Türwächter*innen der Freiheit – 10. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 10. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

10 Neustart

Nachdem Taher gegangen ist, erwarte ich die Auflösung der kleinen Park-Idylle, denn wahrscheinlich wollen jetzt ALLE nach Hause, und da ich Taher nicht aufgehalten habe, steht mir jetzt auch irgendwie nicht so wirklich ein überzeugendes Argument zur Verfügung, warum die anderen nun bleiben sollen. Aber zu meiner Überraschung macht keiner Anstalten zu gehen. Daher nutze ich erstaunt die Gunst der Stunde und versuche das kleine Gespräch in Gang zu halten, das sich vor Tahers Abgang entwickelt hatte und es läuft ganz gut, ich kann kaum glauben, dass sie so offen und unverblümt weiter quatschen. Meltem plappert fröhlich über die ungerechte Situation in ihrer Familie zu Hause: Ey voll unfair – ich hab fünf Brüder und eine kleine Schwester und raten Sie mal, wer immer kochen, abwaschen, aufräumen muss, dies das… IMMER meine Schwester Gülüzar und ich. Warum dürfen die Männer immer so Prinzen sein? Das ist VOLL ungerecht! Und mein jüngster Bruder Can ist 12 und darf einfach so raus. Ich nie! 

Ich: Und sagst du dann was? 

Meltem: Nee, geht gar nicht, mein Vater wird dann sauer. 

Ich: Und deine Mutter?

Meltem macht ein „ts“ Geräusch und rollt mit den Augen. Keine Antwort. 

Fatima: Bei mir is auch so: Die Männer dürfen alles – raus gehen, feiern, rauchen, dies das, aber wenn meine Tante mal ne Zigarette auf dem Balkon raucht, – Schüüüüsch….(sie zieht dramatisch die Augenbrauen hoch)

Selina: Aber trotzdem, wallah, die Frauen sind die Chefs, man… 

Die Jungs johlen spöttisch, lachen, werfen sich Blicke zu. 

Momo: STOOORY! – Alter!!! Wo lebst DU denn, du Pussy? 

Fatima reckt ihr Kinn nach vorne: Ey pass mal auf du Muschi, du weißt GAR NIX! Ohne die Frauen sind die Männer kleine Babies, die machen doch nur so Show nach außen, man, aber wer regelt denn den ganzen Alltag? 

Momo: Ey Schüüüüsch, übertreib ma nich! 

Fatima: Also mein Vater sitzt nur so mit seinen Kumpels rum und raucht Shischa! Aber meine Mutter geht aufs Amt und kümmert sich ums Geld, um Essen, Trinken, Putzen, dies das, ALLES eigentlich und sie kümmert sich um die Familie, um die ganzen Probleme von allen und so… 

Momo: Das heißt ja nicht, dass sie Chef ist… Die Männer sind die Chefs, man, egal, was die machen… 

Fatima: Ey, verPISS disch mal, du Opfer!!

Momo: Bist du jetzt so ne Emanzen-Schlampe geworden oder was? Voll hässlisch! Wallah! Pass ma auf, man, so heiratet dich keiner! 

Fatima: Wer hat gesagt, dass ich heiraten will, du Spast?

Ich fange gerade an, mir Sorgen zu machen, dass es gleich eskaliert, da lacht Momo zu meiner Überraschung los und klatscht mit Fatima ab. Beide scheinen sich bestens zu amüsieren. Sogar Kevin grinst ein bisschen, aber als er merkt, dass ich ihn anschaue, guckt er sofort nach unten. Ganz offensichtlich will er auf keinen Fall angesprochen werden, kein Wunder bei dem Stress, den er im Klassenraum mit Herrn Böhm immer aushalten muss. 

Fuad erzählt dafür jetzt von seinem Vater und seiner Firma im Libanon und einem riesigen Haus, das seine Familie mal hatte, direkt am Meer, in Beirut, voll schööön, müssen Sie mal hinfahren, Frau Plath. Aber jetzt wohnen wir Fünf-Zimmer-Wohnung Germania-Promenade, sieben Jungs, – Alter – das is echt eng, man. Meine Mutter dreht durch… Er lacht. 

Und was macht dein Vater jetzt?, frage ich. Fuad zuckt die Schultern. Nix, fernsehn gucken, dies das, der darf nicht arbeiten. Erlauben die in Deutschland nicht. 

Noch bevor ich darauf antworten kann, ergänzt Fuad mit einem Grinsen: Aber macht nix, wallah, der macht bisschen Geschäfte, der is n FUCHS, man.

Ich: Und vermisst du dein Zuhause im Libanon?

Fuad: Ja. Aber Berlin is geiler. Im Libanon war Krieg, deswegen sind meine Eltern nach Deutschland gekommen. Im Sommer fahren wir immer Libanon und besuchen unsere Tanten und Onkels. Aber meine Eltern warten auf deutschen Pass, damit mein Vater hier arbeiten kann. Meine Brüder auch. 

Ich: Sind deine Brüder jünger oder älter? 

Fuad: Alle älter.

Ich stelle mir eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Germania-Promenade vor mit sieben testosteron-pumpenden jungen Männern, einer rotierenden Mutter und einem Vater, der mitten drinsitzt und Fernsehen guckt und Fuad, der versucht Hausaufgaben zu machen. Obwohl. Wahrscheinlich ist da nicht so viel mit Hausaufgaben machen. 

Fatima hat jetzt die Fotos von der Hochzeit ihrer Cousine aus dem Libanon rausgeholt und endlich habe ich die Ehre, sie auch mal in Ruhe anzuschauen. Unglaublich kitischige Bilder mit roten Herzen und goldenen Rosen und Glitzer, einem unfassbar rosa-pink-farbenen Sonnenuntergang und einem Hochzeitskleid, das aussieht wie eine Sahnetorte. Aber Fatima strahlt, während sie mir eines nach dem anderen vorsichtig rüberreicht, als wären es Heiligenbilder. Offenbar ihr ganzer Stolz. Wie war das eben noch mal mit dem „Nicht-Heiraten“? Ich bekomme leichte Zweifel an ihrer flammenden Unabhängigkeitsrede von gerade eben, aber wer bin ich, das zu beurteilen? 

Es ist mir in diesem Augenblick auch egal, denn ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass die Stimmung so dermaßen entspannt ist und ich ENDLICH mal irgendwas richtig zu machen scheine. Ich mache eine Notiz an mich selbst: Wir müssen irgendwie aus diesem furchtbaren Klassenraum raus. Aber wohin? Und plötzlich weiß ich es. Die Aula. Die steht das ganze Jahr über leer und wird nur für Einschulungs- und Abschlussfeiern genutzt. Warum eigentlich? 

Bei nächster Gelegenheit frage ich den Hausmeister. 

Die steht unter Denkmalschutz, brummelt Herr Schulz. 

Und das heißt? frage ich-  mal wieder schön naiv.

Dit heißt, da darf keener rin. 

Aber die Feiern finden doch auch immer da statt, wende ich ein. 

Herr Schulz macht ein Gesicht, bei dem mir das altmodische Wort „unwirsch“ einfällt. Er schüttelt genervt den Kopf. 

Dit is wat anderet. Offizielle Anlässe. Aber wenn da jeden Tag die Gören drin rum toben, denn is da bald keen Möbel mehr auf`m andern. Die machen da in Null Komma Nix totale Verwüstung. 

Bevor mir eine kluge Antwort darauf einfällt, wendet sich Herr Schulz zum Gehen und weg ist er. 

Tja, das war wohl nix. 

Ich gehe zur Schulleiterin. Sie ist nicht erfreut. 

Die Aula steht unter Denkmalschutz, sagt sie. 

Ja. Das hat Herr Schulz auch schon gesagt. 

Na, dann wissen Sie`s ja schon.  

Aber kann man da nix machen?

Frau Rische schaut über den Rand ihrer Brille, ihre Augen starren mich an, wie die einer Gottesanbeterin. 

Was davon haben Sie nicht verstanden, Frau Plath? Die Aula steht unter DENK-MAL-SCHUTZ. 

Ich habe hier jetzt zu tun. Wenn Sie so freundlich sind, machen sie bitte beim Rausgehen die Tür hinter sich zu.

Alles klar. Denke ich. Aber wie war das noch mal mit der Schulrätin Frau Behrens? Hatte die nicht gesagt, sie würde die Hand über mich halten? 

Im Lehrerzimmer krame ich mein Portemonnaie durch, sie hatte mir doch ihre Karte…? Da ist sie. Ich wähle die Nummer. Automatische Ansage. Aha, Sprechzeiten bla bla… Ich denke, ok, dann rufe ich sie halt morgen an.

Der nächste Tag beginnt dann erstmal mit einer Enttäuschung. Irgendwie noch so ein bisschen beseelt von den Gesprächen im Park, komme ich gutgelaunt in den Klassenraum der 8b – aber. Es gibt leider keinen Anschluss an die Situation von gestern. Es ist eher so, als wären wir nie im Park gewesen. Ich rufe „Hallo“ und lächle. Niemand reagiert. Einige schauen kurz hoch, nehmen mich ausdruckslos zur Kenntnis und quatschen dann ungerührt weiter. Es ist wie ein kleiner Tritt in den Bauch. Auch Taher grinst nur kurz – kalt und spöttisch – so als freue er sich ein bisschen über meine offensichtliche Enttäuschung. Ich packe mein Lächeln wieder ein, mache mich innerlich hart. Ok.Los geht’s. Satzteile, sage ich einen Tick zu kühl (komme mir dabei allerdings vollkommen bescheuert vor) und beginne betont ungerührt, meine langweiligen Arbeitsblätter auszuteilen. Wollen wir doch mal sehen, wer kälter sein kann, denke ich. Aber eben. Ich bin bei solchen „Wettbewerben“ ganz klar die Lusche.  Taher liest in meinem Gesicht wie in einem Buch. Und offenbar versteht er meine Enttäuschung als Einladung, um ein bisschen weiter zu sticheln. Na? Dachtest du, wir sind jetzt Freunde, oder was, nur weil wir bisschen im Park sitzen? Wallah, wir sind NIEMALS Freunde, verpiss disch mal! Du bist ne LEHRERIN, ne Scheiß-KARTOFFEL, man! 

