Türwächter*innen der Freiheit – 10. Kapitel

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 10. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß! 

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

10 Neustart

Nachdem Taher gegangen ist, erwarte ich die Auflösung der kleinen Park-Idylle, denn wahrscheinlich wollen jetzt ALLE nach Hause, und da ich Taher nicht aufgehalten habe, steht mir jetzt auch irgendwie nicht so wirklich ein überzeugendes Argument zur Verfügung, warum die anderen nun bleiben sollen. Aber zu meiner Überraschung macht keiner Anstalten zu gehen. Daher nutze ich erstaunt die Gunst der Stunde und versuche das kleine Gespräch in Gang zu halten, das sich vor Tahers Abgang entwickelt hatte und es läuft ganz gut, ich kann kaum glauben, dass sie so offen und unverblümt weiter quatschen. Meltem plappert fröhlich über die ungerechte Situation in ihrer Familie zu Hause: Ey voll unfair – ich hab fünf Brüder und eine kleine Schwester und raten Sie mal, wer immer kochen, abwaschen, aufräumen muss, dies das… IMMER meine Schwester Gülüzar und ich. Warum dürfen die Männer immer so Prinzen sein? Das ist VOLL ungerecht! Und mein jüngster Bruder Can ist 12 und darf einfach so raus. Ich nie! 

Ich: Und sagst du dann was? 

Meltem: Nee, geht gar nicht, mein Vater wird dann sauer. 

Ich: Und deine Mutter?

Meltem macht ein „ts“ Geräusch und rollt mit den Augen. Keine Antwort. 

Fatima: Bei mir is auch so: Die Männer dürfen alles – raus gehen, feiern, rauchen, dies das, aber wenn meine Tante mal ne Zigarette auf dem Balkon raucht, – Schüüüüsch….(sie zieht dramatisch die Augenbrauen hoch)

Selina: Aber trotzdem, wallah, die Frauen sind die Chefs, man… 

Die Jungs johlen spöttisch, lachen, werfen sich Blicke zu. 

Momo: STOOORY! – Alter!!! Wo lebst DU denn, du Pussy? 

Fatima reckt ihr Kinn nach vorne: Ey pass mal auf du Muschi, du weißt GAR NIX! Ohne die Frauen sind die Männer kleine Babies, die machen doch nur so Show nach außen, man, aber wer regelt denn den ganzen Alltag? 

Momo: Ey Schüüüüsch, übertreib ma nich! 

Fatima: Also mein Vater sitzt nur so mit seinen Kumpels rum und raucht Shischa! Aber meine Mutter geht aufs Amt und kümmert sich ums Geld, um Essen, Trinken, Putzen, dies das, ALLES eigentlich und sie kümmert sich um die Familie, um die ganzen Probleme von allen und so… 

Momo: Das heißt ja nicht, dass sie Chef ist… Die Männer sind die Chefs, man, egal, was die machen… 

Fatima: Ey, verPISS disch mal, du Opfer!!

Momo: Bist du jetzt so ne Emanzen-Schlampe geworden oder was? Voll hässlisch! Wallah! Pass ma auf, man, so heiratet dich keiner! 

Fatima: Wer hat gesagt, dass ich heiraten will, du Spast?

Ich fange gerade an, mir Sorgen zu machen, dass es gleich eskaliert, da lacht Momo zu meiner Überraschung los und klatscht mit Fatima ab. Beide scheinen sich bestens zu amüsieren. Sogar Kevin grinst ein bisschen, aber als er merkt, dass ich ihn anschaue, guckt er sofort nach unten. Ganz offensichtlich will er auf keinen Fall angesprochen werden, kein Wunder bei dem Stress, den er im Klassenraum mit Herrn Böhm immer aushalten muss. 

Fuad erzählt dafür jetzt von seinem Vater und seiner Firma im Libanon und einem riesigen Haus, das seine Familie mal hatte, direkt am Meer, in Beirut, voll schööön, müssen Sie mal hinfahren, Frau Plath. Aber jetzt wohnen wir Fünf-Zimmer-Wohnung Germania-Promenade, sieben Jungs, – Alter – das is echt eng, man. Meine Mutter dreht durch… Er lacht. 

Und was macht dein Vater jetzt?, frage ich. Fuad zuckt die Schultern. Nix, fernsehn gucken, dies das, der darf nicht arbeiten. Erlauben die in Deutschland nicht. 

Noch bevor ich darauf antworten kann, ergänzt Fuad mit einem Grinsen: Aber macht nix, wallah, der macht bisschen Geschäfte, der is n FUCHS, man.

Ich: Und vermisst du dein Zuhause im Libanon?

Fuad: Ja. Aber Berlin is geiler. Im Libanon war Krieg, deswegen sind meine Eltern nach Deutschland gekommen. Im Sommer fahren wir immer Libanon und besuchen unsere Tanten und Onkels. Aber meine Eltern warten auf deutschen Pass, damit mein Vater hier arbeiten kann. Meine Brüder auch. 

Ich: Sind deine Brüder jünger oder älter? 

Fuad: Alle älter.

Ich stelle mir eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Germania-Promenade vor mit sieben testosteron-pumpenden jungen Männern, einer rotierenden Mutter und einem Vater, der mitten drinsitzt und Fernsehen guckt und Fuad, der versucht Hausaufgaben zu machen. Obwohl. Wahrscheinlich ist da nicht so viel mit Hausaufgaben machen. 

Fatima hat jetzt die Fotos von der Hochzeit ihrer Cousine aus dem Libanon rausgeholt und endlich habe ich die Ehre, sie auch mal in Ruhe anzuschauen. Unglaublich kitischige Bilder mit roten Herzen und goldenen Rosen und Glitzer, einem unfassbar rosa-pink-farbenen Sonnenuntergang und einem Hochzeitskleid, das aussieht wie eine Sahnetorte. Aber Fatima strahlt, während sie mir eines nach dem anderen vorsichtig rüberreicht, als wären es Heiligenbilder. Offenbar ihr ganzer Stolz. Wie war das eben noch mal mit dem „Nicht-Heiraten“? Ich bekomme leichte Zweifel an ihrer flammenden Unabhängigkeitsrede von gerade eben, aber wer bin ich, das zu beurteilen? 

Es ist mir in diesem Augenblick auch egal, denn ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass die Stimmung so dermaßen entspannt ist und ich ENDLICH mal irgendwas richtig zu machen scheine. Ich mache eine Notiz an mich selbst: Wir müssen irgendwie aus diesem furchtbaren Klassenraum raus. Aber wohin? Und plötzlich weiß ich es. Die Aula. Die steht das ganze Jahr über leer und wird nur für Einschulungs- und Abschlussfeiern genutzt. Warum eigentlich? 

Bei nächster Gelegenheit frage ich den Hausmeister. 

Die steht unter Denkmalschutz, brummelt Herr Schulz. 

Und das heißt? frage ich-  mal wieder schön naiv.

Dit heißt, da darf keener rin. 

Aber die Feiern finden doch auch immer da statt, wende ich ein. 

Herr Schulz macht ein Gesicht, bei dem mir das altmodische Wort „unwirsch“ einfällt. Er schüttelt genervt den Kopf. 

Dit is wat anderet. Offizielle Anlässe. Aber wenn da jeden Tag die Gören drin rum toben, denn is da bald keen Möbel mehr auf`m andern. Die machen da in Null Komma Nix totale Verwüstung. 

