Qualität und Kritik

Am letzten Wochenende habe ich einen 2-tägigen Workshop zum Mischpult-Prinzip in Weimar gegeben. Zauberhafte Gruppe, wunderbare Arbeit, wahnsinnig schön. Bis auf die letzten 20 Minuten. Da kamen wieder diese Fragen, die eben nicht „mal eben kurz“ mit Ja oder Nein zu beantworten sind… und die bei mir immer diese Gehirnverknotung verursachen: Schnell soll ich noch kurz die Lösung für dieses oder jenes grundsätzliche Problem verraten… Aber nein. Ich habe keine Weltlösung in einem Satz. Tatsächlich nicht. Deswegen gibt es ja das Konzept.

Beispiel einer solchen Frage (zum Thema der „Lieblingsmomente“):

Was mache ich, wenn einige beim „Gespräch unter Freunden“ auch was Negatives zurück melden wollen, etwas, das NICHT so gut war…?

Ich denke mir: Dahinter steckt offenbar die Befürchtung, die Qualität ginge den Bach runter, wenn „alles gelobt werden muss“…

Erstens: Es soll nicht ALLES gelobt werden. Es soll nur trainiert werden, Qualität zu erkennen, wenn sie da ist. Und darüber hinaus frage ich mich: Ist das nicht bereits konzeptionell beantwortet? Trotzdem hier mal der Versuch einer (konzeptionellen) Antwort auf diese immer wieder geäußerte Skepsis in Bezug auf die „Lieblingsmomente“.

Erstens: Das sogenannte „Kritisieren“ ist zunächst einmal nichts anderes als ein Machtspiel, das denjenigen Vorteile verschafft, die ohnehin schon im Vorteil sind (Selbstbewusstsein, Sicherheit, Wissen, „Heimspiel“, Normativität,…, siehe Kapital-Mischpult).

Zweitens: Was ist „Kritik“ und wer kann sie äußern in Bezug auf welchen Maßstab?

Drittens: Mit welcher Absicht wird „Kritik“ geäußert? Geht es wirklich darum, jemand anderen in guter Absicht darin zu unterstützen, besser zu werden?

Und wenn ja, (was ich bezweifle), woher nimmt dann die Kritik-äußernde Person diese (erstaunliche!) Selbstgewissheit, dass ihre Einschätzung der kritisierten Person „hilft, besser zu werden“?

Meiner Erfahrung nach wird zu Beginn eines gemeinsamen Prozesses nicht in einer kooperativen Absicht „kritisiert“ – also damit das Gegenüber „besser“ werden kann – sondern vielmehr deswegen, um den eigenen Status zu heben und vor den anderen als „schlauer“ da zu stehen.

Mir geht es daher immer zunächst einmal darum, erstmal dafür zu sorgen, dass alle die gleichen Möglichkeiten haben zu „kritisieren“, denn erst dann wird Kritik überhaupt erst konstruktiv.

Dahinter stehen folgende Überlegungen:

Wenn wir mal ehrlich sind, dann ist „Kritik annehmen“ das Schwerste, was es gibt. Auch für Erwachsene übrigens.

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass „Kritik“ in den meisten Fällen etwas kaputt macht und bei den „Kritisierten“ eben nicht selbstverständlich etwas Konstruktives in Gang bringt.

Wer den Mut zusammen gekratzt hat, eine eigene Idee oder einen eigenen Entwurf zu zeigen, macht sich verletzlich. Das erfordert Mut. Wenn wir anschließend durch Äußerungen der anderen eine persönliche Herabsetzung empfinden, verschließen wir uns ein Stück weit wieder und müssen erstmal Schmerz kompensieren.

Wer den Schmerz einer Herabsetzung kompensiert, verkapselt sich und befindet sich kurzzeitig (oder länger – je nach Intensität der Herabsetzung) in einer Art „Ego-Brummkreisel“. In diesem Zustand sind wir nicht mehr offen für den Prozess, nicht mehr offen für die anderen. Es ist eine Art Mini-Narzissmus-Tunnel, in dem wir dann sitzen: Wir müssen Energie aufwenden für schlüssige Argumente, die beweisen, dass WIR richtig liegen, die anderen aber „doof, unfähig, inkompetent“ sind, oder wir werten gleich das ganze Setting ab: „Theater ist Schwachsinn. Die Gruppe passt nicht zu mir. Das ist sowieso nichts für mich“,… usw.

