Türwächter*innen der Freiheit – Siebtes Kapitel

7 Rückblende – Der internalisierte Gehorsam

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Ausgelöst durch mein tägliches Scheitern als Lehrerin und die Sheriff-Atmosphäre kippte ich in einen ängstlichen, inneren Anpassungs-Modus. Ich kam NICHT auf die Idee, dass in meiner Anpassung bzw. Unterwerfung unter die Maxime „Hauptsache Disziplin“ und in der daraus folgenden Anstrengung, auch die Jugendlichen zur Unterwerfung zu zwingen, vielleicht genau der fatale FEHLER lag. Aber. Logisch:

Ich war selbst zeitlebens zum Folgen erzogen und sozialisiert worden. Es kam mir nicht in den Sinn, gegen mein inneres Unbehagen aufzustehen und andere Lösungen zu suchen. 

Skeptisch hätte ich natürlich werden können, im Angesicht dieser flächendeckenden menschlichen Verwahrlosung an diesem Ort. Hier waren nur Menschen unterwegs, die ALLE kein Gefühl mehr für sich selber hatten. Und in der Folge auch für niemand anderen mehr. Bewusstsein für die eigenen Integritätsräume gleich Null. Die Grenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten – und zwar sowohl der jungen als auch der Erwachsenen – waren so oft und so existentiell überfahren und geschreddert worden, dass jegliche gesunde Ich-Stärke eingegangen war. Stattdessen eine fette Mauer aus Wut und Zynismus, um die kümmerlichen Reste des verbliebenen Selbstwerts vor der endgültigen Auflösung zu bewahren. Hier wusste NIEMAND, was Integritätsräume waren und wie mensch in gegenseitigem Respekt kommunizieren könnte. Vielleicht war es auch gar nicht gewollt. Der Mechanismus, die (angeblich) eigenen Überzeugungen, (die in Wahrheit allerdings nur den unhinterfragten Rollen entsprachen), für die einzig richtigen zu halten und über alle anderen schlecht zu reden und alle anderen runter zu machen, war hier „State oft the art“. Wenn jemand es wagte, von Gleichwürdigkeit und gegenseitiger Achtung zu reden, wurde das mit Zynismus, mitleidigem Augenrollen oder Verachtung abgewatscht. 

Leider hatte ich dem nichts entgegen zu setzen. Das Wort Integrität kannte ich nicht. Ein Gefühl dazu hatte ich schon gar nicht. Was sollte das sein? – Unglaublich eigentlich. Und erschreckend im Rückblick. Denn wenn es um Führungskompetenz geht – und das ist ja DIE Schlüsselqualifikation für den Lehrberuf – dann ist Integrität die Grundbedingung bzw. der Boden, auf dem wir stehen. Und dieser Boden war nicht da. Bei niemandem. Null. Bei den Lehrkräften nicht, weil die sich seit Ausbildungszeiten in einer Anpassungsmaschinerie befanden, in der es gerade NICHT um ihre eigene Bedürfnisse und Grenzen ging und bei den Jugendlichen dementsprechend auch nicht, weil dort jeglicher gesunde Ich-Impuls als Störung betrachtet und im Keim erstickt wurde. Abweichendes Verhalten war komisch. Nicht vorgesehen. Unmöglich! Unverschämt! 

Das hatte lange Tradition. Auch bei mir war das Monster des internalisierten Gehorsams lange Zeit systematisch genährt worden. 

Kleiner Rückblick: Aufgewachsen bin ich in Glücksburg, einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands an der Ostsee. Papa Musiklehrer, Mama Englisch- und Sportlehrerin. Oberstudienräte am örtlichen Gymnasium. Konservatives Elternhaus. Autoritäre Erziehung. Drei Brüder. Zu Hause quietschte immer mindestens eine Geige. Regelmäßige Mahlzeiten am Familientisch. Papa macht jeden Tag Mittagspause und während der Zeit müssen alle todes-leise sein. Wehe dem, der stört. Kinder, die in der Mittagspause anrufen oder gar vor der Haustür stehen und klingeln, bekommen einen eindrucksvollen Tobsuchtsanfall meines Vaters geboten, der sich gewaschen hat. Wer das einmal erlebt hatte, klingelte auf jeden Fall NICHT mehr in der Mittagspause. 

Regelmäßig Hausmusik, vor Weihnachten Advents-Singen mit und ohne Gäste. Uns Kindern wird der christliche Glaube vermittelt, aber eher so als Sache, die sein muss, warum wird nicht erklärt und Sonntag geht’s ab in die Kirche. Vorm Einschlafen sage ich immer ein Gebet auf – wie ein Gedicht. Einmal gehe ich als etwa Fünfjährige ans Telefon und sage aus Versehen mein Gebet auf – direkt in den Hörer. „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch uns doch nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir“. Hatte die auswendig gelernte höfliche Ansage „Hallo, hier ist Maike Plath, mit wem ich spreche ich?“ mit dem anderen Text verwechselt. Auch bei den Weihnachtsliedern sind mir die Texte teilweise unklar, ich singe sie dennoch – stolz darauf, dass ich sie auswendig kann – mit viel Inbrunst zu Papas Klavierbegleitung mit. 

Vom Glauben ist mir heute nicht mehr so viel geblieben. Was mich aber immer noch überzeugt, ist der Grundgedanke der Nächstenliebe. Erstaunlich war für mich nur immer die Beobachtung, dass ausgerechnet die Leute, die eifrig von Nächstenliebe redeten, ihre Nächsten eigentlich nicht so sehr liebten.

Schon als Kind lernte ich, dass genau diejenigen die ganz besonders beflissen für die Nächstenliebe eintraten, andere Menschen tüchtig ausgrenzten und verurteilten. Von der Nächstenliebe ausgeschlossen wurden all diejenigen, die beispielsweise NICHT in die Kirche gehen wollten, oder NICHT heiraten und Kinder kriegen oder NICHT einer geregelten Arbeit nachgehen oder in irgendeiner anderen Weise ihr eigenes, abweichendes Ding leben wollten.

Aha. Dachte ich. Besser nix falsch machen. Denn dann gilt die (Nächsten-) Liebe leider nicht für dich. 

Glücksburg an der Ostsee, 1975-1990: 

Wie alle Kinder wollte ich unbedingt geliebt werden und ich merkte schon sehr früh, dass ich deutlich MEHR geliebt wurde, wenn ich die Erwartungen anderer grundsätzlich über meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche stellte. Erwartungen der anderen in meiner Kindheit waren: Nicht widersprechen. Viel lächeln, höflich sein, lieb sein. Mit angemessener Tonlage sprechen. Sich über Geschenke freuen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dafür dann trotzdem übertrieben dankbar sein. Briefe in Schönschrift schreiben: Liebe Tante Olga, vielen, vielen Dank für den tollen Serviettenring, den ich SEHR gut gebrauchen kann. (Nach diesem ersten gelogenen Satz, der schnell von der Hand ging, musste man dann noch die ganze Seite vollkriegen. Schwierig, denn wer war Tante Olga?). Gute Noten schreiben. Pünktlich sein. Zuverlässig sein. Den Sonntags-Spaziergang mitmachen, obwohl ich lieber in meinem Zimmer auf dem Bett liegen und lesen wollte. Sonntag Nachmittaggemeinsam mit der Familie Kuchen essen, obwohl ich keinen Kuchen mag. Klassische Musik hören (keine U-Musik. Schlechter Einfluss. Macht dumm. Ach so). Mit den richtigen Kindern befreundet sein. Zum Beispiel nicht mit den Kindern, deren Eltern geschieden sind. Schlechter Einfluss. Ach so. Sich bei Tisch benehmen, also mit Messer und Gabel essen und Serviette in den Schoß legen. (Hier kam der Servietten-Ring zum Einsatz! Wo der heute geblieben ist, keine Ahnung). Anschließend dann Mund abtupfen und Serviette ordentlich mit Messer und Gabel (parallel!) auf den Teller zurücklegen. Parallel heißt: Fertig. Ansonsten muss weiter gegessen werden. Kartoffeln nicht schneiden, sondern mit der Gabel zerdrücken. Auf keinen Fall – nie niemals IRGENDWAS mit den Händen essen oder gar die Finger ablecken! Nicht diskutieren. Besser zustimmend nicken und anderen das Gefühl geben, dass sie entzückend und klug sind. Grundsätzlich höflich zu Erwachsenen sein. Ungerechtigkeiten runterschlucken (kein Fass aufmachen, nicht „hysterisch sein“). Ich wusste als Kind nicht, was „hysterisch“ ist, aber wenn ich anfing zu heulen oder wütend wurde oder widersprach, dann kam der Satz: Sei nicht hysterisch. Ach so. Emotional werden war also „hysterisch“. Besser vermeiden. Und: NIE! – NIEMALS über die eigenen Gefühle reden. GOTT- wie peinlich! 

Ok. Ließe sich jetzt weiter auflisten. Punkt ist aber verstanden, glaube ich. 

Was mir auf jeden Fall gründlich ausgetrieben wurde, war: Mir selbst treu zu sein. Oder überhaupt zu WISSEN, was das überhaupt bedeutete: Mir selbst treu sein. Was ich stattdessen irgendwann perfekt konnte: Die Erwartungen meines Umfeldes in Windeseile „riechen“ können und dann eine bravouröse Anpassungsleistung hinlegen. Ich wollte immer die Eins: Was für ein entzückendes Mädchen! Was für ein KLUGES Kind! (Ich wollte unbedingt klug sein! Die beste sein!). Drunter machte ich es nicht. Bisschen Wut runterschlucken. Kein Ding. Meinen Gefühlen zu irgendwas grundsätzlich misstrauen und wegdrücken. Ich lernte: Die sind IMMER peinlich und machen dich lächerlich und wertlos. Also besser: Ohne Jammern Zustände aushalten, die sich unangenehm anfühlen. Kein Problem. Reiß dich zusammen! Merkte ich irgendwann gar nicht mehr so. Gab ja dann immer die Eins und das Lob – also Zuwendung. Und von dieser Zuwendung nährte sich mein Selbstwert. 

