Türwächter*innen der Freiheit – Kapitel 19: Vor dem Gesetz

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Das Hauptproblem an der Geschichte mit Taher war, dass ich danach hinter eine gewisse Linie in meinem Bewusstsein nicht mehr zurückkonnte.

Die Realitäten der Jugendlichen spielten im durchgetakteten Schulalltag keine Rolle – und das erschien mir zunehmend absurd. Welchen Sinn machte der sogenannte „Dienst nach Vorschrift“, wenn er ja offenbar nicht geeignet war, das Ziel zu erreichen? Das Ziel, diese Jugendlichen zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu führen oder besser noch: In ein selbstbestimmtes, glückliches Leben? Zu diesem Zweck veranstalteten wir doch diesen ganzen Zirkus. Oder etwa nicht? Obwohl die Atmosphäre im Kollegium nach dem Weggang des Sheriffs freundlicher geworden war, gab es weiterhin diese seltsame Ängstlichkeit, den Sinn der verordneten Vorschriften in Frage zu stellen.  

Ich hatte so Gedanken wie: Wenn das hier ein Unternehmen wäre, wäre es längst pleite. Operation geglückt – Patient tot. Das konnte doch nicht sein, dass mit soviel Frust, soviel Bürokratie und soviel Nervenaufwand so wenig erreicht wurde! Aber irgendwie gab es darüber gar keine Diskussion. Es wirkte so, als wollte niemand die wahren Ursachen für das Scheitern anschauen. 

Wir spielten einfach weiter Schule, hielten Sitzungen mit ernsten Gesichtern ab, füllten Zettel und Checklisten aus, hefteten Akten in dicken Leitzordnern ab und am Ende: Tja, es war nichts zu machen. Wir haben alles getan. Aber xy ist einfach nicht beschulbar. Zack abgeschult. Soll sich doch die nächste Expertengruppe an dem Kind abarbeiten. 

Ein Junge wird sechs Wochen unter Polizeischutz gestellt. Aber angeblich erzählt er nur Räuberpistolen und „soll sich nicht so wichtig machen“. Warum macht er nicht einfach mal seine Hausaufgaben? Abdullah muss ständig mitten in der Unterrichtsstunde aufs Klo, schließt dann immer die gesamte Jungs-Toilette hinter sich ab, so dass kein anderer mehr reinkommt und malt ansonsten mit schwarzem Edding-Stift alle Schultische mit großen Penissen voll. Es folgen: Die üblichen „pädagogischen Maßnahmen“. Was nicht zu einer Verhaltensänderung bei Abdullah führt. Auch die Gespräche beim Schulpsychologen führen – genau – zu nichts. Dann zündet Abdullah einen Knallkörper draußen bei den Schul-Mülltonnen. Das war`s dann. Zack abgeschult. Was jeder hätte herausfinden können – denn so schwierig war es nicht: Abdullah war mit seiner Familie vor vier Jahren aus dem Libanon nach Deutschland gekommen – und in einer Unterkunft für Geflüchtete wiederholt von älteren männlichen Familienmitgliedern und deren „Freunden“ auf der Toilette vergewaltigt worden. Ach Quatsch. Räuberpistole.