Es rieselt mir eiskalt den Rücken runter und für einen Moment ist mir richtig schlecht. Bloß keine Emotionen zeigen jetzt. REISS DICH ZUSAMMEN… 

Warum sind die immer so fies, denke ich? Was SOLL das? Wo kommt diese Freude her, wenn es ihnen gelingt, mich zu verletzen? Ich verbringe die Unterrichtsstunde in einer Mischung aus Wut – und Schiss, in Tränen auszubrechen. Sehr anstrengend. Danach sitze ich im Raucherzimmer auf dem knarzenden Sofa und bin so fertig, dass ich eigentlich gleich nach Hause fahren möchte. Schlafen. Aber. Ich will ja noch Frau Behrens anrufen. Jetzt erst recht, denke ich. 

Und im allumfassenden Gefühl des Scheiterns, ist es dann ganz besonders erstaunlich, wenn MANCHMAL Dinge dann DOCH klappen. Ein kurzes freundliches Telefonat und am darauf folgenden Montag sitzt Frau Behrens mit ihren blau geschminkten Augen, tiefblauer riesiger Rüschenbluse, klirrenden Armreifen, blau lackierten Fingernägeln und einer sehr lauten rostigen Lache raumfüllend im kleinen Schulleiterzimmer. 

Ach, nun sein Se doch ma nich so kleinkariert, Fau Rische, da brechen Se sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn die Plath dieses schöne alte Gemäuer hier mal n bisschen mit Theater belebt.   

Frau Rische reißt die Augenbrauen hoch: THEATER?

Frau Behrens runzelt kurz irritiert die Stirn und wirft mir einen fragenden Blick zu, setzt dann aber ungerührt ihre erstaunliche kleine Performance fort.

Ja, wissen Sie das denn gar nicht, Frau Rische? Die Plath ist doch ne Fachfrau für Theater! Deswegen hab ich die doch eingestellt! 

Frau Rische hat jetzt RICHTIG schlechte Laune, raunzt: 

Theater ham wa hier nich! 

Frau Behrens beugt sich mit ihrer wallenden Rüschenbluse und den klappernden Armreifen nach vorne und tippt mit ihrem beeindruckend knallblauen Fingernagel ihres Zeigefingers auf die Tischplatte:

Ja eben! Dann wird s doch mal Zeit! Man soll die Gelegenheiten beim Schopfe packen, sach ich immer, das ist doch TOLL für die Schule, wenns hier Theater gibt! 

Frau Rische sieht aus, als würde sie gefoltert. 

Aber Theater ist kein Fach. Das gibt’s gar nicht in der Stundentafel! Das ist hier kein Gymnasium!

Frau Behrens haut mit der flachen Hand auf den Tisch und ruft laut und fröhlich:

Na, dann machen wir eben ne Theater AG! Oder? Wie finden Sie das Frau Plath? Man kann ja erst mal klein anfangen, dann kriegen Sie den Aulaschlüssel und bieten da einmal die Woche am Nachmittag ne Theater AG an. Also ich find das GROSSARTIG!

Frau Rische schüttelt den Kopf: 

Da kommt sowieso keiner, das können Se doch gleich vergessen. 

Das wolln wir erstmal SEHN, widerspricht Frau Behrens und vermittelt insgesamt den Eindruck, dass die Theater-AG jetzt beschlossene Sache ist. Aber Frau Rische will sich offenbar nicht so schnell geschlagen geben. 

Also wenn schon ne Theater AG, dann macht die Plath das aber schön außerhalb Ihres Stundendeputats, ich brauch hier jede Stunde Deutsch und Englisch, Sie wissen ja selber, wie hier der Krankenstand ist und ich hab immer noch drei Stellen nicht besetzt, also für Experimente gibt’s hier KEINE Stunden, das sach ich Ihnen gleich. 

Es ist lustig, dass die beiden Frauen über mich reden, als wäre ich nicht anwesend bzw. ein kleines Kind, das zwischen seinen streitenden Eltern sitzt und den Mund zu halten hat. Insofern wartet Frau Behrens jetzt auch gar nicht meine Antwort ab, sondern beendet die Debatte mit einem lauten fröhlichen: Na dann ha`m wirs doch jetzt: Frau Plath kriegt ihre Theater AG und macht das in ihrer Freizeit. Dafür kann sie in die Aula, wann sie will. Ich geb dann gleich mal dem Herrn Schulz Bescheid, damit das mit der Schlüsselübergabe zügig über die Bühne geht, dann müssen Sie sich da gar nicht drum kümmern, Frau Rische, Sie haben ja hier genug zu tun. Alles Gute, und man sieht sich! Firma dankt! Nen schönen Tag noch, Frau Rische! 

Frau Behrens schiebt mit lautem Gepolter ihren Stuhl nach hinten, erhebt sich umständlich, aber vergnügt und strahlt mich an: Ja, dann komm Se gleich mal mit, Frau Plath, dann klärn wir das jetzt mit dem Schlüssel… Tschüss, Frau Rische…

Frau Rische nickt nur mit dem Kopf. Ihr Mund ist ein dünner Strich.

Wenige Minuten später stehe ich mit der riesigen blauen Rüschenbluse und einem sehr schlecht gelaunten Herrn Schulz im Hausmeister-Kabuff an einer großen alten Schlüsselwand, die so aussieht, als wäre sie noch aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben. 

Herr Schulz schimpft ohne Unterbrechung vor sich hin, aber gleichzeitig scheint er dabei – sehr langsam und sehr umständlich – die Schlüsselübergabe an Frau Plath vorzubereiten. Er scheint diese Katastrophe für unausweichlich zu halten – weil die blaue Rüschenbluse eine hohe Vorgesetzte ist – aber trotzdem möchte er auch deutlich kundtun, für welch unverantwortlichen FEHLER er das Ganze hält.  

Und nur, dass dit hinterher nich wieder heißt, der Herr Schulz hat dit erloobt und da den Schlüssel raus jegeben, wenn der Schaden erstmal da is, dit is ja allet ne totale Schnaps-Idee, dit sieht ja jeder Blinde mit nem Krückstock, aber dit stelln sich die Leute an ihren gemütlichen Schreibtischen da im Amt ja immer ganz anders vor, aber dit meen ick eben, dit is halt weit weg von ne Realität, und wer hat dit am Ende auszubaden? Die da oben sicher nich, die sitzen dann schön im Warmen, wenn bei uns dann wieder die ganze Kacke am Dampfen is, und das sach ich nämlich gleich: Dit sind allet Gangster und Idioten, diese Ausländergören, dit wissen wa ja alle, dit seh ick allet schon kommen, die ganzen Schäden, dit dauert doch keene drei Tage, dann is dit allet im Arsch, und dann ist dit Geheule groß, denn darf ick da wieder Überstunden machen und dit Janze uffräumen und reparieren, und wer bezahlt dit Janze am Schluss, dit is ja ooch nich raus, wer dit allet zahlt! Aber mich fragen Se ja nich, dit kenn ick schon, von oben heeßt dit immer: Lass di ma machen, diese Troomtänzer da mit ihrer Multi-Kulti-Fantasy, dabei klappt dit doch nich, dit sehn die aber nich, weil die da in ihren Elfenbeintürmen sitzen, und die müssen ja die Suppe ooch nich auslöffeln, aber eben: Mich hat ja keener jefracht. Mich fragt ja nie eener…

So in etwa geht es in unfassbarer Länge und Ausdauer ohne Pause weiter, während er missmutig mal diesen, mal jenen alten Schlüssel anfasst, irgendwelche Papiere und kleinen Zettel studiert, seine Brille auf und absetzt, seufzt, nach hinten läuft, hinten irgendwas rumpeln lässt, dann wieder nach vorne kommt, weitere Schlüssel in Augenschein nimmt, und das Ganze begleitet von diesem ewigen, resignierten Schimpf-Monolog, der ganz und gar ohne Antwort auskommt, es ist noch nicht mal klar, ob er überhaupt davon ausgeht, dass wir zuhören. Frau Behrens nickt zu alldem mit geduldigem Lächeln und weicht nicht von der Stelle. Irgendwann ist es dann so weit. Nachdem ich vier Zettel unterschrieben habe, halte ich den Schlüssel in der Hand. Nicht zu fassen. Ich begleite Frau Behrens noch raus zu ihrem Auto, in das sie sich keuchend und lachend hineinwuchtet, um mir dann noch mal durch die beschlagene Fensterscheibe verschwörerisch zuzuzwinkern und zu winken, bevor sich ihr kleines Auto dann über das Kopfsteinpflaster der Schulauffahrt rumpelnd entfernt. Ich atme tief durch – und gehe rauf zur Aula. Es ist bereits still im Schulgebäude, die meisten sind nach Hause gefahren, es ist 14.30, Kopierer aus, und als ich die Aulatür öffne, empfinde ich es fast als heiligen Moment. Der große Raum mit den hohen Decken, den riesigen, hellen Fenstern und dem alten Parkettfußboden wirkt wie eine alte, schöne Film-Kulisse, die still und geduldig darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Ich halte den Atem an und habe für einen kleinen Moment so ein lächerliches pathetisches Gefühl, dass sich hier noch „Großes“ ereignen wird. Langsam gehe ich über die knarzenden Holzdielen zur Tür zurück, drehe mich noch einmal um und schaue auf die Bühne, die stumm zurück zu schauen scheint. Frau Behrens ist ganz schön schlau, denke ich, und während ich meinen Schlüssel im Schloss herumdrehe, erlaube ich mir ein ganz kleines Grinsen. 

Neues Buch und Podcast: Türwächter*innen der Freiheit – Erstes Kapitel

Ich werde jetzt auf meinem Blog Teile aus meinem neuen Buch veröffentlichen und dazu einen Podcast. Jeden Monat wird es ein neues Kapitel geben. Worum geht’s? Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, ist jetzt mal eine amtliche, erzählerische, lebendige Durchdringung des Themas gefragt: Was meine ich eigentlich damit: „Befreit euch!“? Ich dachte, das veranschauliche ich vielleicht am eingängigsten, indem ich euch mal von meiner persönlichen Reise hin zu diesem Thema erzähle. Quasi biografisch… Denn vielleicht sollte ich, nachdem ich alle anderen immer dazu ermutige, ihre Geschichten zu erzählen, auch selbst mal was beitragen…

Ich werde euch von meinen persönlichen Irritationen in Bezug auf unser Schulsystem berichten und warum ich der Meinung bin, dass wir trotz vieler neuer, lustiger Motivationsmethoden, bunter Karten und Gruppentischen in den Schulen noch immer den Gehorsam des letzten Jahrhunderts internalisiert haben und was das mit uns macht. Und: Welche Konsequenzen ich daraus gezogen habe, warum ich mich trotz aller schlechten Nachrichten weiterhin für die Freiheit jedes einzelnen Menschen einsetzen möchte und warum ich diesbezüglich weiterhin optimistisch bin – und vor allem: Warum ich glaube, dass Menschlichkeit bei all dem der wichtigste Faktor bleibt. Walid sagt es im Film „12 Jahre ein Untertan?“ noch viel besser: Man muss lernen, Menschen zu lieben und an Menschen zu glauben.

