Kapitel 15: Never walk alone

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deswegen eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Wer dieses Kapitel lieber hören möchte, findet es auf dieser Seite bei „Maikes Podcast“ oder unter dem Titel „Türwächter*innen der Freiheit“ bei Spotify!

15 Never walk alone

Irgendwann in ein paar Jahren in Berlin vielleicht…:

Ein kleines Kieztheater in der Karl-Marx-Straße mitten in Neukölln. Ein Innenhof, ein paar Holz-Tische vor einem hübschen kleinen Theater-Cafe. Auf den Tischen stehen kleine Vasen mit Blumen. Es ist noch Winter, aber heute scheint die Sonne und die Vögel zwitschern und alles ist ein bisschen wie Frühling. Es weht ein leichter Wind.  Von drinnen leise Musik. A perfect day. Lou Reed. Ich muss nie mehr ins Lehrerzimmer. Ich bin in einem anderen Leben. 

Habt ihr euch schon beim neuen Technischen Leiter vorgestellt? 

Ahmad, der vor mir sitzt und raucht, schaut mich fragend an. Neuer TL? 

Birte, die wie immer auf dem Sprung zu irgendwas ist, entweder Angelegenheiten im Haus, Probe oder Büro, rattert eine Erklärung runter:

Kalle ist unser neuer TL, seit zwei Wochen jetzt am Haus. Macht n guten Eindruck, der arbeitet sich jetzt gerade ein, Klaus war natürlich auch voll ok, aber Kalle ist halt deutlich jünger und hat die Ruhe weg… mal sehen, wie lange noch…  (sie lacht kurz: klar, wie lange kann man als Technischer Leiter am Theater ruhig bleiben?)  – ja, und heute ist ja nicht viel los, da könnt ihr ja mal runtergehen und bisschen mit dem quatschen, Jugendclub vorstellen und was jede Woche so anliegt für eure Proben – was ihr braucht, wie alles so läuft und so… Ich muss los, Tschüssi, bis später…  Birte ist Leiterin des Kieztheaters und immer zwischen mindestens drei Baustellen unterwegs. Auch jetzt spricht sie die letzten Sätze im bereits Weiterlaufen und – weg ist sie. Ahmad steckt sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen, schaut mich kurz an: 

Oder ist dir kalt, wollen wir reingehen?  Ich schüttel den Kopf,  nee, geht noch auf eine Zigarettenlänge, aber dann lass mal rein und die Probe heute besprechen, hast du schon was im Kopf?

Ahmad nickt.  Ja, klar, ich wollte mit Warm-Up Mischpult anfangen und dann die Szene von Basak von letzter Woche weitermachen, am besten arbeiten die Mädchen und die Jungs da heute mal getrennt, und danach führen wir das zusammen. Und heute müssen wir das fertig kriegen, ich hol dich rein zur Präsentation, Maike, und vielleicht kannst du noch mal ne Viertelstunde Dramaturgie-Input geben am Schluss?

Ich nicke: Hört sich nach nem guten Plan an… willst du, dass ich bei der Gruppenarbeit unterstütze? Also, wenn die getrennt arbeiten? – 

Ja, das wäre gut, glaub ich – ihr könnt ja erstmal ins Foyer gehen, und die Jungs proben auf der Bühne und danach wechseln wir dann. 

Alles klar, Ahmad, und lass mal drinnen gleich noch mal kurz schauen, was die geschrieben haben und wie wir das bauen können heute… Haben die dir Texte auf whatsapp geschickt?

