diese Frage einigermaßen überrascht gewesen. Das Ziel? Ey wallah- das Ziel ist, denen zu zeigen, dass die Wixxer sind! 

Ja. Und DANN? Wenn du beispielsweise die MSA Prüfung bestehen willst, und da sitzen halt ein, zwei Arschlöcher in der Prüfungskommission, und du zeigst denen den Fuckfinger und rennst raus, was bringt dir das dann? Du hast dann einfach mal deinen Abschluss vergeigt. Die Prüfungskommission interessiert das wenig. Aber DU bist dann derjenige, der keinen Abschluss hat. 

Taher macht darauf dieses Gesicht, das soviel heißt wie: Ist mir doch egal, ich krieche niemandem in den Arsch. 

Aber er sagt es nicht, ich sehe, er kämpft mit sich, weil sein brillianter Verstand zwangsläufig zur Kenntnis nimmt, wenn ein Argument einfach mal ein Argument ist. Taher kann sowas anerkennen. Deswegen grinst er dann auch und sagt: Ja, man scheiße. Aber ich bin kein Opfer! Und so rum schleimen, das mach ich auch nicht, das können Sie vergessen! 

Es gibt noch was ZWISCHEN Opfer sein und Schleimen, Taher, und das wäre: Die Situation auf DEIN Ziel hin zu steuern. OHNE Unterwerfung. 

Und na klar ist er jetzt gespannt. Wir verbringen daraufhin ein paar Wochen jeden Dienstag Nachmittag mit zielgerichtetem Statustraining und tatsächlich besteht Taher seine mündliche MSA Prüfung mit einer zwei. (In Wahrheit wäre ein “Sehr gut” angemessener gewesen. Was er ablieferte, war weit über dem sogenannten Erwartungshorizont, aber einige Kollegen konnten sich zu einer “1” nicht durchringen, weil “ich NIE eine 1 gebe”. Ach so). 

Ich weiß also eigentlich, was es zum Thema Kompensation von Demütigungen so an Möglichkeiten gibt. Dass es darum geht, sich ein eigenes Ziel zu setzen und dann mit allen Kräften die Opferrolle zu vermeiden, wenn was schief geht – stattdessen: Immer konstruktiv auf das eigene Ziel bezogen agieren – und eben NICHT reagieren. Theoretisch weiß ich ganz genau, dass du es irgendwie schaffen musst, die Verantwortung für dein Ziel SELBST zu übernehmen, statt unter dem Erwartungsdruck der anderen einzuknicken, dich zu unterwerfen und dann rumzuheulen. Trotzdem bin ich – wie immer in meinem Leben – auch jetzt wieder überrascht, wie schwer es ist, wenn diese tollen Erkenntnisse einem Realitätscheck unterzogen werden – wenn es also mal tatsächlich akut wird. 

Wenn nämlich plötzlich eine Situation eintritt, in der es sehr sehr SCHWIERIG wird, NICHT in die Opfer-Rolle zu fallen, weil etwas WIRKLICH ungerecht ist. DANN zeigt sich nämlich überhaupt erst, ob wir die schöne Theorie in die Praxis umgesetzt kriegen. Und so blonde große Kartoffeln wie ich haben da ja relativ wenig Trainingsmöglichkeiten: Im Vergleich zu meinen Schüler*innen erlebte ich nämlich nur einmal alle Jubeljahre eine WIRKLICHE Ungerechtigkeit und Demütigung so wie jetzt – während sie das täglich erlebten. 

Es war dieser Gedanke, der mich letztendlich aus der Schmerzstarre herausholte. Jedes Mal, wenn sich mein Magen in Erinnerung an die Situation zusammenzog und die Tränen in meine Augen zu schießen drohten, dachte ich: Sei kein blödes Opfer, Frau Plath. MACH was! Da kommt jetzt keiner und pustet und tröstet und klebt ein Mickey Maus Pflaster auf dein Knie. Also steh einfach auf und lauf weiter. MACH was. 