Seltsamerweise hatte ich dabei aber immer eine diffuse Grund-Angst, „irgendwie aussortiert zu werden“, raus zu fliegen, weg geschickt zu werden, bzw. VIELLEICHT DOCH DUMM, also UNBEGABT zu sein. Das war nur so gefühlt und ziemlich unkonkret, aber deswegen nicht weniger bedrohlich. Ich verwendete also viel Gedanken und Energie darauf, mich so zu benehmen, dass ich nicht als DUMM oder UNHÖFLICH oder SCHWIERIG gelten konnte, mein wahres, also vielleicht dummes (?) Ich zu verbergen.

Während der Grundschulzeit spielte ich immer gerne Schule. Meine Freundinnen bekamen von mir liebevoll gestaltete „Arbeitsbögen“, die sie „ausfüllen“ mussten und die ich hinterher „benotete“. Das Spiel machte aber nur Spaß, wenn alle eine 1 bekamen. Ansonsten gab es Tränen und Streit. Also lernte ich meine „Arbeitsbögen“ so zu entwerfen, dass alle eine 1 bekamen oder ich gab während des Ausfüllens viele „gute Tipps“. 

Meine damaligen Grundschullehrerinnen machten das aber nicht so. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir unsere ersten Noten bekommen haben, aber es war trotzdem immer vollkommen klar, wer gut war und wer nicht. Schon im ersten Jahr verschwanden die zwei MICHAELS aus unserer Klasse, weil sie ganz eindeutig NICHT GUT waren. Der eine Michael war klein und dünn und hibbelig und kriegte immer Wutanfälle. (Hysterisch, dachte ich). Dann musste er raus vor die Tür und von außen die Türklinke runter drücken. Das machte er aber nicht, sondern stattdessen trat er von außen laut bollernd gegen die Tür. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Der andere Michael war sehr dick und machte gar nichts – oder aß Paprika Chips aus einer großen raschelnden Tüte. Er war auch nach einem Jahr weg. Wir wussten alle in der Klasse, dass die Michaels „nicht mitkamen“ und deswegen woanders hinmussten. Da, wo die „bösen“ und die „dummen“ Kinder hinkamen: Zur Sonderschule – oder noch schlimmer: Zur Hauptschule.

Die befand sich neben dem Grundschulgebäude und die Schüler*innen beider Schulen nutzten den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen hielten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort standen sie und rauchten und waren – aus unserer Sicht – irgendwie älter, ein bisschen gefährlich und – cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielten meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist. Wir gingen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern hatten. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagten uns Respekt ein. Gleichzeitig wussten wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlten uns ein bisschen wichtig, weil klar war, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kamen.

Kerstin kam irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Marcel ärgern. Marcel war bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussah. Er war in der 8. Klasse, rauchte Kette, sagte immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hatte manchmal ein blaues Auge. Wir stellten uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelte. Marcel schien uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich also in den Schulbus, mit dem Marcel immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Marcel und als der Bus losfährt, fangen wir an, laut Witze über ihn zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Marcel ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Marcel, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiterfährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Marcel hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal brech ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt und warte auf den nächsten Tritt. Aber Marcel geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte für mich ist.

Später habe ich mich immer gefragt, wie Marcel diese Geschichte erzählen würde. Marcel mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt. (Erst viele Jahre später hatte ich es wieder mit Jugendlichen wie Marcel zu tun – als Lehrerin in Neukölln. Und natürlich hielt ich sie entsprechend meiner Sozialisation anfangs für „kleine Gangster“. Bis ich eines Tages –IHRE Versionen dieser Geschichten hörte. 

In der dritten Klasse hatte ich erwartungsgemäß nur Einsen und meine Hefte sahen aus wie Poesiealben in gestochener Schönschrift (Pelikan Füller! Alles voll geklebt mit Glitzer-Tauschbildern, überall rieselte so silberner Sand aus den Seiten). Zur Belohnung für meine perfekte Schönschrift „durfte“ ich einmal eine ganze Stunde lang vorne am Lehrerpult sitzen und vor allen anderen Bonbons lutschen, die in einem riesigen Glas vor mir standen. Hatte Frau Meier extra von zu Hause mitgebracht. Sie erklärte strahlend vor der ganzen Klasse, dass ich jetzt die ganze Unterrichts-Stunde vorne am Pult sitzen und Bonbons lutschen durfte, weil ich immer so schön meine Hausaufgaben machte und meine Hefte aussahen wie Kunstwerke. Ich hatte es „verdient“, meinte sie. Ich selber war fassungslos über diese Grausamkeit und überlegte noch wochenlang, was ich Frau Meier getan hatte oder ob sie vielleicht wirklich so dämlich war. Natürlich war diese Stunde mein sozialer Suizid. Die ganze Klasse HASSTE mich – logisch – fortan.

Nach diesem Bonbon-Stunden-Trauma passte ich auf, dass ich keine Einsen mehr schrieb. Ich vergaß mit Absicht meine Hausaufgaben, schrieb Wörter absichtlich falsch und malte mit Spucke auf meinem Tisch herum. Einmal musste ich deswegen nach vorne kommen. Frau Meier, die zu dem Zeitpunkt SEHR ENTTÄUSCHT von mir war, zitierte mich nach vorne ans Pult und fragte übertrieben laut: Welche Hand war das? Ich wunderte mich, dass sie schon wieder so dumm war – denn mit welcher Hand hatte ich wohl geschrieben, wenn ich Rechtshänderin war? Ich sagte: Die da und hielt meine linke Hand hin. Denn die rechte brauchte ich für zu viele Sachen, wie ich fand. Sie patschte mir drei Mal hart auf die Hand und sagte dabei mit empörter Stimme: Eins! Zwei! Drei!

Ungefähr zu der Zeit habe ich aufgehört, Schule zu spielen. 

Der Gedanke, dass man sehr schnell „raus fliegen“ kann, kam mir schon sehr früh. Lange, bevor ich mit der Schule Bekanntschaft machte. Als Kind beobachtete ich bei meinen Eltern, dass es nur sehr wenige Menschen gab, über die sie positiv redeten. Die meisten waren irgendwie „SCHLECHTER EINFLUSS“ für mich und meine Geschwister, da sollten wir uns fernhalten. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es sehr oft um Kollegen, Bekannte oder sogar Familienmitglieder, die irgendwas falsch machten bzw. falsche Ansichten hatten, „faul“ waren – oder ordinär. Ordinär sein war ganz schlimm. Ich wusste lange Zeit nicht genau, was mit „ordinär“ gemeint war. Aber es hatte etwas mit Sprache und mit Verhalten zu tun – und mit „den Verhältnissen“, aus denen man kam. Die „Verhältnisse“ waren wichtig. Kinder von geschiedenen Eltern beispielsweise waren „kein guter Einfluss“ für mich, denn das waren Leute, deren Familienverhältnisse „unübersichtlich“ waren. Hieß: Geschieden, womöglich alleinerziehende Mütter mit neuen Partnern, oder Männer mit neuen Frauen, alles gar nicht gut. Das leuchtete mir als Kind auch irgendwie ein. In jedem Märchen konnte ich erfahren, dass eine Stiefmutter keine gute Sache war. Aber darüber hinaus wurde es schwierig für mich, die Regeln zu durchschauen, nach denen meine Eltern andere Menschen beurteilten bzw. abwerteten. Ich verstand nur: Man konnte offenbar sehr viel falsch machen. 

Meine Eltern benutzten damals noch das Wort „Gammler“. „Gammler“ waren Jugendliche mit langen Haaren und irgendwie ungepflegten Klamotten, die rauchten und „LAUTE POPMUSIK“ hörten, gar nicht gut. Meine Mutter sagte „Popmusik“ oder „Klopfmusik“ und fand, das „sei etwas für die Affen“. Sie hatte diese Ansicht 1:1 von ihrem Vater übernommen, der offenbar als Vorbild galt – obwohl ich immer Angst vor ihm hatte und bei jedem Besuch froh war, wenn wir wieder ins Auto steigen und wegfahren durften.

Mit sechs Jahren beschloss ich, dass es vielleicht lustiger wäre, bei Beate zu wohnen, als bei meinen Eltern. Seit mein kleinerer Bruder geboren war, kam Beate zu uns, um auf ihn aufzupassen: Sie war 19, trug immer enge Jeans und Lederjacke und war in meinen Augen eine Lichtgestalt. Ein Kindermädchen wie Mary Poppins. Ich dachte, dass es viel schöner sein würde, wenn ich bei Beate wohnte. Dann hätte mein kleiner Bruder Beate am Vormittag für sich allein und ich am Nachmittag und nachts. Diese Vorstellung machte mich zufrieden, es erschien mir gerecht. Ich stellte mir meinen „Umzug“ in allen Einzelheiten vor und wartete, bis sich eine gute Gelegenheit ergab. 

An einem Herbstnachmittag, ich war seit zwei Monaten in der ersten Klasse, war ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft zum Spielen. Vorher packte ich sehr sorgfältig einen kleinen roten Plastikkoffer: Zwei Bifis, eine Tafel Schokolade und meine beiden Puppen, die hießen Petersen und Christiansen (ich hatte beobachtet, dass das in Schleswig Holstein die Namen waren, mit denen man DRIN BLIEB im Spiel, das waren die Leute, die schon sehr LANGE hier wohnten und die man deswegen niemals aussortieren würde. Und für meine Puppen wollte ich natürlich nur das Beste. Die sollten auf jeden Fall ohne Zweifel DAZU GEHÖREN und deswegen mussten sie Petersen und Christiansen heißen). 