Ja, ich habe fünf Texte gekriegt. Schick ich dir gleich mal rüber.  Er nimmt sein Smartphone vom Tisch. Ahmad ist der kleine Bruder von Taher. Er sieht ihm so ähnlich, dass ich von weitem immer noch manchmal denke, es IST Taher. Ahmad kam im Sommer 2009 in die Aula geschlendert, 13 Jahre alt,  kann ich bei der Theater AG noch mitmachen? – Ja, klar.  Seitdem sehen wir uns mindestens einmal die Woche, meistens öfter, und das ist nicht ganz selbstverständlich, denn seit 2013 sind wir beide nicht mehr in der Schule. Er ist kein Schüler mehr und ich keine Lehrerin. Ahmad leitet jetzt selbst eine Theatergruppe – am einzigen kleinen Theater in Neukölln – und ich unterstütze ihn dabei. Er ist Projektleiter in unserem eigenen Verein, den ich mit zwei anderen Kolleginnen leite (schönen starken Power-Frauen übrigens), wenn ich nicht gerade rumreise und Veranstaltungen gebe oder schreibe. Ahmad leitet nicht nur dieses Projekt am Theater, sondern coacht auch Lehrkräfte in Berlin zum Thema Führungskompetenz – und: Er ist inzwischen ein bekannter Filmschauspieler. Gerade dreht er mal wieder eine Tatort Folge, diesmal Tatort Ludwigshafen mit Lena Odenthal. Die Rolle in der Neuköllner Kultserie „4 Blocks“ hat er abgelehnt, weil er nicht immer nur Kanackenrollen spielen will. Ahmad hat auch bei Frank Castorf und Rene Pollesch an der Volksbühne gespielt, liebt das Theater, nicht nur den Film, wirft sich immer wieder rein in die hitzigen Debatten – und weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn die anderen alle weiß sind und in ihm den Neuköllner Kanacken sehen. Im Moment geht’s darum, ob sein neuer Film bei der Berlinale läuft. Es ist Ende Januar und die Entscheidung fällt in den nächsten Tagen. 

Ahmad drückt seine Zigarette aus,  Lass ma reingehen.  Er hält mir die Tür auf.  Und nachher lass ma noch n bisschen privat quatschen, nach der Probe, – ist wieder viel passiert, wallah…Ich brauch ma deinen Rat…

Wir laufen nebeneinander durchs Foyer, dann rein ins Cafe Casablanca, wir setzen uns an „unseren“ Tisch. Ahmat seufzt, strahlt mich dann ganz plötzlich an und sagt:  Weißt du, was geil ist, Maike? Ich bin jetzt Chef. Chef über mein eigenes Leben. Ich musste nicht Maler und Lackierer werden, wie die Lehrer immer zu mir gesagt haben. Und ich musste auch nicht Gangster-Rapper werden, um erfolgreich zu sein. LÄUFT bei mir!   Wir lachen. Ahmad fragt     Kaffee und Cola Zero wie immer, oder?  Ich nicke und er wendet sich rum, um zu bestellen. Raid steht hinterm Tresen, lächelt und winkt uns zu.  Einmal wie immer?, ruft er und Ahmad ruft zurück: Hey Raid, wie geht’s? Alles gut? Und: Ja genau: Wie immer!  

Sag mal, SCHLÄFST du?  Ich zucke zusammen. Eine Kollegin von der Keplerschule hat sich neben mich auf die Bank gesetzt und grinst mich an. Ich bin kurz verwirrt, die Probe ist zu Ende, der Tänzer verabschiedet gerade die Gruppe, Selina und Fatima rennen auf mich zu, um ihren Schmuck und ihre Handies bei mir abzuholen,  war cool heute!  ruft Selina. Ich starre die Kollegin neben mir an, immer noch etwas neben der Spur, lache dann und sage:   Nee, nee, alles gut. Ich hab nur ein bisschen rum geträumt, wie alles sein KÖNNTE…  Die Kollegin lacht jetzt ebenfalls, sie legt ihre große Kamera neben sich auf der Bank ab, streckt mir die Hand entgegen und sagt:  Ich dachte, ich stell mich mal vor. Ich bin Mausi. Und ja – träumen, wie alles sein könnte. Das mach ich auch manchmal.  Ich frage mich, wie jemand ernsthaft Mausi heißen kann, aber so sympathisch, wie ich sie auf den ersten Blick finde, ist es mir dann eigentlich auch egal. Ich drücke ihre Hand,  ich bin Maike.  Es klingelt. Die Kollegin, die Mausi heißt, fragt:  Kommst du mit, n Kaffee trinken?  Ich nicke. Sie nimmt ihre Kamera und wir machen uns auf den Weg nach draußen.  Kennst du das Cafe Casablanca in der Karl-Marx-Straße?  fragt sie. Und ich denke: Da wollte ich immer schon mal hin. 