Denn was uns in allem Chaos der Welt immer wieder rettet, sind einzelne Menschen, die sich allem herrschenden Zynismus zum Trotz immer wieder für andere und für gemeinsame Ziele einsetzen.

Wenn sie es schaffen, frei zu sein. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit.

Davon möchte ich erzählen. Von den

Türwächter*innen der Freiheit.

Und:

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig. 

Anmerkung: Wer lieber hört, als liest, findet hier die Kapitel als Podcast-Folgen.

 Türwächter*innen der Freiheit

 Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet. Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinnevon Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischenStrukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. (Wikipedia, September 2019) 

„Es war nicht die Weltwirtschaftskrise“, die einen Hitler an die Macht gebracht hat. Es waren Menschen mit einer klar definierten inneren Haltung. Mit klar artikulierten, autoritären Überzeugungen. Nur, woher kommen diese Haltungen? Diese Geschichte beginnt dort, wo wir Menschen klein und abhängig sind. In der Kindheit bildet sich der seelische Maßstab, der entscheidet, mit welcher Gesinnung wir später durch das Leben gehen. In der Kindheit erfahren wir, ob es unter Menschen um Macht und Überlegenheit geht – oder aber um Vertrauen und Zusammenarbeit. Erziehung ist keine Privatsache.“

(„Erziehung prägt Gesinnung“, Herbert Renz-Polster)

1 Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Kiel 1997: Am Anfang dachte ich, es wäre so eine Art Pubertät. Dieses ständige Gefühl eines inneren Widerstandes und der Drang zu widersprechen. Ich war 27 Jahre alt und steckte in der Höllenmaschinerie Referendariat auf Lehramt. Meine Motivation Lehrerin zu werden hatte sich bereits nach wenigen Wochen erledigt. Ich kam mir vor wie eine 15-Jährige, die ununterbrochen mit vorwurfsvoll dreinschauenden Erwachsenen konfrontiert ist. Doofen Erwachsenen, die mit humorloser Stimme die Befolgung von völlig schwachsinnigen Regeln einfordern. So albern hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt und es war irgendwie erschütternd, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich die ganze Zeit dachte: „Im Ernst?“ – „Im ERNST?“ und Mühe damit hatte, diese zwei Wörter nicht ständig laut auszusprechen.

„Sie müssen sich eine formalere Sprache angewöhnen, Frau Plath…“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen im Unterricht nicht so viel lachen.“ – „Im Ernst??“

„Sie dürfen die Schüler während des Unterrichts nicht zur Toilette lassen.“ – „Im Ernst?“

„Sie müssen in jeder Stunde, die Sie geben, Ihr vorformuliertes Unterrichts-Ziel erreichen – und zwar in genau der Minute, die Sie vorher in Ihrer schriftlichen Unterrichtsplanung dafür angegeben haben.“ – „Im ERNST?“

Nach den Lehrproben sollte ich dem Gremium aus Studienleitern, Mitreferendaren*innen, Schulleiter und Mentorin immer minutiös meine „Fehler“ aufzählen, die mir während der Stunde unterlaufen waren. Mit dieser Selbstgeißelung sollte ich unter Beweis stellen, dass ich all meine Fehler SELBER erkennen konnte und somit also in der Lage war, zu REFLEKTIEREN. Während alle anderen im Raum mit gerunzelter Stirn und sehr beflissen Notizen dazu machten, um im Anschluss dann noch all die vielen Fehler zu ergänzen, die ich NICHT gesehen hatte. Wenn andere nach solchen Tribunalen weinend aufs Klo rannten, seufzte der Seminarleiter mit einer gewissen Zufriedenheit und wiederholte das Mantra, das offenbar die geistige Grundlage für das Referendariat bildete: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. – IM ERNST??

So ging das weiter. Und meine Fassungslosigkeit steigerte sich ins Unermessliche, zumal ich mit meinem Staunen über diese perfekt organisierte Lern-Behinderungs-Maschinerie offenbar völlig alleine war. Um mich herum nur diese betretenden, ängstlichen, selbstgerechten oder empörten Gesichter. Graue Flure, graue Seminarräume, unendliche Langeweile und gleichzeitig unerträglicher, ganz und gar künstlich erzeugter Stress und eine vollkommen aufgebauschte Wichtigkeit von völlig unwichtigen Dingen. Alle schienen sich in geduckter Haltung und nur auf Zehenspitzen zu bewegen – nur darauf bedacht, nicht aufzufallen, keinen FEHLER zu machen, sich zu verstecken und möglichst ungeschoren davon zu kommen. Ich fand mich in einem Reich wieder, in dem die Opportunisten und Schleimerinnen die Königinnen und Könige waren. Mir wurde klar: Hier bin ich falsch.

Meine Mentorin Frau Thiele, die sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, mich heile durch diese zwei Jahre zu bringen, hatte mir vor meiner letzten Lehrprobe geraten, in der anschließenden Auswertungsrunde im „Gremium“ untertänig und sehr höflich aufzutreten. „Wissen Sie, Sie dürfen nicht immer alles in Frage stellen, Frau Plath…“ (- IM ERNST??)

Frau Thiele hatte mir vorsorglich Formulierungen auf einem Zettel notiert, an denen ich mich in meinem Selbstgeißelungs-Gespräch orientieren sollte, „falls mit mir wieder die Pferde durchgehen sollten“…

„Ich kann Sie ja verstehen“, erklärte Frau Thiele, „aber Sie müssen sich an die Vorgaben halten und dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass Sie hier wirklich was lernen wollen“. Aber genau das ist ja der Witz! Ich WILL ja was lernen, aber ich DARF ja nicht! Dachte ich genervt.

Das mit den vorgebenden Formulierungen war natürlich gut gemeint. Es klappte aber nicht. Nach der gegebenen Stunde dauerte es im Nachgespräch genau zwei Minuten, bis ich mich wieder – mit vor Aufregung rasendem Herzklopfen – in einem hitzigen Streitgespräch mit dem Seminarleiter befand, der kurz darauf türenknallend den Raum verließ, nicht ohne der betretenen Frau Thiele ein – wie ich fand affig – empörtes “Das lasse ich mir nicht bieten!“ vor die Füße zu werfen, als wäre sie an allem Schuld, weil sie mich „krassen Punk“ nicht unter Kontrolle bekam.

Dabei war von “krasser Punk” wirklich nicht ansatzweise irgendeine Spur. Ich war damals angepasst bis zur Schmerzgrenze: Das, was man “wohlerzogen” nennt und was in Wahrheit nur bedeutete, dass ich mich exzellent an die Erwartungen anderer anpassen konnte, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, was ich selbst wollen oder brauchen könnte. Meine Erziehung in einem konservativ-protestantischen Elternhaus hatte ganze Arbeit geleistet.

Überall konnte ich in Windeseile die Erwartungen meines Umfeldes erspüren und mich dann entsprechend “benehmen”. Meine Mutter hielt dieses Verhalten für die Schlüsselkompetenz zu einem erfolgreichen Leben. Und meine eigene Schulzeit gab ihr Recht: Als Schülerin kam ich mit dieser Haltung bestens durch. Was meine eigenen Bedürfnisse anging, hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wie auch, denn sobald ich irgendeinen eigenen Wunsch durchzusetzen versuchte oder mich gegen eine Erwartung stellte, wurde dieses Verhalten mit dem Satz „Sei nicht hysterisch!“ abgestraft. Die mildere Form des Tadels lautete: Sei doch nicht so ich-bezogen, es gibt auch noch andere Menschen auf der Welt!

Warum ich also im Referendariat ganz plötzlich diesen riesigen inneren Widerstand entwickelte, war, glaube ich, der Ungeheuerlichkeit dieser ständigen Grenzüberschreitungen geschuldet.

Das erste, was mir gesagt wurde, war, dass ich zuviel lachte. Ich müsse mich von den Schüler*innen deutlicher abgrenzen was Sprache und Habitus betreffe. Das zweite Unglück des Referendariats lag in der Fokussierung auf die „Fehler“. Ich hatte Lust, Stunden vorzubereiten und erst recht, anschließend akribisch zu reflektieren, was in der Stunde passiert war. Aber das, was unter „Reflektieren“ verstanden und von mir erwartet wurde, war eine demütige Aufzählung aller Kleinigkeiten, die mir „missraten“ waren. (hierarchisch, Status!). Es schien „die perfekte Unterrichtsstunde“ zu geben – nur leider sah ich eine solche nie und zweifelte auch stark daran, dass es sie überhaupt gab. Stattdessen wurde ich ängstlich und fühlte mich vor jedem Unterrichtsbesuch wie damals als Kind vor der Klavierstunde.

Die hatte ich als Kind jeden Donnerstag um fünf. Bei Herrn Engler. Herr Engler roch nach Seife und machte alles korrekt.