Rabia verhält sich extrem aggressiv im Unterricht und brüllt „Arschloch“, wenn ihr Mathelehrer ihr „nur helfen will“ und sich von hinten über ihre Schulter beugt, um zu schauen, „wie sie vorankommt“. Als sie sich in einer unserer Theaterstunden hinter der Bühne umzieht, sehe ich, dass ihr gesamter Oberkörper vom Hals bis zum Becken dunkel-lila ist. „Sag mal Rabia, was ist das…?“, frage ich und will es eigentlich nicht wissen. „Ach so, äh nix, ich bin die Treppe runtergefallen“. „Ach so?“ Später auf der Damentoilette kippt sie mir heulend in die Arme und erzählt, dass ihr Vater sie immer „verprügelt“, wenn sie auf dem Balkon geraucht hat oder zu spät nach Hause kommt. Ich informiere die entsprechenden Behörden. Im Krankenhaus stellt ein Arzt „schwere häusliche Gewalt fest“. Wenig später sitzen wir in einem Taxi auf dem Weg in ein anonymes Frauenhaus. Anonym, weil: „Meine Familie bringt mich um, wenn ich abhaue. Die suchen mich überall und die finden mich“, sagt Rabia und drückt auf der Rückbank ihre strassbesetzte Glitzerhandtasche an sich. Noch bevor wir die Einrichtung erreichen, friert Rabias Gesicht plötzlich zu einer Maske ein und sie „will zurück nach Hause“. Die Sozialarbeiterin und ich reden mit Engelszungen auf sie ein, Rabia kann aber plötzlich nur noch einen Satz: „Ich bin die Treppe runtergefallen. Ich bin die Treppe runtergefallen“. Wir stehen irgendwo am Mehringdamm am Seitenstreifen, der Taxifahrer wartet, ich rufe die entsprechenden Stellen an, was sollen wir tun? „Wenn das Mädchen sagt, dass sie die Treppe runtergefallen ist, können wir nichts machen, dann müssen Sie sie wieder nach Hause bringen“. „WHAT?? Aber der Arzt hat eindeutig schwere häusliche Gewalt festgestellt!“ „Ja, aber gegen den Willen des Mädchens können wir nichts machen“. Weitere Diskussionen mit Rabia. Ich schaue in dieses eingefrorene Gesicht. „Ich bin die Treppe runtergefallen. Meine Familie ist alles, Sie sind eine Verräterin, Frau Plath. Ich will nach Hause“. Es ist nichts zu machen. Wir müssen umkehren und Rabia wieder nach Hause bringen. Wenige Wochen später erhält Rabia die dritte Klassenkonferenz, weil sie ihren Klassenlehrer geschubst und übelst beschimpft hat. Nicht beschulbar das Mädchen. Zack. Abgeschult. Zwei Monate später erfahre ich, dass sie nach Syrien verheiratet worden ist. Rabia ist 16 Jahre alt. Ich drehe ein bisschen durch im Kollegium. Reaktion: „Du musst wirklich ein bisschen professionelle Distanz lernen, Maike. Du lässt dich von denen immer so einwickeln. Das sind doch alles dramatische Geschichten. Komm mal wieder runter, Mädchen…“

Sophia schwänzt dauernd und fällt immer dann, wenn sie eine Arbeit schreiben soll, die Schultreppe runter und muss dann nach Hause. Reaktion im Kollegium: „Mein Gott, die faked das doch alles nur!“ Ja… vielleicht. Aber WARUM? Sophia ist die älteste von sieben Geschwistern und darf ihre Eltern nicht enttäuschen. Sie schmeißt den gesamten Haushalt, kocht, begleitet ihre Eltern auf die Ämter und übersetzt, und – weil sie die intelligenteste in ihrer Familie ist (wie ihre Eltern sagen) – will sie Ärztin werden und viel Geld verdienen, damit sie ihrer Familie helfen und ihnen eine größere Wohnung und ein besseres Leben ermöglichen kann. In den Schulakten sind ihre versäumten Stunden vermerkt. Und ihre „hysterischen Lügengeschichten“ und ihre Fake-Unfälle. Alles ganz genau mit Datum und ausführlichem Bericht. Ihre Klassenlehrerin sagt: „Sophia ist eine falsche Schlange und ein faules Stück! Die muss einfach mal den Schuss hören“. Die versäumten Stunden und Treppenstürze nehmen überhand. Viele Sitzungen mit ernsten Gesichtern. Viele Zettel, die ordentlich ausgefüllt und abgeheftet werden. Es soll niemand sagen, man hätte sich nicht bemüht. Drei Klassenkonferenzen. Zack abgeschult.