Es ist Mittag und das Cafe Casablanca ist ziemlich voll. Die Kellnerin ist offensichtlich muffelig, es ist schwierig ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht ist das aber auch die Berliner Gastro-Masche: Gäste erstmal verschrecken. (Und schauen, ob sie sich würdig erweisen). Irgendwann haben Mausi und ich Getränke und Essen bestellt und es wird ziemlich schnell gemütlich. 

Herr Böhm? Ja, DEN kenn ich, sagt Mausi. Das is n Arschloch.  

Ich finde es seltsam beruhigend, dass jemand das so klar ausspricht. Wenn ich mir erlaube, Herrn Böhm als Arschloch zu betrachten, macht alles irgendwie Sinn. Ich nehme etwas erstaunt zur Kenntnis, dass mir dieser „Trick“ ansonsten nicht zur Verfügung steht. Ich KANN vor mir selbst niemanden als „Arschloch“ bezeichnen, weil ich grundsätzlich erstmal denke, dass das Problem bei mir selber liegt. Dass ICH irgendetwas hätte besser, geschickter, klüger anstellen sollen. Außerdem weiß ich einfach nicht, „ab wann“ jemand ein „Arschloch“ ist und bin eigentlich immer bemüht, die Dinge differenzierter zu betrachten. Gibt es gut und böse? Ich weiß es nicht. Ich denke: Eher nicht. Und merkwürdigerweise erinnere ich mich jetzt aus heiterem Himmel an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Sie ploppt ganz plötzlich auf: Ich bin 5 oder 6 Jahre alt, auf jeden Fall noch nicht in der Schule, denn alles, was mit Schule zu tun hat, finde ich wahnsinnig spannend. Aber ich bin noch zu klein und muss warten. Daher ist es das Tollste, wenn ich mit meinem Vater oder meiner Mutter in die Schule fahren darf, wo sie unterrichten. Ich stehe dann ehrfürchtig und aufgeregt im Lehrerzimmer und darf Milchpulver naschen, dass die Erwachsenen sich in ihren Kaffee schütten. Löffelweise schiebe ich mir das weiße Pulver in den Mund, das auf der Zunge sofort klebrig wird und am Gaumen pappt und dann süß wird und – wie ich finde – wahnsinnig gut schmeckt. Ich beobachte die Erwachsenen, die mit Zetteln und Heftern herumlaufen und wichtige Dinge zu tun scheinen und die alle sehr nett zu mir sind und solche Sachen sagen, wie: Na, kommst du uns heute mal besuchen? Bist du denn auch schon in der Schule? Und leider muss ich dann mit meinem breiigen leckeren Milchpulver im Mund sagen:  Nee, leider noch nicht, aber bald! 