Bevor mir eine kluge Antwort darauf einfällt, wendet sich Herr Schulz zum Gehen und weg ist er. 

Tja, das war wohl nix. 

Ich gehe zur Schulleiterin. Sie ist nicht erfreut. 

Die Aula steht unter Denkmalschutz, sagt sie. 

Ja. Das hat Herr Schulz auch schon gesagt. 

Na, dann wissen Sie`s ja schon.  

Aber kann man da nix machen?

Frau Rische schaut über den Rand ihrer Brille, ihre Augen starren mich an, wie die einer Gottesanbeterin. 

Was davon haben Sie nicht verstanden, Frau Plath? Die Aula steht unter DENK-MAL-SCHUTZ. 

Ich habe hier jetzt zu tun. Wenn Sie so freundlich sind, machen sie bitte beim Rausgehen die Tür hinter sich zu.

Alles klar. Denke ich. Aber wie war das noch mal mit der Schulrätin Frau Behrens? Hatte die nicht gesagt, sie würde die Hand über mich halten? 

Im Lehrerzimmer krame ich mein Portemonnaie durch, sie hatte mir doch ihre Karte…? Da ist sie. Ich wähle die Nummer. Automatische Ansage. Aha, Sprechzeiten bla bla… Ich denke, ok, dann rufe ich sie halt morgen an.

Der nächste Tag beginnt dann erstmal mit einer Enttäuschung. Irgendwie noch so ein bisschen beseelt von den Gesprächen im Park, komme ich gutgelaunt in den Klassenraum der 8b – aber. Es gibt leider keinen Anschluss an die Situation von gestern. Es ist eher so, als wären wir nie im Park gewesen. Ich rufe „Hallo“ und lächle. Niemand reagiert. Einige schauen kurz hoch, nehmen mich ausdruckslos zur Kenntnis und quatschen dann ungerührt weiter. Es ist wie ein kleiner Tritt in den Bauch. Auch Taher grinst nur kurz – kalt und spöttisch – so als freue er sich ein bisschen über meine offensichtliche Enttäuschung. Ich packe mein Lächeln wieder ein, mache mich innerlich hart. Ok.Los geht’s. Satzteile, sage ich einen Tick zu kühl (komme mir dabei allerdings vollkommen bescheuert vor) und beginne betont ungerührt, meine langweiligen Arbeitsblätter auszuteilen. Wollen wir doch mal sehen, wer kälter sein kann, denke ich. Aber eben. Ich bin bei solchen „Wettbewerben“ ganz klar die Lusche.  Taher liest in meinem Gesicht wie in einem Buch. Und offenbar versteht er meine Enttäuschung als Einladung, um ein bisschen weiter zu sticheln. Na? Dachtest du, wir sind jetzt Freunde, oder was, nur weil wir bisschen im Park sitzen? Wallah, wir sind NIEMALS Freunde, verpiss disch mal! Du bist ne LEHRERIN, ne Scheiß-KARTOFFEL, man! 

Es rieselt mir eiskalt den Rücken runter und für einen Moment ist mir richtig schlecht. Bloß keine Emotionen zeigen jetzt. REISS DICH ZUSAMMEN… 

Warum sind die immer so fies, denke ich? Was SOLL das? Wo kommt diese Freude her, wenn es ihnen gelingt, mich zu verletzen? Ich verbringe die Unterrichtsstunde in einer Mischung aus Wut – und Schiss, in Tränen auszubrechen. Sehr anstrengend. Danach sitze ich im Raucherzimmer auf dem knarzenden Sofa und bin so fertig, dass ich eigentlich gleich nach Hause fahren möchte. Schlafen. Aber. Ich will ja noch Frau Behrens anrufen. Jetzt erst recht, denke ich. 

Und im allumfassenden Gefühl des Scheiterns, ist es dann ganz besonders erstaunlich, wenn MANCHMAL Dinge dann DOCH klappen. Ein kurzes freundliches Telefonat und am darauf folgenden Montag sitzt Frau Behrens mit ihren blau geschminkten Augen, tiefblauer riesiger Rüschenbluse, klirrenden Armreifen, blau lackierten Fingernägeln und einer sehr lauten rostigen Lache raumfüllend im kleinen Schulleiterzimmer. 

Ach, nun sein Se doch ma nich so kleinkariert, Fau Rische, da brechen Se sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn die Plath dieses schöne alte Gemäuer hier mal n bisschen mit Theater belebt.   

Frau Rische reißt die Augenbrauen hoch: THEATER?

Frau Behrens runzelt kurz irritiert die Stirn und wirft mir einen fragenden Blick zu, setzt dann aber ungerührt ihre erstaunliche kleine Performance fort.

Ja, wissen Sie das denn gar nicht, Frau Rische? Die Plath ist doch ne Fachfrau für Theater! Deswegen hab ich die doch eingestellt! 

Frau Rische hat jetzt RICHTIG schlechte Laune, raunzt: 

Theater ham wa hier nich! 

Frau Behrens beugt sich mit ihrer wallenden Rüschenbluse und den klappernden Armreifen nach vorne und tippt mit ihrem beeindruckend knallblauen Fingernagel ihres Zeigefingers auf die Tischplatte:

Ja eben! Dann wird s doch mal Zeit! Man soll die Gelegenheiten beim Schopfe packen, sach ich immer, das ist doch TOLL für die Schule, wenns hier Theater gibt! 

Frau Rische sieht aus, als würde sie gefoltert. 

Aber Theater ist kein Fach. Das gibt’s gar nicht in der Stundentafel! Das ist hier kein Gymnasium!

Frau Behrens haut mit der flachen Hand auf den Tisch und ruft laut und fröhlich:

Na, dann machen wir eben ne Theater AG! Oder? Wie finden Sie das Frau Plath? Man kann ja erst mal klein anfangen, dann kriegen Sie den Aulaschlüssel und bieten da einmal die Woche am Nachmittag ne Theater AG an. Also ich find das GROSSARTIG!

Frau Rische schüttelt den Kopf: 

Da kommt sowieso keiner, das können Se doch gleich vergessen. 

Das wolln wir erstmal SEHN, widerspricht Frau Behrens und vermittelt insgesamt den Eindruck, dass die Theater-AG jetzt beschlossene Sache ist. Aber Frau Rische will sich offenbar nicht so schnell geschlagen geben. 

Also wenn schon ne Theater AG, dann macht die Plath das aber schön außerhalb Ihres Stundendeputats, ich brauch hier jede Stunde Deutsch und Englisch, Sie wissen ja selber, wie hier der Krankenstand ist und ich hab immer noch drei Stellen nicht besetzt, also für Experimente gibt’s hier KEINE Stunden, das sach ich Ihnen gleich. 

Es ist lustig, dass die beiden Frauen über mich reden, als wäre ich nicht anwesend bzw. ein kleines Kind, das zwischen seinen streitenden Eltern sitzt und den Mund zu halten hat. Insofern wartet Frau Behrens jetzt auch gar nicht meine Antwort ab, sondern beendet die Debatte mit einem lauten fröhlichen: Na dann ha`m wirs doch jetzt: Frau Plath kriegt ihre Theater AG und macht das in ihrer Freizeit. Dafür kann sie in die Aula, wann sie will. Ich geb dann gleich mal dem Herrn Schulz Bescheid, damit das mit der Schlüsselübergabe zügig über die Bühne geht, dann müssen Sie sich da gar nicht drum kümmern, Frau Rische, Sie haben ja hier genug zu tun. Alles Gute, und man sieht sich! Firma dankt! Nen schönen Tag noch, Frau Rische! 

