Perspektiv-Wechsel, Widerstand und Fantasie

Überall nehme ich im Moment eine zunehmende Polarisierung und Zuspitzung von Sprache wahr. Mir vergeht z.B. teilweise meine ursprüngliche Freude am Zeitung-Lesen. Früher ging es mir nur beim Thema Bildung so, dass ich beim Lesen von Artikeln dachte: Das ist aber in Wahrheit komplizierter. Inzwischen geht es mir bei fast jedem Thema so.

Erstens geht es scheinbar nur noch um „Flüchtlinge“ bzw. um Migration – als ob es keine anderen Themen gäbe (…!!). Und zweitens hat vieles nur noch diesen seltsam angespannten, eindimensionalen Ton. Diese ständigen Vereinfachungen werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Sie werden dem einzelnen Menschen nicht gerecht. Es fehlen zunehmend die feineren Facetten und das Bemühen um einen gemeinsamen Nenner aus unterschiedlichen Perspektiven.

Ich möchte drei Vorschläge machen, die vielleicht helfen und Mut machen könnten:

1 Perspektiv-Wechsel: Es gibt bei allem, was wir wahrnehmen grundsätzlich eine andere Perspektive auf dieselbe Sache. Und es ist sehr erhellend, sich für diese andere Perspektive zu öffnen. Dann verstehen wir MEHR.

2 Widerstand und Zivil-Courage: Wo braucht es klaren Widerstand und Mut zur „Sanktion” und warum tun wir uns damit so schwer? Beispiele: Wo müssen wir Grenzen setzen? Was tun wir, wenn vor unseren Augen ein Mensch gedemütigt, in seiner Würde verletzt, beleidigt, angegriffen wird? Was tun wir, wenn jemand uns auf offener Straße den Hitlergruß zeigt? Wie verteidigen wir Demokratische Werte, wenn wir bemerken, dass andere genau diese Werte dazu nutzen, um die zugrundeliegende Werte-Basis auszuhebeln? Wo braucht es eine Grenze, wo braucht es deutlichen lauten Widerspruch und eine klare Verteidigung der Wertebasis und was ist dazu (an Haltung und Handeln) notwendig?

3  Fantasie: Wo wollen wir hin? Wie können wir eine festgefahrene Situation verrücken und durch Ver-rücktes ETWAS GANZ ANDERES sichtbar machen? Der Mensch hat die Fähigkeit zur Fantasie. Wir müssen uns die Räume nehmen, in denen unzensierte Verrücktheiten entstehen können.

Zu Punkt 1: Perspektiv-Wechsel

Kleine Geschichte aus meiner Vergangenheit:

1979: Ich bin 9 Jahre alt und besuche die dritte Klasse der Grundschule am Kegelberg in Glücksburg. Neben dem Grundschulgebäude befindet sich auch die Hauptschule und die Schüler*innen beider Schulen nutzen den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen halten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort stehen sie und rauchen und sind – aus unserer Sicht – älter und cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielen meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist.

Wir gehen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern haben. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagen uns Respekt ein. Gleichzeitig wissen wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlen uns ein bisschen wichtig, weil klar ist, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen.

Kerstin kommt irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Ulrich ärgern. Ulrich ist bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussieht. Er ist in der 8. Klasse, raucht Kette, sagt immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hat manchmal ein blaues Auge. Wir stellen uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelt. Ulrich scheint uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich in den Schulbus, mit dem Ulrich immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Ulrich und als der Bus los fährt, fangen wir an, laut Witze über Ulrich zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Ulrich ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Ulrich, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiter fährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Ulrich hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt in den Rücken, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal breche ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt, meine Kniee brennen, ich warte auf den nächsten Tritt. Aber Ulrich geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte ist.

So erzähle ICH diese Geschichte. Aber die Frage ist, wie Ulrich sie erzählen würde. Ich hatte später viele solcher „Ulrichs“ im Unterricht und heute sehe ich ein kleines, verwöhntes Mädchen in einer heilen, behüteten Welt, dessen größtes Problem war, dass schon wieder Klavierstunde war und sie mal wieder nicht geübt hatte.

Und ich sehe Ulrich mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt.

Wieviel Wahrheit kennen wir, wenn wir nur die Geschichte der blonden 9-jährigen Maike kennen?