Und also machte ich was. Ich setzte mir ein Ziel: In spätestens drei Jahren raus hier aus diesem institutionalisiertem Irrsinn. 

Ziel also geklärt. Wie genau das Ziel zu erreichen war? Geschenkt. Spielte vorerst keine Rolle. Es ging erstmal darum, all meine Gedanken und Handlungen auf das Ziel hin auszurichten – ganz im Kleinen. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Ist dies oder jenes auf mein Ziel bezogen hin sinnvoll? Nein? Dann lass es. Oder ja? Dann mach es. 

Es fühlte sich in dieser Zeit so an, als würde ich meine Gedanken wie ein Zirkus-Dompteur seine Tiger in einer Manege mit einer Peitsche durch den brennenden Reifen zwingen. Meine Tiger, äh Gedanken, wollten immer nur gemütlich im Opfer-Kreis in der Runde laufen – Motto: Du arme arme Maike, das hat jetzt aber doll “aua “ gemacht, statt die Anstrengung zu vollbringen durch den brennenden Reifen der Selbstverantwortung zu springen. Ich musste ständig meine Tiger zur Räson bringen. Nein… ! Nicht in Richtung Selbstmitleid laufen… Nein…! Nicht noch mal die gemütliche Runde im Kreis…! Nicht in Richtung Wut auf Frau Reimann! Nicht in Richtung Selbstmitleid und „Ich kann ja sowieso nix machen“! Stattdessen HIER längs, ja genau, unangenehm, aber ja: Zack! – durch den brennenden Reifen: Und der brennende Reifen lautete: WAS kannst du konkret TUN? Und: MACH das, fang an, beweg deinen Arsch! 

Auch wenn all meine versiertesten Ängste IMMER für die gemütliche Runde und gegen den brennenden Reifen plädierten. Die Ängste gingen in etwa so: 

Was willst du denn MACHEN, Maike? Du hast doch gar nix anderes gelernt? – Wie kannst du deine Schüler*innen im Stich lassen? – Wie willst du ausreichend Geld verdienen?  Du wirst auf der STRASsE landen! – Das wird jetzt der biografische Absturz, DER Fehler, durch den du dir dein Leben versaust… Und – auch schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten! – Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! – Und (raffinierteste Angst-Argumentation): Das ist doch Hybris, Maike! So schlimm war das doch gar nicht, was die Reimann gesagt hat. Vielleicht hat sie sogar ein bisschen recht und du hast dich zu wichtig genommen? Warum kannst du nicht einfach mal klein beigeben und Dienst nach Vorschrift machen? Ist doch alles gar nicht so schlimm… stirbt ja keiner von! Und du kriegst Beamtengehalt. Safe! Warum musst du immer gleich die Welt verändern wollen, denk mal nicht, dass DU der Nabel der Welt bist…! Vielleicht wären ja alle viel GLÜCKLICHER, wenn sie nur gehorchen und Arbeitsbögen ausfüllen und Dienst nach Vorschrift machen müssen! Lass doch die armen Leute in Ruhe! 

Ja, Die Angst hat sehr sehr scharfsinnige Argumente. 

Während in meinem Kopf also dieses kleine Schmerz-Theater abläuft, versuche ich mich mit dem neuen Buch von Güner Balci abzulenken: Arabqueen. Ich schlage vor, dass wir das als Lektüre für den Deutschunterricht anschaffen, denn ich mache ja jetzt “Dienst nach Vorschrift” und nach 30 Jahren “Rokal, der Steinzeitjäger” kann man ja vielleicht mal was Neues wagen. 