Frau Behrens schiebt mit lautem Gepolter ihren Stuhl nach hinten, erhebt sich umständlich, aber vergnügt und strahlt mich an: Ja, dann komm Se gleich mal mit, Frau Plath, dann klärn wir das jetzt mit dem Schlüssel… Tschüss, Frau Rische…

Frau Rische nickt nur mit dem Kopf. Ihr Mund ist ein dünner Strich.

Wenige Minuten später stehe ich mit der riesigen blauen Rüschenbluse und einem sehr schlecht gelaunten Herrn Schulz im Hausmeister-Kabuff an einer großen alten Schlüsselwand, die so aussieht, als wäre sie noch aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben. 

Herr Schulz schimpft ohne Unterbrechung vor sich hin, aber gleichzeitig scheint er dabei – sehr langsam und sehr umständlich – die Schlüsselübergabe an Frau Plath vorzubereiten. Er scheint diese Katastrophe für unausweichlich zu halten – weil die blaue Rüschenbluse eine hohe Vorgesetzte ist – aber trotzdem möchte er auch deutlich kundtun, für welch unverantwortlichen FEHLER er das Ganze hält.  

Und nur, dass dit hinterher nich wieder heißt, der Herr Schulz hat dit erloobt und da den Schlüssel raus jegeben, wenn der Schaden erstmal da is, dit is ja allet ne totale Schnaps-Idee, dit sieht ja jeder Blinde mit nem Krückstock, aber dit stelln sich die Leute an ihren gemütlichen Schreibtischen da im Amt ja immer ganz anders vor, aber dit meen ick eben, dit is halt weit weg von ne Realität, und wer hat dit am Ende auszubaden? Die da oben sicher nich, die sitzen dann schön im Warmen, wenn bei uns dann wieder die ganze Kacke am Dampfen is, und das sach ich nämlich gleich: Dit sind allet Gangster und Idioten, diese Ausländergören, dit wissen wa ja alle, dit seh ick allet schon kommen, die ganzen Schäden, dit dauert doch keene drei Tage, dann is dit allet im Arsch, und dann ist dit Geheule groß, denn darf ick da wieder Überstunden machen und dit Janze uffräumen und reparieren, und wer bezahlt dit Janze am Schluss, dit is ja ooch nich raus, wer dit allet zahlt! Aber mich fragen Se ja nich, dit kenn ick schon, von oben heeßt dit immer: Lass di ma machen, diese Troomtänzer da mit ihrer Multi-Kulti-Fantasy, dabei klappt dit doch nich, dit sehn die aber nich, weil die da in ihren Elfenbeintürmen sitzen, und die müssen ja die Suppe ooch nich auslöffeln, aber eben: Mich hat ja keener jefracht. Mich fragt ja nie eener…

So in etwa geht es in unfassbarer Länge und Ausdauer ohne Pause weiter, während er missmutig mal diesen, mal jenen alten Schlüssel anfasst, irgendwelche Papiere und kleinen Zettel studiert, seine Brille auf und absetzt, seufzt, nach hinten läuft, hinten irgendwas rumpeln lässt, dann wieder nach vorne kommt, weitere Schlüssel in Augenschein nimmt, und das Ganze begleitet von diesem ewigen, resignierten Schimpf-Monolog, der ganz und gar ohne Antwort auskommt, es ist noch nicht mal klar, ob er überhaupt davon ausgeht, dass wir zuhören. Frau Behrens nickt zu alldem mit geduldigem Lächeln und weicht nicht von der Stelle. Irgendwann ist es dann so weit. Nachdem ich vier Zettel unterschrieben habe, halte ich den Schlüssel in der Hand. Nicht zu fassen. Ich begleite Frau Behrens noch raus zu ihrem Auto, in das sie sich keuchend und lachend hineinwuchtet, um mir dann noch mal durch die beschlagene Fensterscheibe verschwörerisch zuzuzwinkern und zu winken, bevor sich ihr kleines Auto dann über das Kopfsteinpflaster der Schulauffahrt rumpelnd entfernt. Ich atme tief durch – und gehe rauf zur Aula. Es ist bereits still im Schulgebäude, die meisten sind nach Hause gefahren, es ist 14.30, Kopierer aus, und als ich die Aulatür öffne, empfinde ich es fast als heiligen Moment. Der große Raum mit den hohen Decken, den riesigen, hellen Fenstern und dem alten Parkettfußboden wirkt wie eine alte, schöne Film-Kulisse, die still und geduldig darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Ich halte den Atem an und habe für einen kleinen Moment so ein lächerliches pathetisches Gefühl, dass sich hier noch „Großes“ ereignen wird. Langsam gehe ich über die knarzenden Holzdielen zur Tür zurück, drehe mich noch einmal um und schaue auf die Bühne, die stumm zurück zu schauen scheint. Frau Behrens ist ganz schön schlau, denke ich, und während ich meinen Schlüssel im Schloss herumdrehe, erlaube ich mir ein ganz kleines Grinsen. 

Türwächter*innen der Freiheit – 9. Kapitel

9 Kontaktaufnahme

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Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Meine Schultage in Neukölln schleppten sich so dahin. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich keine Versagerin war. Und dass die Messlatte für diesen Beweis darin lag, in welchem Maße es mir gelang, die Klassen „ruhig zu bekommen“. „Ruhig“ bekam ich die Klassen dadurch, dass ich mich in die große, allumfassende Depression einfügte: Arbeitsbögen verteilen, Noten geben, „solidarisch mit den Kollegen*innen sein“, in den Pausen mit den Kollegen über die „problematischen Jugendlichen“ klagen, Förderlehrpläne schreiben, die Schüler*innen wie durchgedrehte Patienten in einer Irrenanstalt betrachten. Und reihenweise „Abschulungen“ abnicken. Sobald ich irgendetwas anderes versuchte, wurde es bei den Erwachsenen laut, gemein und hässlich, bei den Jugendlichen mitunter auch mal wild und lustig – aber dann gerieten die Dinge außer Kontrolle und ich wurde zur Schulleitung zitiert und runter geputzt. Ich fuhr dann geknickt nach Hause und dachte: Du bist einfach keine gute Lehrerin. Du schaffst es nicht. 

Jeden Morgen ging ich am Schuhladen vorbei und las das Schild: Verkäuferin gesucht. Jeden Morgen dachte ich: Vielleicht solltest du das machen und mit der Schule aufhören. Dann sitzt du da in diesem Laden und kannst Bücher lesen. Und hin und wieder mal jemanden beim Schuhe-Kauf beraten. Ist doch ein Traumjob! In der Schule hat es einfach keinen Zweck. 