Ich habe über den Perspektiv-Wechsel auch nachgedacht, als ich in den letzten Tagen die Berichterstattung über die Beerdigung von Nidal R., „Deutschlands berühmtesten Intensivtäter“, las. Was für ein beunruhigend eindimensionaler Blick.

Ich bin Nidal einmal begegnet. Da saß er in einem schwarzen Anzug vor mir beim Elterngespräch. Und es ging darum, wie wir es gemeinsam hinkriegen könnten, dass seine beiden kleinsten Brüder, deren Klassenlehrerin ich war, es besser machen würden als er. Damit will ich nichts schön reden. Aber das Gesamtbild setzt sich aus vielen verschiedenen Aspekten zusammen. Es gibt keine einfache Geschichte. Es bringt nichts, nur EINE Perspektive sehen zu wollen. Mit nur einer Perspektive verstehen wir NICHTS.

Denn was eigentlich alle Geschichten und alle Perspektiven miteinander verbindet, ist dieser immer gleiche menschliche Wunsch: Der Wunsch aller Menschen nach Würde, Anerkennung, Selbstbestimmung und Freiheit.

Auf dem Weg dahin geht nur leider so einiges schief. Und zwar selten deswegen, weil Menschen per se „böse“ sind. Es ist unsinnig und gefährlich, eindimensionale, platte Wahrheiten gegen die jeweils anderen in Stellung zu bringen.

Es wäre so schön, wenn wir es intelligenter versuchen könnten: Anfangen, verschiedene Perspektiven zu sehen und kompliziertere Wahrheiten auszuhalten. Das wäre das Erste. Dann könnten wir über sinnvolle Lösungen nachdenken.

Und zum zweiten Punkt „Widerstand“ dann in meinem nächsten Blog Eintrag…

 

Nach Chemnitz

Ich hatte gestern Wutgefühle auf die Stiernacken in Sachsen. Und auf die Polizisten in Sachsen, die in großen Teilen den Stiernacken heimlich zugetan sind. (Wie ich schon am eigenen Leib erleben durfte).

Ich dachte: „ Sachsen gehört nicht zu Deutschland“. Aber ich sage es nicht, weil ich weiß, dass in Sachsen auch kluge, feinsinnige Menschen leben, die unter diesem Mist leiden müssen.

Dann stieg ich morgens in die U8 nach Neukölln.

Dort wurde gelacht. „So, wir werden euch jetzt auch mal jagen“, sagt ein Kanakendeutscher mit freundlichem Augenzwinkern zu einem Kartoffeldeutschen, der gegenüber sitzt. Der lacht und hebt den Daumen. Großes Gelächter. Ich bin erleichtert: Ich bin in Berlin – nicht in Chemnitz.

So kann mensch auch mit der Sachsener Apokalypse umgehen. Wieder was gelernt.

In der Sonnenallee geht es dann so weiter: Kartoffeldeutsche und Kanakendeutsche verarschen die „Stiernacken-Jäger“ in Sachsen. „Na? Soll ich dich mal jagen, Alter, pass mal auf…!“ Wieder großes Gelächter. Dann Kopfschütteln. Dann alles wie immer. Beim Späti, beim Bäcker, an der Ampel, am Gemüsestand, beim Döner: „Heute auf JEDEN Fall Döner mit Pommes, wa?“ Gelächter. „Nee, pass mal auf, dass ich dich nicht jage, Dicker!“ – sagt ein Kartoffeldeutscher. Kanakendeutscher lacht. Über die Theke hinweg wird fröhlich abgeklatscht.

Am Ende des Tages gehe ich über den Platz vorm Rathaus Neukölln zur U-Bahn. Die Sonne scheint. Die Atmo ein bisschen wie Piazza in Italien. Ich geh absichtlich hier entlang – weil: Normalerweise sitzen hier alle rund und auf den Treppen vorm Rathaus Neukölln: Kartoffeldeutsche mit Plastiktüten und Sterni-Pils bzw. Hipster-Hut und Espresso, Kanakendeutsche mit Goldkettchen oder schwarzem Anzug, Jugendliche mit Energy Drinks versunken in ihre Smartphones. Ich muss gucken, ob auch hier jetzt ein „Trump-Brexit-Unsinns-Unmenschlichkeits-Trauma“ lauert. Ich biege mit Herzklopfen um die Ecke: Was wird heute – nach Chemnitz – hier sein?

Alles wie immer.