Diese Geschichten nehmen kein Ende. Sie haben aber alle eines gemeinsam: Dass sie für die betroffenen Kinder nicht gut enden. Nicht mit einem Abschluss und nicht mit einem selbstbestimmten oder gar glücklichen Leben. Es macht mich fassungslos, wie sehr sich eine kühle Ignoranz in dieses System eingeschrieben hat. Irgendwie ist am Ende keiner zuständig. Hinter jeder Person steht noch eine andere, an die man das Kind weiterschicken kann. Aber wer steht am Ende dieser institutionellen Kette? Hallo? Ist da jemand? WER ist denn am Ende verantwortlich?

Ich versuche es mit Hausbesuchen bei den Eltern. Laufe durch Neuköllner Plattenbauten, an den Häuserwänden Balkone und ganze Wälder von Satellitenschüsseln. Hinter jeder Tür eine Geschichte, ein Schicksal, und bei mir jede Menge Erstaunen, teilweise Entsetzen, auf jeden Fall aber reihenweise Erkenntnisse. Vor allem aber die: Dass das Problem an dieser Stelle nicht gelöst werden kann. 

Mein letzter Hausbesuch geht so: Ich komme in ein gepflegtes großes Wohnzimmer voller Menschen, voller Kinder unterschiedlichen Alters, es wirkt wie ein großes Familienfest, in der Küche stehen bunte Schüsseln und Platten mit sehr lecker duftendem Essen, scheinbar gerade frisch zubereitet, „hier ist ja Leben in der Bude“, denke ich, und entdecke inmitten des Familientrubels irgendwann die Mutter, die in einem langen dunklen Gewand auf einem riesigen Sofa mit vielen Kissen sitzt und ein surrendes Gerät in der Hand hält, mit dem sie sich durch ihr Gesicht fährt. Sie rasiert ihren Damenbart, stelle ich verwundert fest. Als sie mich sieht, lächelt sie strahlend, legt den elektrischen Rasierer beiseite, wuchtet sich hoch und kommt mir entgegen: Salam aleikum! Aleikum as-Salam, antworte ich vorsichtig und hoffe, dass ich es richtig ausspreche. Wir setzen uns aufs Sofa, dauernd reicht mir jemand irgendwelche leckere Bällchen und Soßen und Salat-und Gemüseschüsselchen. Es ist das Beste, was ich je gegessen habe, um mich herum hopsen gut gelaunte Kinder durch die Gegend, aus weiteren Zimmern der Wohnung dringt Geschirrklappern, lautes fröhliches Stimmengewirr, Musik, Gelächter – ich fühle mich wohl. Was ich aber am Ende eines einstündigen Gesprächs mit dieser warmherzigen, temperamentvollen Frau begriffen habe, ist, dass Frau El-Khajed`s größte Sorge nicht die ist, ob ihr Sohn den Neigungswinkel der Außenböschung eines Deichabschnitts an der Nordseeküste berechnen kann. Und dass es vielleicht auch nicht ganz so wichtig ist. Letzteres darf ich aber nur im kleinen konspirativen Kreis meiner verbündeten Kolleginnen sagen. 

Ansonsten herrscht das unangefochtene Primat der NOTEN und des (Unterrichts-) STOFFES und die Ansicht, dass es nicht die Verantwortung der Schule ist, wenn die Schüler*innen scheitern. Wir haben schließlich ein gerechtes tolles Bildungssystem, in dem es jeder schaffen kann, der sich bemüht. Aha. 

Die Frage, wer nun letztendlich verantwortlich für das Scheitern dieser Kinder ist, war nach meiner gesamten Ursachenforschung allerdings immer noch nicht beantwortet. Also beantwortete ich mir die Frage selbst: Wahrscheinlich bin ICH zuständig. Für das, was ICH als Lehrerin konkret erreiche. ICH trage die Verantwortung für die Kinder, die MIR anvertraut werden. Die Verantwortung dafür, dass die Kinder, die ICH unterrichte, nicht abgeschult werden. Als ersten Schritt auf dem Weg dahin nahm ich mir vor, dass keine*r von ihnen mehr zu mir sagte: „Ey, macht keinen SINN, Frau Plath!“ Denn damit hatten sie ja Recht. Also. Bei mir zumindest sollten sie das nicht mehr sagen. Und ganz ehrlich? Damit hatte ich nun eine gar nicht ganz so kleine Aufgabe.