Das Erschreckendste war: Es gab niemanden mehr, mit dem ich reden konnte. Mein privates Umfeld im Prenzlauer Berg hätte nicht weiter von meiner täglichen Realität entfernt sein können. Wenn ich versuchte, von meinem Alltag zu erzählen bzw. von meinen Gefühlen und Gedanken dazu, stieß ich auf freundliche, aber reservierte Ablehnung. Offenbar hatten meine Freundinnen das Gefühl, ich würde mich ständig mit völlig übertriebenen Geschichten wichtig machen wollen. Auch meine Familie reagierte mit höflichem Desinteresse, Ungläubigkeit oder auch leichter Ungeduld. Was gehst du auch an eine Hauptschule in Neukölln? Selber Schuld! Oder: Und das war fast die schlimmste Reaktion – vorzugsweise bei Familienfesten: Reißerische Neugier auf „krasse Gangster-Geschichten aus Neukölln“. „Erzähl mal, Maike, das muss ja echt krass sein. Gehst du bewaffnet in den Unterricht? Also ich würde mich nicht trauen, da ohne Messer rein zu gehen. Hast du denn gar keine Angst? Erzähl mal was richtig Krasses…“ Was mich WIRKLICH beschäftigte, konnte ich nicht teilen. Die einzigen, die es hätten verstehen können – meine Kollegen*innen – taten so, als sei meine Verzweiflung ganz allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen: „Du bist halt ne Provinz-Muschi. Du musst lernen, dich durchzusetzen! Aber du bist ja immer noch so naiv und denkst, dass du dich bei denen einschleimen kannst! Du wirst auch noch merken, dass das alles kleine Arschlöcher sind!“.

Aber dann bewahrheitete sich wieder etwas, das ich schon seit der Kindheit wusste: Die Rettung kommt immer von außen – vom „schlechten Einfluss“ quasi. Von Menschen, deren Perspektive sich von meiner eigenen unterscheidet. Ich lernte Carmen kennen. Carmen war Familienhelferin in unserem Bezirk und für mehrere meiner Schüler*innen zuständig. 

Carmen erweckte das bereits tot geglaubte Pflänzlein wieder zum Leben. Ich staunte nicht schlecht, als wir herausfanden, dass sie Taher betreute. Taher: Der Junge mit den schönen Augen und dem bildhübschen Gesicht, der mich an meinem ersten Tag an die Tafel geschubst hatte und auch weiterhin – ganz der Gehilfe des Sheriffs – die Klasse terrorisierte und mich tagtäglich mit eiskaltem Blick auflaufen ließ. Spooky Taher. Wie ich ihn heimlich nannte. Unser Verhältnis hatte sich kein Stück gebessert. Ich war nur inzwischen dazu übergegangen, ihn weitestgehend zu ignorieren, um nicht Zielscheibe weiterer Ausbrüche zu werden. Die Polizei und so weiter, ihr wisst schon. Jetzt saß da plötzlich eine strahlende Person in einer Kreuzberger Kneipe vor mir, blies Zigarettenrauch in die Gegend und sagte: Ach. Das ist ja SCHÖN! DU unterrichtest jetzt Taher! Na dann haben wir ja nun auch beruflich miteinander zu tun! Wie cool! Tja, Berlin ist ein Dorf! 

Da ich quasi aus einem Dorf komme, war ich anderer Meinung, widersprach ihr aber nicht. 

Carmen schien Taher ins Herz geschlossen zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Positives sie von ihm zu berichten wusste. Offenbar redeten wir von verschiedenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck („Pokerface“ war meine Sache nicht so sehr) schien mich allerdings irgendwie zu verraten. Wahrscheinlich hing mein Unterkiefer irgendwann auf der Tischplatte. Jedenfalls unterbrach sich Carmen irgendwann, legte den Kopf schräg und fragte: Also du magst Taher nicht so? 

Doch, doch… er ist nur nicht so… also er wirkt nicht so – glücklich in der Schule, ehrlich gesagt.

Carmen nickte begeistert. Ja, das kann ich aber auch SOWAS von verstehen. Weißt du, der ist hochintelligent, aber die Lehrer behandeln den alle, als wäre der ein Gangster. Die geben dem keine Chance. Der LANGWEILT sich zu Tode da an der Schule. Und das ist natürlich auch scheiße. Der kommt aus so ner Clanfamilie. Da stempeln die den sofort als Kriminellen ab. Das merkt der natürlich. Der kann ja machen, was er will, die Lehrer tragen dem sowieso von der Unterrichtsstunde eins an eine Sechs ins Klassenbuch ein. Dabei ist der hochbegabt. Der schreibt Gedichte und so und rappt. Also, das musst du echt mal hören. Da muss ich weinen, wenn ich das höre. Das ist echt ein kleiner Künstler! Ein super sensibler Mensch!

Ich lauschte ihr gebannt, dachte aber auch: Vielleicht ist sie ein bisschen naiv? Blendet sie nicht ein, zwei Realitäten aus?

Dennoch hatte sie – ohne es zu wissen – bei mir einen leisen Zweifel ausgelöst. Vielleicht gab es an Taher noch andere Seiten zu entdecken…

Ich begann an meiner roboterartigen Arbeitsbögen-Taktik zu zweifeln. Vielleicht sollte ich die einfach mal besser kennen lernen, dachte ich. Auf dem Weg in den verwahrlosten Klassenraum dachte ich eines Morgens: Ich kann da nicht mehr mit denen sein. Wir müssen raus da. Aber wohin? Ich fragte sie. „Oh geil, lass ma Britzer Park gehen“. Momo war aufgesprungen und in Null komma nix an der Tür, halb schon auf dem Weg nach draußen.

Ey, warte mal, Momo! rief ich leicht panisch. Ich muss das erstmal abklären!

Momo rollte mit den Augen. Aber nicht unfreundlich. Eher so nach dem Motto: Da gibt’s nichts abzuklären. Jetzt mach einfach! Sonst sagt irgendjemand, dass es verboten ist und dann machen wir es nie!

Ich wandte mich dem Rest der Klasse zu. Seltsam still war es. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie mich alle anschauten. Ich schaute zurück. Und dachte: Die sehen heute anders aus. Wie Kinder. Zum ersten Mal sehen die aus wie Kinder.

Wie Kinder, die für einen Augenblick bereit sind, mit mir zu kooperieren. Es war vollkommen klar: Sie wollten in den Britzer Park. Nicht, um Scheiße zu bauen und mich irgendwie vorzuführen oder zu verarschen. Einfach nur, weil sie – genauso wie ich – hier raus wollten und für einen Moment einfach hofften, dass wir genau das tun würden. Ich glaube, sie sahen in dem Moment mich selbst. Und ich sie. Es gab eine Verbindung. 

Und also entschied ich mich. Und wir gingen raus.

„Lass ma See gehen, da is schön. Ich weiß, wo“. Momo geht vor mir her und übernimmt die Führung. Was ich befürchtet hatte, nämlich, dass alle einen Riesenlärm veranstalten, tritt nicht ein. Kurz darauf sitzen wir im Britzer Park auf einer Wiese, die Vögel zwitschern und ich muss lachen. Warum ist mir das nicht schon viel früher eingefallen? Und ich denke an Carmen und fange an, diese Kinder mal zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Doch nee. Zunächst einmal passiert was anderes. Fuad hat einen Ball aufgetrieben und in Null komma nix spielt ein Großteil der Jungs auf der Wiese Fußball. Allerdings nicht lange. Eine „Britzer Oma“, wie Ali sie nennt, hat sich am Rand der Wiese aufgebaut und zetert: Fußball spielen ist hier verboten! Ich frage mich, wozu sonst eine große Wiese da ist, wenn nicht zum Fußballspielen. Und wie der Rest der Klasse ja überzeugend demonstriert, ist dann ja immer noch genug Platz, um in Ruhe auf einer Decke zu sitzen und leckere Sachen zu essen oder zu trinken. Picknicken wohlbemerkt. Aber das sieht die Britzer Oma offensichtlich anders. Es dauert nicht lange, dann haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der mich freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass Fußballspielen hier verboten ist. Ach so. Na dann. Die Jungs rollen entnervt mit den Augen, trollen sich aber vergleichsweise klaglos vom „Spielfeld“ und lassen sich rund um meine „Decke“ (die in Wahrheit meine Regenjacke ist), ins Gras fallen. Momo hat inzwischen angefangen, mir sein letztes Treffen mit seiner Sozialpädagogin vorzuspielen. Ich staune nicht schlecht. Das wirkt ziemlich realistisch, allerdings auch rasend komisch. Ich lache mich schlapp. Momo hat sowohl Gestus, Habitus als auch den Duktus der Sprache minutiös drauf. Er kann gar nicht mehr aufhören und spielt sich immer weiter in Fahrt. Taher sitzt etwas abseits, schaut aber offensichtlich interessiert der theatralen Einlage von Momo zu. Ich will nicht zu deutlich in seine Richtung schauen, um ihn nicht zu provozieren, bemerke aber sehr wohl den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht. Meltem, die ebenfalls zuschaut, lacht lauthals los: Ey wallah, Schüüüüüsch! GENAU so reden die! Voll die Roboters!

