12. Kapitel: Irrungen und Wirrungen – oder: Opfer sein oder nicht Opfer sein?

(Neu: Alle Kapitel sind jetzt auch als Podcast Folgen bei Spotify! Zu finden unter „Türwächter*innen der Freiheit, Maike Plath“).

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Etwas veränderte sich. Es war nicht ganz klar, was eigentlich genau, aber die Gesamtlage schien um einen Millimeter verrutscht zu sein und fühlte sich nun anders an. Das betraf auch die Zusammenarbeit mit dem Sheriff. Wobei. Von “Zusammenarbeit” konnte ja kaum die Rede sein. In den Stunden, in denen ich mit ihm in der 8b doppelt gesteckt war, lief ich im Grunde einfach nur so mit – wie eine Referendarin oder Assistentin, nur ohne „offiziellen“ Auftrag. Ich sah meine Aufgabe darin, mich möglichst unsichtbar aber dafür mit sehr wachen Antennen durch den Klassenraum zu bewegen, einzelne zu unterstützen und das Schlimmste zu verhindern. Und offenbar gelang mir das zumindest teilweise. Nach Aussage der Jugendlichen war “der Sheriff netter” in den Deutsch-Stunden, in denen ich mit drin war. In den anderen Stunden, in Geschichte und Sport, wenn Sie nicht dabei sind, ist Herr Böhm viel strenger, erklärt mir Fatima. Was meinst du denn mit ‘streng’, frage ich und grusel mich schon vor der Antwort. Dass er die fertigmacht, die Scheiße bauen, also uns beleidigt und so…, sagt Fatima. Ich atme tief durch und frage: DAS heißt für dich ‘streng sein’? Die Schüler beleidigen? Fatima macht dieses wegwerfende “Ts-Schnalz-Geräusch” mit der Zunge, das so viel heißt wie: Du kapierst das nicht. Dann erklärt sie mir mit betont geduldiger Stimme, so als wäre ich ein kleines Kind, das noch viel lernen muss: Herr Böhm ist streng zu den Opfern. Damit die härter werden. Damit die später klar kommen im Leben. So kann man’s auch sehen, denke ich und schiebe meine aufkommende Wut mit einiger Anstrengung beiseite. Letztendlich muss ich das Positive sehen: Meine Anwesenheit in den Deutsch-Stunden hat also wenigstens den Sinn, dass Herr Böhm sich scheinbar zusammenreißt und die Anzahl seiner Demütigungen zurückfährt. Warum auch immer. Vielleicht, weil ich nach meinem Erleben und vor allem ÜBERLEBEN des Totaluntergangs in der Aula ein kleines Stück innere Freiheit gewonnen und Herrn Böhm umgehend mitgeteilt habe, dass ich Frau Rische bitten werde, mich in eine andere Klasse einzuteilen. Ich käme mit seinen herabsetzenden Sprüchen nicht klar und wüsste ohnehin nicht, welchen Sinn meine Doppelsteckung in seinem Unterricht hätte. Dieser kleine Anfall von gesunder Selbstbehauptung war auf die Tatsache zurück zu führen, dass ich nach der Aula-Chaos-Stunde einen stillen Entschluss gefasst hatte:  Seit dieser “Open Mike Doppel-Stunde” ging ich jetzt immer mit meinen Klassen in die Aula. Ich hatte beschlossen, einen anderen Unterricht zu versuchen. So nach dem Motto: Das Schlimmste hab ich ja auch überlebt, also was soll sein? Ich versuche jetzt einfach Schritt für Schritt im Trial & Error-Verfahren selbst heraus zu finden, was funktioniert. Denn ganz ehrlich: Alles, was ich angeblich machen soll, ergibt ja ÜBERHAUPT keinen Sinn. Und helfen tut mir auch keiner. Ich bin völlig auf mich allein gestellt. Da wird kein “reitender Bote” in letzter Sekunde kommen, um mich zu retten. Dann rette ich mich doch lieber selber. Und die überraschende Nebenwirkung dieser Entscheidung war: Mir ging es viel besser. Seit ich mir selbst die Erlaubnis gegeben hatte, alle angeblichen “Anforderungen” in den Wind zu schlagen und es selbst zu versuchen, kam ich mir vor wie eine Art eigenständige Forscherin auf unbekanntem Terrain. Ich fing als Lehrerin quasi von vorne an. Ich erlaubte mir selbst, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Und von dort aus Schritt für Schritt auszuprobieren, was funktionierte und was nicht. Es war so, als hätte ich in meiner inneren Wohnung die Tür zu einem neuen Zimmer entdeckt. 