Mit dem Sinn arbeitete ich mich Schritt für Schritt, Tag für Tag unermüdlich vorwärts. Und das machte überraschenderweise – trotz vieler kleiner Rückschritte – Spaß. Denn eben: Sachen, die Sinn ergeben, machen Freude. Was allerdings deutlich schwieriger war, war die Sache mit dem „Abschulen verhindern“, wenn sich die Konflikte an anderer Stelle häuften. 

Da ist zum Beispiel Dennis. Dennis hat einen Vater, der zum Frühstück eine halbe Flasche Wodka trinkt und gegen Nachmittag anfängt, in der Wohnung rum zu randalieren, seine Mutter zu schlagen und alles zusammenzubrüllen. Dennis rastet regelmäßig aus und zerlegt dann Schulmobiliar. Er sitzt grundsätzlich zusammengesunken mit Kapuze auf an seinem Platz am Fenster, den Kopf zwischen seinen Armen auf dem Tisch vergraben. Wenn ich ihn anspreche, kommt keine Reaktion – oder er brüllt: „Lass mich in Ruhe, du Fotze!“ Leider macht er das nicht nur in MEINEM Unterricht. Obwohl ich seine Klassenlehrerin bin und in jeder Sitzung und jeder Klassenkonferenz alles daran setze, die Gemüter aufgebrachter Kollegen*innen zu beschwichtigen und Dennis noch ein wenig Zeit zu geben, füllt sich seine Schüler-Akte in schwindelerregendem Tempo mit Beschwerden, Vorfalls-Beschreibungen, Diagnosen von Sozialpädagogen, Schulbegleiter*innen, Schulpsychologen und Eintragungen vom Jugendamt. Die Akte von Dennis ist der beeindruckende Beweis dafür, was für ein hoffnungsloser Fall dieser Junge ist und gleichzeitig, wie sehr man sich allseits um ihn bemüht und alles nach Vorschrift und ordnungsgemäß VERSUCHT hat. Es ist vollkommen klar, worauf das hinausläuft.

Meine Strategien, Dennis zu einem konstruktiveren Verhalten zu verführen und auf diese Weise das drohende Szenario zu vermeiden oder zumindest nachhaltig zu verzögern, sind zugebenermaßen noch nicht ganz ausgereift, aber ich komme voran. So kniee ich zum Beispiel im Unterricht vor ihm nieder und singe ihn an. Das führt nicht sofort zum Erfolg, sondern eher zu entsetzten Blicken der anderen Jugendlichen in meiner Klasse, die mich starr vor Fremdschämen anstarren und nicht fassen können, wie jemand so peinlich sein kann. Immerhin ist es in solchen Momenten aber dann mal so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Und außerdem geht es ja gerade darum, Dennis zu beweisen, dass ich mich NOCH verhaltensgestörter benehmen kann, als er. 