Alle sind da, auf den Treppenstufen vor dem Rathaus Neukölln und auf den Bänken und Stühlen rund um das Café davor. Ich gehe langsam quer über den Platz und höre Berliner Schnauze vom Feinsten. Zwei männliche Kartoffeldeutsche um die 70 mit hellgrünen Plastiksäcken trinken aus ihren Jägermeister-Fläschchen. Einer ruft rüber zu drei afrodeutschen Jugendlichen auf der Treppe: „Pass mal uff, dass ich euch nicht vonne Treppe jage! – Prösterchen!“

Mir stockt der Atem.

Die Jugendlichen auf der Treppe grinsen, heben die Daumen, die Jägermeister-Opis prosten ihnen gemütlich lächelnd zu. Drei Kanakendeutsche mit Hipsterbart und Muskelpäckchen lachen, einer ruft quer über den Platz: „Alles klar Opa, lass ma jagen und gucken, wer schneller ist!“

Die afrodeutschen Jugendlichen und das Jägermeister-Duo sind sichtlich gut unterhalten, jetzt lachen alle drei Fraktionen. UND: Der eine ältere Herr wirft Kuss-Händchen in beide Richtungen und ruft: „Nee nee nee, für so‘n Quatsch bin ick zu alt! Und außerdem: Wir sind ja nich in Sachsen, wa?“

Ich denke: Daraus mache ich einen Blog Eintrag. – Nee. – Das ist wieder so gefährliches Terrain, dann regen sich erst recht wieder alle auf. Oder halten das für naiven Multi-Kulti-Romantik-Quatsch. Das geht nicht, das nervt. (Mich am meisten). Aber das ist eben kein Multi-Kulti-Quatsch – das ist eher so der liebevolle Berliner Lebens-Pragmatismus. Also doch ein Blogeintrag. Denn: Nichts hätte mich heute besser trösten können, als hier zu sein. In Neukölln. Und ich denke an das, was Hussein mir erzählt hat:

„Rathaus Neukölln, das ist ein guter Ort. (Er strahlt) Deswegen hängen da immer alle ab. Das ist ein Ort mit guten Erinnerungen. Guck mal mein Foto: Da bin ich mit Franziska Giffey: Da gibt sie mir meinen deutschen Pass. Und alle haben geklatscht. Das war der beste Moment in meinem Leben“.

Grüße aus Berlin Neukölln nach Sachsen.

 

Next Generation Heimathafen ACTIVE PLAYER NK!

 

Es wird Zeit für frischen Wind im Jugendclub am Heimathafen! Ich freue mich, euch mitzuteilen, dass ich die Spielleitung in diesem Jahr an den erfahrenen ACTeur und Schauspieler Walid Al-Atiyat abgebe.

Seit 10 Jahren bereichert Walid nun schon meine Theaterarbeit – in den Anfängen noch an der Alfred-Nobel-Schule in Neukölln – seit 2012 auch am Heimathafen. Darüber hinaus ist Walid inzwischen bekannter Theater- und Filmschauspieler und kann auf jahrelangen Erfahrungen an der Volksbühne (RENÈ POLLESCH u.v.a.) am Heimathafen und in Kino- und Fernsehproduktionen (Fikkefuchs (Jan Hendrik Stahlberg), ACT Wer bin ich? (Rosa von Praunheim), Tatort, Soko Leipzig, Großstadtrevier, Amazon Serie „Beat“, u.v.a.) aufbauen.

Entsprechend dem übergeordneten Sinn und Zweck der ganzen Sache ist es nun Zeit den Staffel-Stab der Spielleitung an ihn abzugeben, um wieder neue Wege zu ermöglichen.

Ich werde weiterhin vor Ort sein und Walid als Beratung zur Verfügung stehen – aber die Entscheidungsfreiheit und Regie komplett in seine Hände geben. Das heißt für die ACTIVE PLAYER am Heimathafen: Ein neues Zeitalter beginnt. Und du kannst dabei sein!

Wenn du Lust hast, Theater zu spielen und mit zu entwickeln, bist du herzlich eingeladen!

Die Proben für das neue Jugendtheaterprojekt am Heimathafen beginnen am 03. September um 17 Uhr auf der Studiobühne im Heimathafen. Die Teilnahme ist kostenfrei. (Alter: 14-24J.)

Regelmäßige Probenzeiten immer Montags von 17-20 Uhr

Spielleitung: Walid Al-Atiyat/Beratung: Maike Plath