Er saß mit traurigem Gesicht und übereinander geschlagenen Beinen neben seinem Steinway-Flügel und schrieb mit einem Füller in sehr akkurater, winziger Schrift in ein kleines, liniertes Oktavheft hinein, was ich üben sollte. Fingerkraft Seite 7, Nummer 15a und b, Czerny Seite 24, Nummer 3, Emonts Seite 15, Nummer 4. Meistens schrieb er genau das hin, was er auch schon in der letzten Woche geschrieben hatte, denn er war selten zufrieden. Hast du geübt? Fragte er jedes Mal statt einer Begrüßung. Und ich nickte und setzte mich auf die Klavierbank vor dem Flügel. Herr Engler nahm das lange, schmale Samtdeckchen von der Tastatur und sah dabei immer ein wenig gequält aus. Denn jetzt würde ich mit meinen schwitzigen Patschehändchen die schönen weißen Tasten beschmutzen. Es war ganz klar, dass Herr Engler darunter litt. Noch trauriger schaute er, wenn ich anfing zu spielen. Nein nein nein, unterbrach er immer irgendwann und seufzte. Von vorne. Dann fing ich die Übung wieder von vorne an. Wenn ich das sechste oder siebte Mal von vorne angefangen und wieder gepatzt hatte, schüttelte Herr Engler den Kopf und sagt: Du hast nicht geübt. Was meistens auch stimmte. Wobei. Meistens spielte ich am Donnerstag um Punkt 16 Uhr alle Übungen einmal holterdipolter durch, noch gerade rechtzeitig, bevor Papa rief: Wir müssen los! Dann schmiss ich meine Fingerkraft-, Czerny-, Emonts-Hefte in eine Tasche, seufzte und fügte mich in mein unvermeidliches Schicksal. Das war nicht das, was Herr Engler unter „Üben“ verstand, schon klar. Jeden Donnerstag auf dem Weg zur Klavierstunde, wenn ich mit beklommendem Gefühl im Bauch im Auto saß, die Klaviertasche mit den Noten und dem kleinen Oktavheft auf dem Schoß, nahm ich mir vor, das nächste Mal WIRKLICH vorher anzufangen, am besten schon am Wochenende, ich stellte es mir vor, es wäre ja ganz einfach, ich könnte ja jeden Tag eine Viertelstunde üben, das würde ja gar nicht weh tun und dann müsste Herr Engler nicht immer dasselbe ins Oktavheft schreiben. Aber aus irgendwelchen mysteriösen Gründen klappte es nie. Es war immer plötzlich schon Donnerstag, 16 Uhr, und ich hatte wieder nicht geübt. Und immer hoffte ich heimlich und leidenschaftlich, dass Herr Engler kurz vorher anrufen und wegen Krankheit absagen würde, aber diese leidenschaftliche Hoffnung erfüllte sich nie. Herr Engler war zwar chronisch erkältet und sah immer aus, als würde er gleich das Zeitliche segnen, aber er sagte niemals eine Klavierstunde ab. Leider. Insofern beschloss ich irgendwann selbst die Initiative zu ergreifen und meinem Vater zu sagen, dass ich keine Lust mehr hatte auf die Klavierstunde. Ungefähr ein Jahr lang saß ich jeden Donnerstag schweigend neben Papa auf dem Beifahrersitz und dachte: Jetzt sagst du es einfach. Aber ich sagte es nicht. Und saß dann wieder auf der Klavierbank neben dem traurigen Herrn Engler. Als ich es dann irgendwann endlich schaffte und viel zu laut in die Stille des Autos platzte: Ich hab keine Lust mehr auf den Klavierunterricht, kann ich aufhören?, warf mein Vater mir einen Blick zu, als sei ich eine unfassbare Plage, die aus heiterem Himmel über ihn herein gebrochen war und die er nicht verdient hatte. Mit tonloser Stimme sagte er leise: Das kommt GAR NICHT in Frage.

Ach so.

Viele Jahre später fand ich bei einem anderen Klavierlehrer erstaunt heraus, dass Klavierspielen Spaß machte und dass es dazu nicht eine einzige Fingerkraft-Übung brauchte, geschweige denn ein Oktavheft mit aufgelisteten Übe-Aufträgen.

Im Referendariat hatte ich ähnliche Fluchtgedanken.

Das lag nicht an den Schüler*innen. Sofern ich alleine mit ihnen im Klassenraum sein durfte und erste Unterrichtserfahrungen sammelte, war alles gut. Ich bereitete hochmotiviert meine wenigen eigenverantwortlichen Stunden vor und freute mich auf die zahlreichen Reaktionen der Jugendlichen. Ich war gespannt auf alles, was sie mir erzählten, zeigten, fragten. Ich fühlte mich wie in einem Labor, in dem ich austesten konnte, was erfolgreich war und was nicht. Mein Ehrgeiz war es, möglichst alle Schüler*innen zu begeistern und sie „in Fahrt zu bringen“. Dafür wollte ich möglichst viel über sie wissen.

Aber scheinbar ging es darum gar nicht. Das erste, was mein Seminarleiter anmerkte, war: „Sie stellen zu den Schüler*innen zuviel Nähe her. Sie müssen sich viel klarer abgrenzen. Ihre Sprache ist zu umgangssprachlich. Sie müssen sich um einen fachlicheren Ton bemühen“.

Auch stellte sich heraus, dass das Referendariat alles andere als ein „Labor“ war: Austesten, probieren, reflektieren und neu probieren war überhaupt nicht das, was erwartet wurde, sondern – mal wieder – funktionieren nach bereits genau ausformulierten Kriterien. Eigene Ideen und insbesondere zu große Begeisterung für neue Ideen waren alles andere als erwünscht. Bereits nach meiner ersten Lehrprobe und dem erwähnten Rüffel wegen meiner „zu großen Nähe zu den Schülern“, wurde ich zwei Stunden lang über all meine „Fehler“ aufgeklärt. Minute für Minute wurde die gegebene Stunde seziert – und zwar ausschließlich unter dem Aspekt, was alles „falsch gelaufen war“. Ein konstruktives, interessantes Gespräch kam auf diese Weise nicht zu Stande. Meine irgendwann nur noch zögerlich vorgebrachten Fragen, wurden mit leicht sauertöpfischer Miene ignoriert. Meine Mentorin, die mir immer wieder beschwichtigende Blicke zuwarf, erklärte mir hinterher: „Sie sollten bei so einer Nachbesprechung keine Fragen stellen. Das wirkt zu selbstbewusst und verärgert den Seminarleiter. Besser ist es, einfach zuzuhören und den Eindruck zu vermitteln, dass Sie lernen wollen“.

Aber ich WILL doch lernen! MEIN GOTT!!  Meine Mentorin schüttelte den Kopf: „Ja, das weiß ich, aber so wird es nicht verstanden. Wenn Sie Fragen stellen, wirkt es so, als wollten Sie diskutieren und wüssten schon, worauf es Ihnen ankommt. Es ist besser, wenn Sie sich unterordnen, sonst bekommen Sie nur Probleme…Sie müssen dem Seminarleiter das Gefühl geben, dass er immer recht hat, sonst nimmt er Sie als renitent und widerständig wahr. Das führt zu schlechten Benotungen…“

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Mit diesem denkwürdigen Satz, den der Seminarleiter wie eine Drohung formulierte, versuchte meine Mentorin mich zu trösten. Leider half dieses innere Mantra aber auf Dauer nicht weiter. Innerhalb weniger Monate verlor ich jegliche Motivation.

Konfrontiert mit immer neuen, ewigen – und aus meiner Sicht abstrusen – Aufzählungen aller Fehler, die mir in einer Stunde unterlaufen waren, engsten Zeitvorgaben und theoretischen Ausführungen, wie eine „perfekte Stunde“ auszusehen hatte, verlor ich  die Lust am Unterrichten.

Geradezu komische Züge nahmen die Auswertungsrunden in der Seminargruppe mit den anderen Lehramtsanwärter*innen an:

Die gesamte Gruppe der Referendar*innen reiste zu einem Unterrichtsbesuch an, wo sie dann hinten in einer Reihe nebeneinander saßen und emsig jedes Wort mitschrieben. Hinterher saßen wir alle mit ernsten Gesichtern im Kreis und die Mitreferendare wurden vom Seminarleiter aufgefordert, alle Fehler zu benennen, die ihnen aufgefallen waren. Man konnte seinen eigenen Ruf nur dadurch retten, dass man vorher bereits selbst alle Fehler aufzählte, die man in seiner Vorführstunde gemacht hatte. Je mehr Fehler ich selbst benennen konnte, desto besser – denn dadurch konnte ich unter Beweis stellen, dass ich zwar noch nicht unterrichten, aber zumindest selbstkritisch reflektieren konnte.

Dieses Procedere führte zu immer hysterischeren Verhaltensweisen der Lehramtsanwärter*innen – und der Schüler*innen –  vor jedem Unterrichtsbesuch. Die „Vorführstunden“ wurden zu genau abgezirkelten Theater-Kunststückchen, bei denen in Minute drei der visuelle Impuls erfolgen musste, in Minute sieben die hinführende Frage ins Thema, in Minute 10 die Ausgabe der Arbeitsbögen, usw. Die Schülerreaktionen wurden zu einem Schreckens-Szenario, denn was machte mensch, wenn ein Schüler zu früh eine Frage stellte, die erst für Minute 36 vorgesehen war? Da die Jugendlichen den ungeheuren Druck spürten, der auf den Referendaren*innen lastete, begannen sie die seltsamsten Verhaltensweisen an den Tag zu legen: In der Absicht, der armen Lehramtsanwärterin zu „helfen“, saßen sie wie abgerichtete Zirkus-Äffchen auf ihren Plätzen und versuchten zu raten, was von ihnen verlangt wurde. Kein*e Schüler*in verhielt sich so, wie die Referendarin sie in der schriftlichen Vorbereitung beschrieben hatte, alle meldeten sich ununterbrochen und spielten „Streber“. Wenn ich zuvor einen halbwegs realistischen „Erwartungshorizont“ beschrieben hatte, wurde ich hinterher erstaunt darauf hingewiesen, dass die Klasse ja keineswegs so problematisch sei, wie ich es beschrieben hatte. Da hatte ich mich wohl grob verschätzt?

Als ich meine Mentorin halb im Scherz fragte, ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, die „idealen“ Gesprächsbeiträge der gesamten Stunde vorher auswendig lernen zu lassen und mehrmals mit den Schüler*innen zu „proben“, zuckte sie nur seufzend mit den Schultern und antwortete: Ja, vielleicht sollte man das machen…

Das war überhaupt nicht das, was ich gehofft hatte, im Referendariat zu lernen. Ich hatte das Gefühl, immer schlechter zu werden. Je mehr wir davon erfuhren, wie „eine perfekte Stunde“ auszusehen hatte, desto unbeweglicher wurde ich in meinen Gedanken und Handlungen. Ich wurde zu einer Art Roboter und fürchtete letztendlich die Anwesenheit der Schüler*innen, weil sie niemals bis ins Letzte planbar waren.

So fühlte ich mich bereits nach einem halben Jahr „verkrüppelt im Gebrauch meiner Selbst“ (K. Johnstone, „Improvisation und Theater“ 1998, S. 19).

Und selbst ein konservativ und protestantisch erzogener Mensch wie ich, kam da ins Zweifeln, ob diese Dressur-Leistung noch im Verhältnis zur seelischen Gesundheit stand.

Ich beschloss also, meinem Irrtum ein schnelles Ende zu bereiten und teilte meiner gebeutelten Mentorin zum Ende des ersten Halbjahres mit, dass ich mein Referendariat abbrechen würde. Es war ein heißer Sommertag, die Zeugnisse waren geschrieben und ich dachte an all die Dinge, die ich jetzt endlich wieder würde machen können. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, sagt man ja so schön.

Doch ich hatte nicht mit Frau Thiele gerechnet. Sie sagte einfach „Nö“. Ich war verblüfft und für einen Augenblick war es still im Lehrerzimmer, ich hörte die Uhr an der Wand ticken. „Was heißt denn Nö?“, fragte ich etwas belustigt und versuchte das Ganze als Scherz abzutun. Aber Frau Thiele machte ein todernstes Gesicht.