Tatsächlich bringt ihn meine Hartnäckigkeit dann auch irgendwann zum Lachen und er brüllt mich halb lachend, halb wütend an: „Jetzt hören Sie endlich auf, Frau Plath!“ Eben. Er sagt nicht mehr „Halt die Fresse, du Fotze“. Er sagt: „Hören Sie auf, mich anzusingen, Frau Plath.“ Wenn das mal kein Fortschritt ist. Leider sind das nicht so die Geschichten, die ich in den Sitzungen mit den ernst dreinschauenden Kollegen erzählen kann. Könnte sein, dass die mich dann für verrückt erklären. Und das wäre nicht so gut, denn als seine Klassenlehrerin bin ich sowas wie seine Königin auf dem Schachbrett und wenn die aus dem Spiel fliegt, ist der König Dennis in Null-Komma-Nix Schachmatt. Das darf nicht passieren. Also mache ich in den Klassenkonferenzen ein ernstes Gesicht, nicke freundlich und erzähle gebetsmühlenartig all das auf, was ich seit meinen Sinnversuchen an positiven Veränderungen bei Dennis beobachtet habe. Was tatsächlich auch nicht gerade wenig ist. Aber es ist nicht das, was dieses Gremium hören will. Die Kollegien*nnen, die das Problem Dennis möglichst schnell weghaben wollen, verlieren mit der Zeit die mir gegenüber aufgesetzte Freundlichkeit. Sie unterstellen mir, dass ich ja gar keinen richtigen Unterricht mache. Bei mir mache es ja „nur Spaß“. Das sei aber kein „richtiger Unterricht“. Dennis habe ein Anrecht darauf, ordnungsgemäß „beschult“ zu werden. Und nur daran könne man seine Erfolge oder Misserfolge messen. Ich bleibe tapfer und liebenswürdig. Ich bin seine Klassenlehrerin. An mir kommen sie nicht vorbei. Wenn nur diese Scheiß-Akte nicht wäre, in der ich immer mehr bedrohliche Zettel abheften muss. Normalerweise ignoriere ich die Schüler-Akten weitestgehend. Ich möchte meinen unvoreingenommenen Blick bewahren. Auch das wird natürlich als Verfehlung wahrgenommen. Eine gute Lehrerin kennt natürlich die Akten ihrer Schüler*innen.

Als Klassenlehrerin und erst recht seit ich meinen heimlichen Verantwortungsplan durchziehen will, muss ich mich nun ständig mit diesen Akten beschäftigen, nämlich, um drohendes Unheil rechtzeitig zu erkennen und es abzuwenden. Bei Dennis gibt es die Schwierigkeit, dass er zwar auf die Sinn-Offensive positiv reagiert und seine Beschimpfungen in meinem Unterricht nach und nach eingestellt hat, ansonsten rastet er aber weiterhin regelmäßig aus. „Einen Jungen, der mich als Fotze bezeichnet, muss ich nicht beschulen“, sagt Frau Meyer mit zusammen gekniffenen Lippen. Ja nun. Doch. Eigentlich schon. Ob „beschulen“ das Wort für die richtige Herangehensweise ist, mag dahingestellt sein, aber für deinen Job wirst du bezahlt und nicht zu schlecht, denke ich. Leider sieht das in der Runde niemand so. Es ist eher so die Stimmung: Das Gesocks muss weg. Ja, aber wohin? Dennis ist 14 Jahre alt. Und da haben wir wieder das Problem mit der Verantwortung. Was ich inzwischen herausgefunden habe, ist, dass neben der Sinnfrage eine Kontinuität durch Menschen, Raum und Zeit ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Dieselben Personen am selben Ort zu immer gleichen Zeiten – und das am besten über JAHRE hinweg – machen Vertrauen und Bindung überhaupt erst möglich und dann auch sinnhaftes Lernen. Es ist geradezu verrückt, wie deutlich sichtbar sich auf diese Weise Erfolge einstellen. Aber hier herrscht die Meinung vor, dass ein störendes Kind immer weitervermittelt werden muss. Interessante These. Ich lerne in diesen Sitzungen, dass alle guten Argumente der Welt nicht weiterhelfen. Die Akte wiegt schwerer. 

Ich berate mich mit Andrea und Mausi im Café Casablanca. Andrea lacht und sagt: „Lass die Akte doch verschwinden“. Wir stoßen an und unterhalten uns über andere Dinge. Abends, als ich wieder zu Hause bin, fällt mir der Satz wieder ein. Lass die Akte doch einfach verschwinden. Ich frage mich, ob das überhaupt was bringt. Aber vielleicht schon. Die Grundlage aller Beschlüsse basieren auf den Akten. Daher müssen diese auch im Schulschrank eingeschlossen sein und dürfen nur in dringenden Fällen  – und ausschließlich von dafür berechtigten Personen – mit nach Hause genommen werden. Mmmh. Wenn ich das mache, verliere ich meinen Job, denke ich. Oder? 