Dieser innerliche kleine Revolutions-Impuls sorgte dafür, dass ich Herrn Böhm mitteilte, dass ich nicht länger mehr oder weniger sinnlos in seinem Unterricht mitlaufen wolle, ich hätte von seinen blöden, verletzenden Sprüchen genug. Der Sheriff allerdings grinste daraufhin nur breit und tat so, als wisse er überhaupt nicht, was ich meinte – Mensch, Mädel, das ist doch einfach mein Humor! Die Kinder verstehen das, die finden das witzig! (ach ja?) – aber offenbar wollte er das dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Es schien ihn zu wurmen, dass ich seine Art, mit den Schülern*innen umzugehen, alles andere als beeindruckend fand. Und –  wahrscheinlich weil ich “in sein Beuteschema passte”, wie er nicht müde wurde, lauthals raus zu blöken – fing er jetzt an, mir gegenüber den Gockel zu geben. Er wollte, dass ich ihn toll fand. Das fühlte sich scheiße an, aber ich hatte das Gefühl, dass es immerhin den positiven Nebeneffekt hatte, dass er seine Herabsetzungen den Jugendlichen gegenüber drosselte – zumindest in den Deutschstunden. Und daher ging ich nach seinem HÄ? Was meinst du? Die Schüler finden das doch lustig! und Frau Risches Überforderung, mich woanders einzuteilen (Das geht jetzt nicht mehr, frühestens im neuen Schuljahr…), NICHT in eine offene Auseinandersetzung mit ihm, sondern verhielt mich ruhig. (Feige, ich weiß. Aber ich war überzeugt, dass der Sheriff eine offene Konfrontation mit mir am ehesten an den Jugendlichen abreagieren würde. Zumindest redete ich mir das ein, um meine Harmonie-Komfortzone nicht verlassen zu müssen. 

Rückblickend glaube ich, dass ich noch nicht bereit war, meine mir so schön vertraute „Ich-bin-doch-nett- Weibchen-Rolle“ aufzugeben. Obwohl ich dieses große Unwohlsein spürte, war mir die Rolle der Gefall-Barbie ja wenigstens vertraut. So war ich ja den größten Teil meines Lebens „gut“ durchgekommen. Was passieren würde, wenn ich dieses bekannte Terrain verließ, wusste ich nicht und es machte mir Angst. Also redete ich mir ein, dass eine offene Konfrontation mit dem Sheriff gar nichts bringen und den Jugendlichen nur schaden würde.Besser stillhalten und keine Angriffsflächen bieten, dachte ich. Was ich dabei übersah, war: Das Ganze war natürlich eine Einbahnstraße, die zwangsläufig in einer Konfrontation enden würde. Aber es ist ja immer so wunderbar, wie wir uns Augen und Ohren zuhalten und gewisse Realitäten ausblenden können. Bis es dann irgendwann knallt. Damals kam ich mir besonders schlau vor, nichts „Dramatisches zu forcieren“, dabei befand ich mich in Wahrheit natürlich bereits in voller Fahrt auf dem Gleis ins nächstes Disaster. 

Meine Unklarheit – diese scheinbare Unterordnung bei gleichzeitigem inneren Grollen – schien diesen Mann nämlich zu reizen, von dem ich nach und nach erfuhr, dass er zahlreiche Frauen in diesem Kollegium “flachgelegt hatte”. Wortwörtlich war das die Formulierung seines Kumpels Kiesbauer, Fächer Mathe und Physik, und ebenfalls überzeugter Gegner der “Kuschelpädagogik”. Offenbar vertrat auch er die Auffassung, dass Frauen “wie Wild gerissen werden müssen”. Und dass sie das – natürlich! – auch wollen. In dieser Weltsicht ist es das Tollste für eine Frau, wenn Männer sie „attraktiv“ – im Sinne von „fickbar“ – finden. Umso interessanter ist es natürlich, wenn frau sich wehrt. Denn eigentlichwill sie jawollen ja alle Frauen, flachgelegt werden. Wenn also eine bockt im Hühnerstall, dann steigert das natürlich erstmal ihre Attraktivität (wie gesagt- im Sinne von Fickbarkeit. Attraktivität könnte natürlich unzählige andere Facetten haben, aber nee – ich muss es hier deutlich machen: HIER ging es ausschließlich um “gerissen werden”. Punkt. Mein Haus. Mein Pferd. Mein Segelboot. Dieser Scheiß halt). 