Und wer nach außen die Herabsetzung verbirgt, weil das ja ein Beweis angeblicher Souveränität ist, der muss NOCH mehr Energie aufwenden. All das führt gerade NICHT dazu, dass ich mich für das Risiko eines Entwicklungs-Prozesses öffne.

Und interessant ist eben auch, wer zu Beginn eines Prozesses unbedingt „was Negatives sagen möchte“ und welche Motive diesem Impuls zu Grunde liegen (siehe oben).

Frag dich doch an dieser Stelle einmal kurz selbst, unter welchen Umständen und in welchen Situationen es dir leichter fällt, Kritik konstruktiv aufzunehmen und in welchen Situationen es dich aus der Bahn wirft und du die Kritik innerlich abwehrst („diese Idioten, die können mich mal…!“). Und dann frag dich noch kurz, was es braucht, damit du dich selbstsicher einer vielleicht berechtigten aber harten Kritik stellen kannst… Na eben.

Wenn ich zu Beginn eines Prozesses bewirken möchte, dass sich jemand für neue Erfahrungen und Erkenntnisse wirklich öffnet, dann ist „Kritik äußern“ zunächst mal das Ungünstigste, was ich tun kann. Denn so kann der für den Prozess erforderliche Mut gerade nicht entstehen. Und es sind dann nur diejenigen im Vorteil, die sich aufgrund besserer Startvoraussetzungen (Normativität, „Heimspiel“, usw., siehe oben) mehr Mut leisten können. Denn sie haben weniger zu verlieren.

Deswegen geht es mir immer darum, zunächst ungleiche Machtverhältnisse transparent zu machen und möglichst auszugleichen.

Um dieses Ziel zu erreichen besteht EIN konzeptioneller Teil des Mischpult-Prinzips darin, den Fokus aller Beteiligten zunächst einmal auf die GELUNGENEN Momente zu richten und ausschließlich ehrlich gemeinte Lieblings-Momente überhaupt zu FINDEN und diese konkret zu benennen.

Das ist übrigens gar nicht so einfach, weil wir natürlich alle so sozialisiert sind, dass wir

-erstens immer sofort das „Nicht-Geglückte“ sehen und

-zweitens gelernt haben, dass wir für intelligenter gehalten werden, wenn wir „den Kritiker geben“ und möglichst viel zu bemängeln haben.

Beides führt aber eben ÜBERHAUPT nicht zu einer Qualitäts-Steigerung. Es führt nur dazu, dass alle sich schützen und gegeneinander abgrenzen (Konkurrenz) und ungleiche Machtverhältnisse weiter verstärkt werden.

Und noch schlimmer: Es führt dazu, dass sich alle unbewusst nach dem „größten Kritiker“ im Raum ausrichten. Kann aber gut sein, dass „der größte Kritiker“ in Wahrheit einfach nur ein „Kläffer“ ist, jemand der durch sein „Kritisieren“ einfach nur ein mangelndes Selbstwertgefühl kompensiert. Und das soll dann der Maßstab für Qualität sein? Ich bezweifle das.

Ich habe solche Dynamiken, die die Qualität behindern, statt sie zu befördern immer wieder sowohl bei jungen als auch bei erwachsenen Menschen beobachtet.

Daraus habe ich für mich abgeleitet: Je höher der Selbstwert eines Menschen, desto größer seine Fähigkeit, das Positive, also die Qualität, in anderen zu sehen und der Weiterentwicklung dieser Qualität Raum zu geben.

Je geringer der Selbstwert eines Menschen, desto größer sein Drang, die Mängel der anderen zu benennen.

Deswegen geht es mir erstmal darum, den Selbstwert aller Beteiligten zu stärken, Vertrauen zu schaffen, damit der Mut zur Offenheit für Neues und für die Begegnung mit anderen entstehen kann.