Der Gedanke baut sich ein kleines Nest in meinem Hirn. Ich kriege ihn nicht mehr raus. Aber ich traue mich nicht so recht, ihn tatsächlich groß werden zu lassen und beschäftige mich mit anderen Dingen. Dann kommt die nächste Sitzung zum Thema Dennis. Ich sitze da wieder und referiere die Erfolge meines Schülers. Aber dieser ganze Nachmittag atmet Vergeblichkeit. Am Ende ist mir klar: Ich werde Dennis nicht retten können. Das Gremium beschließt die nächste Klassenkonferenz. Mir ist vollkommen klar: Das wird für Dennis die letzte sein. Am Abend ruft mich seine Mutter an. Heulend. Irgendwo im Hintergrund krakeelt ein Mann herum. Ich versuche sie zu beruhigen. Es gelingt mir nicht wirklich. Zum Abschied sagt Dennis Mutter: „Bitte helfen Sie mir. Wenn Dennis jetzt wieder die Schule wechseln muss, dann geht der gar nicht mehr hin. Dann haut der ab. Der ist schon zwei Mal abgehauen. Ich schaff das alles nicht. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Und bei Ihnen fühlt er sich wohl. Er macht zum ersten Mal seine Hausaufgaben. Und neulich hat er mir Blumen mitgebracht und erzählt, dass er sich jetzt anstrengt in der Schule und dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Wenn der jetzt woanders hin soll, dann dreht der durch. Dann verlier ich meinen Dennis (sie schluchzt). Können Sie nicht irgendwas machen?“ Nach dem Telefonat muss ich mich anstrengen, nicht selber los zu heulen. Ich gehe auf den Balkon und rauche eine. Erstmal nachdenken. 

Am nächsten Tag gehe ich nach meinem Unterricht in`s Lehrerzimmer, schließe den Aktenschrank auf, durchfingere die sorgsam nach Namen und Klassen geordneten Hefter und ziehe den von Dennis heraus. Fettes Teil. Ich schließe den Schrank wieder ab. Jetzt schnell das Ding im Rucksack verschwinden lassen und ab nach Hause. Die Tür fliegt auf. Susanne kommt rein, sieht mich, sieht die Akte, starrt mich an. „Was machst DU denn?“ So ruhig wie möglich schiebe ich die Akte in meinen Rucksack. „Du weißt doch: Klassenkonferenz von Dennis steht an. Ich muss mir das alles in Ruhe noch mal durchlesen. Das schaffe ich hier immer nicht. Zuviel Trubel“. Susanne runzelt die Stirn. „Du weißt aber schon, dass die Akten in der Schule bleiben müssen, oder?“ – „Ja, ich weiß. Aber ich brauche die ja nur heute. Ich bringe sie einfach morgen früh wieder mit. Merkt keiner, dass die überhaupt weg gewesen ist. Kein Problem“. Susanne zögert. Ich lache: „Hast du jetzt Angst, oder was?“ frage ich. Susanne lacht ebenfalls. „Nee, ich dachte nur gerade, du wärst der Typ, der ne Akte verschwinden lässt, wenn`s für deine Kinder gefährlich wird… nee. Kleiner Scherz. Nimm mit. Wir sehen uns morgen“. 

Sie verschwindet im Schulleitungszimmer. Ich atme tief aus. Ach du Scheiße. In diesem Moment denke ich: Du bist verrückt, Maike. In JEDEM Fall bringst du die Akte morgen wieder mit. 