Kurz darauf sitzt meine Klasse brav im Klassenraum und alle haben das gleiche Buch vor der Nase. Arabqueen. Was für ein schönes Bild!! Sieht aus wie Theater. Ist es auch. Meine Klasse erfindet jetzt ein Theaterstück, das ihre Gedanken zu Güner Balci’s Buch zum Ausdruck bringen soll. Es darf aber nicht so aussehen wie Theater, sondern tendenziell eher wie Deutschunterricht und Stationenlernen – na klar mit Bewertung nach Noten. In die Aula können wir auch nur noch selten und mit Voranmeldung. Alles wird SEHR misstrauisch beäugt. Und die Situation wird nicht besser. 

Also versuche ich außerhalb der Schule Sicherheitsnetze für unsere Arbeit zu spannen. Wir brauchen einen sicheren Raum, am besten ein kleines Theater, wo niemand es verdächtig oder anstößig findet, wenn wir stundenlang am Stück “komische Sachen, also Faxen, machen”. Komische Sachen sind alles, was NICHT “normal”, also nicht nach Deutschunterricht aussieht. 

Einige Kneipengespräche, Berliner Theaterbesuche und sogenannte “Netzwerken-Aktionen” später lande ich an einem Ort, dessen Namen schon nach Sicherheit klingt: Heimathafen Neukölln. Ein Heimathafen. Doch wie kommen wir da rein? 

An einem heißen Nachmittag im August sitze ich in einem stickigen kleinen Büro und versuche die Heimathafen-Betreiberinnen (eine Theaterregisseurin und eine Schauspielerin) davon zu überzeugen, dass ich ihr Haus brauche, um “Faxen zu machen”. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch und es läuft eher schleppend:

Schauspielerin: Wir haben das schon versucht mit einer Jugendtheater-Abteilung am Haus, aber da kommt keiner. 

Ich: Naja, die Jugendlichen hätte ich ja schon… 

Regisseurin (mit ausdruckslosem Gesicht): Und wieso glaubst du, dass du hier eine Jugendtheaterabteilung aufbauen kannst-du bist doch LEHRERIN. 

Ich: Das ist richtig. Aber ja, ich glaube, das kann ich. 

Regisseurin: Aber du bist LEHRERIN. 

Sie spricht es aus wie eine Krankheit. Ein bisschen so wie: Aber du hast eitrigen Hautausschlag.  

Ich: Ich habe eine Fachqualifikation für Darstellendes Spiel in der Oberstufe und mache seit Jahren mit den Jugendlichen Theater. 

Regisseurin: Ach so? Aber an Hauptschulen gibts doch gar kein Theater. 

Ich: Offenbar ja schon, wenn ich es seit Jahren mache. 

Schweigen. Humor kommt hier nicht so gut. Ok. Ich rudere etwas zurück. 

Ich: Nee, aber stimmt natürlich. Offiziell ist Theater an Hauptschulen noch nicht etabliert als Fach. Es hat sich nur gezeigt, dass es Sinn macht und erfolgreich ist. Und genau: Weil es noch keinen offiziellen Platz hat, bin ich ja jetzt hier. Ihr seid doch ein Theater für den Kiez hier. Ich bring euch die Jugendlichen aus dem Kiez. 

Schauspielerin: Ja. Aber du bist LEHRERIN.

Ok. Denke ich. Das wird jetzt monothematisch. Offenbar ist mein Beruf an dieser Stelle ein Makel. Wenn ich an Leute wie den Sheriff denke, kann ich das natürlich verstehen. Aber wahrscheinlich gehts hier eher um das symbolische Kapital. Im Programmheft sähe es hier wahrscheinlich besser aus, wenn ich Regisseurin oder wenigstens Schauspielerin wäre. Irgendwie künstlerischer halt, als was mensch landläufig so mit “Lehrerin” assoziiert. Ich kann das ein bisschen verstehen. Also setze ich ein ermutigendes Lächeln auf und sage:

Ja. Doof. Dass ich Lehrerin bin. Aber vielleicht versuchen wir es einfach mal. Ihr habt ja nichts zu verlieren. Wir bringen euch eine Jugendtheater-Produktion zum Thema “Arab Queen” als Antwort von Neuköllner Jugendlichen auf eure Haus-Inszenierung des Romans und dann schauen wir weiter. Kostet euch ja erstmal nix, ich hab ja mein Beamtengehalt (Noch. Füge ich in Gedanken hinzu). Und dann schauen wir weiter. 