Als ich ungefähr eine Stunde mit meiner Freundin Yvonne im Garten gespielt hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu Beate. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht groß und ich hatte mir gemerkt, wo Beate wohnte. Ich dachte, dass sie sich bestimmt freuen würde, wenn wir zusammenwohnen würden, denn sie war ja auch alleine. Und vormittags, während ich in der Schule war, würde sie ja sowieso immer bei uns zu Hause sein und auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Dann konnte sie immer berichten, wie es mir geht und niemand musste traurig sein. Das war mir wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern wegen mir traurig waren. 

Nach höchstens 10 Minuten Fußweg stand ich vor Beates Wohnungs-Tür und klingelte. Es dauerte sehr lange, bis sie die Tür öffnete und ich war erstaunt, wie sie aussah: Sie hatte nur so eine Art Nachthemd, also ein sehr großes Mickey Maus T-Shirt, an und ich dachte, komisch, ist sie mitten am Tag schlafen gegangen? Überhaupt war alles sehr seltsam, weil sie sich auch nicht so sehr freute, wie ich gedacht hatte. Trotzdem sagte sie irgendwann doch: Na gut, dann komm mal rein. Wir gingen durch einen engen dunklen Flur und ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Beate rief: Teddy, Maike ist hier! Und bevor ich mich fragen konnte, wer „Teddy“ war, sah ich ihn schon: Wir standen im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und da lag ein Mann im Bett. Er hatte nur eine Unterhose an und rauchte eine Zigarette. Mir war irgendwie sofort klar, dass mein Plan nicht aufgehen würde. Ich bekam zwar ein Glas Orangensaft und Beate lächelte und sagte: Na, was machst du denn hier? Aber ich wusste, dass sie dachte, ich wäre nur zu Besuch gekommen. Ich trank meinen Saft aus, nahm meinen Plastikkoffer und machte mich wieder auf den Weg. Nach Hause wollte ich aber auch nicht. Deswegen setzte ich mich auf eine Bank auf den Parkplatz vor dem Glücksburger Schloss, Petersen und Christiansen links und rechts neben mir, und aß meine Bifis. Erstmal überlegen. Wo könnte man sonst noch hin? Mir fiel nichts ein. Irgendwann wurde es dunkel und ich stand auf und ging langsam nach Hause. Meine Mutter war nicht weiter überrascht über mein Erscheinen, was mich ein bisschen enttäuschte, was aber auch nicht verwunderlich war, denn sie dachte ja, ich wäre bei Yvonne gewesen. 

Im Postgebäude in Glücksburg hing an der Wand ein großes Plakat mit „Gammlern“. Jedenfalls stellte ich mir so die „Gammler“ vor. Es waren düster dreinblickende Menschen mit wirren Haaren, die schreckliche Verbrechen begangen hatten, wurde mir mit bedeutungsvollem Blick zugeraunt, und die deshalb von der Polizei gesucht wurden. Ich stand oft vor diesem Plakat, betrachtete die Gesichter der gesuchten „Touristen“ (wie ich das Wort verstanden hatte), und gruselte mich auf angenehme Weise, denn mir war klar, dass solche schlimmen Verbrecher niemals nach Glücksburg kommen würden. Hier war ich in Sicherheit. Aber irgendwo da draußen rannten also diese „Touristen“ rum und knallten Leute ab. Ich gruselte mich wohlig und war froh, dass ich immerhin nie so eine schlimme Außenseiterin sein würde wie diese „Touristen“. Im Verhältnis zu denen gehörte ich noch ordentlich dazu und machte alles richtig. 

Ich lernte, dass die „Touristen“ auf dem Plakat im Postamt „Linke“ waren. Aber auch insgesamt waren bei meinen Eltern Leute nicht gerne gesehen, die „LINKS waren“, oder Leute, die irgendwie „anders „ lebten“ –  und über Schwule wurde gar nicht erst geredet, das war völlig undenkbar. Schlechter Einfluss waren auch die SCHWER ERZIEHBAREN JUGENDLICHEN aus dem Heim nebenan. Die waren „KRIMINELL“. Dann gab es als Vorstufe zum schlechtem Einfluss noch die Leute, die man zumindest höchst skeptisch betrachten musste, z.B. die Leute von der Waldorfschule. Als Kind glaubte ich, dass da nur verrückte Spinner sind. Meine Mutter sagte immer: „Nett aber verrückt. Im wahren Leben kommen die nicht klar“. 

Was auch interessant war: Der Lehrerberuf stand zwar hoch im Ansehen, immerhin waren ja sowohl meine Mutter als auch mein Vater Lehrer – aber es galt ausschließlich der Gymnasiallehrer. Realschullehrer, Hauptschullehrer, oder gar Grundschullehrer galten bedeutend weniger und als Kind kam mir das auch ganz logisch vor: Zum Gymnasium gingen ja auch die klugen Kinder, die weniger klugen kamen an eine Realschule und die ganz Dummen mussten zur Hauptschule. Diese Logik übertrug ich 1 zu 1 auch auf die entsprechenden Lehrer und zu Hause am Mittagstisch wurde das bestätigt. 

Der einzige Schultyp, der von meinen Eltern geachtet wurde, war das Gymnasium. Auf der Realschule und der Hauptschule waren die „Nicht-so-Begabten“. Es war völlig undenkbar, dass ich nicht aufs Gymnasium gehen würde. Als ich endlich dort war langweilte ich mich meistens und hatte regelmäßig Bauchschmerzen wegen der Klassenarbeiten. Besonders Mathearbeiten konnten auf Wochen meine Stimmung versauen. Auf dem Weg zum Gymnasium, an dem auch meine Eltern unterrichteten, fuhr ich – im Familienauto auf der Rückbank – immer an Feldern mit Kühen vorbei. Jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre eine von diesen Kühen und könnte einfach auf der Weide stehen und kauen. Den ganzen Tag lang. Kein Stress. Keine Erwartungen. Einfach nur grüne Wiese und fressen. Außerdem fand ich Kühe sehr schön. Besonders ihre Augen. Die wissen was, von der Welt, dachte ich. Auf dem Rückweg nach Hause hatte sich die Lage dann aber komplett verändert. Auf dem Rückweg hätte ich niemals im ganzen Leben mit einer dieser Kühe tauschen wollen. Denn dann kamen die schönen Sachen. Mit Freundinnen im Garten sämtliche Bücher von Erich Kästner nachspielen. Das doppelte Lottchen. Das fliegende Klassenzimmer. Emil und die Detektive. Die Rollen wurden verteilt und dann spielten wir Kapitel für Kapitel durch. Mit Kostümen und Musik-Einspielungen vom Kassettenrekorder. Also quasi mit Soundtrack. Manchmal spielten wir auch Winnetou und Old Shatterhand. Aber da gab es oft Streit, weil jede von uns Winnetou sein wollte.

Zu Hause ging es in den Gesprächen beim gemeinsamen Mittagsessen häufig um Noten. Eine 3 war ein Disaster. Undenkbar. Eine Enttäuschung. In den Herkunfts-Familien meiner Eltern war die akademische Bildungsbiografie der unausgesprochene Standard. Wehe dem, der „dahinter“ zurückblieb: Gleich „gestorben“. Als Kind lernte ich schnell, dass alle Menschen, die kein Abitur und kein Studium hatten, „irgendwie gescheitert“ waren. Man blickte in unserer Familie auf sie herab. Mir war im Alter von fünf, sechs Jahren bereits klar, dass sich der Wert eines Menschen an seinem gesellschaftlichen Status bemisst. Künstler*in beispielsweise durfte man in unserer Familie nur werden, wenn man „dann auch sichtbar, also öffentlichkeitswirksam, Erfolg hatte“ – sich also der gesellschaftlich hohe Status durch „öffentliche Anerkennung“ einstellte. Da niemand in meiner Herkunftsfamilie als Künstler berühmt geworden ist, obwohl es viele versuchten, endeten die künstlerischen Ausbruchversuche immer irgendwie auf halber Strecke und wurden dann durch Kompromisse („dann werde ich halt doch Lehrer, Tierarzt, Rechtsanwalt,…“) an die Norm der akademischen Bildungsbiografie angepasst. 

Mit 14 war ich bereits davon überzeugt, dass ich zu den „Nicht-so-Begabten“ gehörte, quasi eine Hochstaplerin war, die sich nur deswegen am Gymnasium hielt, weil ich die heimlichen Codes kannte, um in diesem Feld zu überleben. Selbstwert also gen Null. Denn außer dem Deutsch- und Musikunterricht, der Big Band und der Theater- und Ballett-AG fand ich alles ziemlich uninteressant und konnte mir nichts länger als zwei Wochen merken. Glücklicherweise war mir aber von kleinauf der Katalog der Ausschluss-Kriterien gut bekannt, so dass ich diverse Tricks anwenden lernte, um meiner Umwelt vorzutäuschen, dass ich zu den „Begabten“ gehörte und somit im Kreis der Anerkannten bleiben durfte. Für Klassenarbeiten schrieb ich stundenlang Spickzettel in Mini-Schrift, die ich mir mit Tesafilm in die Innenseiten eines langen Ober-Hemds (Achtung 80-er!) klebte und Zeile für Zeile abschrieb. An den ganz und gar nicht in Frage kommenden FETEN, auf denen GENESIS gehört und Joints geraucht wurden, nahm ich teil, in dem ich nachts mit dem Fahrrad nach Flensburg fuhr und morgens früh wieder zurück, um dann am Sonntag Morgenam Frühstückstisch betont hellwach und ausgeschlafen zu performen. 