Dass ich kein Interesse zeigte, mich von Herrn Böhm, flach legen zu lassen, schien dieser als prickelnde Herausforderung zu betrachten. Irgendwie muss es doch zu schaffen sein!Denn mein gleichzeitiges Schweigen verschaffte ihm offenbar den nötigen Fantasie-Spielraum, sich vorzustellen, ich sei in Wahrheit nämlich DOCH schwerst beeindruckt von ihm. Und so dachte sich der Sheriff wahrscheinlich: Ich mach jetzt mal n bisschen auf gerechten Softie-Pädagogen… und damit krieg ich sie weich… Keine Ahnung. Irgendwie so ähnlich tickte offenbar dieses Patriarchen- bzw. Macho-Gehirn. Und irgendwie kam ich mir besonders schlau vor, nicht mehr „weiter Ärger zu machen“ und entgegen meines ursprünglichen Entschlusses in der Doppelsteckung mit ihm zu bleiben, weil ich auf diese Weise glaubte, einen winzig kleinen Einfluss-Hebel zu haben. Außerdem sah ich einen Vorteil darin, in der Klasse zu bleiben. Ich hatte dort ja auch noch meine eigenen Stunden, ohne Herrn Böhm, und je mehr wir uns sahen, desto besser – fand ich. 

Dementsprechend viel Zeit hatte ich nun, diesen in jeder Hinsicht Gewalt ausübenden Menschen in seinen Unterrichtsstunden und im Lehrerzimmer genau zu beobachten und es war mir immer wieder aufs Neue ein unfassbares Rätsel, wie jemand so sinnlos und ohne jegliche Grundlage von sich selbst überzeugt sein konnte. Wie jemand so unerschütterlich an die eigene Attraktivität und Überlegenheit glaubte – ohne JEDEN Selbstzweifel. Wie mir andere ältere Kolleginnen häppchenweise berichteten, war Herr Böhm ein klassischer West-Berliner Alt-Linker, ein 68-er, wie aus dem Bilderbuch. Das erschütterte mich zusätzlich, weil in meinem Weltbild damals die 68-er doch die “Guten” waren! Die Vertreter einer eben gerade NICHT autoritären Pädagogik. Männer, die emanzipierte und starke Frauen wollten, und keine Sex-Häschen. Aber weit gefehlt. Der Sheriff verkörperte offenbar den Typus männlichen Alt-68-er, der nur deswegen gegen die bürgerlich-konservativen Bastionen wie Ehe und Familie angetreten war, weil Mann dann die Frauen NOCH besser zu Objekten abstempeln konnte. „Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Geil: Das schien der Sheriff so ausgelegt zu haben, dass Mann nun hemmungslos rum vögeln konnte, ohne jegliche menschliche Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Sheriff vor Augen bekam die Sexuelle Revolution der 68-er für mich plötzlich noch mal ein facettenreicheres Gesicht. Mit SOLCHEN Männern quasi im EIGENEN Lager (!), muss der Weg für Frauen in die Rolle eines gleichberechtigten Gegenübers ja wirklich die Hölle gewesen sein. 

Ich hätte mir denken können, dass meine neue Strategie der Selbstbehauptung auf der einen Seite und mein Stillhalten im Sheriff-Kontext auf der anderen Seite notwendigerweise auf einen Eklat zulaufen musste. Aber ich war zu sehr mit meiner Freude über meine neuen Forschungsaufgaben beschäftigt. Meine erste Entdeckung in dieser neuen Rolle war: Alle Jugendlichen schienen die „netten Lehrer*innen für Opfer“ zu halten. 

Sie müssen uns zusammenscheißen! war der allgemeine Konsens der 8b. Und: Die Frauen sind alle zu nett, deswegen können die sich nicht durchsetzen und deswegen kann man die auch nicht ernst nehmen. 