Schweigen.

Regisseurin: Und wie heißt eure Produktion zum Roman “Arab Queen”? 

Ich: Arabqueen und Thilo Sarazzin. 

Schweigen. 

Regisseurin: Ok. Ihr macht zwei Vorstellungen bei uns am Haus und könnt für die Proben bis dahin die Studiobühne nutzen. Und dann sehen wir ja, wie es läuft. 

Ich denke: Yes. Mit einem Bein drin. Das reicht fürs erste, und sage:

Wunderbar. Wann können wir anfangen? 

Wir sind durch die Tür. Es gibt jetzt einen sicheren Raum. Als ich auf die Karl-Marx-Straße trete, muss ich kurz schlucken. Einen Teil meiner Schäfchen habe ich ins Trockene gebracht. Und erste Schritte aus der lähmenden Opferhaltung gewagt. Es ist ein Anfang. Und eine erste behutsame Rückeroberung von Zuversicht. 

Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 22: Türwächter*innen der Angst

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Berlin 2010. Der Anfang vom Ende beginnt mit einer guten Nachricht. Die Hauptschulen werden abgeschafft. Heißt: Sie werden im Zuge der Berliner Schulstruktur-Reform mit den Realschulen zusammengeschmissen und diese neuen Konglomerate heißen fortan Sekundarschulen. Dieser Prozess verläuft mittelgut bis chaotisch. Die jeweiligen Kollegien „haten“ sich ziemlich und behakeln sich in jeder Konferenz in nervigen Psycho-Schlachten, was von der inhaltlichen Relevanz her an die klassischen WG Streitereien erinnert: Wer wann den Müll runter zu bringen hat und warum xy wieder nicht abgewaschen hat und im Duschsieb schon wieder alles voller Haare ist. Aber ok. Wesentlich frustrierender ist, dass nun all jene Projekte und Initiativen aus dem Schulalltag entfernt werden sollen, die aus den anarchischen Nischen der Hauptschulen entstanden sind – wir erinnern uns: „Sie können machen, was Sie wollen, solange die Polizei nicht kommt.“ Das war nicht nur für mich eine Chance, jahrelang konzeptionell zu forschen und etwas Funktionierendes im Schulalltag zu etablieren – sondern auch für zahlreiche andere Initiativen an Hauptschulen. Aus der nackten Not des ultimativen Scheiterns heraus waren auch an anderen Hauptschulen Projekte und Konzepte von quer denkenden Menschen entstanden, die auf die allumfassende Problemlage innovativ reagiert und etwas Konstruktives auf den Weg gebracht hatten. All das war quasi so im Untergrund entstanden – jenseits irgendwelcher Verordnungen oder Vorgaben. Trotz des intern – im Lehrerzimmer – herrschenden Gebots vom „Dienst nach Vorschrift“ hatte man extern – nämlich in der Senatsverwaltung – geflissentlich an den Brennpunktschulen und was da so im Einzelnen vor sich ging vorbeigeschaut. Turn a blind eye on this problem. So in etwa war wohl die Idee gewesen. Das änderte sich jetzt schlagartig. Plötzlich fiel der Nachfolgerin von Frau Behrens, der neuen Schulrätin Frau Reimann auf, dass an unserer Schule ja dieser merkwürdige Theaterunterricht stattfand. Und dass es dazu keinen Lehrplan gab. Auf welcher Grundlage, in welchem Zeitumfang, mit welchen Inhalten wird da eigentlich gearbeitet?, wollte sie wissen. Ich ahnte nichts Gutes. Obwohl ich inzwischen Fortbildungen für andere Lehrkräfte anbot und unsere Arbeit jedes Jahr aufs Neue Preise und Auszeichnungen erhielt, war Frau Reimann irgendwie schlechter Laune wegen des Hokus Pokus, der da soviel Aufmerksamkeit erzeugte. Sie wollte da mal genauer drauf schauen. Susanne, mit der ich inzwischen fast täglich einen vertraulichen Klönschnack in ihrem Schulleitungszimmer abhielt, sah die Sache recht gechillt.  Stell doch einfach ein paar schöne Fotos und Zeitungsausschnitte zusammen und bereite eine kleine Präsentation vor. Die Arbeit ist ja sehr erfolgreich. Es geht, glaube ich, nur darum, dass Frau Reimann die Sache einordnen kann. Letztendlich ist das doch eine Chance, dass wir dann auf dieser Basis ganz regulär einen Theaterbereich an der Schule etablieren können. Dann wird das fester Teil der Stundentafel. 