An einem Nachmittag im Winter darf ich nach dem Besuch im Lehrerzimmer mit meinem Vater die vielen Treppen hoch steigen zu seinem Musikraum. Das ist der schönste Raum, den ich je gesehen habe. Es hängen viele bunte Bilder an den Wänden und alles ist voller Musikinstrumente und Bücher und vorne steht ein Barhocker, denn mein Vater sitzt gerne auf Barhöckern, auch, wenn er unterrichtet. Er sagt:  Hast du Lust, ein bisschen alleine in meinem Musikraum zu bleiben, ich hab noch eine Konferenz, danach hol ich dich wieder ab.  Und klar gibt es überhaupt nichts Schöneres, als alleine im Musikraum zu bleiben und mir alles genau anzugucken, ich bin völlig aus dem Häuschen vor Glück. Mein Vater geht und schließt die Tür mit seinem großen Schlüsselbund ab, und das finde ich gut, denn jetzt fühle ich mich sicher und geborgen in diesem kleinen Paradies. Niemand Fremdes wird mich stören, bis mein Papa wiederkommt. Ich gehe andächtig den ganzen Raum ab, schaue mir die Bilder ganz genau an, dann die Cover von den vielen Platten, die im untersten Regal stehen, dann nehme ich vorsichtig ein Buch nach dem anderen aus dem Schrank und blättere sie nach Bildern durch, ich probiere ein paar Instrumente aus und setze mich ans Klavier, probiere mit dem Zeigefinger ein paar Tasten, kurz: Ich bin im Glück. Ich habe keine Uhr, aber irgendwann denke ich: Jetzt ist es aber schon sehr lange her, dass Papa weggegangen ist. Ich setze mich auf ein Kissen neben einen riesengroßen Kontrabass und schaue das Buch „Peter und der Wolf“ an. Aber meine Gedanken sind jetzt ein wenig durchlöchert von der Sorge, warum Papa nicht wiederkommt. Und tatsächlich wird es allmählich dunkel. Und dann merke ich auch noch, dass ich pinkeln muss. Mist. Nun ist es mit der inneren Ruhe vorbei. Ich kann mich nicht mehr auf Peter und der Wolf konzentrieren, außerdem ist die Stille um mich herum plötzlich unheimlich. Und: Ich weiß nicht, wie lange ich noch ohne Toilette aushalten kann. Ja. Mensch kann sich vorstellen, wie diese Geschichte weitergeht. Sie endet mit einer kleinen Pfütze in der Mitte des Raumes und einem Kind, das schamgefroren direkt danebensteht – im Dunkeln – wohlbemerkt. Denn nachdem das Malheur passiert war, hatte ich nur noch diesen einen beherrschenden Gedanken, das Licht im Raum auszuknipsen, damit mein Papa, wenn er denn wiederkam, nicht sehen würde, was ich angerichtet hatte. Was natürlich völlig sinnlos war, denn das Erste, was er machte, als er endlich irgendwann den Raum betrat, war natürlich: Das Licht anzuschalten. Was er sofort sah war diese Pfütze und ein heulendes Kind daneben. Und mein Vater konnte es nicht ab, wenn jemand heulte. Dann versteinerte er. So auch jetzt. Was dazu führte, dass sich meine Scham ins Unermessliche steigerte. Er packte mich wortlos an der Hand, ließ alles, wie es war, schloss den Musikraum hinter uns ab und fuhr schweigend und mit grimmigem Gesicht mit mir nach Hause. Dort hörte ich meine Mutter später schimpfen, was für ein Egoist er sei, dass er seine eigene Tochter einfach in der Schule vergaß. Auf diesem Wege begriff ich, dass er nach der Konferenz nach Hause gefahren war, Zeitung gelesen und zwei Geigenstunden gegeben hatte. Erst beim Abendessen war aufgefallen, dass ich fehlte. Die Episode hätte schnell vergessen sein können, aber nach diesem Malheur redete mein Vater drei Wochen nicht mit mir. Ich setzte mich an den Frühstückstisch – und war Luft. Ich setzte mich an den Mittagstisch – und war Luft. Ich fragte vorsichtig: Papa? Und war Luft. Mir war klar: Nach dieser peinlichen Sache war ich für ihn gestorben. Es war wie ein kleiner Tod. Jetzt könnte mensch argumentieren, dass mein Vater ein Arschloch ist. Aber. Es war eben komplizierter. Ich selbst dachte damals, dass ja jeder mal was vergisst. Ich ja auch. Und dass er immer versteinerte, wenn jemand weinte, erklärte ich mir – insbesondere später als Erwachsene – damit, dass er ein Kriegskind war. 1940 geboren. Er hatte als kleiner 5-jähriger Junge die Flucht erlebt. Was das bedeutete, las ich viele Jahre später in den entsprechenden Büchern zum Thema Kriegstraumata. Ich hatte also grundsätzlich eine innere Sperre, jemanden zu beurteilen. Und jemanden als Arschloch zu betiteln ging für mich schon mal gar nicht. Umso überraschenderweise war das nun, wie sehr ich mich freute, dass diese Frau, die Mausi hieß, es trotzdem tat. 