„Wenn Sie nicht Lehrerin werden, dann falle ich vom Glauben ab”, sagte sie und ich wappnete mich für eine kleine Diskussion, in der ich sie davon würde überzeugen müssen, dass sie mit ihrer Ansicht aber ganz offensichtlich alleine dastand und ich in diesem System nichts zu suchen hatte. Aber zu dieser Diskussion kam es nicht. Denn Frau Thiele überraschte mich mit einer Frage. Einer ziemlich guten Frage übrigens. Sie lehnte sich entspannt zurück, lächelte und präsentierte das folgende argumentative Schachmatt:

Was würden Sie machen wollen, jetzt in diesem Referendariat, wenn Sie es sich aussuchen könnten? Tun wir einfach mal so, als wäre alles möglich. Wozu hätten Sie Lust? Was müsste passieren, damit Sie bleiben? Ganz ehrlich jetzt.

Ich ließ die Frage einsinken, nahm mir Zeit und dachte WIRKLICH darüber nach. Ja, was würde ich machen WOLLEN? Und erstaunlicherweise war es mir ganz klar und ich sagte es einfach, ohne mich zu schützen, ohne mich abzusichern, denn offenbar wollte sie es ja wirklich wissen. Ich sagte: Eigentlich würde ich am liebsten ALLES anders machen. Warum wird alles in der Schule – sogar die Menschen – getrennt voneinander behandelt, wo doch alles nur einen Sinn ergibt, wenn wir es – alles – in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang stellen. Warum prökeln alle in voneinander abgetrennten Klassenräumen, Alterstufen und Fächern so klein-kleinmäßig jeder für sich allein ihren Dienst nach Vorschrift ab? Schule ist doch nicht das Bundesamt für Langeweile…”

Da war sie also wieder, diese mir unreif erscheinende Wut, ich biss mir auf die Lippen, aber es war zu spät, die Sätze waren raus. Doch Frau Thiele ließ sich null aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil lächelte sie aufmunternd und hakte nach: “Ja, aber was würden Sie konkret tun, wenn Sie jetzt machen könnten, was Sie wollten?”

“Ich würde mit allen Schülern, mit allen Lehrern und mit allen Eltern der Schule ein riesiges Theaterstück machen- und die Schule dafür ein paar Monate lahmlegen. Alle machen Theater, alle arbeiten an dieser gemeinsamen Sache, jeder an der Stelle, wo er Bock drauf hat…und dann entsteht eine große Sache…”

Ich war überrascht, dass ich das jetzt wirklich gesagt hatte, aber tatsächlich sah ich alles bereits vor mir, hielt es für einen Moment tatsächlich für möglich – merkte, wie meine Gedanken in diese Richtung los galoppieren wollten… dann holte mich das Lehrerzimmer mit der tickenden Uhr wieder ein, ich verstummte und dachte: Totaler Schwachsinn… wie peinlich, dass ich diese pathetische Scheiße jetzt einfach so raus gehauen habe… OMG…

Aber dann passierte eins von diesen kleinen Wundern, ohne die sich im Leben wahrscheinlich nie irgendetwas Wesentliches verändern würde. Frau Thiele dachte nach über das, was ich gesagt hatte. Sie sagte NICHT: Naja, aber das ist ja unrealistisch. Sie sagte auch nicht: Aber von Theater haben Sie doch gar keine Ahnung- oder: Sind Sie für sowas denn irgendwie qualifiziert? Und sie sagte auch nicht: Naja, überschätzen Sie sich da mal nicht ein bisschen? Sie sind hier im ersten Jahr Ihrer Ausbildung und wissen gleich, wie eine ganze Schule besser werden soll…?

Sie sagte all das NICHT – all das, was mein gesamtes Umfeld und auf jeden Fall JEDER im Schulbetrieb gesagt hätte.

Meine Mentorin Frau Thiele blieb seltsam heiter und gleichzeitig ernst und sagte:

Ja. Dann machen wir das.

Bäääm.

Und mir war sofort klar: Wir machen es tatsächlich. Es wird passieren. Sie meint es vollkommen ernst.

Ebenso der Schulleiter, der zu meiner Überraschung ebenfalls positiv reagierte und sofort einen pragmatischen Vorschlag machte:
»Was Sie da vorschlagen, klingt – ehrlich gesagt – etwas unrealistisch, Frau Plath. Aber Sie bekommen von mir eine Chance: Nächsten Freitag lasse ich die ersten zwei Unterrichtsstunden ausfallen und bitte alle Schüler*innen und alle Kollegen*innen, sich in der Aula zu versammeln. Da haben Sie dann zwei Stunden Zeit, alle von Ihrer Projekt-Idee zu überzeugen. Wenn im Anschluss an diese zwei Stunden ALLE Schüler*innen und ALLE Lehrer*innen der Schule sich in entsprechende Teilnehmer-Listen eingetragen haben, bekommen Sie von mir das ›Go‹.« Ganz offensichtlich gehörte er zu den Ermöglichern und nicht zu den Verhinderern – und er übergab mir, der unerfahrenen Referendarin, Verantwortung. Genau das verursachte bei mir natürlich im ersten Augenblick einen Anflug von Panik. Wie jetzt? Ich darf das WIRKLICH machen?? – Mir ging (na klar!) der Arsch auf Grundeis. Aber dann setzte ich mich, wie mensch so schön altmodisch sagt, auf den Hosenboden und fing an, zu planen, zu denken, zu arbeiten.

Mit Musik, Fotos und einer »flammenden Rede« gelang es mir an jenem Freitag, die Schule zu überzeugen: Alle (!) Kollegen*innen und alle (!)  Schüler*innen trugen sich in die von mir vorbereiteten Listen ein. Jede Liste stand für einen Arbeitsbereich innerhalb des Projektes: Theater, Texte schreiben, Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild, Gelder-Akquise, usw. usw. Der Schulleiter blätterte anschließend die Listen durch, lächelte amüsiert und sagte: Gut, Frau Plath. Wir machen das.

Was ich damals noch nicht auf dem Schirm hatte, war: Frau Thiele erlöste mich mit dieser außergewöhnlichen Aktion von der allumfassenden Erziehung zur Opferhaltung, die in der Lehrerausbildung bis heute Gang und Gebe ist und erstaunlicherweise völlig unhinterfragt bleibt. Und sie verfrachtete mich quasi von einer Sekunde zur nächsten aus der Rolle der (nur mit Mühe) „brav folgenden“ Referendarin in eine Person, die plötzlich die Aufregung verspürte, eine eigene Idee verantworten zu müssen. Erfolg oder Scheitern – das lag jetzt in MEINER Hand. Und es gab ein greifbares Ziel. Wenn es auch ziemlich verrückt wirkte.

Ich fühlte mich plötzlich hellwach und staunte über den Unterschied in der Empfindung von Selbstwert und plötzlich aufkommender Energie.

In den folgenden Monaten erhielt ich einen Eindruck davon, was passiert, wenn die festgefahrenen Abläufe und Strukturen des schweren Tankers Schule auf den Kopf gestellt werden. Dramen spielten sich ab. Ich wurde beschimpft und der Eitelkeit bezichtigt, mir wurde Größenwahnsinn und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Einige Kollegen*innen forderten die Schüler*innen offen auf, meine Arbeit zu boykottieren, im Lehrerzimmer erntete ich eisige Blicke. Neben den völlig begeisterten Jugendlichen (ALLE Schüler*innen der Schule hatten sich freiwillig in zahlreiche Projektlisten eingetragen und legten los, wie von der Leine gelassen) war es unter den Kollegen*innen zunächst nur eine kleine Gruppe begeisterter „Jung-Gebliebener“ plus Frau Thiele und dem unbeirrt heiter dreinschauenden Schulleiter, die sich voller Elan ans Werk machte. Es wurde geplant, geschrieben, geprobt, gebaut, gemalt, gedichtet, gebastelt, genetzwerkt – denn – auch das gehörte zum Vorhaben – das Projekt musste finanziert werden, und da galt es Sponsoren zu finden, Gelder aufzutreiben, Technik anzuschaffen, Räumlichkeiten zu mieten, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, und so weiter und so fort. Bald waren auch die meisten Eltern für die Sache gewonnen, und da meine Ausbildungsschule sich in einem kleinen Ort befand, summte schon kurz darauf die gesamte kleine Stadt wie ein geschäftiger Bienenkorb. All das ging den ewigen Skeptiker*innen extrem auf den Sack. Was bildet die sich eigentlich ein? Die ist doch völlig bekloppt. Ist noch nicht mal mit der Ausbildung fertig und denkt, dass sie hier alle nach ihrer Nase tanzen lassen kann.

So konnte mensch das sehen. Ich war halt mal wieder „hysterisch“ und „ich-bezogen“. Das kannte ich ja schon. Wenn die Häme mich manchmal doch in die Kniee zwang, baute mich Frau Thiele wieder auf: Guck dir einfach an, ob die Leute glücklich aussehen, die so über dich reden… na, also…!

Ich sollte später noch häufiger an diesen Satz zurückdenken. Der unbeirrbar gelassene Schulleiter übte in den letzten Wochen dann mehr oder weniger sanften Druck aus, um die verbleibenden „Schlecht-Gelaunten“ zu ihrem Glück zu zwingen. In den letzten vier Wochen vor der Premiere gab es niemanden mehr an der Schule, der nicht in das gemeinsame Theaterprojekt involviert war. Zweifel und Murren hin oder her.

Nach symbolischen neun Monaten wurde das „Baby“ dann geboren und in zwei Vorstellungen vor jeweils 500 Leuten zur Aufführung gebracht. Das Bemerkenswerte war aber für mich weniger das Ergebnis selbst, als die Wirkung, die der Prozess auf die beteiligten Menschen hatte. Ich habe selten so viele strahlende Gesichter auf einem Haufen gesehen. Besonders weird war die Wirkung auf das Kollegium: Am Ende lagen sich alle in den Armen, jahrelang verfestigte Animositäten lösten sich in tränenreichen Sekt-Besäufnissen auf und sogar meine härtesten Gegner*innen ließen sich dazu hinreißen, mir Glückwünsche auszusprechen und mir unbeholfen auf die Schulter zu hauen.

