Türwächter*innen der Freiheit Teil 3/ Kapitel 8: Die Schildkröte

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären daher rein zufällig.

Aber beim I-Phone ist “Anruf annehmen” der grüne Button, nicht der rote!, sagt Cleo.

Wir sitzen im Büro. Das zweite Jahr der Pandemie geht dem Ende entgegen. Es gibt viel zu planen, viele Probleme zu besprechen, vieles zu organisieren. Aber. Wir sind noch da. Unsere Organisation ist noch da. Gerade habe ich Cleo und Lene von meinem Traum erzählt. Von Taher und dem heimlichen Neustart im Heimathafen. Es hätte so kommen können. Finde ich. Taher hat – nach der  Messerattacke im Späti – tatsächlich ein paar Nächte im Cafe Casablanca verbracht. Wir haben tatsächlich diese Pläne geschmiedet. Und es gab die heimliche Tür, durch die Abdi uns immer hereinließ. Aber dann war Taher eines Tages weg. Über seine Handynummer konnte ich ihn nicht mehr erreichen. Es war dann sein jüngerer Bruder Ahmad, der alles wieder ins Rollen brachte. Als der Lockdown endete und das Impfen und Testen begann. Mit all den seltsamen Geschichten, die dann ihren Lauf nahmen. 

Ich muss lachen über Cleos Genauigkeit. Adlerauge Cleo. Sie findet nicht nur in all unseren Antragstexten jeden noch so kleinen Kommafehler, sondern offenbar auch in unseren Träumen. Logikfehler! Annehmen ist grün – nicht rot! 

Ja, stimmt… grinse ich,  – wahrscheinlich denkt das Traum-Ich in einer anderen Logikich war da wohl eher bei der roten und der blauen Pille aus „Matrix“… 

Hauptsache ist aber: Ich habe auf “Annehmen” gedrückt, oder? 

Ja! Und geiler Traum übrigens,  sagt Lene, dann schreib doch mal dieses Buch, in dem alles drin steht, was Mensch wissen muss! 

Ja, logisch,  lache ich,  geht los. Das wird dann das Handbuch zum Veto Prinzip. Nichts leichter als das. 

Es ist ein Scherz. Aber vielleicht ist es auch keiner. In diesen Zeiten wird so einiges wahr, was früher wie ein Scherz geklungen hätte. Alles ist möglich.  

Lene nickt zustimmend hinter ihrem MacBook-Bildschirm, als hätten wir gerade einen weiteren Tagesordnungspunkt abgehakt. 

Cleo verschwindet in der Büro-Küche und ruft: Will jemand Kaffee?

Ich höre das zischende Geräusch der Kaffeemaschine und denke: 

Interessant, dass sich in diesen Zeiten Traum und Wirklichkeit nur noch so wenig voneinander unterscheiden. Beziehungsweise. Dass die Zeit VOR der Pandemie jetzt auch schon wie ein Traum erscheint. 

Alles, was vor der Pandemie war, scheint 100 Jahre her zu sein. Wie aus einem anderen Leben. Und auch insgesamt streckt sich die Zeit auf eigentümliche Weise. Wenn irgendetwas vor zwei Wochen war, kommt es mir immer so vor, als wäre es vor zwei, drei Monaten gewesen. 

Wir arbeiten wieder im Büro, wir geben wieder Veranstaltungen und Workshops, machen Theater und reisen mit dem ICE durch Deutschland , unsere Projekte in Berlin haben wieder begonnen und die Arbeit an den Schulen findet wieder statt – nach außen könnte mensch denken, dass sich alles normalisiert hat. 

Aber ich werde das innere Bild nicht los, dass wir nur auf einer großen Bühne sitzen und so tun, als ob, während die Bühnentechniker*innen am Rand dieser Wirklichkeit bereits alles abbauen und Teil für Teil die Welt, die wir kannten, in große Kisten verräumen. Wir sitzen quasi nur noch im Kulissen-Rest, in einem zur Hälfte bereits entsorgtem Bühnenbild, und halten mit guter Laune den Anschein aufrecht, dass sich gar nichts groß verändert hat. Guck mal, sieht doch alles aus wie früher, die Leute kaufen ein und sitzen wieder in Restaurants, alles gut, alles so, als wäre nix gewesen. Oder? Aber unten drunter sagt eine leise Stimme, dass das, was wir hier machen nur eine Inszenierung des Alten ist, während etwas anderes, neues längst begonnen hat. Für das wir aber noch keinen Titel und kein Skript haben. Also verwalten wir ausschließlich den jeweiligen Moment. Und knabbern zur Erholung hin und wieder ein bisschen an der Schokolade der Vergangenheit. Aber nicht zu viel. Denn das wäre sentimental. 