Aha. Interessant. Was die Jugendlichen hier wohl zu Dieters Schule gesagt hätten? Hier in Neukölln galt die Regel: Wer zugänglich und freundlich ist, ist schwach. Wer sich fürsorglich und empathisch verhält, ist ein Opfer und wird fertiggemacht. Wer Rücksicht auf das Gegenüber nimmt und dies auch in Worten ausdrückt (Wie geht es DIR? Was willst DU?) sinkt im Ansehen. Eine menschliche Form des Umgangs miteinander wurde hier als Schwäche ausgelegt. Wie konnte das sein, dass es in Bullerbü so ganz anders funktioniert hatte? Dass Fürsorglichkeit und Empathie dort als STÄRKE gelesen worden waren? Hier aber als Beweis für mangelnde Charakter- bzw. Führungsstärke?? Ist es eine SCHWÄCHE, sich menschlich auf das Abenteuer einer wirklichen Begegnung mit dem Gegenüber einzulassen – oder ist das eine Schwäche? Interessanter Forschungsgegenstand… Und meine erste große Frage in diesem Zusammenhang ist: Wer ist denn nun ein „Opfer“ und was steckt eigentlich dahinter?    

Im Lehrerzimmer war die Haltung dazu recht eindeutig: 

Die Frauen sind natürlich die Opfer. Weil: Zu schwach und aus Mangel an Durchsetzungskraft versuchen sie es mit „Nett-Sein“. Nett sein ist aber nur eine Hilflosigkeit, keine ernst zu nehmende pädagogische Strategie, was sich darin zeigt, dass „Nett-Sein“ eben nur von deutschen, einigermaßen gebildeten Schüler*innen gewürdigt wird. Aber von DIESEN Jugendlichen eben nicht – und zwar – und da war man sich hier sehr einig: Wegen deren muslimischer Macho-Kultur! Ist doch klar: Die Jugendlichen türkischer und arabischer Herkunft respektieren die Frauen nicht! Beweis: Da „müssen ja alle weiblichen Familienmitglieder mit Kopftuch rumlaufen“, ein klares Indiz für Unterdrückung. Wer so aufwächst, akzeptiert natürlich keine Frau als Autorität!

Ständig hörte ich den Satz: Die haben von Gleichberechtigung noch nix gehört und leben kulturell noch im Mittelalter!Und aus diesem Schluss folgte dann die These: Die brauchen ne harte, männliche Gangart! Was anderes verstehn die nicht! 

Aha? Dachte ich. Und diese „harte, männlicheGangart“ (echt?) führt bei den Jugendlichen dann genau wozu? Zu höherem Respekt vor den Frauen?? Ich denke an meine Erfahrungen an Dieters Schule und bin verwirrt. Offenbar glaubt hier keiner an die Wirkkraft der angeblich eigenenKultur, die hier gegen die muslimische Kultur ausgespielt wird: Die eigene Kultur ist angeblich fortschrittlich und umfasst Gleichberechtigung und wertschätzenden Umgang miteinander, aber so richtig überzeugt davon scheint ja in diesem durch und durch weißen, deutschen Lehrerzimmer niemand zu sein, denn warum sonst wird, sobald es ein Problem gibt, dann doch auf die autoritäre, eben NICHT gleichberechtigte, Gangart zurückgegriffen? DIESE Jugendlichen brauchen eine „starke Hand“ und eine „starke Hand“ ist männlich – oder wie jetzt?  Was denn nun? Werlebt denn nun im Mittelalter? Sind es die muslimischen Jugendlichen, die eine „harte, autoritäre und demütigende Führung“ als STARK und eine zugewandte, empathische als SCHWACH empfinden, oder ist es Herr Böhm und die Kollegen in diesem Lehrerzimmer, die so denken? Wo lebt denn kulturell dieses deutsche Lehrerkollegium?frage ich mich. Und warum gibt es ÜBERHAUPT diese wertende Zuordnung in stark und schwach, in männlich gleich autoritär und weiblich gleich empathisch, Zuordnungen, die in Bullerbü GAR KEIN Thema waren? Scheiß doch der Hund drauf, ob „zugewandt und empathisch“ weiblich oder männlich ist! Die Frage ist doch eher: Was WOLLEN wir denn überhaupt und wie können wir es erreichen? Aber was erreicht werden sollte, war hier eben allgemein unklar. 