Nichts lieber als das, denke ich und bereite in den kommenden Wochen eine Präsentation für Frau Reimann vor, die sich gewaschen hat. Das hat natürlich auch zur Folge, dass ich mich während des stundenlangen Foto-Gefussels und Formulierungen-Gefriemels an so einiges erinnere. An die Anfangszeit mit dem Sheriff, an mein Entsetzen und meine Einsamkeit, an das Gefühl, der dümmste und naivste Mensch auf der ganzen Welt zu sein, an den ersten vertrauensvollen Blick von Taher, an Justin, der mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und zaghaft lächelt, an Sahars Mutter, die mir die Hände drückt und sagt: Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Tochter die wichtigste Rolle in einem so berühmten Theaterstück wie Nathan der Weise zugetraut haben, ich erinnere mich an den kleinen Mustafa, der bebend zwischen mir und einem wütenden Mob älterer Jugendlicher steht und ganz alleine mit vollem Körpereinsatz die großen Jungs zurückboxt und dabei unentwegt brüllt:  Lasst sie in Rrrruhe! Lasst sie in Rrrruhe! , ich erinnere mich an Amira und Sainab, die im Morgengrauen – lange vor der ersten Unterrichtsstunde  – vor der Schule stehen und mich beschimpfen, dass ich die „fieseste Lehrerin der ganzen Welt bin“, dass sie „mich für immer und ewig verfluchen werden“ und mir „niemals verzeihen werden, dass ich SO GEMEIN bin“, um mir dann ein halbes Jahr später grinsend ein liebevoll gestaltetes Fotoalbum in die Hand zu drücken mit den Worten: Wir warn echt so kleine Bitches, wa, aber Sie haben an uns geglaubt, Frau Plath, und ich erinnere mich an die strahlenden Gesichter beim Applaus, an feste, verschwitzte Umarmungen, an eine heulende Julia im weißen Kleid hinter der Bühne und an Ahmad, den kleinen Bruder von Taher, der mich ernst anschaut und sagt: Ich glaube voll an die Liebe. Und darüber mach ich mal ein eigenes Theaterstück. Wirst du sehen, Frau Plath. 

Und so alles in allem denke ich: Das wird schon klappen bei Frau Reimann. Dasselbe denkt auch Susanne, als ich ihr an einem Donnerstag im März meine Sammlung an Fotobüchern, Schüler-Notizen, Probendokumentationen, Pressemitteilungen, Zeitungsartikeln, Dankes-Schreiben und Plakaten zeige. Wir machen uns guter Laune auf den Weg zum Schulamt in der Boddinstraße. 