Wenn ich heute sagen soll, was ich in der Schule gelernt habe, dann ist das ziemlich wenig: Die englische Sprache (durch ständiges Romanlesen ab 14 ganz ok), ein bisschen Latein (die paar Sätze könnte man auch in 10 Minuten aus einem Sprüchebuch auswendig lernen), ein bisschen Französisch (Je ne parle pas Francais… ). Fertig. Für diesen Output am Ende von 13 Schuljahren erscheint mir das Ergebnis im Verhältnis zum Zeitaufwand recht kümmerlich. Erstaunlich, welche Bildungswunder sich heutzutage so viele vom Gymnasium erhoffen. Ich würde gerne mal testen, was heutige Abiturienten 5 Jahre nach ihrem Abschluss noch abrufen können – und wie zentral wichtig sie diese Wissens-Restbestände in Bezug auf ihr zukünftiges Leben einschätzen… 

Sehr leer ist mein Gehirn, was die Erinnerung an all diese vielen Jahren Fachunterricht angeht: Im Fach Erdkunde erinnere ich mich beispielsweise noch an das „Klimadiagramm von Timbuktu“, nicht aber, was es eigentlich aussagte. Ich kann mich auch an einige ratternde Filme mit herumfliegenden Kritzeln auf der Leinwand erinnern: Beispiel: Das Paarungsverhalten der Stichlinge. Wie sie sich nun paaren, kann ich allerdings nicht sagen und weiß auch nicht, ob ich das jemals wusste. 

Aus der Schulzeit ist ein großes Nichts zurück geblieben.. Ich habe demnach Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre die Zeit totgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Menschen, an die Orte, an die Theateraufführungen, an die Proben, an unsere Texte, unsere Stücke und Gespräche, an die Reisen mit der Theatergruppe und der Big Band und die Auftritte – und das Hochgefühl, das ich dabei hatte. Den Rest habe ich offenbar erfolgreich ausgemistet. 

Es war damals aber immer klar, dass genau diese Anteile des Schullebens eben NICHT „zählten“. Das war nicht der „richtige Unterricht“. Das war „nur Spaß“, nur AG, nur Freizeit. Wenn ich nun aber 30 Jahre später feststelle, dass ich vom „richtigen Unterricht“ nahezu alles vergessen habe, mich aber andererseits bis auf den heutigen Tag auf zahlreiche Erfahrungen beziehe, die ich in den „Spaß-Projekten“ gemacht habe, frage ich mich, wieviel Sinn diese „Das ist die ernste Arbeit“- und „Das ist nur Spaß“- Gewichtung macht. 

Das Gleiche gilt für den Beziehungsaspekt. 

Interessiert habe ich mich in der Schule eigentlich immer nur für die ANDEREN – meine Mitschüler*innen und was ich mit ihnen erlebte. Was die machten, was die sagten, welche Gefühle das bei mir auslöste, was in der Gruppe passierte, wer cool war, wer nicht, wer mit wem „ging“ – und meine eigene Position innerhalb der Gruppe. Alles andere war uninteressant und wurde in meinem Gedächtnis erfolgreich geschreddert. All das aber galt in den Augen meiner Eltern als oberflächlich. Ach so. 

Genau wie in der Schule lernte ich auch zu Hause, dass ich auf der einen Seite Ablehnung erfuhr, wenn ich „schwierig“ oder „oberflächlich“ wurde und auf der anderen Seite Anerkennung und Nähe, wenn ich erfolgreich war. Ich sollte mich „benehmen“, freundlich, höflich und hilfsbereit sein, regelmäßig Klavier üben, meine Hausaufgaben machen und „funktionieren“. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht „diskutieren“ und nicht „emotional“ werden sollte. Ich wusste immer, was „man macht“ und was „man nicht macht“. 

Sobald ich auch nur anfing zu rebellieren, wurde mir sofort vorgeworfen, dass ich „unter dem Einfluss“ von irgendeinem furchtbaren Menschen stünde. Auf keinen Fall konnte so ein Gedanke in mir selbst entstanden sein, denn „so bist du ja gar nicht“. 

Was ich als Erziehung erlebt habe, bestand also im Wesentlichen darin, das, was ich selbst dachte oder tun wollte, als vollkommen abstruse Verhaltensweisen zu unterdrücken und „schlechte Einflüsse“ (von denen ich geradezu umzingelt zu sein schien) von mir fernzuhalten. Was ich tun und sagen musste, damit ich Nähe und Zuneigung erhielt, wurde für mich zu einem sehr eindeutigen Verhaltens-Kanon, den ich meistens schauspielerisch zufriedenstellend absolvierte – ohne dabei zu zeigen, was ich wirklich dachte oder wollte. So erspielte ich mir Lob und Zuspruch, wusste aber immer, dass ich das nicht wirklich verdient hatte – denn ich tat ja nur so „als ob“. 

Meine „Werte“ mit 20 ließen sich dann irgendwann wie folgt zusammenfassen: Sei zu allen Leuten nett (Interpretation von Nächstenliebe) und passe dich bestmöglich an. Sei eine entzückende, BESCHEIDENDE (!), Person, die sich in allem selbst zurückstellt, mit einem glockenhellen Lachen, die allen Menschen immer alles recht macht. 

Genau. Deswegen war das Wort Integrität für mich ein Fremdwort. 

Unmerklich hatte sich bei mir eine Grundhaltung ausgebildet, die jeglichem Gefühl für meine eigene Integrität komplett entgegenlief und die Grundlage dafür war folgendes:

Lange Zeit fühlte ich mich ganz toll moralisch überlegen, dass ich „mein eigenes Wollen so in den Hintergrund stellte“. Denn da lag der vermeintliche Wert des Altruismus drunter: Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Immer schön bescheiden sein, ne? Und das war dann auch so schön, wenn alle mich deswegen MOCHTEN. So kommt mensch ja gut durchs Leben: Immer freundlich, immer leicht devot, immer hilfsbereit, immer schön lächeln. Immer bei den Erwartungen der anderen sein. Nee, mach du mal, ich nehm mich selbst ja nicht so wichtig. Geh du mal vor. Nee, ich schlaf auf jeden Fall auf der Couch. Ich brauch nicht so viel. Ach, nimm einfach, nee, ist kein Problem. Ich mach das einfach umsonst. Es geht mir ja um die INNEREN Werte.Ach. Es ist so toll, ein guter Mensch zu sein. 

Nein. Eigentlich nicht. Denn. In Wahrheit wird man dadurch. Ein. Schlechter. Mensch.

Weil: Unmerklich war ich auf der moralischen Autobahn gelandet, die direkt zu den lästernden und ausgrenzenden Menschen führte, die von Nächstenliebe reden, aber ihrem Vordermenschen im Supermarkt in der Schlange mal ganz kurz „aus Versehen“ den Einkaufswagen in die Hacken rammen müssen. Diese leichte passiv-aggressive Art. Der schon wieder! Kann der nicht mal seinen Müll weg bringen? Nicht so viel trinken? Nicht so laut sein? Nicht rauchen? Mehr arbeiten? Fleißiger sein? Sportlicher sein? Hilfsbereiter sein? ANDERS sein? BESSER sein….??? So wie ICH…??? Ja genau: Warum können die anderen nicht so PERFEKT sein, wie ich immer bin (…äh… sein MUSS)…?? 

Naja. Und jetzt sind wir ein bisschen beim Kern angelangt. Bei der Erschütterung in Neukölln. Das „Lieb-Sein“ ging bei mir nämlich nur so lange gut, wie darauf auch auf dem Fuße die „Belohnung“ folgte. Eigener Selbstwert nämlich: Gleich Null. Deswegen war es wichtig, dass andere (ununterbrochen) wahrnahmen, was für ein GUTER Mensch ich war und mich  entsprechend auch lobten: Toll gemacht, Maike! Super! So lange ich alles „richtig“ machte und dafür Bestätigung von außen erhielt, war alles gut. Selbstwert safe. Zwar ertappte ich mich dann trotzdem des öfteren bei so passiv-aggressiven Gedanken („Die immer – ich nie!!), wenn sich jemand meiner Ansicht nach „zuviel raus nahm“, aber ich hätte noch sehr lange so weitergemacht – wenn nicht in Neukölln in gewisser Weise ein kleiner Infarkt stattgefunden hätte. Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, funktionierte nämlich leider nur in „Happyland“*, also dort, wo alle weitestgehend dieselbe Sozialisation und dieselben Vorteile hatten, wie ich. Da, wo die Mehrheit weiß und akademisch gebildet war. In SOLCHEN Umfeldern wusste ich den Code der Anpassung. Wusste, wie ich mich verhalten musste, um Anerkennung zu bekommen. Natürlich nicht für das, was mich SELBST ausmachte. Aber immerhin für das, was allseits als Qualität abgenickt und verstanden wurde. Und so sah ich auf die Welt. 

Folgerichtig bemitleidete ich mich bei meinem allumfassenden Scheitern in Neukölln selbst. Ich hatte doch immer alles RICHTIG gemacht! Warum fanden die Jugendlichen meinen Unterricht doof? Warum lehnten die mich ab? Es konnte nur eine Erklärung geben: Weil sie zu dumm und zu minderwertig waren, um meine tolle Leistung zu SEHEN und anzuerkennen! Ich dachte „Perlen vor die Säue!“. Was ich nicht sehen konnte, war: Mein gesamter Selbstwert beruhte NICHT auf einer eigenständigen Leistung oder einer eigenen Idee, die ich gegen Widerstände in der Welt durchgesetzt hatte, sondern in der beständigen Anpassung an Fremderwartungen. Ich konnte nur Anpassungsleistungen honorieren, nicht aber selbständiges Denken oder eigenständiges Handeln, denn das machte mir Angst, weil es mir mein größtes Defizit schmerzhaft bewusstmachte: Dass ich selbst nicht wusste, wer ich war, wenn ich selbständig denken und handeln sollte. Dass mein Selbstwert von äußeren Bewertungen abhing. Vom Lob und der Zuwendung der anderen. Wenn das wegfiel, merkte ich, dass ich mich selbst für nicht besonders wertvoll hielt. Dass beim Thema Selbstwert Tabula Rasa war. Wer war ich, wenn mich NIEMAND toll fand? 