Außerdem bleibt kaum Zeit, sich diesen diffusen Zwischentönen hinzugeben, denn wir haben konkretere Sorgen. Im vergangenen Jahr sind uns – wie so vielen anderen – ein Großteil unserer Einnahmen weggebrochen. Weil niemand weiß, was im nächsten Monat sein wird und nichts mehr planbar scheint, gehen die Anmeldungen zu unseren Veranstaltungen und Workshops in den Keller. Kurz vor der Krise hatten wir uns noch in Sicherheit geglaubt. Denn das, was wir immer gehofft hatten, war tatsächlich eingetreten: Eine große Stiftung hatte unsere Arbeit entdeckt und für relevant befunden. Mit ihrer Förderung begann allerdings zugleich auch die Geschichte einer Täuschung, die so groß war, dass wir sie erst viel zu spät erkannten. Wir sahen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und das kam so: 

In einer längst vergangenen Zeit, in der noch niemand jemals von einem Corona Virus gehört hatte, beschlossen Cleo, Lene und ich, dass wir neben unseren Burgen wie dem Heimathafen und neben unseren Schulprojekten noch einen weiteren Ort erschaffen müssten, an dem eine neue Generation Zeit und Raum bekommen könnte, eigene Projekte zu realisieren und sich dabei als Führungskraft zu erleben. Wir zogen durch Neukölln und schauten uns zahlreiche Gebäude an, unter anderem auch eine leerstehende Moschee, eine verlassene Restaurant-Ruine, eine Hochhausetage in einem zugigen Bürogebäude, eine alte Arztpraxis, ein Holzhaus mit Garten. Jedes Mal, wenn wir in einer neuen Räumlichkeit standen, begannen wir zu visualisieren, wie sich dieser Ort in einen summenden Bienenkorb verwandeln könnte – in dem alles zusammenkommen und entstehen würde, was unsere Organisation im Kern ausmachte.  

Vieles war zu teuer, als Ort ungeeignet, zu klein, zu heruntergekommen, zu dunkel oder zu fernab vom Schuss. Bis wir dann eines Tages unser sogenanntes Lab – direkt vor der Nase – nämlich in der Sonnenallee fanden. In direkter Nähe zu unseren Büroräumen und dem Heimathafen. Nicht die große Villa mit Gartengrundstück und See, die wir uns immer erträumen. Aber kleine, feine Räumlichkeiten, in denen wir mit unserer Idee beginnen konnten. 

Nachdem wir gemeinsam mit Ahmad, Omar, Gülüzar und einigen anderen die Räume bezogen, renoviert, gemalert und eingerichtet hatten, begann die Phase der erwartungsvollen Übermotivation der „kleinen, perfektionistischen Schulmädchen“. Diese kleinen Mädchen waren wir. Cleo, Lene und ich und ein paar andere gestandene Frauen aus unserem Team. Wir wollten der Welt zeigen, dass wir alles, was wir in unseren Anträgen ausformuliert hatten, doppelt und dreifach übererfüllen würden. Und natürlich liefen wir damit mal wieder – ZACK – in die alte Gehorsamsfalle. 

Unsere super Top-Idee war nämlich die, dass wir im Lab grenzgeniale Angebote für junge Menschen machen wollten. Unsere Einser-Kandidatinnen-Schulmädchen-Fraktion warf sich mit voller Begeisterung in die Vorbereitung ambitionierter Kurse und Workshops, die dann täglich im Lab stattfinden sollten. Tür auf für die jungen Menschen im Kiez: Führungstraining, Empowerment, Theater, Tanz, Performance, Statustraining, kreatives Schreiben,… Alter, uns fiel SO viel ein – das Lab würde DER Spot für Innovation und Empowerment in Neukölln sein. Wir sahen es förmlich schon vor uns, wie uns die Jugendlichen die Bude einrennen würden. 