Ich dachte an die anzüglichen Sprüche des Sheriffs und die Männlein-Weiblein-Rollenverteilung im Lehrerzimmer. Oder an die Sitzordnung wie in der Häschen-Schule, während der Lehrer-und Schulkonferenzen: Vorne sitzt die Schulleitung mit dem Sheriff und der beflissen protokollierenden Sekretärin und das Kollegium sitzt in Reih und Glied frontal ausgerichtet davor wie eine Schulklasse in den 50-er Jahren. Die Schulleitung trägt vor, was sie beschlossen hat und die Lehrer*innen spielen Kinder: Rebellische Kinder, faule Kinder, und unzuverlässige Kinder, die immer zu spät kommen und mit lautem Gerumpel hinten noch einen Platz finden müssen, um dann ihre Brotdosen auszupacken und demonstrativ zu essen anfangen, oder diejenigen, die sofort anfangen, Hefte zu korrigieren, und damit offen zu verstehen geben, dass sie die ganze Veranstaltung sinnlos finden und viel Wichtigeres zu tun haben, oder die emsigen, die strebsamen und die beflissenen, die gelangweilten und die gekränkten Kinder, die sich ständig melden und immer beleidigt sind, weil sie finden, dass sie zu kurz kommen und niemand all ihr Engagement zu würdigen weiß. Und die Kinder, die sich erhaben fühlen über all diesen Blödsinn hier, die mit blasiertem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen am Rand sitzen, ständig mit den Augen rollen und abfällige Geräusche machen. Pffff. Ja. In verschiedensten Ausformungen waren alle Verhaltensweisen der Kinder in den Klassen hier vorbildhaft repräsentiert. Lustigerweise also genau von den Erwachsenen, die sich ununterbrochen über dasselbe Verhalten bei den Kindern beschwerten.  Und die hier eindeutig der autoritären Gangart des Sheriffs folgten. 

Und was die viel beschworene Gleichberechtigung anging, die der Sheriff so selbstverständlich in der DEUTSCHEN Kultur im Gegensatz zur arabischen oder türkischen Kultur verortete, war es schon ein bisschen zum Lachen. Denn die Schulleiterin war zwar weiblich – aber – es redete nur Herr Böhm und sein Männerclub und für jeden ihrer Sprüche gab es beifällig begeistertes Gelächter, bzw. Gekicher aus der Saloon-Damen-Ecke. Frauen, die NICHT darüber lachten, waren in diesem Kollegium unsichtbar. Und die Frauen, die sich zu Wort meldeten, taten dies in einem seltsamen Modus der Unterwerfungsgeste: Wortbeiträge wurden lächelnd und/oder leicht aufgeregt um Anerkennung buhlend vorgetragen – als liefe ein heimlicher Wettbewerb um die Gunst des Sheriffs – bei gleichzeitiger polemischer und brutaler Abwertung aller kritischen Impulse. Wer auch nur den Hauch einer abweichenden Meinung durchblicken ließ, hatte die empörten Augen und abfälligen Kommentare des gesamten Hühnerstalles auf sich. Ich stellte fest, dass mir die politischen Kategorien von „links“ und „rechts“ in diesem Kontext keine Orientierung mehr geben konnten. Der gesamte Kreis um den Sheriff gab sich als „links“, offenbarte aber sowohl im Denken als auch im Handeln ein zutiefst hierarchisches und autoritäres Weltbild, welches den offen konservativ, also eher „rechts“ tickenden Kolleg*innen an der Schule verblüffend nahe war. Offenbar waren hier „links“ oder „rechts“ keine aussagekräftigen Kategorien mehr, sondern eher „autoritär, hierarchisch“ auf der einen Seite und „gleichwürdig, demokratisch“ auf der anderen Seite. Wobei die autoritär agierende Fraktion sich natürlich für absolut demokratisch hielt. Demokratisch in welchem Sinne? Insgesamt fehlte es an Klarheit und an Durchsetzungskraft auf ein Ziel bezogen. Welches Ziel wurde hier überhaupt verfolgt? Gab es eins? Oder war alles nur ein Durchwurschteln und „Dabei-auf-die-Welt- und-die-Umstände-schimpfen“? Und vor allem: Auf die „anderen“? Ich war verwirrt. 

Am schlimmsten aber empfand ich in diesem Sheriff-dominierten Umfeld meinen seltsamen Rückfall in´s angepasste Weibchen-Schema. Ich selbst saß in diesen Häschenschule-Konferenzen und Studientagen, konnte das alles nicht so richtig fassen und sagte – trotzdem – nichts! Seltsame Dynamiken schienen hier zu wirken. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Wenn ich es kaum mehr aushielt und etwas sagen WOLLTE, dann hatte ich Herzrasen und große Beklommenheit und musste mich extrem überwinden, das Wort zu ergreifen. 