Den Wahnsinn der Lehrproben mit allen beschriebenen Absurditäten musste ich zwar dennoch durchstehen, stellte aber mit Staunen fest, dass ich durch die Arbeit an einer ERFÜLLENDEN und SINNVOLLEN Sache plötzlich die innere Gelassenheit und Stärke hatte, den Lehrproben-Terror ohne größere Probleme durchzustehen. Das hieß im Klartext: Dadurch, dass ich mir zwar unendlich viel MEHR Arbeit aufbürdete, als ich im Referendariat sowieso schon hatte, diese Arbeit für mich aber Sinn entfaltete, entwickelte ich überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die Ausbildungsmaschinerie erfolgreich zu überstehen. Ich hatte das Gefühl, mir selbst und meinen Entscheidungen und Fähigkeiten wieder trauen zu können, etwas wirklich Sinnvolles leisten zu können und erlebte Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung. Genau das rettete mich: Es gab mir die Kraft, den Irrsinn des Referendariats zu überstehen.

Ich schrieb meine Examensarbeit über die Erfahrungen und gruppendynamischen Prozesse in diesem Projekt und beendete mein Referendariat wider Erwarten mit Erfolg – und wurde:

Lehrerin.

Vortrag „Befreit euch – endlich!“ ACT Fachforum

Vortrag beim ACT Fachforum am 13. September 2019, Berlin, Theater Aufbau Kreuzberg (TaK):

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit (im Sinne von Gleichberechtigung oder Gleichstellung), meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern.

 Ich möchte heute darüber sprechen, warum ich glaube, dass Bildung ein emanzipatorischer Prozess sein muss und im Moment aber gerade das Gegenteil davon passiert. Ich möchte darüber sprechen, warum unser Schulsystem gegenwärtig verantwortungslos ist und was wir machen könnten, um das zu ändern.

Wenn es um emanzipatorische Prozesse geht, braucht es Ich-Stärke: Also ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen und den Mut, zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen zu stehen, sie im Zweifel zu verteidigen – und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul nannte diese Ich-Stärke oder auch Treue zu sich selbst: Integrität. Und er hielt Integrität für die Grundvoraussetzung, damit wir Gleichwürdigkeit mit anderen leben können. Das möchte ich kurz erklären:

Jesper Juul hat für den Bereich der Elternerziehung den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, um deutlich zu machen, dass es bei der Erziehung von Kindern weder hilfreich ist, autoritär zu agieren, noch – vermeintlich demokratisch – ihnen alles durchgehen zu lassen.

Stattdessen sprach Juul von „autoritativer“ Erziehung auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Autoritativ bedeutet: Auf der Basis der eigenen Integrität und Werte und einem Bewusstsein für die eigenen Grenzen klar zu führen, in deutlicher Abgrenzung zum Dominieren oder Herrschen (hierarchisch), aber auch in klarer Abgrenzung zur antiautoritären Erziehung, denn jedes Kind braucht Führung.

Führung bedeutet bei Juul: Deutlich machen, was für mich selbst – als individueller Mensch – geht und was nicht, und genau das vorzuleben. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und klar vertreten zu lernen, dabei aber immer die Grenzen und Bedürfnisse des Gegenübers als gleichwürdig zu betrachten und in einem ständigen, von Respekt getragenen Ausloten vorzuleben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Situation.

Das Neue dabei war die Erkenntnis, dass es kein hierarchisches Verhältnis braucht und der Erwachsene nicht die „recht-habende-Instanz“ ist, sondern als Mensch vollkommen gleichwürdig mit dem Kind ist – und andererseits aber eben nicht völlig ohne Auftrag ist, also nicht „alles durchgehen lassen muss“, sondern stattdessen seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse als Mensch offen thematisiert.

Die Aufgabe des Erwachsenen ist es quasi, Verantwortung für sich SELBST zu übernehmen, und dies in großer Klarheit und Authentizität vorzuleben, also auf der Basis der eigenen Integrität zu denken und zu handeln. Und nicht zuletzt: Sich selbst und anderen immer wieder „Fehler“ oder Rückschläge zu verzeihen. Denn nichts kann immer perfekt sein. Der Mensch schon gar nicht.

Integrität ist auch über das Erziehungsthema hinaus eine grundlegende Basis für gelingende, weil gleichwürdige Beziehungen. Denn nur, wer sich selbst kennt und den Mut aufbringt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen anderen Menschen gegenüber offen und klar zu kommunizieren, entwickelt die Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bedürfnissen und Grenzen zu respektieren und sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. 

Ich habe mich immer gefragt, warum dies Gedanken von Jesper Juul nicht in den Schulen angekommen sind. Denn aus meiner Sicht sind Integrität und Gleichwürdigkeit die zentralen Aspekte, die wir für eine zukunftsfähige Bildung benötigen. Warum?

Schauen wir kurz mal von oben auf die gegenwärtige gesamt-gesellschaftliche Situation:

Problem: Vertrauen in die Demokratie bröckelt und faschistische Positionen werden „salonfähig“

Wir haben derzeit das Problem, dass in großen Teilen der Gesellschaft das Vertrauen in die Demokratie schwindet. Gleichzeitig erleben wir, dass faschistisches Gedankengut wieder salonfähig wird, gar als „bürgerliche Position“ bezeichnet wird.

Geschichte wiederholt sich nicht, Denkmuster in den Köpfen aber schon

Das hatten wir in Deutschland schon einmal. Und ich weiß: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Muster in den Köpfen der Menschen sehr wohl. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Muster sich wiederholen, wenn wir nicht ganz bewusst daran arbeiten, uns weiter zu entwickeln, um unbewusste, internalisierte Muster zu überwinden.

Welche gedanklichen Muster zum Faschismus führen, ist ausreichend analysiert worden. Das ist eigentlich alles bekannt. Die Frage ist, ob wir es als Gesellschaft jetzt schaffen, an diesen gedanklichen Mustern zu arbeiten und sie noch rechtzeitig überwinden, bevor größerer Schaden entsteht. Leider passiert diese Anstrengung auf politischer und auf medialer Ebene gerade NICHT, wenn beispielsweise eine Moderatorin die AFD als „bürgerliche Partei“ bezeichnet.

Nicht Menschen ausschließen, aber Handlungen und Haltungen, die die demokratischen Grundwerte langfristig zerstören

Es geht mir hier nicht darum, MENSCHEN auszuschließen. Aber Haltungen und Handlungen schon, wenn diese die Errungenschaften der Demokratie per se in Frage stellen: Wenn nämlich freies Denken, Gleichwürdigkeit, Vielfalt und nicht zuletzt die Würde des Menschen zur Disposition stehen. Solche Positionen können nicht mit dem Verweis auf demokratische Werte – wie z. B. Meinungsfreiheit – moralisch eingefordert werden. Das ist paradox, weil solche Gedanken in der Konsequenz alle demokratischen Werte und Haltungen – und damit die Demokratie an sich – unterlaufen und zerstören.

Weiterentwicklung unserer Demokratie bedeutet persönliche Emanzipation 

Andererseits, ist schon klar: Unsere Demokratie ist noch nicht toll. Es muss noch vieles WEITER gedacht und weiterentwickelt, bestehende Ungerechtigkeiten behoben werden, aber das geht eben nur durch ein WEITER, eine bewusstere Durchdringung und konsequentere Anwendung demokratischer Werte – und eben nicht durch ein Zurück. (In angeblich frühere goldene Zeiten… welche eigentlich genau?).

Wie geht dieses „WEITER“?

Meine These ist: Demokratische Kernkompetenz kann bei jedem einzelnen Menschen nur durch einen anstrengenden persönlichen Emanzipationsprozess erreicht werden: Nämlich durch eine Befreiung von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. Denn mir scheint ein unbewusstes verinnerlichtes Obrigkeitsdenken bei uns allen ein eingeimpftes Muster zu sein, das eine konstruktive Weiterentwicklung von Vielfalt und Demokratie verhindert.

Um demokratische Kernkompetenz zu verinnerlichen, müssen wir durch einen eigenen, persönlichen und individuellen Emanzipationsprozess

Es geht mir hier nicht um die eine, einzige RICHTIGE Haltung, sondern insgesamt um demokratische Kernkompetenz:

Nämlich um den Willen bzw. die Bereitschaft unterschiedliche Meinungen und Haltungen kennen zu lernen, zu respektieren und sich trotz aller Verschiedenheit und trotz manchmalunsicherer Gefühle menschlich gleichwürdig zu begegnen und das Gemeinsame konstruktiv zu versuchen. Das hört sich so schön und einfach an – aber ganz ehrlich:

Warum klappt es damit im Moment nicht so richtig – in Deutschland und anderswo?

Ich glaube: Wir sind zu sehr Untertanen im Geiste. Eine weiter entwickelte Demokratie erfordert aber freie, emanzipierte Menschen, die sich nicht ohnmächtig fühlen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. 

Was meine ich mit Untertanen-Haltung?

Der Verlust an Vertrauen in die demokratischen Grundwerte steht in direktem Zusammenhang mit einem Ohnmachtsgefühl, das sich beispielsweise in der Aussage – oder dem Gefühl – ausdrückt: „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen“ oder: „Ich als einzelner Mensch habe keinen Einfluss darauf, was im Ganzen passiert, ich alleine kann ja nichts machen – ich bin nur Opfer eines (ungerechten) Systems“.

Ich denke: Diese Ohnmachts-Haltung ist eine direkte Folge eines unreflektierten Obrigkeits- bzw. Gehorsamsdenken. Selbst wenn unbestritten Ungerechtigkeit herrscht und sehr viele Menschen ganz real durch unser System Ungleichheit und Herabsetzung erfahren, ist es ein Unterschied, ob ich daran glaube, dass ich durch mein Handeln einen Unterschied machen und die Entwicklungen mit beeinflussen kann (das wäre Selbstwirksamkeit), oder ob ich mich als Spielball der Umstände und Strukturen oder „höher gestellter Personen“ empfinde.

Sich selbst als Opfer der Umstände oder „höher gestellter Personen“ zu fühlen, selbst, wenn es zu 100 Prozent tatsächlich so ist, blockiert die Möglichkeit, zu handeln und macht eine Befreiung aus diesem Zustand unmöglich. Das macht die Sache doppelt schlimm.

Und noch ungerechter ist: Die Grundbedingung für eine emanzipatorische Selbstbefreiung, nämlich Selbstwert, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung sind sehr ungleich und ungerecht verteiltDarauf komme ich gleich noch einmal ausführlicher zurück.

Trotzdem: Das Fatale daran ist, dass eine innere Gehorsamshaltung, also das „Sich-Fügen“, weil ich „ja selbst nichts machen kann“, die Ohnmachtshaltung nur immer weiter verstärkt, egal, wie berechtigt sie ist. Sie spielt den Gegner*innen der Demokratie in die Hände.

Unsere „Untertanenhaltung“ verhindert, dass wir freie, mündige Menschen werden

In unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation halte ich es deswegen für zentral wichtig, diese internalisierte Gehorsamshaltung und in der Folge dieses Ohnmachtsgefühl zu überwinden.