Nur leider – es kam niemand. So hätte nun das berühmte außerirdische Wesen – zufällig zu Besuch auf der Erde und in Berlin Neukölln gelandet – folgendes beobachten können. Jeden Mittag kam da eine von diesen weißen, übermotivierten, strahlenden Frauen angeradelt, schloss die Lab-Tür auf, wirbelte mit vielen bunten Karten, Stiften und Plakaten zur Musik in den Räumlichkeiten herum, bis dann irgendwann zu Ende gewirbelt war und das Warten vor der Tür begann. Dann stand eine dieser ambitionierten weiblichen Gestalten mit einer Tasse Kaffee auf der Sonnenallee vor dem Lab und hielt nach Opfern, äh Gäst*innen Ausschau. Nach jungen Menschen, die doch bestimmt LUST hätten, hier mitzumachen. Wir schienen allerdings in unserer Begeisterung und übereifrigem Perfektionismus so dermaßen bedrohlich zu wirken, dass eigentlich niemals irgendein ein Kind oder Jugendlicher sich vors Lab verirrte. Ich schätze eher, dass sie im Angesicht der hungrig nach Ausschau haltenden Frauen vor der Lab-Tür schnellstens die Straßenseite wechselten und sich in Sicherheit brachten. 

Durch das Ausbleiben der Teilnehmenden wurde dann die nächste Begeisterungs-Aktionswelle ausgelöst. Jetzt mussten Menschen in Schulen, Vereinen, Gremien und Jugendclubs mit Motivationsansprachen beglückt, mit bunten Flyern beworfen und mit Social Media Posts überzeugt werden. Diese zweite Welle führte zu einem zögerlichen Vor-Sich-Hin-Tröpfeln einzelner junger Besucher*innen, die sich zu verschiedenen Zeiten scheu vor der Tür einfanden, dann von einer burschikosen begeisterten, weißen Frau sofort energisch ins Lab geschoben wurden, um dort anschließend ratlos und etwas erschrocken herumzustehen – und staunend das heruntergerasselte Aktionsprogramm einer EXTREM gut gelaunten und motivierten Workshopleiterin über sich ergehen zu lassen – bis es im Rahmen der Höflichkeit ok war, sich zu entschuldigen und erleichert das Weite zu suchen. 

Ich hatte mal wieder dieses mulmige Gefühl, von der Angst zu scheitern getrieben zu sein und als Reaktion immer mehr vom selben zu versuchen: Mehr Aktionismus, mehr tolle Angebote, mehr Begeisterung, mehr Vorbereitung, mehr Werbung, mehr Menschen mit Flyern bewerfen. Dabei kam mir dieser Mechanismus unangenehm bekannt vor. Bei einer Sache, die offensichtlich nicht funktioniert, immer nur NOCH mehr vom Selben zu versuchen, hatte sich schon häufiger mal als genau falsch erwiesen. Und trotzdem war es so schwer, aus diesem Denkmuster auszusteigen.    

Bei meinem einsamen Warten vor unseren wunderschönen, aber leider hartnäckig leer bleibenden Projekträumen erinnerte ich mich dann eines Nachmittags an meine Anfänge in einer Schul-Aula in Neukölln. An dieses Gefühl, außer mir zu sein. Und an das, was mir damals geholfen hatte: Mich wieder auf mich selbst zu konzentrieren. Nämlich: Bei MIR zu sein. Wie ich zum Beispiel inmitten einer vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Situation anfing, in aller Ruhe einzelne Wörter auf Karten zu schreiben und sie auf dem Boden auszulegen. Um mich herum tobten die Jugendlichen und Dinge gingen zu Bruch – aber ich versuchte nicht mehr, hektisch ein Feuer nach dem anderen zu löschen und den Jugendlichen atemlos hinterher zu jagen, sondern stattdessen bei mir selber anzukommen. Jetzt war die Situation zwar komplett andersherum. Es gab kein äußeres Chaos, sondern nur diesen inneren Aufruhr: Was mach ich jetzt? Was mach ich jetzt? Wenn nicht bald Jugendliche kommen, stellen unsere Geldgeber*innen die Zahlungen ein. Was dann? Was dann? Dann können wir die Miete nicht mehr zahlen, dann müssen wir einpacken, dann gehen wir pleite, dann sind wir gescheitert. Was dann? Was dann?  Aber dieses verzweifelte Gedanken-Karussell sinnloser Fragen kam mir trotzdem sehr bekannt vor. Also sagte ich innerlich endlich „STOPP“ und zwang mich zur Ruhe und zum Blick von außen: Was MACHE ich hier eigentlich? Und klar. Da fiel es mir dann auf: Die Komik an diesem ganzen Aktionismus. Und zum ersten Mal kam mir in den Sinn, dass wir die ganze Sache natürlich von der völlig falschen Seite her dachten: Wir versuchten wieder mal brav und effizient die vermeintlichen Erwartungen der Welt zu erfüllen, statt mal kurz inne zu halten und zu fragen: Was denn eigentlich für eine „Welt“? Worum geht es hier in Wahrheit? Naja. Und dann konnte Mensch mit dem nötigen Abstand durchaus erkennen, dass wir in unserem Eifer die Welt aus dem Auge verloren hatten, um die es hier ging: Nämlich die Welt der Jugendlichen in diesem Kiez. Die hatten nachmittags ab 16 Uhr – nach einem langen Schultag – sehr wahrscheinlich die Schnauze voll von der Zwangsbeglückung durch weiße, engagierte, alles-so-gut-meinende Lehrer*innen. Und bei diesem Gedanken musste ich plötzlich lachen. 