WARUM? Was war los mit mir? Ich hatte keinen Zugriff auf meine natürliche Art zu sprechen, mich zu äußern, authentisch zu sein, weil ich in dieser hierarchisch tickenden Welt die Rolle eines Menschen „mit Behinderung“ zugespielt bekam – nämlich die einer Frau. Und weil mir in diesem Umfeld als Frau Eigenschaften angedichtet wurden, zu denen ich selbst nicht Stellung nehmen durfte. Ich war eine Frau. Fertig. Das hieß: Zu nett, Opfer, Kuschelpädagogik, unqualifiziert, kann sich nicht durchsetzen. Und weiter: Auf einer Skala zwischen „fickbar“ und „frigide“ eingeordnet: Falls ich mich an die Regeln halte, kann ich bei den Saloon-Damen mitspielen, bzw. mitkichern. Ansonsten sieht es mit meinem „Rang“ ziemlich schlecht aus. Und WENN ich dagegen aufmucke, wird mir jeglicher Status, jegliche Anerkennung und Berechtigung, hier zu sein und Einfluss zu nehmen, aberkannt. Sei die Gefall-Barbie, dann darfst du bleiben und hast deinen Platz. So lautet die Regel. Und ansonsten nicht. 

(Aber nee: Wahrscheinlich hatten „die kleinen arabischen Machos“ ihre Rollenbilder auf jeden Fall ausschließlich von ihren „Kopftuch-tragenden Müttern“…) 

Damals blieb ich in meinem Herzrasen und dem beklommenen Gefühl gefangen und bemühte mich, dazu zu gehören. Egal, was das bedeutete. So lange ich die lächelnde Gefall-Barbie war, hatte ich einen Platz und einen Status. Und den wollte ich auf keinen Fall verlieren. Manchmal dachte ich: Es ist alles scheiße. Aber du hast einen Job und einen guten Ruf. Du gehörst dazu und du bist NORMAL. Keiner kennt deine Gedanken. Dir kann nichts passieren. Einfach lächeln und weitermachen.  Was für ein unfassbarer Mindfuck aber unten drunter lag! Den ich ständig mit großem Kraftaufwand wegdrücken musste“. Ich stand wie ein angeketteter Hund in seiner engen Hütte – dabei WAR ich ja gar nicht angekettet und hätte laufen können, wohin ich wollte. Warum tat ich es nicht?

Aber immerhin passierte etwas anderes: Ich empfand plötzlich ein Gefühl der Solidarität mit den Jugendlichen. So wie ich das Gefühl hatte, immer als „leicht minderbemittelt angespielt zu werden“, weil ich im Sheriff-System eine Frauwar, so mussten sich die Jugendlichen fühlen, die immer nur über ihren „Ausländer-Status“ – und damit direkt verkoppelt als kriminell und verhaltensgestört – angespielt wurden.  Wenn ich im Lehrerzimmer hörte, wie die Kollegen in der großen Sheriff-Runde über die Schüler*innen redeten, stieg in mir die Wut hoch und ich verließ fluchtartig die Patriarchen-Zone. Brennende Solidarität mit denjenigen, die hier ebenfalls als Opfer und als minderbemitteltabgestempelt und nicht ernst genommen wurden. 

Aber trotz meiner aufkeimenden Solidarität blieb ich erstaunlicherweise weiterhin nach außen NETT und angepasst. Und es ist die Frage, wie lange das so weitergegangen wäre, wenn sich die Jugendlichen nicht so wunderbar STÖREND verhalten hätten und mir damit zum Vorbild wurden. Denn ich war angepasst. Sie aber nicht. Sie wehrten sich. Sie waren weiter als ich. 

Ich hätte noch ewig gebraucht, um aus meinen Mustern auszusteigen, wenn ich nicht einen ordentlichen Schubser von einem beeindruckenden role-model bekommen hätte: Von meiner Schülerin Selina. Nach meiner Mentorin im Referendariat und Dieter in Bullerbü überraschte sie mich als eine weitere Türwächter*in der Freiheit – und öffnete mir die Augen, was zu tun ist, wenn wir KEIN Opfer sein wollen… 

Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

9 Kontaktaufnahme

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.