Ich: Roboters?

Meltem: Ja, die sitzen da so… (Meltem macht es vor, steife Körperhaltung, lebloser Gesichtsausdruck) und dann haken die ihre Fragen ab. Aber is nur, damit die da ihr „Check“ dran machen können…

Momo: Ja, genau, das interessiert die Null, was ich sage…

Jetzt klinkt Taher sich ein: Ja, voll so Zombie-mäßig… (er verstellt seine Stimme, macht einen süßlichen Ton, legt den Kopf leicht schräg) Ja, Taher, wie geht’s DIR denn damit?

Momo und Meltem lachen.

Meltem: Ja genau, das ist so der Text: Wie geht’s DIR denn damit? (Wieder große Heiterkeit).

Taher: Die sagen nur so auswendig ihre Sätze und haken ihre Zettel ab. Das sind voll die Opfer. Die interessiert das nicht, wer ich bin. Die hören auch nicht zu. Die sehen nur: Ah! Neues Problemkind. Dann haken die ihr Programm ab. Ich sag da nie was ehrlich. Das sind Verräter. Die petzen dann nur. Die wollen nicht wirklich helfen, die wollen nur ne Maßnahme abhaken. Dass die alles richtig gemacht haben. Für ihre Akte. Wenn du denen die Wahrheit erzählst, ficken die dich, wallah!

So lange habe ich Taher noch nie sprechen gehört. Ich bete, dass ich jetzt nicht gleich wieder alles versaue und frage vorsichtig:

Und was denkst du – WARUM machen die das so?

Taher: Weil die Angst vor uns haben.

Ich: Vor euch?

Taher: Ja. Nee. Vor allen. Die haben Schiss, sich zu zeigen, wie die sind. Die reden nicht ordentlich. Die reden so KÜNSTLICH (er verzieht das Gesicht, kräuselt die Lippen) und die verstecken sich. Weil die Angst haben. Das sind voll die Opfer, ey!

Momo: Ja, so Opfer-Kartoffeln!

Momo hält kurz inne, schaut mich an: Oh sorry, du bist ja auch ne Kartoffel.

Taher: Aber nicht SO ne Kartoffel. Nicht so`n Opfer. Du redest normal mit uns. Äh, Siereden normal mit uns.

Ich mache krampfhaft Pokerface. Aber ich ahne natürlich, was gerade passiert ist. Taher hat mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Die Panzertür ist nur noch angelehnt. Ich schleiche auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hinein.

Ich: Das versuch ich zumindest. Aber ist nicht so leicht, ich kenne euch ja noch nicht so gut.

Taher nickt anerkennend: Ja, aber versuchen zählt auch schon. Kann ja noch kommen!

Er grinst kurz. Dann wird sein Gesicht plötzlich wieder abweisend.

Ey, is langweilig man! Wann ist Schluss?

Ich: Es ist erst 12. Also ne Stunde müssen wir schon noch bleiben, wenn das hier als Ausflug statt Unterricht durchgehen soll.

Taher: Ist doch egal, ich geh jetzt nach Hause.

Er steht auf, nimmt seinen Rucksack und geht. Betont schlendernder Gang. Langsam entfernt er sich über die Wiese. Er weiß, dass ich nicht hinterher komme. Ich frage mich, ob dies ein Anfang war oder das Ende.   

Türwächter*innen der Freiheit – Zweites Kapitel

Die Ruhe vor dem Sturm

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig. (Alle Kapitel gibt es auch in der Hörfassung auf meinem Podcast: Auf meiner Seite bei „Maikes Podcast“).

Hamburg 1998. Nach dem Referendariat folgten dann die tatsächlichen Lehrjahre an einer musisch orientierten Gesamtschule in einer kleinen beschaulichen Stadt in Schleswig-Holstein nahe Hamburg. 

An einem heißen Sommertag, kurz vor den Sommerferien, betrat ich zum ersten Mal meine neue Schule, an der ich eine volle Stelle bekommen hatte. Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und musischem Schwerpunkt. Na denn. Dachte ich. Integrierte Gesamtschule. Das war ein Wort, das bei mir gemischte Gefühle auslöste. Meine Eltern hatten die Haltung: Da lernt man nix. Die klugen Kinder gehen aufs Gymnasium. Und die Kollegen an meiner Ausbildungsschule hatten beim Thema Gesamtschule immer entsetzt abgewunken: Da arbeitet man sich tot. Da hast du nach zwei Jahren spätestens einen Burnout! Allerdings hatten mir die Leute dasselbe prophezeit, als ich im Referendariat – zusätzlich zu meinem alltäglichen Pensum – das überdimensionierte Theaterprojekt durchgezogen hatte, und ich wusste: Es ist nicht die Quantität der Arbeit, die gefährlich ist…