Und hätte ich solche Gedanken jemals in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld geäußert oder sogar versucht, irgendeinen eigenen, abweichenden Weg einzuschlagen, die Rolle der Gefall-Barbie zu verlassen, dann wäre die Reaktion im besten Fall abfällig-amüsiert gewesen, es hätte geheißen: „Ach, jetzt braucht sie was eigenes. Jetzt braucht sie ihr Jodel-Diplom!“ (Zitat Loriot… Nicht umsonst ist Loriot erwiesenermaßen ein großer Kenner der (Voll-)Psychosen des weißen Bildungsbürgertums).

Türwächter*innen der Freiheit – Sechstes Kapitel

6 Der Sheriff – Recht und Ordnung

 Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 6. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Es waren nicht nur die äußeren Räume, die an dieser Schule verwahrlost waren. Es waren auch die inneren Räume IN den Menschen. Mir kam es so vor, als wäre ich in einem Western gelandet, der kurz nach dem Bürgerkrieg spielt: Eine alte Ordnung war scheinbar zusammen gebrochen, bzw. funktionierte ganz offensichtlich nicht mehr, alle Beteiligten schienen irgendwie traumatisiert und entmenschlicht wie lebende Tote durch das herrschende Chaos durchzuwurschteln und bezogen sich in ihren Köpfen noch auf eine alte Ordnung, die aber nicht mehr existierte. – Ich hatte das Gefühl in einer Art rechtsfreiem Raum zu schwanken, in dem noch nicht klar war, welche Werte und Ordnungen sich durchsetzen würden. Was aber das Schlimmste war: Ich traute meinen eigenen Überzeugungen nicht mehr zu 100 Prozent. Denn wie konnte es sein, dass ich nicht eine einzige Unterrichtsstunde so hinbekam, wie ich es gewohnt war? 

Nach den ersten zwei Wochen war der Stundenplan weitestgehend fertig und in Kraft und ich war nun mit Herrn Böhm, dem Klassenlehrer der 8b, in vier Stunden der Woche doppelt gesteckt. Wie man das nennt. Heißt: Wir unterrichteten jetzt vier Stunden in der Klasse zu zweit. 

Herr Böhm findet das großartig: Jetzt hab ich endlich mal ne hübsche Assistentin, ha ha. 

Er freut sich wie immer sichtlich über seine Knaller-Bemerkung und ich mache einen Schritt zur Seite, weil ich fürchte, dass er mir gleich im Vorbeigehen auf den Hintern haut. Er sagt so Sachen wie: Ist doch immer schön, wenn n bisschen Frischfleisch kommt… hat man was zu Schauen! 

Herrn Böhm mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Er hat seine Klasse „im Griff“, wie er nicht müde wird zu betonen. Ich bin mal gespannt, wie das geht: Die Klasse 8b „in den Griff“ zu bekommen. Mir schwant nichts Gutes. Meine unguten Erwartungen werden aber noch weit übertroffen. Als wir den Klassenraum betreten, hört das übliche Gegröle augenblicklich auf. Alle eilen an ihren Platz und – ich traue meinen Augen nicht – begrüßen ihn stehend mit einem strammen „Gu-ten Mor-gen, Herr Böhm!“. Und Herr Böhm macht ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge und schmettert zurück: „Guten Morgen, ihr Vollpfosten“. Einige Schüler lachen unangenehm begeistert und machen ein Victory Zeichen in seine Richtung. 

Herr Böhm: So. Ihr könnt euch hinsetzen, ihr Flaschen. 

Stühlegeruckel. Alle sitzen ziemlich gerade auf ihren Plätzen. 

Na, dann wolln wa mal. (Herr Böhm ist sichtlich in seinem Element). Ach, Selina, willste heute unbedingt noch gebumst werden, das ist ja ne ganze Douglas Drogerie, die de Dir ins Gesicht geschmiert hast… ich geb dir mal nen Tipp – das stört beim Küssen, wenn man das ganze Zeug vorher ablecken muss… 

Röhrendes Gelächter bei den Jungs. Selina errötet und schaut nach unten. 

Ach und Kevin, du kleiner Fettsack, komm ma nach vorne, unsere kleine Strebersau hat doch bestimmt wieder die Hausaufgaben als einziger tip top erledigt. Kannste gleich mal anschreiben, Zack Zack… 

Kevin steht unbeholfen auf und macht sich mit unglücklichem Gesicht auf den Weg nach vorne zur Tafel. 

Schneller geht’s nicht, wa? Musste mal weniger Kartoffelchips in dich rein fressen, is ungesund… 

Kevin verzieht sich hinter die eine Tafelseite und beginnt verdeckt etwas anzuschreiben. 

Ich bin so was Ähnliches wie schock-gefroren. Stehe sprachlos noch immer neben der Tür und warte darauf, dass ich aufwache. Aber es ist kein Traum. Es geht munter weiter. 

Na, Justin, hat deine Alki-Mutti heute wieder alles vollgekotzt? Scheiße man, du solltest mal duschen oder kannste nicht wenigstens deine Klamotten ma waschen, dann stinkste nicht so… is ja widerlich.

Justin legt den Kopf auf die Tischplatte, verbirgt ihn unter den Armen und bleibt bis zum geschlagenen Ende der Stunde in dieser zusammengekrümmten Embryonal-Haltung sitzen. Rührt sich nicht mehr. 

Doch Herr Böhm ist noch lange nicht fertig. Im Vorbeigehen schlägt er Mahmoud das Käppi vom Kopf.

Mütze ab! blökt Herr Böhm, wir sind hier nicht im Ghetto-Konzert!

So, und jetzt wird hier mal wat gelernt. Bücher raus! Wo warn wa stehen geblieben? 

Es folgt: Brutalster Frontalunterricht, wie ich ihn seit mindestens 100 Jahren für abgeschafft gehalten habe. Eigentlich redet nur Herr Böhm. Er kommentiert, doziert, beschämt, lobt und tadelt wie ein wahrer Meister. Er findet sich selbst unfassbar unterhaltsam, lacht schallend über seine eigenen „Witze“, die ausnahmslos auf Kosten der Jugendlichen gehen. Nach fünf Minuten ist klar, wer seine Lieblinge sind: Chris und Mahmout, die sich hier offenbar in beleidigenden Sprüchen gegenüber allen anderen mit ihrem Klassenlehrer einen lustvollen Wettbewerb liefern. Es ist ein bisschen so wie „Schiffe versenken“, nur werden hier Menschen versenkt. Und der zweite Wettbewerb, der läuft ist der, wer am coolsten auf herabsetzende Sprüche reagieren kann. 

Na, Mehmet, das ist jetzt zu hoch für dich, nehm ich an – aber mach dir nix draus – als der liebe Gott die Gehirne verteilt hat, warste halt noch pennen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hö hö hö. 

Mehmet errötet, lacht etwas gezwungen und nickt, ha ha, sehr witzig. Toller Scherz. 

Die ganze Klasse frisst diesem Monster aus der Hand, ich kann es nicht fassen. 

Ich schaue zu, wie diese Kaserne weiter funktioniert wie am Schnürchen und bin im wahrsten Sinne des Wortes gelähmt. Warum mache ich nichts? Warum sage ich nichts? Ich stehe da an der Tür und bemerke nur meinen Magen, der sich zusammenkrampft. Aber scheinbar ist mein gesamter Organismus ausgeschaltet. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film. Wo kann ich mich hier einklinken? Was kann ich tun? Während mein Körper versteinert ist, rasen meine Gedanken von links nach rechts und kommen zu keinem Ergebnis. 

Warum lassen die sich das gefallen?? 

Und nicht nur das. Sie scheinen IHM gefallen zu WOLLEN. Jeder schlechte Witz auf Kosten anderer wird sofort mit großem Gelächter goutiert. Gleichzeitig herrscht eine seltsame Angespanntheit, fast hysterische Verkrampftheit im Raum. Nach ca 20 Minuten geht mir auf, was das ist: Angst. 

Herr Böhm ist so blitzschnell im verbalen Niederstrecken von Menschen, dass alle ununterbrochen auf der Hut sind, nicht selbst zum nächsten Opfer zu werden. Ich frage mich, wo Taher ist. Und ertappe mich dabei, ihn herbei zu sehnen. Denn diese Arschkriecherei im Angesicht all dieser Demütigungen ist überhaupt nicht auszuhalten und wenn da einer gegenangehen kann, dann ist es sicherlich Taher. Denke ich. Doch so kann mensch sich täuschen. Als Taher eine halbe Stunde zu spät den Klassenraum betritt, halte ich den Atem an. Und werde bitter enttäuscht. Taher schlendert sehr langsam und selbstsicher grinsend herein. Herr Böhm schaut auf. Erwidert sein Grinsen. Die beiden geben sich vorne am Pult High Five. Taher wendet sich mit triumphierenden Lächeln der Klasse zu, macht ein Victory Zeichen, lässt sich betont lässig auf seinen Platz fallen und lehnt sich genüsslich auf seinem Stuhl nach hinten, wie in Erwartung eines schönen Schauspiels, bei dem er der Ehrengast ist. 

Er sitzt in derselben Haltung wie Herr Böhm breitbeinig fläzend auf seinem Stuhl und zwinkert mir zu. Ernsthaft? Ich starre ihn an. Merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Taher genießt den Augenblick. Aber offenbar reicht ihm der Triumph noch nicht. Er steht auf, geht betont lässig zum Papierkorb neben der Tür, wirft sein Kaugummi hinein und wendet sich mir dann kurz zu: Guck ma, raunt er mit einem breiten Grinsen, das ist der Sheriff und HIER herrscht Recht und Ordnung. SO geht Unterricht. 

Er kehrt auf seinen Platz zurück. Vor lauter Wut bin ich kurz davor, Taher hinterher zu brüllen: Bist du VÖLLIG bescheuert?? Aber klar. So redet Mensch ja nicht mit einem Schüler. Ich schlucke die Bemerkung runter. Schade eigentlich. Vielleicht wäre das der Ton, den er versteht. Sofort erschrecke ich über diesen Gedanken. Bin ich jetzt schon infiziert von dieser ganzen Atmosphäre?

