Neue Folge 17: Herrschst du noch oder führst du schon?

Brauchen wir 2019 nach #metoo noch Herrschaft oder können wir schon professionell führen? Löwe und Kläffer herrschen, das Erdmännchen kann sich in alle einfühlen, traut sich aber nicht zu führen – nur die Schildkröte setzt uneigennützig auf Zeit und übernimmt die Verantwortung für gemeinsame Ziele. Darin ist die Schildkröte transparent, so dass nach einiger Zeit um sie herum auch alle anderen stark werden und selbst Führung übernehmen können. Der Weg hin zur „Schildkröte“ ist der Weg zur MENSCHLICHEN FÜHRUNG. Viel Spaß mit der neuen Folge von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:  https://youtu.be/0F7DTR1XrJY

Führung übernehmen statt Macht auszuüben

Zur neuen Folge 16 „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“:

 

Der blinde Fleck in unserem Bildungssystem besteht darin, dass wir zwar autoritäre Pädagogik weit hinter uns gelassen haben und natürlich menschlich – AUF AUGENHÖHE – agieren wollen, dass aber diese menschliche Kommunikation auf Augenhöhe in einem ungleichen Machtverhältnis de facto gar nicht möglich ist.

Wir haben autoritäres Handeln hinter uns gelassen, weil wir keine Macht über andere Menschen ausüben wollen, weil wir nicht „herrschen“ wollen. Dies geschieht aber tagtäglich: Durch die Tatsache, dass wir bewerten und/oder Noten geben.

Da können wir so freundlich und so menschlich agieren, wie wir wollen – es bleibt ein ungleiches Machtverhältnis. Alle Bestrebungen, eine fruchtbare Kommunikation und eine wertschätzende Beziehung aufzubauen – als tatsächliche Voraussetzung für einen gelungenen Lern- und Entwicklungsprozess – scheitern an diesem ungleichen Machtverhältnis.

Dieses Machtverhältnis aufzuheben, bedeutet aber übrigens (natürlich!) NICHT, dass Lehrkräfte und Schüler*innen die gleichen Verantwortlichkeiten haben. Die Rolle der Lehrkraft besteht IMMER darin, die Verantwortung für einen gelungenen Lern- und Entwicklungsprozess zu übernehmen. Es geht um die professionelle Rolle, die eine Lehrkraft einnimmt und darum, wie sie ihr Ziel am besten erreichen kann.

Das Ziel lautet: Die mir anvertrauten Jugendlichen zu selbständig denkenden und freien Menschen zu erziehen, die eine reelle Chance auf ein glückliches und selbstbestimmtes Leben haben. Und die Verantwortung übernehmen und dies auch können – für sich selbst und für eine gemeinsame Zukunft. Alle Fragen müssen von diesem Ziel ausgehen (und nehmen ihren produktiven Anfang in einem herrschaftsfreien Raum, denn wie denn wohl sonst….??).

Dass wir dieses Ziel (in der Kurzform: selbständig denken und handeln und Verantwortung übernehmen) logischerweise durch Dominanz und Herrschaft nicht erreichen können, haben wir erkannt. Die Pädagogik der letzten Jahrzehnte auch. Aber wir haben immer die falsche Stellschraube bedient: Statt das ungleiche Machtverhältnis (strukturell) aufzuheben, haben wir Lehrer*innen eingetrichtert, dass sie „liebevoll und auf Augenhöhe mit ihren Schüler*innen kommunizieren sollen“.

“Liebevoll“ mit Schüler*innen zu kommunizieren und sie gleichzeitig zu bewerten produziert ein absurdes – wenn nicht krankes – Abhängigkeitsverhältnis, an dem ALLE Beteiligten leiden.

Wie ist die Freundlichkeit der Lehrerin bzw. der Anleitenden zu lesen? Als Manipulation? Als Strategie? Das Kommunikations- und Vertrauensverhältnis ist von Anfang an gestört. Um diesen Widerspruch auszuhalten, müssen alle Beteiligten immense Kraft aufwenden, um zu kompensieren und zu verdrängen.

Wie soll ich die “authentische” Freundlichkeit eines Menschen einordnen, der die Macht besitzt, mein Leben sehr erheblich durch eine negative Bewertung zu beeinträchtigen?

Jeder pädagogisch arbeitende Mensch kennt die Erleichterung, wenn Jugendliche sich in späteren Jahren – lange nach ihrem Abschluss – noch mal melden und dann deutlich wird, dass die Beziehung DOCH intakt geblieben ist. In diesem DOCH wird deutlich, dass wir um das ungleiche Machtverhältnis immer wissen, es immer halb verdrängen müssen, denn wir spüren natürlich, dass irgendwas mit dieser „wertschätzenden Pädagogik“ nicht stimmt, wenn wir die Macht der Notengebung nicht hinter uns lassen dürfen. Dennoch schaffen viele Schüler*innen und Lehrkräfte trotz der Notengebung den menschlichen Spagat. Das spricht für den unglaublichen Willen beider Seiten zur Kooperation. Was also wäre alles möglich, wenn man diese systemische Behinderung beseitigen könnte?

Es ist absurd, dass wir in einer Demokratie 2019 leben – mit allen gesellschaftlichen Herausforderungen, die das gerade mit sich bringt – und noch nicht ernsthaft darüber nachgedacht haben, wie Demokratie von der Basis her – im Bereich Bildung – erlebbar gemacht und vermittelt werden kann.

Das gesamte Noten-Herrschafts-System ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, als Menschen in Schulen zu Untertanen erzogen werden sollten. Zum Folgen. Industrielles Zeitalter, ihr wisst schon.