Wer wochenlang Zeit hat, zu beobachten, dass wirklich nur ernst gemeinte (!) und tatsächliche Lieblingsmomente Raum bekommen und der Impuls zu „kritisieren“ von der Spielleitung „abtrainiert“ wird, der gewinnt an Selbstwert und öffnet sich zunehmend für das, was im Raum und während des Prozesses wirklich passiert. Der entwickelt Neugier. Die ganze Energie, die zuvor für den Schutz vor unfreiwilligen Demütigungen aufgewendet werden musste, kann nun frei in den Erkenntnis- und Gestaltungsprozess fließen. Das ist die Grundvorraussetzung dafür, dass Qualität entstehen kann.

Die Fähigkeit, in einem Szenen-Entwurf die gelungenen Anteile zu SEHEN und begründen zu können, woran genau die Qualität festzumachen ist, wächst auf diese Weise bei allen Beteiligten von Probe zu Probe. Mit der Zeit wird die Wahrnehmung für das, was die Qualität einer theatralen Umsetzung ausmacht zunehmend facettenreicher und die Freude am Feilen und Optimieren selbstverständlicher Bestandteil des gemeinsamen Prozesses. Dann wird „Kritik“ nicht mehr als ein abgrenzendes Gegeneinander und als Herabsetzung einzelner angesehen, sondern als natürlicher Bestandteil der gemeinsamen Suche nach Qualität.

Deswegen: Ja, ich verbiete in den Anfangsphasen des Prozesses negatives Feedback. Aber nicht, weil ich die Jugendlichen zur Unehrlichkeit erziehen will, sondern umgekehrt, weil ich den Boden dafür legen möchte, dass sie miteinander EHRLICH über die Qualität des Gegenstandes – nämlich über die Inhalte und den künstlerischen Ausdruck – sprechen und daran feilen lernen, statt sich unter dem Deckmantel vermeintlicher „ehrlicher Kritik“ übereinander zu erheben und gegenseitig abzuwerten.

Ich halte es für absurd rückwärtsgewandt und längst widerlegt, dass man einen Menschen nur erstmal richtig „kritisieren“ (=demütigen) muss, um einen Prozess in Richtung Qualität zu initiieren. Das Gegenteil ist der Fall.

 

 

 

 

 

„Was ist DAS denn für ein Werbe-Video von ACT?“

Im Netz verbreiten wir (ACT e.V.) derzeit ein kleines Filmchen, dessen Ziel es ist, Fördermitglieder zu gewinnen. Es geht um diesen Video-Clip:

ACT Aufruf:  https://youtu.be/vNmwxzWRcyU

Es gibt genau zwei Reaktionen auf diesen Film.

1 Begeisterung

2 Skepsis, im Sinne von leichter moralischer Entrüstung

Über die Begeisterung freuen wir uns. Aber die zweite Reaktion ist natürlich interessanter. Denn hinter der Skepsis bzw. der moralischen Entrüstung wird etwas sichtbar, das es wert ist, genauer angeschaut zu werden, nämlich ein interessanter blinder Fleck: Ein Widerspruch in unserer Wahrnehmung. Und der hat einen gewissen Erkenntniswert, wie ich finde. Daher lohnt es sich, diesen blinden Fleck mal ein bisschen zu beleuchten. Here we go:

Die Gedanken der moralisch Entrüsteten gehen in etwa so:

„Die Professionalität des Clips macht mich misstrauisch. Denn das ist ja nur Werbung und dann noch so glatt. Sieht aus, als hätte das ordentlich Geld gekostet. Investiert ihr in die Arbeit mit den Jugendlichen – oder in SOWAS??“

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist das neueste filmische Produkt aus unserem ACT Lab. Dafür haben wir niemanden beauftragt. Wir haben diesen Clip selbst gemacht. Auf der Basis all dessen, was wir im letzten Jahr gemeinsam gelernt haben. Denn im ACT Lab beschäftigen wir uns mit dem Medium Film und arbeiten nach den Prinzipien der Demokratischen Führung. Daraus sind im letzten Jahr mehrere Filme entstanden, unter anderem auch „Amers Geschichte“.