Denn: Je mehr Menschen eine „Untertanenhaltung“ ausbilden, desto wackliger wird unsere Demokratie und desto salonfähiger werden gegenwärtig autoritäre und leider auch faschistische Positionen. Denn die Demokratie lebt eben NICHT von einigen wenigen, „die da oben gestalten“, sondern vom verantwortungsvollen Gestaltungswillen und -können der Vielen.

Eine Demokratie braucht Menschen, die auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen (Selbstwert), und darauf, dass sie die Gesellschaft aktiv auf der Basis dieser Fähigkeiten mitgestalten können (Selbstwirksamkeit). Kurz: Eine Demokratie braucht Menschen mit einem stark ausgebildeten Bewusstsein für die eigene Integrität. Ich-Stärke. Selbstwertgefühl.

Wo liegt die Ursache für unsere Untertanenhaltung? 

Wie ist es zu erklären, dass derzeit so viele Menschen eine „Untertanen-Haltung“ ausgebildet haben? Die Ursache liegt zum einen darin, dass in Deutschland noch immer – unbewusst – eine Obrigkeitshaltung durch soziale Prägung internalisiert ist, und zum zweiten darin, dass diese Haltung durch Institutionen und Strukturen weiter verfestigt wird, statt sie gezielt und systematisch zu unterlaufen:

Wer selbst zur Anpassung erzogen wurde, ist in gewisser Weise immer von der Bewertung und Bestätigung durch den „inneren autoritären Vater“ abhängig – also durch die Anerkennung von „als „höher gestellt“ empfundenen Personen“.

Wir alle sind von diesem inneren autoritären Vater geprägt – nämlich von der weißen, männlichen, akademischen Perspektive, die seit sehr langer Zeit unsere gesellschaftlichen Strukturen prägt.

Es geht hier NICHT gegen die Männer. Es geht um den ganz natürlichen Vorgang, dass wir, die „pubertierenden Kinder“ erwachsen werden und uns von unseren „Eltern“ frei spielen, emanzipieren müssen. Wenn die Kinder selbständig und unabhängig von den Eltern werden, ist das für die Eltern IMMER ein Schmerz. So reagieren auch die weißen, akademischen Männer derzeit auf unsere emanzipatorischen Impulse: Sie sind nicht erfreut. Klar. Es fühlt sich stressig an. Pubertierende Kinder sind stressig und der Prozess bis zur eigenen Unabhängigkeit ist „ruckelig“ – aber GESUND. Die Erziehung der Eltern ist gelungen, wenn die Kinder selbständig und selbstbestimmt leben können und nicht mehr von ihnen abhängig sind. Dann ist der Prozess geglückt.

Es geht darum, zu verstehen, dass es über Jahrhunderte weiße, akademische Männer waren, die unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unser soziales Verhalten geprägt haben – und das ist eben nur EINE Perspektive auf die Welt – unter vielen anderen. Aber es ist DIE Perspektive, an der wir uns logischerweise ausrichten. Denn es ist der gedankliche Raum, in dem wir sozialisiert wurden. Und jetzt reicht diese eine Perspektive nicht mehr, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Wo spüren wir diese Abhängigkeit vom „inneren Vater“? Wo kommen wir in Konflikt mit unserer eigenen Integrität? Mit dem, was uns eigentlich ausmacht? Das erkennen wir selbst persönlich immer daran, wenn wir einen eigenen Impuls, einen Gedanken oder ein Gefühl unterdrücken – aus Angst, dass wir „peinlich“ sind, „dumm rüber kommen“, oder sonstwie abgewertet werden.

Diese innere Abhängigkeit von äußerer Bestätigung blockiert das Ausbilden unserer eigenen Integrität und unseres Selbstwertgefühls. Wenn mein Selbstwertgefühl vom Lob und der Anerkennung anderer abhängt (siehe auch Facebook und Instagram), verlerne ich die Fähigkeit, meine eigenen Bedürfnisse und Potentiale wahrzunehmen und diesen zu vertrauen. Ich verlerne es, frei vom Urteil anderer zu sein und verliere die Fähigkeit, Regie über mein eigenes Leben zu führen. Das tun dann andere. Und das war übrigens schon immer gefährlich (Filmbeispiel: Michael Hannecke, Das weiße Band).

Wir alle sind in gewisser Weise zur Anpassung sozialisiert worden und haben über Anpassung an die herrschende weiße, männliche, akademische Perspektive Anerkennung erfahren – oder Abwertung, wenn wir ihr nicht entsprochen haben – und insofern sind wir alle nicht frei vom internalisierten „inneren autoritären Vater“.

Emanzipatorische Prozesse sind grundsätzlich anstrengend und schmerzvoll – aber sie lohnen sich

Diese innere Abhängigkeit kann nur überwunden und Selbstbestimmung nur erreicht werden durch einen eigenen inneren emanzipatorischen Prozess, welcher grundsätzlich mit Kraftanstrengung und Schmerz verbunden ist.

Der emanzipatorische Akt besteht darin, sich von dieser inneren Abhängigkeit zu befreien und stattdessen die eigene Integrität zum Maßstab des Handelns zu machen.

Was sind die Grundvoraussetzungen für so einen emanzipatorischen Prozess, für ein Verlassen der Gehorsamshaltung zugunsten von Integrität, Mündigkeit und Selbstbestimmung?

Das auf den ersten Blick vielleicht erstaunliche ist, dass ein emanzipatorischer Prozess bei denjenigen am wahrscheinlichsten ist, bei denen der Schmerz durch Ausgrenzung am größten ist.

Denn: Wer „satt in der Mitte der herrschenden Norm sitzt“, ist häufig blind – sowohl für die eigenen als auch für die Bedürfnisse und Grenzen ANDERER Menschen, weil er für die eigenen Bedürfnisse nie wirklich ernsthaft kämpfen, nie wirklich – schmerzhaft – dafür einstehen musste.

Dabei wurde aber schleichend und oft unbewusst die eigene Integrität zugunsten der allgemeinen Anpassung an die herrschende Norm unterdrückt.

Deswegen sind es oft auch genau diejenigen, die KEINE ernsthafte Herabsetzung oder Ausgrenzung erfahren haben, die die Tatsache leugnen, dass die äußeren, gesellschaftlichen Start-Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse sehr ungleich verteilt sind. Auch ich konnte das erst sehr spät SEHEN.

Denn diejenigen, die sich innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Denkmuster ohne größere Opfer anpassen können, wie übrigens auch ich selbst, wissen erstmal nicht, was Freiheit IST, weil sie nie darum kämpfen mussten.

Sie sind äußerlich eigentlich frei. Innerlich aber unfrei, weil sie unbewusst angepasst, unbewusst gehorsam sind und sich der eigenen, individuellen Wirksamkeit gar nicht bewusst. So ging es auch mir selber, bevor ich schockartig aus dieser Blase raus katapultiert wurde.

Tatsache ist: Die einen starten auf einer äußerlich, also gesellschaftlich vorteilhafteren Basis als die anderen. Diese Menschen – also WIR “weißen Kartoffeln” – hätten rein äußerlich beste Voraussetzungen zur Selbstbefreiung, nutzen sie aber nicht (oder zu selten), weil wir innerlich kein Bewusstsein für die eigene Integrität entwickelt haben:

Uns fehlt die Schmerzerfahrung wirklicher Ausgrenzung und deswegen können wir gar nicht SEHEN, was das Problem ist bzw. was ein emanzipatorischer Prozess für uns persönlich bedeuten könnte. Und deswegen sind wir innerlich unfrei. Und fühlen uns diffus ohnmächtig, obwohl wir es de facto nicht sind.

Die anderen erleben den Schmerz der Ausgrenzung so existentiell, dass sie quasi gezwungen sind, sich dazu zu verhalten. Entgegenhalten oder anpassen. Beides auf Kosten der eigenen Integrität. Dadurch entsteht spürbarer und unerträglicher Schmerz. Diese Menschen SEHEN das Problem also zwangsläufig, weil es gar nicht zu ignorieren ist. Sie sehen sowohl die systemische Seite, also das Problem im Außen, als auch spüren sie es im Innern.

Man könnte also sagen, sie hätten die „besseren inneren Startvoraussetzungen“ für einen emanzipatorischen Prozess, zumindest was Bewusstsein angeht, aber die äußeren, gesellschaftlichen Bedingungen sind für sie unverhältnismäßig viel schwerer, als für diejenigen, die selten oder nie Ausgrenzung erleben mussten.

Die Voraussetzungen für emanzipatorische Prozesse und das zugrundeliegende Problem (der Satten auf der einen und der Rebellierenden auf der anderen Seite) werden nicht erkannt 

In diesem Abgrund zwischen den Ausgangssituationen liegt das Drama begründet, das sich derzeit im Schulsystem – und weit darüber hinaus – abspielt:

Es gibt die „Satten, Blinden, Unbefreiten“, die sich ohnmächtig FÜHLEN, und die „Ausgegrenzten, Bewussten”, die ohnmächtig SIND und darum kämpfen, sich selbst zu befreien.

Mit diesen Befreiungs-Versuchen lösen sie Abwehr und Ängste bei den Satten aus, weil diese Emanzipations-Impulse die verdrängte Schattenseite der „Satten“ triggern.

Denn bei denen meldet sich dann sehr unangenehm das verdrängte Selbst.

Statt sich mit den Bewussten, mit den “Freiheits-Kämpfer*innen” zu verbünden, stellen sich die Satten reflexartig vor die herrschende Norm und verteidigen “bewusstlos” ihre „Burg“ und sehen gar nicht, dass diese, ihre Burg eigentlich ihr Gefängnis ist. Ein mentales Gefängnis, das sie zeitlebens in eine geduckte Anpassungshaltung zwingt.

Durch diesen Ohnmachts-Mechanismus, die Burg verteidigen zu “müssen”, werden die äußeren Bedingungen für die Ausgegrenzten wiederum noch weiter verschlechtert. Für die anderen – IN der Burg – aber auch. Denn glücklich ist mit diesem Zustand keiner. Weder draußen vor der Burg, noch in der Burg.

Deswegen ist es wahrscheinlich gerade so attraktiv, sich in eine vermeintlich goldene Vergangenheit zu flüchten und sich Augen und Ohren in Bezug auf die Zukunft zuzuhalten. Dabei müssten wir nur ALLE die Burg verlassen und draußen gemeinsam etwas Neues starten.