Und der Gedanke beruhigt mich. Ich MUSS ja gar nichts Verbotenes machen. Ich werde die Akte morgen einfach wieder in den Schrank zurück hängen und fertig ist. Alles gut. Nix passiert. War alles nur ein kleines Gedankenspiel. 

Ich fühle mich, als wäre ich noch einmal davongekommen. Erleichtert laufe ich die Treppen runter nach draußen, schließe mein Fahrrad auf und fahre nach Hause. 

Leider packe ich später am Abend meinen Rucksack aus. Und da ist sie. Die Akte. Ich lege sie auf meinen Schreibtisch. Gehe in die Küche. Gehe wieder zurück zum Schreibtisch. Schaue diesen hässlichen Ordner an. Gehe wieder in die Küche. Mache mir erstmal einen Tee. Schaue aus dem Fenster. Schalte das Radio an. Schalte es wieder aus. Gehe sinnlos auf und ab. Schaue wieder aus dem Fenster. Fuck. Es nützt nichts. Ich gehe zurück ins andere Zimmer, setze mich an den Schreibtisch und lese – zum ersten Mal in meinem Leben – eine Akte von vorne bis hinten durch. Und während ich lese, steigt in mir eine große Wut hoch. Hier wird ein 14-jähriges Kind systematisch in vermeintlich sachlichem Ton auf einen Problemfall reduziert. Ich kenne Dennis seit etwas mehr als einem Jahr, erlebe ihn fast jeden Tag – und was ich hier in dieser Akte lese, wird diesem Kind noch nicht einmal im Ansatz gerecht. Wer diesen beachtlich dicken Stapel an seriös aussehenden Formblättern durchliest, muss glauben, einen zukünftigen Schwerverbrecher vor sich zu haben. Einen schwer gestörten Menschen, der anderen gefährlich werden könnte. Einen aussichtslosen Fall. In der Akte steht nichts von Dennis` leisem Humor, seiner Beobachtungsgabe, seiner Sensibilität. Da steht nichts von seiner Fähigkeit, sich Dinge sofort merken zu können. Von seinem Talent für technische Sachen. Von seiner Hilfsbereitschaft. Von seiner Fähigkeit, Vorgänge und Erlebnisse unglaublich genau – und teilweise witzig – zu beschreiben. Da steht nichts von seinem Gerechtigkeitssinn und seinem Mut, sich für Schwache einzusetzen. Nicht ein einziges Wort. Nein. Diese fein säuberlich gesammelten Dokumente dienen einzig und allein dem Zweck, zu begründen, warum man sich selbst um dieses „schwierige Kind“ nicht mehr kümmern kann. Warum dieser Fall außerhalb der eigenen Verantwortlichkeit liegt. Warum es die einzig professionelle Lösung ist, ihn an die nächste Institution abzuschieben. 

Ich sitze vor meinem Schreibtisch und bin ganz starr vor Zorn. Erstmal raus auf den Balkon und eine rauchen. Was mache ich jetzt mit dieser Akte? Sie könnte verloren gehen. Ich könnte morgen in die Schule fahren und behaupten, dass sie mir geklaut wurde. Oder dass ich sie aus Versehen irgendwo liegen gelassen habe. Ich stelle mir vor, wie die Reaktionen sein werden. Wenn ich als Klassenlehrerin kurz vor einer Klassenkonferenz die entscheidende Akte „verloren habe“, wird mir kein Mensch glauben. Ich werde riesigen Ärger haben. Vielleicht bekomme ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Vielleicht verliere ich meine Verbeamtung. Vielleicht werde ich so unter Druck gesetzt, dass ich einknicke, und die Akte dann doch wieder rausrücke. Aber in dem Fall muss ich dann damit leben, dass ich diese Ungerechtigkeit zugelassen habe. Obwohl ich es besser wusste. Und obwohl ich die Möglichkeit und die Position hatte, Dennis zu helfen. 

Ich stehe noch einige Zeit auf dem Balkon und starre in den Berliner Hinterhof. Was für eine Scheiße. 