WARUM WIR DIESEN WERBE-CLIP GEMACHT HABEN

Kurz vor den Sommerferien war ACT e.V. – wie so oft – existentiell bedroht, und die Zukunft mehrerer Projekte von ACT hing am seidenen Faden. Früher konnte ich in solchen Situationen nicht mehr schlafen. Inzwischen hat die „Katastrophendichte“ bei diesem Thema zu einer gewissen „Abhärtung“ geführt.

„Projekte“: Das klingt so abstrakt. Aber das sind immer Menschen, gewachsene Beziehungen, gemeinsames Ringen um eine erfolgreiche künstlerische Arbeit. Wenn von den vielen Anträgen, die wir ununterbrochen schreiben und einreichen müssen, zu viele abgelehnt werden, stehen ganze Gruppen mit all ihrer Arbeit und ihrem Engagement vor dem Aus.

Das ist schwer auszuhalten. Wir haben auch gelernt, dass die Welt leider nicht gerecht ist. Ha ha. Die Gesetzmäßigkeit: „Je fleißiger und besser ihr Anträge schreibt, desto sicherer ist eure Arbeit“ geht nicht auf. Obwohl wir immer besser werden, ist es mal so, mal so und im Ganzen unberechenbar.

Fakt ist, dass unfassbar viel Zeit und Nerven in die ständige finanzielle Sicherung der Arbeit investiert werden muss und diese Zeit immer auf Kosten der Jugendlichen geht, für die wir dann logischerweise WENIGER Zeit haben.

Also entstand in besagter Situation vor den Sommerferien bei unserem ACT Festival die Idee, einen Werbefilm zu machen, um Fördermitglieder zu gewinnen. Denn: Je mehr Fördermitglieder, desto unabhängiger sind wir vom nervenaufreibenden Auf und Ab der Antragsbewilligungen oder Absagen. Und desto mehr Zeit und Energie haben wir für die kontinuierliche, inhaltliche Arbeit mit den Jugendlichen. Für die langfristige Qualität dieser Arbeit.

WAS IST EIN GUTER WERBEFILM?

Gemäß unseres konzeptionellen Drei-Schritts (1 Ziele formulieren. 2 Erfahrungsräume eröffnen. 3 Reflektieren.) machten wir uns an die Arbeit, einen Werbefilm zu realisieren.

Und jetzt kommen wir zum springenden Punkt. Das Ziel war es – ja genau (!) -einen Werbefilm zu machen. Welche ästhetischen Koordinaten machen einen Werbefilm aus, wenn wir es – wie immer – möglichst gut, möglichst professionell machen wollen? Ein Werbefilm ist etwas anderes, als eine Doku, als ein künstlerisches Portrait, als ein Kurzfilm, usw. Ein Werbefilm ist ein Werbefilm. Und wie muss der aussehen, damit er als Werbefilm im professionellen Kontext bestehen kann und Wirkung erzielt?

Offenbar ist die Arbeit gelungen. Denn die einen sind begeistert und die anderen sind empört, dass „es so ein professioneller Werbefilm ist“. Und jetzt gehen wir dieser Empörung mal nach:

WARUM IST WERBUNG „BÖSE“?

Erstens: Was genau ist an Werbung verwerflich? Spielt es keine Rolle, WOFÜR ich Werbung mache? Ist Werbung gleich Werbung – egal ob für Primark, für die AFD, für Amazon, für Greenpeace oder für ACT e.V.?

Zweitens: Muss Werbung, die für ein soziales Anliegen wirbt, möglichst unprofessionell und „selbst gebastelt“ daher kommen, damit alle erleichtert sein können, dass wir unsere Energien in die WIRKLICHE Arbeit mit den Jugendlichen stecken – und nicht in deren Oberfläche? Ist eine professionelle Oberfläche grundsätzlich Anlass für Misstrauen, egal, um welchen Inhalt es geht?

Hinter diesem Misstrauen verbirgt sich eine gewisse Ignoranz und Weltfremdheit. Wenn wir den jungen Menschen bei ACT beibringen, dass nur die „inneren Werte“ zählen und es auf die Oberfläche nicht ankommt, verraten wir die gesamte Idee, für die wir angetreten sind.