Ich stehe da also vor unserem schönen Projektraum in der Sonnenallee und gucke mir die Leute an, die an mir vorbeieilen. Hier gibt es eigentlich gar keine weißen, engagierten Frauen. Das ist ja hier nicht Prenzlauer Berg. Nicht Bullerbü und Klangwiese sondern Tony Hamadi und Moschee. Und eigentlich ist es umgekehrt erstaunlich, dass uns noch niemand die Scheiben eingeschmissen hat. So, wie unser Projektraum hier wirkt an diesem Ort – zwischen Nagelstudio, Gemüsestand, Handyshops und Shisha Bars… fast wie der peinliche Verwandte aus Amerika, der zu laut redet, sich breit macht und keine Manieren hat. Und trotzdem alles bestimmen will. 

Lalü, lala, ein Polizeiwagen rast vorbei. Ich muss jetzt wirklich lachen. Ich drehe mich um, gehe rein ins Lab, in die Küche, koche mir einen Tee – und mache einen neuen Plan. 

Wir können doch jetzt aber nicht einfach einen auf Quartiers-Jugendclub machen – so mit Tischtennisplatten, ein paar Computern, alten Sofas und lauter Musik…, sagt Cleo,  das machen doch alle. 

Nee, so meine ich das ja auch gar nicht. Ich finde unsere Inhalte ja wirklich gut. Und das ist auch genau das, was die Jugendlichen wollen: Führung lernen und eigene Ideen verwirklichen. Aber das wissen die ja noch gar nicht. 

Ach so, und damit die sich überhaupt erstmal hier her trauen, braucht es jetzt die Tischtennisplatten, oder was?

Nee, ich glaube, es geht auch ohne Tischtennisplatte. Obwohl! Tischfußball wäre auch schön! 

Kurzes Gelächter. 

Egal, können wir ja alles machen, aber eigentlich habe ich gedacht, dass ich das Ganze mit denen planen muss, die es betrifft. Deswegen treffe ich mich mal mit Ahmad und den anderen und schau mal, was die sagen… 

Kurz darauf sitze ich also mit Ahmad im Risa in der Sonnenallee, wir essen das leckerste Hähnchen der Welt und diskutieren, was das Lab für ein Ort werden soll. Irgendetwas daran ist genau richtig, denn unabhängig vom leckeren Essen habe ich sofort gute Laune. Das liegt daran, dass Ahmad immer gleich ganz groß denkt. Große Pläne, große Emotionen, nicht kleckern, sondern klotzen. Und klar: Es muss Spaß machen. Sowas von. Seine Augen leuchten. Er redet und redet. Zwischendurch werden wir immer mal wieder von irgendwelchen Habibis unterbrochen, die Ahmad herzlich und fest drücken: Hey Bruder, was geht, alles klar? , Küsschen hier, Küsschen da, Grüße an die Familie, und Ciao, man sieht sich, Habibi…  aber Ahmad verliert nie den Faden und spinnt seine Visionen fürs Lab weiter. Und genau das ist es: Es sind Visionen – aber im Sinne von Zukunfts-Szenarien, die jetzt schon möglich scheinen und ich merke, wie ich so froh werde und dass mir das gefehlt hat: Dass wir uns trotz aller Schwierigkeiten und dem allgemeinen Zustand der Welt ja trotzdem eine positive Sicht auf die Zukunft ausmalen können, statt immer alles nur als verkrampfte Schritte zur Bewältigung von Krisen zu betrachten. Ahmad, der mit Taher und seiner Familie aus dem Libanon geflohen ist und jeden Tag mit seinen Verwandten in Beirut telefoniert, die ihren gesamten Besitz beim Feuer im Hafen verloren haben und auch ansonsten ständig mit existentiellen Katastrophen konfrontiert sind, scheint trotzdem – oder gerade deswegen – immer bereit zu sein, den Problemen der Welt etwas Wunderbares entgegenzusetzen. So als halte das Leben zu jedem Zeitpunkt etwas Schönes bereit, redet Ahmad immer so, als könnten wir aus Allem das nächste kleine – oder große  – Glück machen. Egal, wie problematisch alles gerade ist. 