Kurz darauf sitzen wir auf einer harten, alten Holzbank vor einer grünlich-grauen Amtszimmertür mit dem Schildchen „Schulrätin C. Reimann“ und warten auf Einlass. Frau Reimann muss noch telefonieren, teilt uns eine bebrillte, gestresst aussehende Dame im Vorbei-Eilen mit. Susanne rollt scherzhaft mit den Augen,  Das macht die doch mit Absicht, also wirklich: Einige Leute scheinen ihre Machtspielchen ja wirklich nötig zu haben… 

Nach geschlagenen 35 Minuten Warten auf der Kirchenbank, äh Holzbank, ist es dann so weit. Wir dürfen in die heiligen Hallen. Bzw. in das heilige Amtszimmer von Frau Reimann. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, schaut nicht auf, als wir hereinkommen, murmelt nur: Ja, ja, ja, setzen Sie sich, bin gleich soweit. Wir sitzen also noch ein wenig so rum, vor diesem großen Schreibtisch, an dem Frau Reimann noch sehr wichtige Dokumente durchlesen muss und es fühlt sich haargenau so an wie damals in der Grundschule, wenn man zum Direktor musste. Ich balanciere meine Mappe auf den Knien und denke:  Macht nichts. Das hier ist zu gut, um zu scheitern. Nicht die Nerven verlieren jetzt. 

Dann ist es soweit. Frau Reimann blickt auf. Ich denke:  Ach du Scheiße. In ihrem Blick ist einfach mal so GAR NICHTS. Außer – ja, klingt krass, aber doch, es ist: – Verachtung. Ok. Ich schaue wieder auf meine Material-Mappe. Aus dieser Dokumentationsmappe scheint in diesem Augenblick sämtliche Wärme und Hoffnung der Welt zu strömen. Ich halte mich im wahrsten Sinne des Wortes daran fest. Letztendlich sind all diese Kinder gerade mit in diesem Raum. Was sollte also eine einzige schlecht gelaunte Frau hier schon ausrichten können? Ich hebe den Kopf, wage ein Lächeln und frage höflich: Ja, danke für die Einladung. Soll ich dann mal anfangen? Frau Reimann starrt mich an, als hätte ich irgendetwas unsäglich Unverschämtes gesagt. Dann schaut sie Susanne an.  Ich grüße Sie, Frau Marquart. Möchten Sie einen Kaffee? Susanne schüttelt schnell den Kopf. Frau Reimanns Ignorieren meiner Person ist ihr sichtlich unangenehm. Sie lächelt kurz und verlegen und ich denke ein weiteres Mal: Ach du Scheiße. 

Frau Reimann beginnt einen sinnentleerten Smalltalk mit Susanne. Ich komme mir vor wie ein Kind mit seiner Mutter beim Elternsprechtag. Schaue auf meine Mappe. Warte. Susannes Nervosität ist jetzt deutlich spürbar, ich konzentriere mich auf s Atmen und schaue aus dem Fenster. 

Dann endlich: Frau Marquart gibt Ihnen hier offenbar die Möglichkeit Ihre Arbeit vorzustellen. Dann fangen Sie mal an. Ich bin gespannt… 

Wie der Inhalt der Worte und die Stimmlage sich so dermaßen widersprechen können ist schon erstaunlich, denke ich. Wenn es irgendetwas gibt, auf das Frau Reimann GAR NICHT gespannt ist, dann ist es mein folgender Wortbeitrag. Bei meinen ersten Sätzen habe ich bereits das Gefühl in einem leeren Raum mit mir selbst zu sprechen. Meine Stimme klingt seltsam krächtzig. Doch eben. Dann betreten diese Kinder gefühlt nach und nach den Raum. Mit jedem Foto, jedem weiteren Satz werden sie präsenter und ich finde irgendwie zurück zu etwas, das man vielleicht als authentisches Sprechen bezeichnen könnte. Außerdem bin ich gut vorbereitet. Je länger mein Vortrag dauert, desto spürbarer wird die Erleichterung von Susanne neben mir. Sie atmet regelrecht auf. Wird schon alles. Ist doch wirklich sehr überzeugend das Ganze. 