Ich verbringe die ganze Unterrichts-Stunde in Bewegungs-Starre an der Tür, werde auch offensichtlich für die Performance von Herrn Böhm nicht gebraucht. In den letzten zehn Minuten geht es dann um einen Ausflug, Herr Böhm will mit der Klasse ins Freibad. Damit wir Jungs noch n bisschen wat zu sehen kriegen, bevor der Sommer zu Ende ist. Also n paar hübsche Ärsche, ich hoffe – ach nee, ich bin mir SICHER – Frau Plath zieht sich n knackigen Tanga an, da FREU ich mich ganz besonders drauf, Frau Kollegin…hö hö… 

Taher schaut mich an und macht mit den Armen die einschlägige Bums-Bewegung, alle grinsen in meine Richtung, dann schallendes Gelächter… 

Ich drücke sanft die Türklinke hinter mir runter und verlasse rückwärts den Klassenraum, und während ich die Tür von außen leise schließe, höre ich Herrn Böhm noch sagen: Hui, da ist aber jemand empfindlich, oder die ist n bisschen frigide, kann ja auch sein, schade, … hö hö hö… 

Ich gehe langsam den stillen grauen Schulflur entlang und stelle mir vor, wie ich dem Sheriff Böhm ins Gesicht schieße und die Western-Stadt befreie. High noon. Do not forsake me, oh my darling. 

Am Wochenende darauf fahre ich nach Hamburg und treffe einige ehemalige Kolleginnen und Kollegen aus Bullerbü. Wir sitzen bei Matthias im Garten und grillen, wie so oft schon vorher, aber für mich fühlt sich die Situation seltsam fremd an. Auf der Zugfahrt hatte ich mir ausgemalt, wie ich mich mal so richtig schön ausheulen würde. Jetzt aber sitze ich da mit meinem Grill-Teller auf den Knien, picke in meinem Salat herum und versuche, zu erzählen „wie es mir an meiner neuen Schule geht“. Leider versteht mich niemand. Offenbar denken alle, ich würde maßlos übertreiben. Oder sie erhoffen sich eine stärkere Maike, die heldenhaftere Geschichten zu bieten hat. So „Michelle-Pfeiffer-mäßig“ wie in „Gangstas Paradise“: Cowboy Stiefel cool aufs Pult ballern und zack sind alle verliebt und die Sache läuft. Leider ist meine Realität ein bisschen anders. Angefangen damit, dass ich nicht Michelle Pfeiffer bin. Irgendwie kann ich mich meinen Ex-Kolleg*innen überhaupt nicht verständlich machen und schaue in seltsam verschlossene bzw. betretene Gesichter. Als ich zum Schluss vom Sheriff erzähle, sagt eine Kollegin: Also, wenn der wirklich so drauf ist, warum gehst du dann nicht zur Schulleitung und beschwerst dich? 

Ja. Warum gehe ich nicht zur Schulleitung und beschwere mich? 

Meine Schulleiterin ist 64 Jahre alt und kurz vor ihrer Pensionierung. Es ist ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie bis dahin nur noch heile durchkommen will. Auch hier wieder die berühmte Minimalanforderung. Und wer ständig an ihrer Seite ist und offenbar ihr engster Vertrauter und Berater: Herr Böhm, mit dem sie tagtäglich tuschelnd in der Ecke steht und in den Konferenzen mit Blicken kommuniziert. Ihr öffentliches Credo lautet:Kollege Böhm hat alles im Griff – was man von den anderen Kollegen leider nicht behaupten kann. (Leicht vorwurfsvoller Blick in die Runde).

Sobald irgendeine Entscheidung getroffen werden muss, konferiert sie unter vier Augen mit Herrn Böhm in ihrem Schulleiterzimmer. Herr Böhm ist also nicht nur in der 8b der Sheriff. Er ist der Sheriff der Schule. 

Inzwischen wird mir auch die Sitzordnung im Lehrerzimmer klar: Da sitzt am ersten großen Tisch direkt vor dem Schulleiterzimmer Herr Böhm in der Männerrunde. Das ist quasi der Saloon, wo John Wayne mit seinen männlichen Gefolgsleuten sitzt und ununterbrochen gegen die blöden Frauen mit ihrer Kuschel-Pädagogik hetzt. Die Frauen sitzen an den anderen Tischen, aber einige vom Sheriff auserwählte Kolleginnen tüddeln ständig um die Western-Machos herum, bringen selbstgebackenen Kuchen, „Naschis“, Obst und andere Aufmerksamkeiten mit, kichern begeistert über die Sprüche und Scherze vom Sheriff und machen einen auf Frauchen. Klar. In einem Western spielen Frauen keine großen Rollen. Und die Rollen, die es im Western für Frauen gibt, sind ja recht klar abgesteckt… 

Wer sich in diese groteske Unterwerfung nicht fügt, ist nach Ansicht des Sheriffs humorlos, langweilig – „unterfickt“, so seine Wortwahl – oder eben frigide. 

Das alles kann ich meinen ehemaligen Bullerbü Kollegen nicht erklären, sie halten es offenbar für eine befremdliche Übertreibung, nicht möglich im Jahre 2004. Dieser autoritäre Machotypus ist doch längst ausgestorben, das ist ihre Meinung. 

Wenn ich mir meine ehemaligen männlichen Kollegen aus Bullerbü in DIESEM Kollegium hier vorstelle, dann ist mir klar, dass sie von Herrn Böhm als Schluffi-Männer betrachtet und verachtet werden. So wie er ja überhaupt für alle eine passende Schublade mit Beschriftung parat hatte – wie festgelegte Rollen in einem Skript: 

Da gibt es die harten, ehrlichen Kerle, die mit strenger Hand für Recht und Ordnung sorgen und die sich in diesem Sauhaufendurchsetzen können, weil sie diesen reformpädagogischen Quatschals dummes Geschwätz und Träumerei hinter sich gelassen haben. Dann gibt es die hübschen, minderbemittelten Kolleginnen, die immer noch versuchen, mit ihrer wertschätzenden Kuschel-Pädagogikdurchzukommen und damit jeden Tag jämmerlich scheitern, aber immerhin sind die attraktiv und lachen über seine Witze, deswegen dürfen die auch am Wochenende mit zum Sauna-Ausflug mit den harten Kerls. Und dann gibt es noch die nervigen frigiden Schlampen, die Emanzen, die alles besser wissen und sich in den Klassen aber auch nicht durchsetzen können. Mit denen ist dann einfach mal gar nix anzufangen.Zu dumm und zu hässlich, um irgendeinen Unterhaltungswert zu habenUnd ihren Job können sie auch nicht. Und in der allerletzten Rollen-Kategorie sind eben diese Schluffi-Männer, die sich den frigiden Schlampen unterwerfenund in den Konferenzen auch so einen Feminismus-Quatsch von sich geben. Und was die Jugendlichen angeht: Das sind für Herrn Böhm die Affen. Von denen ist ja keiner deutsch, blökt er in die Runde, und genau das ist ja das Problem. Also mit vernünftigen deutschen Kindern könnte man ja auch meinetwegen bisschen Traumtänzer-Pädagogik machen, aber mit den Affen hier geht das eben nicht. Sieht man ja, was hier los ist! Da sitzt dann ein Herr Meier (der im übrigens während dieser Worte direkt neben ihm sitzt) die ganze Stunde vorne am Pult und lässt sich mit Papierkügelchen bewerfen! – Ein Skandal ist sowas! Nee nee nee Leute, bei diesem Gesocks braucht es ne andere Gangart!  

Ja, das war so in etwa die Weltsicht des Sheriffs. Und was für mich das Schockierendste war: Niemand widersprach. Ich auch nicht. Noch schlimmer: Ich versuchte, jeglichen Attacken zu entgehen, indem ich mich lieb und nett verhielt. Ich wollte bloß keine Emanzesein. Ich hatte Angst, meine wahren Empfindungen und Eindrücke zu äußern und ausgegrenzt zu werden. Ich dachte: Halt einfach den Mund und verhalte dich unauffällig. Versuche, in dieser neuen Situation zu überleben. Und überleben hieß für mich: Herausfinden, welche Maßstäbe gelten und dann die Erwartungen des Umfeldes bestmöglich erfüllen. Am besten sogar übertreffen. Die Beste sein. Die 1 kriegen. Anerkennung erhalten. Dieses Muster in mir drin sprang jetzt offenbar an. Im Wesentlichen wohl deshalb, weil ich mich völlig isoliert fühlte. Es gab niemanden, der meine Sicht auf die Dinge teilte. Selbst die offeneren Kolleginnen, die dem autoritären Stil des Sheriffs kritisch gegenüberstanden, (oder das zumindest mit traurigem Gesicht behaupteten), schienen sich irgendwie „gefügt“ zu haben und verstanden nicht, was mich so wahnsinnig verstörte. Ich war mit meiner Perspektive ganz offenbar allein.  