Ich sitze also so vor ihr und nehme erstaunt zur Kenntnis, was für eine unmittelbar spürbare Heilkraft der Gedanke hat, dass der Sheriff ein Arschloch ist. Ich möchte dieser Frau, die Mausi heißt, gerade sehr gerne weiter zuhören. 

Und woher kennst du den?   frage ich und hoffe auf weitere tröstende Informationen. Die werden auch umgehend geliefert.   Den kenne ich noch aus Kommune-Zeiten in den 70-ern. Damals war ich auch noch gar nicht Lehrerin. Da war ich Fotografin und konnte mir auch gar nicht vorstellen, in die Schule zu gehen. Da ging es insgesamt darum, die Gesellschaft radikal zu verändern. Der Versuch mit der Kommune und der freien Liebe hat aber nicht so gut geklappt. Das haben die Männer da einfach als Ausrede benutzt, um sich wie Arschlöcher zu benehmen. Ich bin dann irgendwann da abgehauen. Und mit dem Fotografieren hab ich zu wenig Geld verdient. Deswegen bin ich dann Lehrerin geworden. Weil: Damals gings darum, dass wir Berufe ergreifen, in denen wir die Gesellschaft radikal verändern können. –

Und da bist du LEHRERIN geworden?  frage ich ungläubig.   Ja klar!  sagt Mausi,   Stichwort Bildung! Das ist doch fast die wichtigste Baustelle, wenn man Gesellschaft verändern will!   

Das erstaunt mich jetzt, ich erinnere mich aber an den Satz von Herrn Böhm mit dem proletarischen Kind… Scheinbar hatten die eine andere und deutlich politischere Perspektive. Ich jedenfalls war nicht Lehrerin geworden, um die Gesellschaft zu verändern. Über den Gedanken musste ich fast lachen. Was konnte ich als Lehrerin schon VERÄNDERN? Aber klar – das waren halt die 68-er. Und tatsächlich hatten die ja gesellschaftlich EINIGES in Bewegung gebracht. Mausi macht jetzt allerdings gleich noch einen neuen Gedanken auf.

Deswegen war das ja auch nach der Wende so ne Katastrophe in den Berliner Lehrer-Kollegien, redet sie gutgelaunt weiter, die ganzen Linken wurden da ja gnadenlos zusammen geschmissen und das kannst du mir mal glauben, dass die Linken im Osten und im Westen nicht die gleichen Vorstellungen hatten – meine Güte, das ging da richtig ans Eingemachte! Die haben sich bis aufs Blut bekämpft, das war nicht lustig. Und da hat auch dein Herr Böhm ordentlich mit ausgeteilt, der war einer der Schlimmsten. Alter K-Gruppen-Kader. Kein Spaß. Humor hatten die sowieso alle nicht.  Sie macht eine kleine Pause.  Also ich – ich war eher so der Hippie.  Sie scheint kurz in Gedanken versunken und ich denke: Also waren die Hippies offenbar die Weiseren… 

Was war denn der Unterschied zwischen den Linken im Osten und im Westen? frage ich und komme mir vor wie ein Kind, dass Geschichten von der Oma aus dem Krieg hören will. Aber egal. Ich weiß es ja wirklich nicht. Und mache eine Notiz an mich selbst:  Häufiger mit anderen Menschen treffen! Nicht immer nur innerhalb deines Lehrerzimmers versauern!   