Die Wissenschaft hat zwar inzwischen erkannt, dass wirkliche Bildungsprozesse eine Beziehung „auf Augenhöhe“ erfordern. Aber wir haben strukturell verhindert, dass genau diese Beziehung entstehen kann.

Wir können uns trotzdem – immerhin jetzt – auf den Weg machen. Der erste Schritt ist, sich klar zu machen, was es bedeutet, ein ungleiches Machtverhältnis aufzuheben, nämlich auf das Privileg „Recht zu haben“ zu verzichten. Und das geht über das strukturelle Zensuren-Beispiel weit hinaus und fängt bei der Beschäftigung mit dem Kapital Mischpult an.

Erst dann lernen wir „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren und erst dann tritt zu Tage, wie ernst wir das gemeint haben mit der wertschätzenden Pädagogik. Denn wer mit Privilegien und/oder mit der Macht der Bewertung ausgestattet ist, hat es leicht, menschlich und freundlich zu agieren. Denn er*sie dominiert. (!)

Können wir aber auch menschlich agieren, wenn wir kritisiert und angegriffen werden? Wenn die Jugendlichen das Recht haben, sich zu verweigern und Kritik an uns zu üben? Wenn der Raum wirklich demokratisch ist?

Einen solchen Raum zu etablieren und zu halten geht nicht ohne das Bewusstsein um ungleiche Machtverhältnisse und auch nicht ohne wirkliche, verinnerlichte Führungsstärke: Das heißt natürliche Autorität und absolute Professionalität. Und beides können wir Schritt für Schritt lernen. Das ist kein Hexenwerk.

Führungsstärke heißt: Die internalisierte Opferhaltung und Selbstsabotage zu überwinden (“Ich würde ja, aber ich kann ja nicht…”) und Verantwortung zu übernehmen, komme was da wolle, die Verschiedenheit aller (jungen) Menschen zu begrüßen, sich als Ermöglicher*in erfolgreicher Lebensgeschichten zu begreifen, verborgenes Potential aufzuspüren und zu fördern und sich selbst ununterbrochen im Hinblick auf das übergeordnete Ziel selbst zurück zu nehmen. Und: einen sehr konkreten Plan zu haben, WIE das tagtäglich umzusetzen ist.

Nicht zu herrschen, aber auch nicht zu jammern (das Leben IST ungerecht – ja, man hat davon gehört…), sondern zu ermöglichen. Das alles geht nicht ohne eine facettenreiche, menschliche Kommunikation auf Augenhöhe und die Fähigkeit zwischen Nähe und Distanz ständig zu wechseln, je nachdem, was die Situation – auf das Ziel bezogen – gerade erfordert.

Und all das erfordert Arbeit an sich selbst: nämlich an einer inneren Haltung der Freiheit – jenseits von ungleichen Machtverhältnissen. Lehrer*innen müssen freie Menschen sein, damit sie Freiheit in anderen ermöglichen können.

Deshalb sehe ich eine gewisse Nähe zwischen pädagogisch tätigen Menschen und Künstler*innen. Beide müssen freie, unabhängige Menschen sein, um Freiheit in anderen ermöglichen zu können.

Führungsstärke in diesem Sinne können wir lernen. Denn kaum jemand von uns wird „frei geboren“. Wir werden immer mit ungleichen Machtverhältnissen konfrontiert. Freiheit muss daher immer wieder neu erkämpft, erarbeitet werden. Aber wer einmal grundsätzlich damit angefangen hat, wird sehen, dass es eine erfüllende Aufgabe ist.

Das Glück liegt nämlich nicht nur darin, sich selbst zu dieser inneren Freiheit weiter zu entwickeln, sondern andere Menschen auf dieser Reise mit zu nehmen, sie zu Führungsstärke und Freiheit zu ermutigen und ihnen konkrete Wege aufzuzeigen, wie das geht.

Demokratische Führungskompetenz heißt: Menschen zur Freiheit und zur Verantwortung für gemeinsame Ziele zu ermächtigen. Das wäre der Anfang eines Updates unserer Demokratie.

Mögliche Schritte dahin beschreibe ich in dieser und den anderen Folgen der dritten Staffel von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“. Aber daran arbeiten muss natürlich jede*r selbst… Es ist die schönste und wichtigste Aufgabe, die wir gerade haben:

Denn es wird wirklich Zeit, dass wir kooperieren lernen – insgesamt – und eben auch mit einer heranwachsenden Generation, die einiges weiß, das wir nicht wissen. (Das ist natürlich auch umgekehrt so. Aber eben, genau: Deswegen wären Kooperation und Demokratisierung die Gebote der Stunde…)

Zur neuen Folge 16 geht es hier:

https://youtu.be/zABXVEqLBhE

 

 

 

Führungsstärke entwickeln als Grundbedingung für Demokratie

Neue Folge 15 „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ (zweiter Teil des Tutorials zum Thema „Führungsstärke entwickeln“):

In unseren Schulen werden Menschen nach wie vor zu Untertanen sozialisiert, weil noch immer eine Bewertung und Ausrichtung nach Noten erfolgt. Was in Wahrheit an Innovation und ECHTER Demokratie im Bereich Bildung möglich ist, möchte ich im zweiten Teil dieses Tutorials aufmachen: Auf dem Weg zu natürlicher Autorität und demokratischer Führung. Oder:

Hör auf, ein Erdmännchen zu sein! (Auch wenn sie so süß sind…) Hier gehts zur Folge „Führungsstärke entwickeln“: https://youtu.be/S-Y2k9eDGjo