Settings, die Emanzipation begünstigen, zu erschaffen, ist zentrale Aufgabe von Bildung

Aber – ich bin hoffnungsvoll. Wie wir immer wieder sowohl aus Filmen (Billy Elliot, Harvey Milk, Forrest Gump) als auch aus eigener Erfahrung wissen:

Emanzipatorische Prozesse können – trotz aller benannten Probleme – von außen angestoßen, bzw. initiiert werden – durch andere Menschen und durch emanzipatorische Settings. Dadurch können ungleiche Startvoraussetzungen abgemildert und Ermächtigungsprozesse ermöglicht werden. Und genau das ist eigentlich Aufgabe von Bildung in einer Demokratie.

Ein emanzipatorischer Akt ist notwendig, um Selbstwert zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren und ein freier mündiger Mensch zu werden. Nur, wer die internalisierte Untertanen-Haltung überwindet, kann unsere Demokratie aktiv mitgestalten, Verantwortung übernehmen und (im Bildungsbereich und anderswo) in anderen Menschen emanzipatorische Prozesse initiieren.

Nur wer selbst frei ist, kann Freiheit in anderen ermöglichen.

Das Drama in Schulen ist die internalisierte Gehorsamshaltung

Das Drama derzeit ist, dass aber ausgerechnet unser Bildungssystem eine Gehorsamshaltung weiter verstärkt, statt ihr bewusst entgegen zu wirken. Trotz buntem, freundlichen, demokratisch erscheinenden äußerem Erscheinungsbild wirkt in unseren Schulen noch immer ein tief verwurzeltes Obrigkeitsdenken:

Die Lehrpersonen verweisen auf die „Anforderungen von oben“, die sie „erfüllen müssen“, weswegen sie ihren Beruf „nicht so ausüben können, wie sie es eigentlich wollen“. Das heißt übersetzt: Nicht die innere Integrität ist der Maßstab ihres Handelns, sondern die Anforderungen des „inneren autoritären Vaters“. Lieber die äußeren Anforderungen erfüllen und sich dadurch wie ein*e korrekte*r Pädagog*in fühlen, als die eigenen inneren Widerstände und Grenzen ernst zu nehmen und Veränderung zu initiieren.

Die Schüler*innen richten ihr gesamtes Handeln nach den Noten aus (Was muss ich tun, um eine Eins zu bekommen?) und die Eltern unterwerfen sich diesem Anpassungs-System trotz massiver persönlicher Zweifel aus einer diffusen Angst heraus, ihr Kind könnte ansonsten in dieser Welt nicht bestehen. Als hätten genau diese Kinder mit der Gestaltung der Welt nichts zu tun und wären bereits jetzt „Untertanen“, die sich eben der Welt unterordnen müssen, so wie sie jetzt ist. (!) Damit verbauen wir die einzige Chance, die wir auf eine andere, bessere Welt haben! Denn diese Kinder werden die zukünftige Gesellschaft gestalten!

Alle handeln auf der Grundlage von internalisiertem Gehorsam und unterstützen auf diese Weise ein Bildungs-System, das eigentlich niemand mehr will und das vor allem nicht zukunftsfähig ist.

Zusammengefasst: Fremdbestimmter Anpassungszwang, wie er in Schulen herrscht, blockiert das Ausbilden der eigenen Integrität und des eigenen Selbstwerts. Und wer selbst kein Gefühl für die eigene Integrität besitzt, wer selbst nicht frei ist, kann in anderen keinen Selbstwert erzeugen. Ein Mensch, der selbst nur folgt, erwartet, dass auch die anderen folgen, denn etwas anderes kennt er sie es nicht.

Menschen dagegen, die dem gesunden Impuls folgen, ihre Integrität zu verteidigen, werden als Störung oder gar als Bedrohung wahrgenommen. Kinder, die sich widersetzen, werden durch die Instrumente des Gehorsams: Belohnung, Bestrafung, Beschämung, Manipulation in die (Anpassungs-) Spur gebracht. Auf Kosten ihrer eigenen Integrität. Auf Kosten von wirklich gelebter Vielfalt. Auf Kosten von Gleichwürdigkeit und demokratischen Werten.

So läuft das Bildungssystem – mit seinen bunten fröhlichen Gruppentischen, gut gemeinten Demokratie-Plakaten an der Wand und dem (leeren) Versprechen von Vielfalt – in Wahrheit als große Untertanen-Produktionsmaschine immer weiter.

Das ist eine Katastrophe.

Was müssen wir tun?

Unsere wichtigsten Aufgaben sind es, erstens: 

Anzuerkennen, dass die weiße, männliche, akademische Perspektive (also unser innerer „Vater“) noch immer unser Denken und unsere Sichtweise bestimmt und dass wir – sozialisiert mit dieser Perspektive – nicht frei sind von internalisiertem Gehorsam und Anpassungszwang. 

Zweitens: Wir müssten trainieren, diese Perspektive weiträumig zu verlassen und stattdessen die Integrität aller in den Blick nehmen und stärken.

Drittens: Wir könnten Strategien entwickeln, wie wir emanzipatorische Prozesse konkret initiieren können. Dies gelingt erstens über Beziehung, zweitens über Beziehung, drittens über Beziehung. 

Dafür brauchen wir Viertens: Klar ausformulierte Partizipationskonzepte, durch die Beziehungs- und Erfahrungsräume geschaffen werden, in denen Integrität und Gleichwürdigkeit als persönlicher Gewinn erfahren werden können und 

fünftens brauchen wir eine transparente Vermittlung von Führungskompetenz. Das bedeutet Selbstführung und verantwortungsvolle Führung anderer.

Das Mischpultprinzip ist EIN konzeptioneller Vorschlag, wie diese emanzipatorische Reise gelingen kann. Es gibt noch viele andere. Aber auf den Weg machen müssen wir uns selbst.

Niemand kann befreit WERDEN. Wir müssen uns selbst befreien.

Und das ist auch mit Anstrengung und teilweise unwohlen Gefühlen verbunden:

Beim Aufstieg aus der dunklen Höhle ins Licht nach draußen ist das blendende Sonnenlicht leider schmerzhaft. Aber wer einmal draußen ist, wird diejenigen bemitleiden, die noch gefesselt unten in der Höhle – oder in der Burg – hocken und die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit halten.

Für mich hat das Höhlengleichnis von Platon eine besondere Bedeutung, weil ich diesen Stoff gleich zu Beginn meiner Zeit als Lehrerin an einer Hauptschule in Neukölln als Ausgangspunkt für eine biografische Stückentwicklung wählte und mir von vielen Leuten anhören musste, das „sei ja viel zu schwer für „diese“ Schüler*innen.

Als mir „meine“ Jugendlichen damals an der Anna-Siemsen-Hauptschule Neukölln ihre erste eigene Interpretation des Höhlengleichnis präsentierten, dachte ich: Wow. Und war fassungslos. Es war der Startpunkt für mein Nachdenken darüber, wie wir alle raus aus dieser Höhle kommen könnten…

Und das frage ich mich seitdem jeden Tag:

Was können wir tun, damit möglichst viele den Aufstieg wagen und ihn durchhalten? Diese Frage halte ich für die entscheidende Frage unserer Zeit.

Sie lässt sich mit den Schritten und Phasen jeder großen Emanzipationsbewegung beantworten. Der einzelne Mensch erkennt, dass nicht er selbst das Problem ist, sondern das System, das ihn umgibt. Er macht sich „auf in die Stadt“, geht dahin, wo die anderen sind, die ebenfalls SEHEND geworden sind, um sich mit ihnen zu verbünden. Gemeinsam entsteht eine Bewegung, die im besten Falle Veränderungen zum Positiven bewirkt – langfristig für ALLE.

Jede Emanzipationsbewegung beginnt beim einzelnen Menschen. Bei dir. Willst du ein Opfer der Umstände und eine Untertanin oder Untertan sein oder eine Mutmacherin, Mutmacher für andere? Die Antwort liegt bei dir selbst.

Abschluss: Deine persönliche emanzipatorische Challenge

Nimm dir für die nahe Zukunft EINE emanzipatorische Handlung vor. Eine kleine emanzipatorische „Challenge“, wo du dich mal gegen deinen “inneren Vater” durchsetzt. Ich gehe jetzt hier in Vorleistung:

Als ich diesen Vortrag vorbereitete, dachte ich: Am Ende muss das Musikstück “Read all about it” von Emile Sande im Raum sein, während alle über ihre persönliche emanzipatorische Challenge nachdenken. Aber dann dachte ich: Das geht GAR NICHT! Das ist zu pathetisch, zu emotional. Dann nimmt keiner mehr ernst, was ich vorher gesagt habe. Aber plötzlich kam mir dann die Erkenntnis: Das sind gar nicht MEINE Gedanken! Da ist die weiße, männliche Perspektive! ICH habe aber eine andere. Und ICH denke: Intelligente Gedanken sind auch MIT Gefühlen möglich! Sogar besser: Wir sollten die Gefühle endlich mit rein nehmen! Statt sie zu verdrängen und als etwas Minderwertiges zu betrachten. VERDRÄNGTE Gefühle sind nämlich das Problem, nicht die Tatsache, dass Menschen Gefühle HABEN. Wir sollten lernen, unsere Gefühle wahr zu nehmen, sie bewusst zu machen, darüber zu reden und sie mit unserem rationalen Denken zu verbinden.

Und: Sollte sich jemand von euch von der Musik manipuliert fühlen: Jeder kann ja jederzeit Veto machen und raus gehen! WO ihr über eure Challenge nachdenkt, ist ja eure Sache! Wenn ihr selbstbestimmte Menschen seid und ich offenlege, warum ich dieses Musikstück wähle, muss ich euch nicht unter Naturschutz stellen, so nach dem Motto: Oha, hoffentlich werden die jetzt nicht mit Haut und Haaren manipuliert! Ihr könnt selbst für euch sorgen.

Ihr könnt einfach selbst überlegen: Darf dieses Musikstück im selben Raum sein wie ihr, wenn ihr über eure Emanzipations-Challenge nachdenkt? Und DÜRFEN auch Gefühle hochkommen – und sind dann trotzdem klare kluge Gedanken möglich?

Oder ist es nur dieses: Findet “der Papa mich dann intellektuell genug?”

Vergesst den Papa! Schaut selbst, wie es euch geht, macht das, was sich für euch richtig anfühlt. Und ganz ehrlich:

ICH habe in meinem ganzen Leben noch nie erlebt, dass echte Gefühle dumm machen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sollten uns trauen, Gefühle zu haben und darüber zu sprechen. Sie machen uns erst zu Menschen.

Ich danke euch und übergebe den Raum an Emile Sande mit ihrem Lied „Read all about it“… DANKE.