Dann bin ich fertig. Stille. Von dem folgenden, was aus dem ultimativ angespannten Strichmund mir gegenüber herauskommt, behalte ich nur wenige Sätze in Erinnerung – aber das Gefühl, das sich während dieser Sätze in mir ausbreitet, ist so überwältigend schmerzhaft, das mein Kopf nach wenigen Sätzen in einen dumpfen Nebel abtaucht. 

Das ist ja interessant, was Sie hier zum Besten geben. Das ist ja wirklich die Höhe. Sie räumen hier also quasi ganz freiwillig ein, dass Sie in den gesamten letzten Jahren Ihrer beruflichen Verpflichtung nicht nachgegangen sind und stattdessen irgendwelche Faxen gemacht haben. Auf Kosten des Steuerzahlers. Als verbeamtete Lehrerin. Ich bin fassungslos. Und ich kann Ihnen hier nur eines sagen: Wenn Sie nicht ab sofort aufhören, hier so einen Wind um nichts zu machen, werde ich Sie versetzen lassen an eine Schule, wo Sie keinen kleinen Finger mehr krümmen können. Sie sind eine ganz kleine Lehrerin. Und Sie haben Dienst nach Vorschrift zu machen. Ich denke, wir sind hier fertig. Das wird noch ein Nachspiel haben. 

Susanne erwacht aus ihrer Erstarrung. Erhebt sich mit versteinerter Miene zum Gehen. 

Nein, nein, nein, nein, nein, Frau Marquart. SIE bleiben jetzt mal ganz schön hier sitzen. Mit Ihnen muss ich hier noch einiges besprechen bezüglich Ihrer Führungsaufgaben als Schulleitung. Und Sie können dann gehen, Frau Plath. Auf Wiedersehen. 

Ich ordne meine sieben Sachen und finde den Weg nach draußen. Auf dem Flur höre ich durch die Tür noch ein paar Wortfetzen.  Also so geht das wirklich gar nicht, Frau Marquart… kann ja hier nicht jeder machen, wie ihm lustig ist… hart durchgreifen… besonders solche egomanischen Alleingänge… haben Sie sich aber einwickeln lassen… Ego klein kriegen… Tanzen sonst alle auf der Nase herum…. Kollegium müssen Sie behandeln wie eine Schulklasse… Zuckerbrot und Peitsche… Und dieser ganze Begeisterungsterrorismus…  Das ist ja ganz furchtbar… Diesen Faxen müssen Sie da jetzt ganz schnell entschieden einen Riegel vorschieben… 

Ich schaffe es noch raus auf die Straße und bis zum Gemüseladen. Dort bleibe ich stehen und kotze in die Büsche. Der Heulkrampf dauert ca 10 Minuten. Als ich danach einigermaßen überrascht feststelle, dass ich weiter atme und überhaupt alles einfach so weitergeht, gehe ich auf wackligen Beinen zur U-Bahnstation und trete den Heimweg an. In meinem Bauch formt sich ganz langsam eine große klare Erkenntnis: Ich bin die längste Zeit Lehrerin gewesen. Es ist vorbei. 

Was ebenfalls an diesem Tag in diesem Amtszimmer stirbt, ist meine Freundschaft mit Susanne. In den folgenden Tagen ist sie für mich nicht zu erreichen. Als ich eine Woche später in ihr Zimmer bestellt werde, gibt es keinen Kaffee. Stattdessen teilt sie mir kurz und bündig mit, dass das Kollegium sie fortan zu siezen habe. Wie es mit meinen Stunden weitergehe, werde sie mir zeitnah mitteilen. Das wars. 

Was für einen ungeheuer effizienten Schaden eine einzelne Person in einem Amtszimmer so anrichten kann, denke ich verwundert und plane von diesem Augenblick an ununterbrochen, gewissenhaft und zielstrebig meinen Ausstieg.