Denn uns geht es um Selbstermächtigung – und zwar nicht im Elfen-Traumland, sondern im Hier und Jetzt. Wer sich nicht um Professionalität bei Oberflächen, Vermarktung und bei der Akquise finanzieller Mittel bemühen muss, sitzt offenbar recht weich im Wohlstands-Sessel und kann es sich leisten, mit „Selbstgebasteltem“ auszukommen.

WARUM DÜRFEN LEUTE, DIE SICH FÜR „EINE GUTE SACHE“ EINSETZEN, NICHT ÜBER GELD REDEN?

Wie kommt es, dass gute, ideelle, soziale oder künstlerische Arbeit in unseren Köpfen irgendwie immer halb ehrenamtlich sein muss, um glaubwürdig zu sein?

Dieser Gedanke ist meiner Ansicht nach der größte blinde Fleck der sozialdemokratischen Denke. Denn er führt dazu, dass nur die Privilegierten diese „gute, ideelle, sinnstiftende Arbeit“ machen und Gesellschaft gestalten können.

Nämlich nur diejenigen, die es sich leisten können, kein Geld zu verlangen und keine Werbung zu machen: Diejenigen, die als unabhängige Künstler oder Weltenretterinnen wirken können, weil beispielsweise ihre gutbürgerlichen (West-) Eltern ihnen durch Geld und Netzwerke diesen beneidenswerten Luxus finanzieren können. (Und wer sich das selbst finanziert, geht irgendwann in den Burnout, oder „wird DOCH Lehrer*in“… Das ist für den Bereich, von dem ich hier spreche, leider nicht nachhaltig…)

Wer kann in unserer Gesellschaft einer selbstbestimmten, gemeinnützigen, gestaltenden und damit erfüllenden Arbeit nachgehen? Also Hussein, Hala, Sinan, Walid, usw. können das nicht. Ihnen werden schon in der Schule die „Bullshit-Jobs“ vorgeschlagen: Jobs, mit denen man im besten Fall sein Auskommen verdienen, aber sehr selten selbstbestimmt – und zugleich sinnstiftend für andere – arbeiten kann.

Und solange die Privilegierten unter uns verächtlich reagieren, wenn in diesen beruflichen Kontexten jemand von GELD oder Vermarktung (Igitt!) spricht, wird sich diese soziale Ungerechtigkeit weiter verschärfen.

Das Privileg, etwas ausschließlich aus gemeinnützigen, sozialen oder künstlerisch gestaltenden Gründen zu tun und sich in der Folge moralisch überlegen fühlen zu können, bleibt denjenigen vorbehalten, die es sich leisten können.

UNENTGELTLICH ZU ARBEITEN, VERSCHÄRFT DIE SOZIALEN GRÄBEN IN UNSERER GESELLSCHAFT

Beispiel: In meiner ersten Zeit als Leiterin des Jugendclubs am Heimathafen konnte ich immer schön glänzen mit der Aussage: „Ja, das mache ich hier alles quasi ehrenamtlich. In meiner Freizeit“. Ja super. Das konnte ich so machen, weil ich jeden Monat ein fettes Lehrergehalt auf dem Konto hatte.

Das war doppelt privilegiert: Ich war finanziell voll abgesichert und konnte gleichzeitig die gesamte Ladung sozialer Anerkennung einheimsen, nämlich die Bewunderung dafür, dass ich mich „opfere“ und NEBEN meinem Beruf „so tolle, wichtige Arbeit quasi UMSONST mache!“ Was für ein materieller und moralischer Luxus. Aber was für eine Ignoranz. (In Wahrheit: Teures Hobby…)

Denn sobald wir existentiell angewiesen sind, in diesen Bereichen bezahlt zu werden, schwindet beides: Die finanzielle Sicherheit UND die soziale Anerkennung: Was? Dafür nimmst du GELD?? – Ja, wie denn sonst? – Also zumindest, wenn es mehr als ein „Hobby“ sein soll… (Ich nehme diese Ignoranz niemandem übel – denn ich habe es in meiner Lehrerinnen-Blase selbst nicht gemerkt. Ich fühlte mich ganz toll ehrenhaft damals…).