Wir können die Geschichte von Can verfilmen, der ist aus Syrien geflohen, übers Meer, das ist n ganzer Kinofilm. Wir können auch so eine richtig coole Gangster-Serie drehen. Und Tutorials machen auf YouTube. Wie man Filme dreht. Wir können Interviews mit Leuten machen und dann einen Dokumentarfilm daraus machen. Wir können einen neuen Style entwerfen und dazu auch Tutorials drehen. Und Fotos von den Leuten machen für Bewerbungen. Wir können auch so Beratung machen für Leute hier im Kiez, wie man aufm Amt klar kommt und Formulare ausfüllt. Wir können Musik-Videos drehen. Und einen Pizzaladen eröffnen… , wir können eine Produktionsfirma gründen. Und eine Schauspielagentur. 

So geht das weiter. Das Lustige ist: All das wird Wirklichkeit. Allerdings nicht von heute auf morgen. Und nicht zwischen 9 und 17 Uhr im Kursformat mit sorgfältig geführten Teilnehmer*innen-Listen und Sonnenwetter. Nein. Es wird ein Erdbeben.

Von dem Tag an, an dem Ahmad sich selbst zum „Papa Lab“ ernennt, sind unsere Projekträume voll. Und zwar immer. Zu jeder Tageszeit. Und nachts. Denn Can hat dauernd Ärger in der Geflüchteten-Unterkunft und übernachtet daher lieber auf dem Sofa im Lab. Ahmad auch. Und – nun ja. Einige andere schaffen den Weg abends spät auch nicht mehr nach Hause. Sogar bei mir wird es kritisch. Denn es ist schwer, zu gehen, wenn es am schönsten ist. Aber auch, wenn die Polizei wegen Ruhestörung anrückt. Oder schreiende Mütter vor der Tür stehen und mich auf arabisch beschimpfen, weil ihre Töchter zu spät nach Hause kommen. Oder das Klo überläuft. Oder der Abfluss von der Asche aus den Shisha-Pfeifen verstopft ist. Oder Can eine Flasche Wodka getrunken und alles voll gekotzt hat. Oder eine Horde Jungs draußen vor der Tür steht und Ahmad und Can verprügeln wollen, weil irgendjemand “Deine Mutter” gesagt hat. Oder die Nachbarn uns anzeigen wollen, weil die Musik zu laut ist. Oder weil Ahmad mit seiner Freundin Leila Schluss gemacht hat. Und sie schwanger ist. Von ihm. Und ihre ganze Familie anrückt. Und ein bisschen ausrastet. Weil jetzt geheiratet werden muss. Und Ahmad aber nicht will. Weil er gerade einen Kinofilm dreht. Und in der Sparte Nachwuchs zum Schauspieler des Jahres gekürt wird. Und gerade ein Foto-Shooting im Lab organisiert. Bei der er eine andere Frau im Arm hat. Seine Partnerin im Film. Aber es sieht halt aus, wie es aussieht. Weswegen Leila aus Rache und Wut alle Wände im Lab mit blut-roter Farbe besprüht. Wie in einem Horrorfilm. Es ist schwer zu gehen, wenn unsere vormals weißen Projekträume aussehen, als hätte dort ein Massaker stattgefunden und möglichst schnell alle Wände geweißelt werden müssen. Wenn gleichzeitig Leila zu Hause raus fliegt und heulend ums Lab herumschleicht und dringend jemanden zum Reden braucht. Oder Beratung, wie es weiter gehen soll. Wenn Can anruft und sagt, dass er eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen hat, weil er in der U-Bahn einen Mann geschlagen hat, der „Affe“ zu ihm gesagt hat. Wenn meine Gespräche mit Leila und Ahmad allmählich dazu führen, dass sich die Lage beruhigt. Wenn Leila jemanden braucht, die mit ihr zur Vorsorge-Untersuchung geht und ihr hilft, eine Wohnung zu suchen, weil ihre Eltern immer noch sauer sind. Wenn meine Versuche, den ganzen Prozessen im Lab – sowohl den privaten als auch den Arbeitsprozessen-  eine Struktur zu geben und Schritt für Schritt Verantwortung abzugeben, allmählich Erfolge erzielen. Wenn sich Leila, Can, Ahmad, Omar, Gülüzar, Basak und Emes immer mehr Führung zutrauen und sich gleichzeitig dafür immer mehr Beratung von mir einholen wollen.   