Das Gebäude sah genauso aus, wie ich mir eine Gesamtschule vorstellte: Neubau, riesengroß, bunte Fensterrahmen und Geländer, der Schulhof so ein bisschen Abenteuerspielplatz-mäßig, alles in allem das Gegenteil von dem herrschaftlichen Gymnasium, das ich selbst als Schülerin besucht hatte. Im Sekretariat begrüßte mich eine junge, irgendwie zackig wirkende, blonde Dame mit einer schicken roten Brille in burschikosem Ton: Ach, hallo! Du bist bestimmt Maike, na, dann komm mal rein, willste nen Kaffee? Ich nickte etwas diffus und fragte mich, wie ich das finden sollte, dass die Sekretärin mich gleich duzte. In etwas lächerlich reserviertem Ton erkundigte ich mich nach dem Schulleiter, mit dem ich ja eigentlich verabredet war. „Ach, der Dieter, der sitzt gerade in einem Käfig“, erklärte mir die gutgelaunte Frau, während sie sich an einer zischenden und metallisch blitzenden Kaffeemaschine zu schaffen machte. Ich verstand nur Bahnhof und sah wahrscheinlich auch so aus. Sie lachte. „Ja, die Schüler haben den eingesperrt, heute ist ja Abi-Streich…“. Ich wusste darauf nichts zu antworten, vor allem, weil ich mich gerade selbst nicht mochte: Ich war irgendwie latent beleidigt, aber warum eigentlich? Weil ich einen Termin mit dem Schulleiter hatte und er sich offenbar gegen seine eigenen Schüler nicht durchsetzen konnte und sich in einen Käfig einsperren ließ? Oder weil mir dieses Geduze und dieses „der Dieter“ auf den Zeiger ging? Wo war ich hier gelandet? Konnte man das alles hier ernst nehmen oder war ich in einer „Pippi-Langstrumpf-Schule“ gelandet? Und wenn ja, warum war ich darüber jetzt eigentlich so bescheuert verstimmt? Während ich darüber nachgrübelte, stellte mir die Sekretärin einen dampfenden Kaffee vor die Nase. Milch? Ich nickte. Zu meinem Erstaunen goss sie mir aus einer glänzenden kleinen Kanne frischen, warmen Milchschaum in die Tasse. Der Kaffee schmeckte erstaunlich gut. So gut, dass ich für einen Moment meine alberne schlechte Laune vergaß. „Ich bin übrigens Mareike“, sagte die Frau, die ich immer weniger als „Sekretärin“ wahrnahm, sondern eher als „ältere Schwester“. Auch darüber war ich verwirrt. Kam das jetzt, weil sie Mareike hieß und kaum älter wirkte, als ich? Oder weil sie auf mich hier in diesem – wie ich zugeben musste ziemlich gemütlichem Raum – wirkte wie in ihrem eigenen Wohnzimmer bzw. wie in einer heimeligen WG Küche? Ich nahm das alles wahr und wunderte mich, warum ich das nicht einfach genießen konnte. Irgendetwas in mir sträubte sich und produzierte diese leichte „Pikiertheit“ und Unsicherheit, die ich aber selber doof fand. Warum bin ich so scheiße unlocker, dachte ich und trank meinen leckeren Kaffee. Wo hat es in einer SCHULE jemals so einen leckeren Kaffee gegeben? Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, während Mareike mir gutgelaunt irgendwelche Sachen erklärte, die ich unkonzentriert aufnahm und sofort wieder vergaß. Und dann kam Dieter. 

Er stand im Türrahmen, strahlte mich an, als hätte er den ganzen Tag nur auf mich gewartet und rief: „Na, da ist sie ja! Das ist ja eine Freude! Hast du gut hergefunden? Wie schön, dass wir uns jetzt endlich persönlich kennen lernen, ich habe ja schon viel von dir gehört…“, er wandte sich an Mareike: „Und? Hast du ihr schon unsere Theaterräume gezeigt? Und unsere neue Mediathek?“ Er strahlte, als sei das seine ganz persönliche Weihnachtsbescherung. Mareike schüttelte den Kopf, „Nee, ich dachte, wir lassen es erstmal ganz gemütlich angehen und trinken einen Kaffee und außerdem machst du das doch so gerne, Dieter…!“ Sie lachte und Dieter schien sich zu freuen. „Ja, das ist großartig, dann machen wir das jetzt!  Dann komm mal mit, Maike. – Und ja, ach so: Ich bin der Dieter. Wir duzen uns hier alle, ist einfacher…“. Und so trank ich den letzten Rest Milchschaum aus meiner Tasse und folgte dann Dieter durch seine Schule… Und stellte fest: In der Tat. Eine Pippi-Langstrumpf-Schule. Aber ich fand es plötzlich gar nicht mehr ganz so doof. 

Dieters Schule war in jeder Hinsicht der Gegenentwurf zu meinem bisherigen Bild von Schule und überhaupt eigentlich der Gegenentwurf zu meiner gesamten bisherigen Sozialisation. Es gab 10 Theaterlehrer*innen und 8 Musiklehrer*innen an seiner Schule. Die Musikräume waren die schönsten Räume der Schule und mit allem ausgestattet, was ich mir beim Thema Musik hätte vorstellen können. Keyboards, Gitarren, Schlagzeug, Tonmischpulte, Ukulelen, Trommeln, Klaviere, Mikros, Kabeltrommeln, Blas- und Streichinstrumente,…es war unfassbar. Die Klassenräume sahen aus wie Wohnzimmer. Voller Pflanzen, Sitzecken, Bücherregalen, Bildern, Blumen, … Die Schülersprecherin der Schule war eine Hippie-Schönheit, wie sie eigentlich nur in Filmen vorkommt und organisierte ununterbrochen Aktionen zu den Themen Umwelt, Tierschutz und demokratischer Schüler-Beteiligung, es gab ständig kleine Aufführungen, gemeinsame Ideen-Sitzungen, Konzerte, Chor- und Bandproben, etc. Die Jugendlichen wirkten erwachsener und reflektierter, als ich es je gewesen war und gleichzeitig unglaublich offen und „gechillt“. Wenn ich anfangs in die Oberstufenkurse ging, in denen ich Deutsch unterrichtete, fühlte ich mich seltsam unterlegen und unsicher und zu jung für meinen Job und ich spürte den eindeutigen Wunsch, diesen strahlenden, jungen Menschen zu gefallen. Das merkten diese aufgeklärten Wesen offenbar sofort und statt sich über mich lustig zu machen oder die Rolle der „Lehrerin“ einzufordern, die sich „gefälligst mal durchsetzen sollte“, brachten sie mir eine Ernsthaftigkeit und Sympathie entgegen, die mich sprachlos machte. Es war, wie in ein großes samtweiches Wattetuch fallen. Innerhalb weniger Wochen fand ich mich mit ihnen in Diskussionen zur Weltlage wieder, ständig planten, dachten, organsierten wir Dinge, der Unterricht wirkte wie ein Sit-In zu den wichtigen Themen der Welt. Lehrkräfte, die von den Jugendlichen als „noch etwas verklemmt und/oder schüchtern“ empfunden wurden, lernten ihre Schüler*innen als geduldige und freundliche Unterstützer kennen, die ihnen liebevoll dabei halfen, „aufzutauen“ und „mehr zu sich zu stehen“, „mutiger und ehrlicher zu werden“. Es war fast zum Lachen. Ich hatte das Gefühl, mehr von den Schüler*innen zu lernen, als umgekehrt. 

Was mich vor allem zutiefst erstaunte, war diese allumfassende fürsorgliche Haltung. Ich war es gewöhnt, dass immer irgendwer über irgendjemand anderen schimpfte, bzw. die Mängel einer anderen Person in den Vordergrund stellte. Hier aber schien es um Mängel nicht zu gehen. Wie jemand war, das war grundsätzlich erstmal anerkannt. Es gab nicht diesen doppelten Boden: Nach außen bin ich ganz freundlich zu dir, aber in Wahrheit halte ich dich natürlich für einen Freak. Nein. Hier war die Freundlichkeit einfach das Ergebnis von echter Neugier und Gelassenheit. Es gab so eine zufriedene Grundstimmung und den Willen, andere Leute gut zu finden, egal, wie ANDERS sie waren. Lästern war einfach nicht en vogue. Ich fragte mich ununterbrochen, was bei mir anders gelaufen wäre, wenn ich an SO einer Schule gewesen wäre.  