 Mausi rollt kurz mit den Augen.   Naja. Die Leute, die im Osten Lehrerinnen und Lehrer waren, das waren die Systemkonformen. Andere haben die ja gar nicht in die Schulen gelassen. Und das musst du dir mal vorstellen: Da sind dann nach der Wende so Menschen aufeinander getroffen, die ganz unterschiedliche Haltungen und innere Prägungen hatten: Die linken Lehrer und Lehrerinnen in West-Berlin, das waren so Leute mit rebellischer Haltung. Die waren auf Krawall gebürstet. Schon alleine wegen ihrer Nazi-Eltern. Und die Lehrer aus dem Osten, das waren halt die, die eher vorsichtig waren, eher angepasst. Das waren eher so die, die beim Klassenstreich nicht mit machen und die anderen verpetzen. Also nicht alle, natürlich. Aber tendenziell fanden wir die Ost-Kollegen viel zu autoritär geprägt und viel zu gehorsam… Für uns war deren Haltung enttäuschend konservativ! So Dienst nach Vorschrift machen und so ne Scheiße. Das war ja eigentlich voll unpolitisch! 

Ich bin jetzt etwas verwirrt und frage nach:   Naja, aber die Haltungen – also inhaltlich – müssen doch irgendwie ähnlich gewesen sein. Das war doch gelebter Sozialismus bei denen, oder nicht?  

Und Mausi:   Das würde ich so nicht unterschreiben. Eher von oben verordneter Sozialismus, der dann aber nicht persönlich verinnerlicht war! Diese Ost-Kollegen und Kolleginnen   (mir fällt auf, dass Mausi immer ganz ordentlich die männliche UND die weibliche Form benutzt, was ich in meinem Umfeld an der Schule und im Freundeskreis so nicht kenne, es ist 2005…),    also diese Ost-Kollegen und Kolleginnen, die waren so drauf, dass sie sozialistische Haltungen vertraten, weil es ihnen von oben verordnet worden war und die so ne Art Strebertypen waren. Da war jetzt gar nicht so die persönliche Haltung drunter, ganz im Gegenteil, die waren eher obrigkeitshörig. Und wir aus dem Westen wollten ja nun gerade dieses Obrigkeitsdenken abschaffen.   

Jetzt kriege ich innerlich aber doch einen kleinen Widerspruchsanfall:  

Also, der autoritärste Typ, den ich je kennen gelernt habe, ist ja nun gerade Herr Böhm! Also das kann ja nicht stimmen, was du sagst!   (wieder mache ich erstaunt eine Notiz an mich selbst: Mit Mausi rede ich nach zehn Minuten bereits so, als würden wir uns seit Jahren kennen…). 

Mausi pustet nur verächtlich Luft aus:   Ich sag ja gar nicht, dass die West-Leute mit dem rebellischen Impuls nicht auch ne autoritäre Haltung internalisiert hatten! Das merk ich ja bei mir selber! Ein ganzes Leben hab ich mit dieser Nazi-Scheiße meiner Eltern zu tun. Und wir haben Kinderläden gegründet und volles Programm antiautoritär versucht! Trotzdem ist die Scheiß-Prägung natürlich drin! Ich sag ja nur: Angepasstes Kind und rebellisches Kind! Ossis und Wessis gleichermaßen Kindergarten. Leider kein Erwachsenen-Ich. Die Ossis in den Lehrerzimmern waren im angepassten-Kind-Modus, die Wessis im rebellischen-Kind-Modus, aber leider eben ALLE im KIND-Modus. Deswegen wurde das ja auch alles nicht konstruktiv. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass diese Kollegien ein einziger großer, zänkischer Kindergarten waren.   

Ich denke an die Konferenzen, die mir vorkommen wie eine Häschen-Schule und an das kindische Verhalten der Kollegen und frage mich, ob es diese unterschiedlichen Fraktionen wohl immer noch gibt – und diese latente gegenseitige Verachtung – und ob die Zombie-Atmosphäre vielleicht tatsächlich zumindest teilweise auch daher rührt… Mausi hat angefangen, ihre Suppe zu essen und ich denke noch ein bisschen über die Historie dieser seltsamen Stadt nach. Berlin ist nicht Bullerbü. Das wird mir auf jeden Fall gerade noch mal ganz besonders klar. Und auch, dass ich sehr naiv in dieses Kollegium hineingeplumpst bin. Kein Wunder, dass die so gereizt auf mich reagieren. Mmmmh. 