Aber inzwischen habe ich schmerzlich zur Kenntnis nehmen müssen, dass für „gemeinnützige, bildende oder künstlerische Tätigkeiten“, wie z.B. auch die Leitung eines Jugendclubs an einem kleinen Kieztheater, meistens nur privilegierte, bürgerliche, weiße Menschen in Frage kommen, die noch andere Geld-Töpfe anzapfen können – denn die meisten anderen können sich so einen Luxus (Gutes für wenig oder kein Geld zu tun) selten leisten.

Nur aufgrund der Tatsache, dass wir uns bei ACT e.V. in voller Absicht – immer wieder hartnäckig – unbeliebt machen, indem wir uns um GELD bemühen und die ständige moralische Entrüstung darüber aushalten, dass wir für eine angemessene Bezahlung in diesem Bereich kämpfen, konnten wir das Wunder möglich machen, dass ich meine Leitung am Heimathafen an Walid Al-Atiyat abgeben konnte. Denn ehrenamtlich könnte er diese Arbeit natürlich niemals machen. Logisch.

QUALITÄT KOSTET GELD

Wir leben leider (noch) in einer Gesellschaft, in der der Wert des Menschen an seine Lohn-Arbeit gekoppelt ist. Es herrscht die Ansicht: Was viel kostet, ist viel wert. (Den Umkehrschluss überlasse ich euch selbst). Wir glauben manchmal, wir wären besonders schlau, wenn wir uns dieser kapitalistischen Denkweise verweigern, indem wir menschliches, soziales Engagement vom Geld entkoppelt sehen wollen. Aber so funktioniert es nicht.

So lange fundierte und professionelle Arbeit für eine menschlichere Gesellschaft in den Köpfen der Leute „irgendwie nichts mit Geld zu tun haben darf“, bleibt sie einem kleinen Kreis an Privilegierten vorbehalten, die sich dadurch als bessere Menschen fühlen können – aber insgesamt gesehen bewirkt sie dann leider auch nicht viel. Es bleibt dann eher so eine moralisch-erhebende Freizeit-Beschäftigung am Rande, denn im Moment gibt es noch kein Grundeinkommen und die Miete und die Krankenversicherung müssen nun einmal bezahlt werden.

Also entweder sind wir mit Bildung, mit Verteilung von Wohlstand und Teilhabe-Chancen und derzeitigen politischen Entwicklungen usw. ganz zufrieden – DANN reicht es wahrscheinlich, soziales Engagement eher als unentgeltliches Hobby fürs gute Gewissen zu betrachten – oder aber wir erhoffen uns davon tatsächlich langfristig positive Entwicklungen.

Aber dann – ganz ehrlich – funktioniert es nur mit Qualität und mit beständigen Strukturen. Und dann müssen wir dafür Geld investieren – genauso wie für alles andere, wo wir Qualität erwarten. Für ordentliches Bio-Fleisch müssen wir ja auch mehr ausgeben, als für eingeschweißte Mortadella-Wurst von Lidl. Seltsam. In diesem Bereich sind die Zusammenhänge bekannt. Warum nicht bei professioneller politisch-künstlerischer Arbeit außerhalb der Strukturen?

Ich behaupte: Weil dort der Zuckerguss einer falschen Moral die Wahrnehmung verklebt. Bei eingeschweißter Mortadella Wurst ist es jedem Menschen klar. Aber warum bestimmte Tätigkeiten personell so „bürgerlich-lastig“ sind – das ist schwerer zu erkennen.

DIE QUALITÄT DER ARBEIT VON ACT E.V.

ACT versucht, dem derzeitigen Auseinanderdriften unserer Gesellschaft konzeptionell und nachhaltig entgegen zu wirken und zu beweisen, dass ein konstruktives Miteinander nicht nur möglich, sondern für jeden einzelnen Menschen sinnvoll und perspektivisch erfüllender ist, als Abgrenzung, Ängste, Konkurrenzkampf und Hass.