Also machte ich das, was ich von klein auf gelernt hatte. Ich fragte mich, wie finde ich Anerkennung? Was muss ich machen, um geliebt zu werden? Und meine tief verwurzelte Prägung lieferte da eine klare Antwort: Wenn du geliebt werden willst, lächle, nicke, ordne dich unter – behalte deine Gefühle und Gedanken für dich. Versteht hier sowieso keiner. Und in diesem unangenehmen Western galt offenbar das Gesetz: Wer die Klassen nicht in die Spur kriegt, ist eine Verliererin, bzw. ein Verlierer. Eine unfähige Lehrerin, ein Opfer. Sozialer Wert gleich null. „In die Spur kriegen“ hieß: Autoritär herrschen, im Zweifel mit allen Mitteln. Grenzüberschreitungen und verbale Gewalt waren offenbar völlig ok. Wenns denn der Sache dienlich ist…? In den alten Western blieb es ja auch ziemlich unhinterfragt, diese Haltung, dass die weißen Helden sich gegen die ursprüngliche Bevölkerung „durchsetzen“ mussten, wenn die unverschämterweise den Eisenbahnbau behinderte. Und der Eisenbahnbau war ja nun definitiv das Richtige, weil: ZIVILISATION! Und klar wurde dann eben auch „geschossen“, wenn die Situation nicht anders in den „Griff zu kriegen war“. Und an dieser Schule war man (n) quasi im Wilden Westen und glaubte unerschütterlich an die eigene Überlegenheit gegenüber diesen „Neuköllner Gangstern“, „Affen“, dem „Gesocks“ halt. Jegliche anspruchsvolle und gleichwürdige Pädagogik war hier offenbar aufgegeben worden. Die Sicht auf die Jugendlichen war grundsätzlich defizitär und herabsetzend, aber niemand nahm das wahr. Es war einfach gar nicht Thema. Niemand hätte zugegeben: Ja, stimmt, ich habe offenbar krasse Vorurteile – sondern es herrschte die Haltung: Die Jugendlichen SIND leistungsschwach, kriminell und minderbemittelt und WIR armen Pädagogen müssen uns mit diesem Sauhaufen abgeben. Wenn beispielsweise eine Schülerin den Berufswunsch Ärztin äußerte, wurde sie von ihren Lehrer*innen im besten Fall einfach nicht ernst genommen, im schlechtesten Fall mit zynischen Sprüchen und höhnischem Gelächter offen bloßgestellt. Na, das ist ja völlig unrealistisch, Fatima, du kannst froh sein, wenn du den Hauptschulabschluss schaffst…Dann kannst du ja vielleicht ein Nagelstudio eröffnen… Ach nee, dafür brauchst du ja ein bisschen Mathe… hö hö…  Niemand fand das unkorrekt. Und ich rieb mir zwar die Augen, wo ich gelandet war, zweifelte aber an meinen eigenen bisherigen Überzeugungen. Denn wenn ich mich hier auf der Grundlage MEINER pädagogischen Werte bewegte, entstand im besten Falle ein Einzel-Gespräch mit einer Schülerin, aber noch lange kein Unterricht. Ich scheiterte ununterbrochen an den einfachsten Dingen, ich kriegte ja noch nicht einmal einen Stuhlkreis hin. Ganz plötzlich war ich nicht mehr die beliebte, tolle Lehrerin. Die beliebte, tolle Kollegin. Das fühlte sich scheiße an. Ich war mit diesem peinlichen Gefühl konfrontiert, dass ich gefallen wollte. Oder zumindest, dass ich verstanden werden wollte. In meinem inneren Zwang zu gefallen oder wenigstens akzeptiert zu werden, EGAL in welchem wie auch immer absurden Umfeld, fiel mir gar nicht auf, das die ganz entscheidenden Fragen hier nie gestellt wurden: Nämlich was genau der Sinn und Zweck von Unterricht sein sollte, um welche Zieleund Wertees gehen sollte. Dass darüber überhaupt kein Austausch stattfand, geriet mir in dieser Anfangszeit völlig aus dem Blick. Darüber wurde GAR NICHT geredet. 

Aus heutiger Sicht erscheint es mir unvorstellbar, dass ich in DIESEM Umfeld in den Anpassungsmodus geriet und teilweise sogar selbst autoritäre Haltungen übernahm. Ohne überhaupt zu MERKEN, dass es sich um autoritäre Haltungen und Verhaltensweisen handelte. So kam es zu den absurdesten Situationen: Einmal folgte ich beispielsweise dem gut gemeinten Rat einer Kollegin und fing an, Striche für Fehlverhalten einzutragen. Tolle Idee. Damit das auch gleich ganz direkt Wirkung erzielte, wurden diese Striche von mir auch – für alle gut sichtbar – vorne an der Tafel angeschrieben. Bei drei Strichen gab es dann eine Sanktion. Damit gingen die Probleme los. Was für eine Sanktion? Eine sechs eintragen? Interessierte keinen. Eine Strafarbeit (tolles Wort) aufgeben? Wurde dann sowieso nicht gemacht und dann musste ich wieder einen Strich (?), eine Sechs (?) eintragen, was ja –eben! – niemanden interessierte. Die Eltern informieren? GANZ schlechte Idee. Da konnte es passieren, dass Samira am nächsten Tag ein blaues Auge hatte. Und klar, war sie dann die Treppe runtergefallen. Logisch. In solchen Situationen lernte ich, dass auch die Eltern dringend Unterstützung gebraucht hätten. Stattdessen wurden sie aber in Elterngesprächen und Klassenkonferenzen in überheblichem Tonfall zurechtgewiesen, ermahnt und gedemütigt. Hinter jedem Problem standen tausend weitere. Mit Strichen konnte man der Komplexität der Gesamtsituation in der Tat nicht wirklich beikommen. Aber das merkte ich leider erst schrittweise. Und beschäftigte mich anfangs in einem absurd hohen Maße mit so Fragen wie: 

Für welches Verhalten gibt es einen Strich, also was ist ein Fehlverhalten? Und welches Fehlverhalten ist noch ok – also kein Strich –  und was ist ein schlimmes Fehlverhalten? Also wenn jemand laut ist, gibt es einen Strich? Aber dann haben nach zehn Minuten spätestens sowieso ALLE einen Strich – bzw. tausende… Und ab wie vielen Strichen soll es welche Sanktion geben und wie lässt sich diese Sanktion dann durchsetzen, was passiert ab einer bestimmten Anzahl von Strichen? Als wäre das nicht alles schon absurd genug, hatte ich dann noch die tolle Idee, die Striche durch Brownie-Points zu ergänzen, also positive Punkte, die man sammeln konnte für gutesVerhalten. Aber ab wann und für was gab es einen Brownie-Point? Und dann brauchte es ja auch eine Belohnung ab einer bestimmten Punktzahl. Irgendwann war ich nur noch mit Strichen und Punkten, Sanktionen und Belohnungen und Streitereien darüber beschäftigt. Ständig rastete jemand aus, weil irgendwas voll unfair war und dann mussten wir entweder ewig über Striche und Sanktionen diskutieren oder die Situation eskalierte komplett. Und dafür gab es dann wieder einen Strich? Oder hundert? Und während ich mich in hilflosen Belohnungs- und Strafsystemen verhedderte, wuchs in mir ein unangenehmes Gefühl der Scham darüber, dass ich so ins Schlingern geraten war und keinen guten Unterricht mehr machte. Ich hörte mich Sätze sagen und Dinge tun, die ich noch bis vor kurzem für undenkbar gehalten hatte. Wenn du dich jetzt nicht sofort hinsetzt, muss ich die Schulleitung einschalten. Jetzt ist Schluss. So wird das nie was. Dann schreiben wir jetzt eben einen Test. So macht das keinen Spaß mit euch. Dann müsst ihr die Scheiße eben selbst auslöffeln. Da kann ich jetzt auch nichts machen. Ach, das ist doch alles Perlen vor die Säue hier! Ruhe jetzt.  

Es war erbärmlich. Ich war erbärmlich. Und der Sheriff hatte beste Laune und bedachte mich tagtäglich mit seiner anzüglichen Freundlichkeit. Keine Bemerkung ohne irgendeinen Bezug zu meinem Aussehen. Herr Böhm selbst nannte das Komplimente machen. Und natürlich musste ich ständig erklären, warum ich nicht mit in die Sauna komme. Unbegreiflich, aber: Ich wehrte mich nicht. Das autoritäre Setting, in dem ich mich plötzlich wiederfand, aktivierte bei mir ein eigenes, längst überwunden geglaubtes autoritäres Muster – die auf Anpassung sozialisierte, liebe Gefall-Barbie. Und so verstummte in mir das innere Wesen, das sich im Referendariat noch so schön aufgebäumt hatte – und ein anderes Monster in mir wurde wieder wirksam: Mein internalisierter Gehorsam. 

Türwächter*innen der Freiheit – Fünftes Kapitel

Knietief durch die Scheiße Teil 2 – Das Lehrerzimmer

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Das Seltsame ist: Im Lehrerzimmer scheint niemand diese Probleme zu kennen. Alle schimpfen zwar über “dieses allerletzte Pack” und diese “Vollpfosten” usw., aber als ich von meiner totalen Überforderung berichte und um Rat frage, scheinen alle mitleidig überrascht von meiner Inkompetenz zu sein. Tja also sowas trauen die sich bei MIR nicht… das kommt in MEINEM Klassenraum nicht vor, das sollten die sich mal trauen, da mach ich sofort kurzen Prozess mit denen… die wissen bei mir ganz genau, wo der Hase längs läuft… 

Ja und wo läuft der Hase längs? Das kann mir offenbar keiner erklären. 

Das musste schon selber rausfinden, Mädel, sagt der Klassenlehrer der 8b, ein etwa 60-jähriger Kollege mit grimmiger Visage und Holzfällerhemd, während er breitbeinig vor mir sitzt, laut schmatzend einen Apfel isst und sich am Sack kratzt. Ein anderer Kollege wendet sich mir mit etwas freundlicherer Miene zu und fragt: Weeßte, was de machen musst, Mädel? Ich überlege kurz, ob ich diesen Kollegen hier noch mal erklären sollte, wie ich heiße und dass ich mit 33 Jahren eigentlich nicht wirklich als “Mädel” bezeichnet werden möchte, aber da der Typ vor mir offenbar gerade sowas wie Entgegenkommen zeigt, verzichte ich auf meine Bemerkung und frage nur: Nee, weiß ich nicht… was denn? Der Typ beugt sich vor, scheinbar erfreut, dass er jetzt sein persönliches Geheimrezept zum Besten geben darf und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben: Also du gehst den Flur entlang bis du vor deinem Klassenraum stehst. Dann machste die Tür weit auf, dann wirfste ne Bombe in den Sauhaufen rein und machst ganz schnell die Tür von außen wieder zu!