Und bei den Kleinen erlebte ich eine Begeisterung, über die ich ebenfalls fast lachen musste. Ich empfand Lust, Stunden vorzubereiten, die sie spannend fanden und dachte mir ständig neue Sachen aus. Es schien allseits erwünscht zu sein, möglichst wenig „klassischen Unterricht“ abzuliefern. Lieber in den Wald gehen, oder ein Theaterstück proben, oder auf dem Schulhof eine Aktion starten. Im Klassenraum zu sitzen und Arbeitsbögen auszufüllen schien eher suspekt, da war jemand offenbar zu faul, um sich kreative Gedanken zu machen. Nicht alle Lehrpersonen im Kollegium fanden das gut. Aber diejenigen, die es gut fanden, waren im Schulleitungsteam. Sie hatten gemeinsam mit Dieter diese Schule gegründet. Insofern fühlte ich mich sicher in meiner Freude, zum „Horizont zu galoppieren“, alles Mögliche ausprobieren zu dürfen. Nach ungefähr einem Jahr stellte ich überrascht fest, dass ich glücklich war. Dieter vertrat die These, dass „Umwege die Ortskenntnis erhöhen“ und dass daher „Fehler“ eine wichtige Quelle für neue Erkenntnisse darstellten. Es gab also quasi kein Scheitern. Nur immer wieder Neues probieren, in endlosen Teamsitzungen neue Pläne schmieden, durchgeführte Wochenpläne und Projekte auswerten und Neues planen und durch all das immer neue Erfahrungen sammeln. Ich arbeitete rund um die Uhr. Morgens um 7.30 Uhr war ich in der Schule. Abends um 20 Uhr wieder zu Hause – wenn nicht irgendwelche Abendveranstaltungen stattfanden, was auch häufig passierte, dann kam ich erst spät nachts nach Hause. Es gab ausreichend viele Kollegen*innen, denen ich mich so nahe fühlte, dass es sich wie Freundschaft anfühlte, so dass ich gar kein Bedürfnis danach hatte, meine Arbeitszeit von meiner privaten Freizeit zu trennen. Nix mit Work-Life-Balance. Work und Life war irgendwie dasselbe. Und schön! 

Dieter stellte mich in regelmäßigen Abständen vor neue Herausforderungen und „schickte“ mich zu zahlreichen Fortbildungen. In den Jahren in „Bullerbü“, wie ich diese Phase rückblickend bezeichne, ermutigte mich Dieter auch zu der zeitintensiven Weiterbildung für das Fach „Darstellendes Spiel“ und so erwarb ich nach zwei Jahren berufsbegleitender Weiterbildung und zahlreichen Wochenend-Lehrveranstaltungen auf Schloss Salzau meine Fachqualifikation für „Darstellendes Spiel“ in der Oberstufe, so dass ich nun quasi auch „offiziell“ Theaterlehrerin wurde. 

Es ist schwer für mich, diese sechs Jahre meines Lebens zu beschreiben, denn sie erscheinen mir rückblickend wie ein Traum. Vor dem Hintergrund, was danach passierte, erscheint mir alles wie eine heile und daher unwirkliche Welt. Dabei weiß ich, dass es natürlich auch an der Bullerbü-Schule hin und wieder Konflikte gab und Phasen, in denen ich dachte: Wie blöd ist diese Kollegin Sowieso, dass sie hinter meinem Rücken über mich lästert oder sich über mein neues Projekt aufregt und meine Arbeit boykottiert. Oder diese Eltern, die mir beim Elternsprechtag die Hölle heiß machen und alles besser wissen. Ich weiß, dass es manchmal solche Verstimmungen gab, und ich sie teilweise als Drama empfand, aber alles löste sich nach kurzer Zeit auf und war dann immer gar nicht so bedeutsam wie gedacht und im Großen und Ganzen war ich an einer Schule gelandet, an der Einigkeit darüber bestand, wie guter Unterricht und wertschätzende Pädagogik funktioniert. Das Kollegium verstand sich als eine Gemeinschaft, es wurde oft zusammengesessen, beim Bierchen geplaudert und gegrillt und sogar richtig krass zusammen gefeiert – getanzt und gesoffen bis in die frühen Morgenstunden. Ich hatte ein Zuhause gefunden. 

Vor allem aber weiß ich, dass sich in dieser Zeit eine Art Umbau meines Gehirns vollzogen hat: Aus der konservativen „Perlenschlampe“, die anfangs noch pikiert und skeptisch gegenüber dem lockeren Arbeits-Du und den projektorientierten Unterrichtsmethoden eingestellt gewesen war, wurde die Persönlichkeit frei gelegt, die offenbar darunter geschlummert hatte. Eben jene Person, die im Referendariat mal kurz aufgewacht war und sich mit einem verrückten Theaterprojekt aus den Zwängen des Gehorsams befreit hatte, diese Erfahrung aber noch nicht als Erfolg zu werten wagte. Tatsächlich verschwieg ich diese Episode meines Lebens über zehn Jahre lang, weil es mir peinlich war, dass ich ohne jegliche Kenntnis der Theaterpädagogik eine ganze Schule mit diesem Theaterprojekt aufgescheucht hatte. Erst viel später konnte ich mir diesen Abschnitt meines Lebens wieder als eine Erfolgsgeschichte zurückholen und für mich würdigen. Denn: Damals war ich noch zu sehr darauf aus, alles „richtig“ zu machen. Und es war – LOGISCH! –  „nicht richtig“, autodidaktisch ein Theaterstück mit allen Schüler*innen der Schule zu machen! Wie peinlich war DAS denn?? 

Ich wollte möglichst schnell Neues lernen, Neues kennen lernen, einen möglichst großen Abstand herstellen zu der naiven Maike, die ich im Referendariat gewesen war. Bzw. davor. Ich konnte nicht mehr nachvollziehen, wie ich das auf angebliche Leistung abzielende Gymnasium für den besten Schultyp hatte halten können. Diese Fixierung auf Wissensvermittlung, Abfragen von Wissen in Tests und Prüfungen und die wie in Stein gemeißelte Rollenverteilung Lehrer-Schüler erschien mir jetzt wie ein Schwarz-Weiß-Film aus den 50-er Jahren. Im Grunde so Feuerzangenbowle-mäßig. 

In Bullerbü dagegen lernte ich, was in Wahrheit alles möglich war, und dass der Lehrerberuf eventuell DOCH der spannendste Job der Welt war. Möglichkeiten, jeden Tag auf neue Erkenntnisse zu stoßen, gab es plötzlich im absoluten Überfluss. Dieter wurde für mich Vorbild in der Art und Weise, wie er seine Überzeugungen lebte. Er hatte in einer konservativ geprägten Kleinstadt eine eigene Schule gegründet, die Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue bewies, dass nicht äußere Benotung und Leistungsdruck der Schlüssel zu erfolgreichen Bildungsbiografien sind, sondern eine gleichwürdige Pädagogik, die den individuellen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das klang für mich bis dahin immer nur wie eine wichtigtuerische Worthülse. In „Bullerbü“ konnte ich Tag für Tag den Sinn dahinter erfahren und hautnah erleben, warum das tatsächlich so sein kann und vor allem: wie es funktioniert. 

So hätte diese Geschichte in „Bullerbü“ eigentlich mit einem Happy End und dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben ist, dann unterrichtet sie noch heute – zu Ende sein können. Aber offenbar war es noch nicht Zeit für das Happy End. 