Es ist schwer zu gehen, wenn dann aber gleichzeitig Drehbücher, Filme, Theaterstücke, Tutorials, Ausstellungen, Pizza-Läden, Musik-Videos, Start-ups – und Freundschaften fürs Leben entstehen. Und wenn ich mit Erstaunen feststelle, dass meine Ideen, wie gleichwürdige Führung funktionieren könnte, tatsächlich aufgehen und erfolgreich sind. Und wir immer weniger beim Berliner Krisen-Notdienst sitzen und immer mehr Inhaltliches zu besprechen haben. 

Trotzdem sagt mein Freund an einem grauen November Tag: Du brauchst mal Urlaub. So geht das nicht weiter. 

Und also sitzen wir einige Wochen später – mitten im Winter – in strahlendem Sonnenschein auf einer Terrasse am Meer mit Tausenden von bunten zwitschernden Vögeln um uns herum – auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean. 

Mein Freund will tauchen. Ich eigentlich auch. Aber ich habe Schiss. Trotzdem muss es versucht werden. Finde ich. Zunächst einmal mit Schnorcheln. Das kleine Motorboot bringt uns in einem Affentempo raus aufs offene Meer. Nach der rasanten Fahrt, ist es dort dann plötzlich ganz friedlich und still. Die anderen fünf Gäste auf dem Boot lassen sich ins Wasser plumpsen. Ich auch. Sobald ich unter Wasser bin und ein paar Fische angeschwommen kommen, kriege ich sofort Panik und muss japsend und herzklopfend wieder an die Oberfläche. Puha. Ganz ruhig. Ganz ruhig. Puuuuh. So geht das eine ganze Weile. Bis ich irgendwann länger unter Wasser bleiben kann. Schauen und genießen. Die Stille und die vielen kleinen wunderschönen Fische bestaunen. Es ist ja eigentlich ganz einfach. Mir kann nichts passieren. Und dann kommt aus dem diffusen Meeres-Nebel ganz plötzlich ein riesiges Teil angeschwommen. Der Schock geht mir durch den ganzen Körper. Ich schreie unter Wasser, schlage um mich und strample wie eine Verrückte – um mich herum eine gewaltige Explosion aus tausenden weißen, sprudelnden Bläschen. Ich raste komplett aus. Wie lange ich da so unter Wasser durchdrehe – keine Ahnung. Aber irgendwann kann ich nicht mehr. Und stelle außerdem fest, dass ich ja noch da bin. Nicht gefressen wurde. Das Motorboot ist zu weit weg, um mich mit einem Satz in Sicherheit zu bringen. Und so entscheide ich mich für das Gegenteil und schaue ganz ganz vorsichtig unter Wasser nach, ob das Monster noch da ist. Wahrscheinlich habe ich es durch meinen Tobsuchtsanfall in die Flucht geschlagen. Aber nein. Direkt vor mir schaut mich eine riesengroße, wunderschöne Schildkröte ein bisschen verwundert aber zutiefst friedlich an. Ganz ruhig. Ganz sanft flappt sie kaum merklich mit ihren großen Flossen – und guckt. Sie ist die ganze Zeit dageblieben und hat meine Sprudel-Panikattacke in aller Ruhe abgewartet. Und jetzt schauen wir uns direkt in die Augen. Es kommt mir fast so vor, als ob sie lächelt und lautlos fragt: Gehts dann wieder, Maikilein? Und ich muss ohne Übergang dort unter Wasser los heulen. Ich weiß nicht, ob ich schon mal unter Wasser geweint habe, aber jetzt kann ich gar nicht mehr damit aufhören, und währenddessen schauen wir uns weiter an und ich habe das Gefühl, dass dieses alte, weise Tier mir direkt in meine Seele blickt. Ich kenne dich und du bist ganz und gar richtig in der Welt, scheint sie zu sagen.  

What the hell. 

Dann wird unser heiliger wortloser Dialog gestört. Ein anderer Taucher hat die Schildkröte entdeckt. Und innerhalb weniger Minuten entsteht Aufregung um uns herum. Alle kommen vorsichtig herangeschwommen. So eine Riesenschildkröte scheint auch hier eine Sensation zu sein, auch wenn Meeresschildkröten hier grundsätzlich hin und wieder gesichtet werden. Ich winke meiner gefühlten Verbündeten mit einer winzigen, zarten Handbewegung zu und nehme Abschied. Ein letzter Blick, dann verschwindet sie im Dunkel des Wassers.  