Und sag mal, warum heißt du denn eigentlich Mausi?, frage ich, um jetzt mal wieder auf eine persönlichere Ebene zu wechseln. 

Ach, das ist so ne Art Verarsche aus Kommunezeiten…  lacht Mausi.   Die Männer haben mich da auf ihre Scheiß-Macho-Art immer Mausi genannt, weil das mein Spitzname aus Kindertagen war – und ich hab das dann ironisch umgedreht und zu meinem Kampfnamen gemacht. Flucht nach vorne, sozusagen. 

Ich merke es ganz deutlich: Ich fange an, Mausi sehr zu mögen. Warum habe ICH eigentlich keinen Kampfnamen, frage ich mich? 

Ja und das mit den Kinder-Rollen kann ich nachvollziehen,  greife ich den Faden noch mal auf,   aber das mit den unterschiedlichen linken Haltungen, das kapier ich immer noch nicht so ganz… 

Aber Mausi schüttelt den Kopf:   Das führt jetzt zu weit, DAS Fass machen wir dann das nächste Mal auf. Ich will jetzt viel lieber wissen, was DICH eigentlich so antreibt… Ich beobachte dich ja so n bisschen bei den Proben und denk immer: Die Frau ist ja spannend, die ist ja auch auf Krawall gebürstet… 

Was?,   ich muss lachen,   was meinst du denn? Also ich hab jetzt schon festgestellt: So große politische Ambitionen hab ich GAR NICHT! 

Mausi lehnt sich vor:   Aha? Was willst du denn mit den Jugendlichen erreichen? 

Ich seufze kurz und zucke mit den Schultern:   Also ehrlich gesagt will ich nur überleben. Und ich will, dass die endlich ernst genommen werden. Dass die sich nicht immer so falsch fühlen. Mir wurde immer eingeredet – mein Leben lang – dass Kinder an den Hauptschulen dumm sind. Aber ich sehe jetzt: Die sind Null Komma null dumm, die kommen nur mit ihren Sachen, also ihren Themen, nicht durch. Ich will, dass die sich zeigen und selbstbewusst werden und dass Leute SEHEN, was die KÖNNEN. Das würde uns allen ziemlich gut tun, ehrlich gesagt. Mir war nämlich bis jetzt gar nicht klar, wie blutleer und eindimensional vieles in meinen  Umfeldern so ist.  Außerdem fühl ich mich gerade selber so ein bisschen wie die.  

Mausi fängt schallend an zu lachen. Ich bin verunsichert. Und ein bisschen pikiert. Vielleicht ist sie doch nicht so sympathisch. Ich werfe ihr einen fragenden, latent aggressiven Blick zu und denke: Wenn du dich mit mir anlegen willst, bitteschön… 

Mausi sagt:   Und DU sagst, du bist nicht politisch! Ich LACH mich tot! Willkommen im Club. Ich wusste es gleich. Das sieht ja n Blinder mit nem Krückstock, dass da ein Feuer brennt. Ja, das ist doch mal ne Ansage, Frau Plath! 

Ich halte noch ein klein wenig an diesem latent beleidigten Gefühl fest, lasse es aber schließlich los und beschließe, dieser Frau zu trauen. Ich erzähle ihr alles von meinen Veto-Versuchen und was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Nur die Aula-Scheiße mit Herrn Böhm lasse ich weg. Und Mausi richtet sich auf und sagt:   Ganz ehrlich, Maike: Das ist klasse, was du machst. Mach weiter. Lass dich nicht unterkriegen! Am besten treffen wir uns hin und wieder. Das Wichtigste ist nämlich, dass du merkst, dass du nicht der einzige Freak bist.  

Und damit hatte sie natürlich vollkommen recht. Sie wurde meine erste nahe Freundin in Berlin. Mit Mausi brachen bessere Zeiten an. Ich war nicht mehr allein.