Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

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Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.