Zurück im regennassen, dunklen Berlin tauche ich direkt wieder ein in die Aufregungen, Dramen, Diskussionen und Glücksmomente im Lab – in Gedanken aber nehme ich die Schildkröte mit und weiß plötzlich, dass sie die wahre Königin ist, was Führung bedeutet. 

Leila und Ahmad ziehen zusammen und bekommen ihren ersten Sohn. Der Film über Cans Lebensgeschichte feiert Premiere und sämtliche im Lab entstandenen Projekte werden mit großem Erfolg präsentiert. Ahmad übernimmt die Theatergruppe im Heimathafen und als ob uns die Realität an Hollywood-Momenten noch überholen wollte, erscheint an einem hellen, sonnigen Tag im Frühling ein älterer Herr mit weißem Haar am Heimathafen und stellt sich vor als der Gründer einer großen Stiftung. Nachdem er Ahmad, Omar, Gülüzar und alle anderen kennen gelernt, eine Probe erlebt und dann lange ausgelassene Gespräche in großer Runde auf der Studiobühne mit ihnen geführt hat, wirkt dieser ernste und unnahbare alte Mann ein ganz klein wenig beseelt. Lächelnd trinkt er sein Glas Wein in der Abendsonne vor dem Cafe Casablanca, während Ahmads Crew gut gelaunt um ihn herumsitzt, raucht und albert und ihm eine Anekdote nach der anderen erzählt. 

Ein paar Tage später erfahren wir, dass wir uns erstmal keine Sorgen mehr machen müssen. Der König der großen Stiftung hat sich offenbar verliebt. 

Was wir damals nicht ahnen ist, dass dies die letzte persönliche Begegnung mit ihm gewesen sein wird. Die direkte Kommunikation findet fortan mit seinen drei Töchtern statt. Und innerhalb kürzester Zeit verlässt seine jüngste Tochter Cordelia die Stiftung. Diejenige, die scheinbar blind versteht, was uns wichtig ist. Doch offenbar gibt es ein Problem mit dem König, denn sie will und kann sich ihrem Vater nicht unterwerfen. Und geht. Zurück bleiben wir mit den anderen beiden Töchtern, deren Ton glatt und oberflächlich freundlich ist. Was dahinter in Wahrheit gedacht wird, erfahren wir nie. Wir sagen uns: Vielleicht ist das ja ganz normal. Es können ja nicht alle wie Cordelia sein. 

Als das Damoklesschwert der Pandemie auf uns herunter saust und die ersten Absagen und Einbrüche kommen, trösten wir uns mit dem Gedanken, dass der totale Absturz wegen der Stiftungs-Gelder noch nicht zu befürchten ist. All das andere Verstörende im Alltag, das es weg zu kompensieren gilt, wird zwar scheibchenweise zunehmend zur Belastung – aber immerhin sind wir nicht vom existentiellen Aus bedroht. So stürzen wir uns weiter in die Arbeit. Und erfüllen Punkt für Punkt die Anforderungen, die wir uns selbst gestellt und der Stiftung, bzw. den beiden kühlen Königstöchtern, vorgestellt hatten. Als wäre unsere Organisation zuvor ein hübscher, aber langsamer Regionalzug gewesen, so bauen wir ihn nun zu einem effizienten, glitzernden ICE aus. Was vorher noch ein bisschen spontan und ungeklärt verlief, wird nun zu einer funktionierenden Struktur ausgebaut. Glücklich und mit heißen Wangen bauen wir Schraube für Schraube unseren stabilen, belastungsfähigen, schnellen ICE und malen uns aus, wie er in die Zukunft fährt. 

Bei allen angstmachenden Nachrichten im Verlaufe der Pandemie, bei allen kleinen und größeren Stimmungstiefs und der ständigen Sorge, ob wir die Menschen bei uns im Angesicht von soviel Trennendem zusammen halten können, macht uns unsere eigene Arbeit den größten Mut. Still und stetig bringen wir unsere kleinen, konzeptionellen Werkzeuge in die Welt und tanken Hoffnung, wenn wir die Auswirkungen sehen: Menschen, die sich Schritt für Schritt mehr zutrauen, alte innere Gespenster überwinden, fröhlicher werden und gemeinsam positive Zukunftsbilder entwerfen – all den Verunsicherungen dieser historischen Umbruchphase zum Trotz. 