Es gibt nur eine Möglichkeit, wie ich verhindern kann, dass diese Dokumente zu 100 Prozent keinen Schaden anrichten. Ich muss sicherstellen, dass ich die Akte nicht mehr rausrücken KANN. Egal was passiert. Sie muss wirklich weg sein. Es darf sie nicht mehr geben. Ich werde plötzlich ganz ruhig. Es ist offensichtlich, was zu tun ist. Ich nehme die Akte vom Schreibtisch, gehe in die Küche und hole eine Packung Streichhölzer. Dann weiter ins Bad. Ich lege den hässlichen dicken Ordner in die Badewanne und zünde das erste Streichholz. Die kleine Flamme züngelt von der unteren Ecke nach oben. Ein zweites Streichholz. Und ein drittes. Von drei Seiten aus, beginnt das Teil jetzt zu brennen. Es riecht gut. Ich setze mich auf den Badewannenrand und schaue zu, wie sich die Seiten kräuseln, dunkelgrau werden und in den Flammen zerfallen. 

Mein Freund kommt nach Hause, reißt die Badezimmer-Tür auf, „Sag mal, was riecht denn hier…. – was machst DU denn?“, er starrt mich entgeistert an. Ich habe inzwischen sehr gute Laune und strahle ihn an. „Ich verbrenne gerade die Akte von Dennis“. Mein Liebster schaut mich an, dann auf das inzwischen beachtliche kleine Feuerchen in der Wanne – und dann lacht er. „Du bist ja völlig verrückt!“, sagt er. Aber ich weiß, er meint es auch ein bisschen als Kompliment. 

Ein paar Tage später findet dann die Klassenkonferenz für Dennis statt. Alle sitzen in diesem blöden U und schauen mich an, auf dass ich das Ritual eröffne. Susanne sitzt mir gegenüber, tippt noch irgendwas in ihr Handy. Ich habe zugegebenermaßen Herzklopfen. Leicht kurzatmig begrüße ich das Gremium, um gleich darauf „das kleine Problem“ anzusprechen. 

Ich: Ich weiß, das ist jetzt wahrscheinlich eine sehr schlechte Nachricht und mir ist bewusst, dass sowas eigentlich gar nicht passieren darf, aber die Akte von Dennis ist nicht da. 

Eine Kollegin beugt sich vor: Was? 

Ich: Ja, das ist ganz blöd gelaufen, ich habe sie mit nach Hause genommen, weil ich mich einarbeiten wollte, sie war in meinem Rucksack, da habe ich sie dann danach auch gleich wieder reingetan, damit ich sie auf keinen Fall vergesse – und dann ist mir der Rucksack in der U-Bahn geklaut worden… Das tut mir total leid, ich…

Weiter komme ich nicht, der Rest versinkt im Disaster. Einige Kollegen schreien mich an, andere sind aufgestanden und packen kopfschüttelnd ihre Sachen, immer wieder höre ich „Das darf doch alles nicht wahr sein – das ist doch ein abgekartetes Spiel – die Plath verarscht uns doch hier – also das lass ich mir nicht gefallen… die gehört doch entlassen, die Frau!…“ usw usw.

Und tatsächlich folgen auf diese verpatzte Klassenkonferenz ein paar für mich ziemlich unangenehme Tage. Ich muss mir anhören, ob ich einfach zu blöd für meinen Job bin – oder aber geistesgestört. Die Wut einiger Kollegen ist für einige Tage kaum zu bremsen. Ich muss einige unangenehme Gespräche mit Ermahnungen über mich ergehen lassen, unter anderem mit einer neuen Schulrätin, die ich nicht kenne, und die mich anschaut, als wäre ich ein Insekt. Mir droht eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Susanne redet eine Woche lang nicht mit mir. Aber ansonsten: Passiert NICHTS. Der Schulalltag geht weiter. Nach ein paar Wochen merke ich: Ich bin damit durchgekommen. 

Dennis und ich werden nicht abgeschult.