Ich starre den Typen entgeistert an, während nun beide, auch der Sack-Kratzer, in röhrendes Gelächter verfallen und sich gegenseitig High Five geben. Meine Anwesenheit haben sie völlig vergessen, sie scheinen sich prächtig zu amüsieren, ach wat ham wa jelacht…., ich diene nur als Staffage und Anlass für diese WAHNSINNS-KOMISCHE Schenkel-Klopfer-Pointe… Ach so. 

Auch ansonsten fühle ich mich im Lehrerzimmer wie ein Alien. Jeglicher Kontaktversuch von meiner Seite, jeglicher Versuch von Heiterkeit oder Wärme wird argwöhnisch als das Gegenteil ausgelegt. 

Kein Mensch scheint hier Spaß zu haben und sobald doch jemand wagt, einen Hauch von guter Laune zu verbreiten, wird das zynisch kommentiert oder mitleidig belächelt. „Das Lachen wird dir hier schon noch vergehen“, raunzt mich ein Kollege im Vorbeigehen an, und ich lasse erschrocken meine Gesichtszüge runter sacken. Hatte gar nicht gemerkt, dass ich gelacht (?), gelächelt (?) hatte. 

Bereits in den ersten Tagen kämpfe ich gegen massive Fluchtgedanken. Ich komme mir im Lehrerzimmer vor wie auf einer psychiatrischen Station voller schwerst-gestörter Patienten, von denen alle krampfhaft so tun, als sei „alles normal“. Außer mir scheint sich niemand zu wundern. 

Das Lehrerzimmer ist eine große, seelenlose Rumpelkammer, in der alle zuvor da gewesenen Kollegen ihren Krempel zurück gelassen haben – als wären sie bei der ersten Gelegenheit Hals über Kopf geflüchtet – und wie nach einem apokalyptischen Ereignis sind überall diese undefinierten herrenlosen „vergessenen Gegenstände” übrig geblieben – in diesem Geisterhaus, in dem sich niemand für irgendwas verantwortlich fühlt, weil: Ist ja nicht meins. Diese gesprungene Tasse lag ja schon in der Spüle rum, als ich kam… 

Die gesamte Kommunikation bis hin zum Tonfall ist mir unheimlich: Unter einer dünnen Decke burschikos, fröhlich zur Schau gestellter Kumpelhaftigkeit liegt direkt darunter unverhohlene Bitterkeit und Verachtung. Den anderen Kollegen*innen, den Jugendlichen, ganz besonders den Eltern und letztendlich der gesamten Welt gegenüber. Diese Menschen hier sind im letzten Stadium einer schweren Depression. Denke ich. Aber ohne jegliche Krankheitseinsicht. Weswegen jegliche Therapie zwecklos ist. 

Nachts träume ich immer wieder in einer Dauerschleife von diesem Lehrerzimmer: 

Die Gestalten sitzen mit offenen Wunden da. Um sie herum eine leichte Fahne Verwesungsgeruch. Abgebissene Körperteile liegen auf dem klebrigen Linoleum-Boden und werden von den hin und her schlurfenden blassen Gestalten achtlos mal hierhin, mal dorthin beiseitegeschoben. Dabei brabbeln sie ununterbrochen zornig vor sich hin, z.B. dass Kollege M endlich mal seinen stinkenden Müll wegräumen soll und wie das denn hier schon wieder aussieht. Aus ihren schlaffen, faltigen, unkontrolliert zuckenden Mündern hängen lange, seidige Speichelfäden, gemischt mit gelblichem Eiter oder orangenem Blut. Keiner wischt sie weg. Im Lehrerzimmer gibt es keinen Spiegel. Nur eine Kaffeemaschine. Die röchelt und röchelt braune Soße heraus wie ein Patient mit chronischer Diarröh. Daneben im schmutzgrauen Waschbecken ein kippelnder Berg klebriger, fleckiger Becher und Tassen, die allesamt mit feinen grauen und schwarzen Adern durchzogen sind, die Ränder abgeschlagen wie klaffende Zahnlücken. Abwaschen tut hier keiner. Wozu auch? Es sind ja schon alle tot. Da kann man auch aus bakterien-wimmelnden Tassen trinken. 

Die Fenster bleiben zu, man will sich ja nicht noch was weg holen, da könnte ja jeder kommen. Leuchtend puckert der Kopierer wie ein elektronisches Organ im Nebenzimmer vor sich hin. Um zwei Uhr wird ihm jeden Tag der Garaus gemacht, dann hat dieses Herz lange genug geschlagen. Nicht, dass da noch jemand Experimente nach 14 Uhr macht! Während der Zeiger an der farblosen 70-er Jahre Wanduhr die schal gewordene Zeit vertickt, warten die depressiven Zombies im Lehrerzimmer vergeblich auf ihr Ende. Das Blut an den abgebissenen Körperteilen trocknet und wird bröckelig. 

Ich komme von draußen. Ich war noch nie hier. Ein Luftzug, als ich die Tür öffne. Die Zettel mit den Terminen für die Klassenkonferenzen an der Innenseite der Tür flattern für einen Moment wild durcheinander. Ich sage etwas. Aber ich kann meine eigene Stimme nicht hören. Die Zombies lächeln mich an. Kleine orangene Rinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln über das Kinn. Eine Bewegung im Raum wie ein unsichtbares, lautloses Zittern. Dann erheben sie sich. Die Stuhlbeine kratzen quietschend und ächzend über den blass-grünen Linoleum-Boden. Wie Fingernägel auf einer riesigen Schiefertafel. Aus ihren Mündern quillen blubbernde Blut-Bäuerchen. 

Ich weiß, wie man sich benimmt. Ich lächle. 

„Hallo. Ich hab Blumen mitgebracht.“ 

„Aha. Das ist NETT.“

„Soll ich die mal ins Wasser stellen?“

„Geht nicht. Wir haben keine Vasen.“

„Und das Waschbecken?“

„Is voll. Siehste doch.“

„Naja, das kann man ja mal abwaschen.“

Schweigen. 

Ein älterer Zombie erwacht ganz plötzlich aus seiner Erstarrung, lacht sehr laut, krächzend, kriegt sich scheinbar gar nicht wieder ein. 

„Da biste noch nich ma richtig hier, da willste hier gleich allet aufn Kopf stellen, ick gloob dit nich!“

Er schüttet sich aus vor Lachen. Alles knarrt und knattert in seinem Brustkorb. 

Keiner sagt was. Alle warten, bis der Anfall vorüber ist. Null Reaktion. 

„Naja, aber wäre ja schon blöd, wenn die jetzt schlapp werden,“ insistiere ich. Was anderes fällt mir nicht ein. Noch immer keine Reaktion. 

Ich beschließe also einfach selbst tätig zu werden und gehe zum Waschbecken. Auf dem langen Weg zu dem Berg mit den geäderten Tassen ist mir nicht ganz wohl. Ich fühle einen kalten Hauch in meinem Nacken. Es ist fauliger, alter Atem. Ein schmatzendes, grauenvolles Geräusch. Der tiefe Biss hinterlässt eine klaffende Wunde in meiner linken Schulter. Lose schlackert mein Arm im Gelenk. Ist das mein Arm? Noch einmal das Schmatzen – wie ein Riss durch die Stille. Etwas reißt ab. Flutscht auseinander. Eine Fontäne Blut. Mein Arm fällt. Fällt auf den Linoleum-Boden. Ich schreie. 

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?!“

„Du musst hier halt noch so einiges lernen.“

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?“

„Das ist völlig irrelevant, das wirste noch merken. Das ist hier alles kein Zuckerschlecken und dein ewiges Gelächle wird dir hier auch schon noch vergehen…“

„Aber was hat das denn für einen Sinn, mir den Arm abzubeißen?“

„Mit dieser psychologisierenden Betroffenheitskacke kommst du hier nicht weiter“, der Zombie fletscht seine fauligen Zähne und äfft nach: „Ja, was hat das für einen tieferen Sinn, dass X dies tut und Y jenes? Was DENKEN sich X und Y wohl dabei? Nee, nee, diesen ganzen Scheiß kannste mal schön knicken.“

„Aber mir fehlt ein Arm!“

„Ja, und? Du hast ja noch einen.“

„Ich finde, es wäre das Mindeste, das ihr mir erklärt, was das alles soll. Ihr könnt mir doch nicht den Arm abbeißen und dann einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung!“

„Du hast ganz offensichtlich ein Wahrnehmungsproblem. Hier IST alles in bester Ordnung.“

„Aha. Das sieht man ja…“

„Und jetzt wird sie auch noch überheblich, also das klassische Programm. Keine fünf Minuten hier, aber sie weiß schon Bescheid, was hier alles besser laufen muss.“

„Tut mir leid. So habe ich es nicht gemeint. Vielleicht kann man hier ja auch einfach mal zusammen aufräumen…“ 

Hysterisches, gehässiges Gelächter. 

Neue Blutrinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln, während sie sich langsam in meine Richtung in Bewegung setzen. Das hysterische Gegacker verwandelt sich langsam in das alte zornige, speichelnde Gebrabbel. Mit vor Wut gereckten Hälsen humpeln sie auf mich zu. Am Boden herumliegende Körperteile werden wie Fußbälle zur Seite gekickt. Ein Gemisch aus Blut und Eiter schwappt rülpsend aus ihren Mündern, während sie mich mit ihren krampfigen, zitternden Händen zu greifen versuchen. Das erste schmatzende Geräusch lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie fangen an, Stücke aus meinem Körper heraus zu beißen. Ich reiße mich los, stürze durch den Raum. Die Tür. Das Flattern der Zettel. Die Tür kracht ins Schloss. Ich rolle, falle, kollere die Treppe runter. Raus ins Freie. 

Morgen muss ich wieder hier hin. Ich frage mich, wie lange sie brauchen werden, bis ich so bin wie sie.