Kurz vor Weihnachten erhalten wir Besuch. Von den beiden Töchtern des Königs. Von Regan und Goneril. Cleo, Lene und ich freuen uns. Wir putzen unsere Projekträume, kaufen ein, bereiten ein leckeres Essen vor, decken den Tisch, stellen Kerzen auf und gehen wohl hundert Mal miteinander unsere Präsentation durch. Regan und Goneril erscheinen. Wie immer glatt und freundlich, darunter seltsam kalt. Wir setzen uns zu Tisch und plaudern dies und jenes. Wir zeigen Bilder, Filme und Berichte unserer Arbeit, beschreiben unsere nächsten Schritte und Ziele und was bereits erreicht ist. Nach zwei Stunden richtet sich Goneril auf und lächelt. 

Sie machen eine ganz wundervolle Arbeit und wir sind sicher, dass Sie das in Zukunft auch ohne unsere Unterstützung schaffen. Wir haben uns jetzt nach längeren Gesprächen in den letzten Monaten entschieden, Sie nicht mehr weiter zu fördern. Denn Sie schaffen das schon allein. Wir danken Ihnen für diesen schönen Abend und müssen dann jetzt allmählich auch mal los. Haben Sie noch Fragen? 

Es wird still im Raum. Die Kerzen flackern vor sich hin. Die kleinen Wachsschlieren, die an ihnen herunter tropfen, sehen aus wie Tränen. Das Essen kommt mir wieder hoch. Aber ich kann es noch im letzten Moment herunter husten. Lenes Gesicht ist erstarrt. Sie sieht aus wie ein Geist. Cleos Halsschlagader pumpt. Aber auch sie rührt sich nicht. Ich weiß jetzt plötzlich, was es heißt, wenn man sagt: Das Herz steht still. 

Unseren Herzen stehen still. 

Strahlend und effizient fröhlich erheben sich Regan und Goneril von ihren Stühlen, reden weiter ihren Text, dessen Worte uns nicht mehr erreichen und verschwinden durch die Tür nach draußen. Cleo, Lene und ich sitzen noch eine Weile einfach so da. Dann fängt Lene leise an zu weinen. 

Ich sehe den König dann doch noch einmal – ein Jahr später – im zweiten Herbst der Pandemie. In seinem eigenen Reich. Wo ich – denn das war schon lange vorher geplant – eine Veranstaltung gebe. Plötzlich und ohne Ankündigung kommt er mit seiner ältesten Tochter durch die Tür. Die beiden gehen durch den Saal bis vorne zur Bühne. Der König wirkt alt und müde. Kein Lächeln mehr in seinem Gesicht. Es ist von weitem bereits klar: Wer hier regiert, ist nicht mehr König Lear. Stattdessen ist es Regan. Sie strahlt aus kalten Augen in den Raum. Ich gehe in die Knie und ordne meine Workshop-Karten. 

Der ganze Raum steht still. Genau wie damals unsere Herzen. Ich frage mich, ob jemand atmet. Die Worte Regans hallen blechern durch den Raum. Es dauert lange oder kurz – ich habe kein Gefühl. Aber irgendwann steht etwas in mir wieder auf, ich komme hoch und stehe da und denke an die Schildkröte. Gehts dann wieder, Maikilein? 

Ich sage: Danke, vielen Dank. Wir haben keine weiteren Fragen. Und leider keine Zeit. Wir müssen jetzt hier weiter machen. Tschüss und wunderschönen Tag noch. 

Ein kurzer Schimmer in Regans Augen, wie ein blitzendes Messer in der Sonne. Dann nimmt sie den Arm des Königs und geleitet ihn hinaus. Die Tür geht zu. Der Raum nimmt einen tiefen Atemzug. Und plötzlich werden alle wieder lebendig. Der Spuk ist vorbei. 

In der Pause gehen wir vor dem Schloss des Königs durch den Park. Und Lene ruft: Schau mal, Maike! Das gibts doch nicht! Hier ist eine lebendige Schildkröte! 

Und tatsächlich: In einem kleinen Gehege auf der Wiese wandert sehr sehr langsam eine kleine Schildkröte. Wir bleiben stehen und beobachten sie eine Zeitlang. Sie schleppt sich langsam am Zaun entlang und schaut uns traurig an. Und da weiß ich plötzlich, warum es mit dem König niemals klappen konnte. 

Die Pause ist zu Ende. Wir gehen über die Wiese zurück zum Schloss. Und machen weiter. Vielleicht sollten wir heute Abend das Gehege öffnen, denke ich. 

Und ich muss lächeln.