Wir wünschen uns nicht naiv eine bessere Welt (dafür sind wir zu alt), sondern wir arbeiten sehr konkret und erfolgreich an den bestehenden gesellschaftlich problematischen Baustellen – auf der Basis von jahrzehntelanger Erfahrung, Know-How und einem fundierten Konzept. Wir wissen aus Erfahrung, dass der Schlüssel zu einem demokratischen Miteinander in der Selbstermächtigung und Stärkung des Selbstwerts jedes einzelnen Menschen liegt – und dass das keine leichte Aufgabe ist. Aber WEIL wir das professionell und nachhaltig betreiben – und nicht als Freizeitbeschäftigung – geht das nicht ohne Geld.

Auch die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, bereiten wir nicht „auf eine Blumenwiese“ vor. Wir vermitteln ihnen, dass Selbstermächtigung nicht heißt, sich auszubeuten oder mit Absicht unprofessionell zu agieren, weil „es ja um die INNEREN Werte geht“ und das Äußere ganz egal ist. Selbstermächtigung heißt nicht, sich zu schämen, über Geld zu sprechen.

SELBSTERMÄCHTIGUNG ALS SCHLÜSSEL FÜR EINE GERECHTERE GESELLSCHAFT

Selbstermächtigung heißt:

Die Welt so zu sehen, wie sie ist, ungleiche Machtverhältnisse zu erkennen und diese entweder bewusst (!) und selbstbestimmt zu akzeptieren oder aber diese konstruktiv zu überwinden.

Selbstermächtigung heißt, die eigenen Stärken erkennen zu können (auch, wenn kein anderer sie erkennt!), sie weiter zu entwicklen und sie kreativ und mutig in die gegenwärtige Gesellschaft einzubringen – und zu wissen, WIE.

Selbstermächtigung heißt, sich nicht unreflektiert von anderen bestimmen und benutzen zu lassen, sondern in dieser Welt einen eigenen Weg zu finden, der Selbstwirksamkeit, soziale Anerkennung und Selbstwertgefühl bringt – und Geld. Weil derzeit (noch) ohne Geld keine Selbstbestimmung möglich ist!

In diesem Sinne sollten sich die Entrüsteten fragen, welches Weltbild sie zementieren, wenn aus ihrer Sicht nur die „Bösen“ (Google? Facebook? Die AFD?) professionelle Werbung machen und sich vermarkten „dürfen“. Damit das Feindbild schön einfach bleibt? Damit Werbung ganz klar verdächtig ist und die Guten natürlich immer edel darauf verzichten? Ist es denn so, dass sich das Gute derzeit ganz von alleine verbreitet?

Dass ein Werbefilm bei uns im ACT Lab entsteht, von dem Leute glauben, dass „der aber wahrscheinlich richtig viel Geld gekostet hat“, also “verdächtig ist”, ist aus unserer Sicht ein Grund, um zu sagen: WIE GEIL IST DAS DENN?? Denn – Kleine Überraschung: Wir SIND gar nicht Google!!

WERBUNG KANN VERSCHLEIERN, MANIPULIEREN – ODER ABER AUFKLÄREN UND ZUR SELBSTERMÄCHTIGUNG MOTIVIEREN

Und das Wichtigste zum Schluss: Zu den Inhalten dieses Clips. Das ist nicht nur Werbung. Das ist unser öffentliches und ernst gemeintes Bekenntnis zu einer Geisteshaltung und einer Werte-Kultur, für die wir uns mit ACT e.V. konkret und tagtäglich einsetzen: Als deutliche Abgrenzung gegen die Renaissance des Braunen, die gerade stattfindet und in beängstigender Weise gesellschaftliche Maßstäbe verschiebt.

Die Zeiten, in denen es eine kleine erbauliche Freizeitbeschäftigung sein konnte, sich so ein bisschen für eine bessere Gesellschaft einzusetzen, sollten vorbei sein. Wir meinen es ernst. Wir brauchen Geld.

Wenn du auch etwas tun möchtest, aber noch nicht genau weißt, was – dann werde Fördermitglied bei ACT e.V. ! Und hier zum Abschluss unser kleines Filmchen/Statement/Werbung…:

ACT Aufruf:  https://youtu.be/vNmwxzWRcyU