Denn wie ist es vor diesem Hintergrund zu erklären, dass ich trotz dieser idealen Bedingungen nach einigen Jahren diese bleiernde Schwere empfand, eine leicht depressive Grundstimmung, so ein Gefühl: Ist mein Leben jetzt „fertig“? Die Tage waren ausgefüllt, alles lief wie geschmiert, alles war schön geordnet – wie „es sein sollte“. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis ich heiratete, eine Familie gründete, irgendwo eine Reihenhaushälfte mit kleinem Gartengrundstück kaufte und dann endlich „richtig erwachsen wurde“. Wenn ich durch die Fußgängerzone der beschaulichen Kleinstadt schlenderte, kam in mir die Angst hoch, dass jetzt alles immer so bleiben würde. Und andererseits fand ich mich kindisch mit dieser Sorge. Du musst jetzt endlich mal erwachsen werden, Maike, dachte ich, du kannst nicht immer weiter so einen auf „Studentin“ und WG und Party machen und dir alles offenhalten, du bist ja nicht mehr 20! 

Ich versuchte also krampfhaft, „erwachsen zu sein“, stellte mir vor, wie schön es ja auch sein könnte, in diesem Ort ein Leben lang zu bleiben, mit Freunden abends ein Bier im Garten zu trinken, zu grillen, über die Einrichtung der Reihenhaushälfte und die Angebote bei Aldi nachzudenken und einfach ein „ganz normales, gemütliches Leben zu führen“. 

Ja. Irgendetwas machte in mir drin nicht mit. Das merkte ich spätestens an einem Sommerabend, an dem ich alleine mit meinen zwei Einkaufsbeuteln nach Hause ging und plötzlich diesen Gedanken hatte, wie unglaublich gerne ich jetzt ein rohes Ei gegen diesen blitzsauberen Klinkerbau mit Kleingartenanlage werfen würde. Und das Schlimme war: Es blieb nicht bei diesem Gedanken… Ich warf das Ei. Und es machte bei der Landung ein sehr zufriedenstellendes Geräusch.  

Irgendwie war damit der „Damm gebrochen“ – so wie man irgendwann den ersten Kaffee trinkt, der noch nicht schmeckt, aber mit jeder weiteren Tasse dann immer besser. Ich begann die Innenstadt von „Bullerbü“ unter dem Aspekt zu betrachten, wo es am meisten Spaß machen würde, ein rohes Ei abzuwerfen. Ich fand tatsächlich, dass das Gesamtbild durch so einen schönen, runter glibbernden Eidotter erheblich aufgewertet wurde. Es gab tausend Orte, wo so ein Ei eine wunderbare Wirkung entfaltete. Bald warf ich – ohne Scheiß – täglich mehrere rohe Eier ab: Überall adelte ich diese hübschen, beschaulichen Kleinstadt-. Idyllen mit einem durchdachten, sorgfältigen kleinen Eierwurf. Es war wunderbar. 

Wobei. Meine Kompetenz, mich selbst von außen zu betrachten, war noch existent und so war ich in der Lage, zu bemerken, dass diese Eierwurf-Tätigkeit eventuell auf ein verdrängtes Problem schließen ließ. Vielleicht war ich einfach noch nicht bereit für die Reihenhaushälfte und ein gemütliches Leben?  

Und als ich diesen Gedanken endlich zuließ, brach der Zweifel mit aller Kraft an die Oberfläche: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein…? Ich bin 32 Jahre alt und scheinbar „angekommen“. In meinem Element. Alles gut. Alles toll. Alles ZU gut? Und werde ich jetzt einfach mein Leben lang so weitermachen? Kleinstadt, nette Kinder, nette Eltern, Klassenlehrerin, ein, zwei Theaterstücke im Jahr, im Sommer Abschlussprüfungen und eine Klassenfahrt, und dann Urlaub an der Ostsee? Bei dieser Vorstellung wollte ich sofort 10 Eier irgendwo hinwerfen. 

Wenn man wie ich aus Schleswig-Holstein kommt und in der nächsten großen Stadt – Hamburg – bereits gelebt hat, wie ich – dann scheint Berlin irgendwie die naheliegende Option zu sein. Einige Freunde und meine Brüder waren auch schon da. Und na klar: Berlin war der größtmögliche Gegenentwurf zur Kleinstadtsiedlung, die mich so beklommen machte.

So logisch mein Entschluss mir vorkam, so sehr verstörte er mein Umfeld. „Bist du völlig bekloppt? Was soll DAS denn jetzt?“. Die meisten Menschen in meinem Umfeld reagierten verstimmt. „Das wirst du bereuen!“ war die allgemeine Prophezeiung. „Das ist ein Riesenfehler, Berlin ist so ein hipper Sehnsuchtsort, wo alle was rein projizieren, aber in Wahrheit ist diese Stadt ein Riesendrecksloch und ein hartes Pflaster, da gehst du doch unter“. Solche Sätze kamen. Und auch so ein bisschen dieses Beleidigte: Wie kannst du jetzt einfach weggehen, wo Dieter so viel in dich investiert hat? In der Tat. Das war der einzige Mensch, vor dessen Reaktion ich mich wirklich fürchtete. Denn es stimmte: Dieter hatte jahrelang in „mich investiert“, wenn man es denn so definieren will. Ständig hatte er mich beurlaubt, damit ich mich fortbilden konnte. Und jetzt, wo diese „Investition“ hätte Früchte tragen können, an seiner Schule, verließ ich den Laden. Undankbares Pack. 

Doch der einzige Mensch, der NICHT verstimmt reagierte, war – Dieter. „Tja, Reisende soll man nicht aufhalten“, war sein unbeirrt gutgelaunter Kommentar. Und: „Ich habe mir sowieso gedacht, dass du früher oder später das Weite suchst. Du brauchst noch mehr Herausforderungen. Das ist mir ganz klar. Deswegen hab ich mir die ganze Zeit schon gedacht: Lass sie noch mal ordentlich was mitnehmen, bevor sie dann irgendwann geht. Der Rucksack, mit dem du uns verlässt, der soll möglichst voll sein. Ja. Das hab ich IMMER gedacht bei dir. Und Berlin. Das ist genau die richtige Stadt für dich, glaub ich. Ich freu mich über deinen Schritt. Da wirst du noch ganz viel lernen. Ich sag dir nur eins noch – wenn du willst – was ich dir jetzt so auf den Weg geben würde…“ Fragender Blick. Ich nicke. Dieter grinst und sagt: „Du musst dein Konfliktpotential stärken, Maike. Du bist noch zu lieb. Aber ich habe keine Zweifel, dass dir das in Berlin gelingen wird. Mein Rat vom alten Dieter“. 

Prophetischer Ratschlag, wie sich herausstellen wird…   

Und also entscheide ich mich ein zweites Mal „bekloppt“ zu sein, nehme tränenreichen Abschied und gehe nach Berlin. Nicht ohne zuvor meine Verbeamtung aufzugeben, da ich ansonsten eventuell jahrelang hätte warten müssen, bis jemand anders mit mir getauscht hätte. Ich wusste damals nicht, was ich „in ein paar Jahren wollen würde“. Aber JETZT wollte ich nach Berlin. Und „JETZT“ war im Rahmen einer Lebenszeitverbeamtung nicht möglich. Also versuchte ich, mich von diesem goldenen Käfig, der sowieso so viel Ängstliches mit mir machte, zu befreien. Was auch gelang. Aber nachdem ich mich in Berlin bereit erklärt hatte, freiwillig an einer Neuköllner Hauptschule zu unterrichten, schenkte mir der Berliner Senat – vielleicht als so eine Art Belohnung für meinen Mut – die aufgegebene Verbeamtung wieder zurück. Und so hatte ich sie bei meinem Start an einer sogenannten Neuköllner Brennpunktschule dann doch wieder „an der Backe“ und erlebte in Berlin einen Neuanfang – und meinen Untergang.