Türwächter*innen der Freiheit – Siebtes Kapitel

7 Rückblende – Der internalisierte Gehorsam

Wer lieber hören will, statt lesen, findet den Podcast zu diesem 7. Kapitel links in der Leiste bei „Maikes Podcast“, viel Spaß!

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Ausgelöst durch mein tägliches Scheitern als Lehrerin und die Sheriff-Atmosphäre kippte ich in einen ängstlichen, inneren Anpassungs-Modus. Ich kam NICHT auf die Idee, dass in meiner Anpassung bzw. Unterwerfung unter die Maxime „Hauptsache Disziplin“ und in der daraus folgenden Anstrengung, auch die Jugendlichen zur Unterwerfung zu zwingen, vielleicht genau der fatale FEHLER lag. Aber. Logisch:

Ich war selbst zeitlebens zum Folgen erzogen und sozialisiert worden. Es kam mir nicht in den Sinn, gegen mein inneres Unbehagen aufzustehen und andere Lösungen zu suchen. 

Skeptisch hätte ich natürlich werden können, im Angesicht dieser flächendeckenden menschlichen Verwahrlosung an diesem Ort. Hier waren nur Menschen unterwegs, die ALLE kein Gefühl mehr für sich selber hatten. Und in der Folge auch für niemand anderen mehr. Bewusstsein für die eigenen Integritätsräume gleich Null. Die Grenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten – und zwar sowohl der jungen als auch der Erwachsenen – waren so oft und so existentiell überfahren und geschreddert worden, dass jegliche gesunde Ich-Stärke eingegangen war. Stattdessen eine fette Mauer aus Wut und Zynismus, um die kümmerlichen Reste des verbliebenen Selbstwerts vor der endgültigen Auflösung zu bewahren. Hier wusste NIEMAND, was Integritätsräume waren und wie mensch in gegenseitigem Respekt kommunizieren könnte. Vielleicht war es auch gar nicht gewollt. Der Mechanismus, die (angeblich) eigenen Überzeugungen, (die in Wahrheit allerdings nur den unhinterfragten Rollen entsprachen), für die einzig richtigen zu halten und über alle anderen schlecht zu reden und alle anderen runter zu machen, war hier „State oft the art“. Wenn jemand es wagte, von Gleichwürdigkeit und gegenseitiger Achtung zu reden, wurde das mit Zynismus, mitleidigem Augenrollen oder Verachtung abgewatscht. 

Leider hatte ich dem nichts entgegen zu setzen. Das Wort Integrität kannte ich nicht. Ein Gefühl dazu hatte ich schon gar nicht. Was sollte das sein? – Unglaublich eigentlich. Und erschreckend im Rückblick. Denn wenn es um Führungskompetenz geht – und das ist ja DIE Schlüsselqualifikation für den Lehrberuf – dann ist Integrität die Grundbedingung bzw. der Boden, auf dem wir stehen. Und dieser Boden war nicht da. Bei niemandem. Null. Bei den Lehrkräften nicht, weil die sich seit Ausbildungszeiten in einer Anpassungsmaschinerie befanden, in der es gerade NICHT um ihre eigene Bedürfnisse und Grenzen ging und bei den Jugendlichen dementsprechend auch nicht, weil dort jeglicher gesunde Ich-Impuls als Störung betrachtet und im Keim erstickt wurde. Abweichendes Verhalten war komisch. Nicht vorgesehen. Unmöglich! Unverschämt! 

Das hatte lange Tradition. Auch bei mir war das Monster des internalisierten Gehorsams lange Zeit systematisch genährt worden. 

Kleiner Rückblick: Aufgewachsen bin ich in Glücksburg, einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands an der Ostsee. Papa Musiklehrer, Mama Englisch- und Sportlehrerin. Oberstudienräte am örtlichen Gymnasium. Konservatives Elternhaus. Autoritäre Erziehung. Drei Brüder. Zu Hause quietschte immer mindestens eine Geige. Regelmäßige Mahlzeiten am Familientisch. Papa macht jeden Tag Mittagspause und während der Zeit müssen alle todes-leise sein. Wehe dem, der stört. Kinder, die in der Mittagspause anrufen oder gar vor der Haustür stehen und klingeln, bekommen einen eindrucksvollen Tobsuchtsanfall meines Vaters geboten, der sich gewaschen hat. Wer das einmal erlebt hatte, klingelte auf jeden Fall NICHT mehr in der Mittagspause. 

Regelmäßig Hausmusik, vor Weihnachten Advents-Singen mit und ohne Gäste. Uns Kindern wird der christliche Glaube vermittelt, aber eher so als Sache, die sein muss, warum wird nicht erklärt und Sonntag geht’s ab in die Kirche. Vorm Einschlafen sage ich immer ein Gebet auf – wie ein Gedicht. Einmal gehe ich als etwa Fünfjährige ans Telefon und sage aus Versehen mein Gebet auf – direkt in den Hörer. „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch uns doch nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir“. Hatte die auswendig gelernte höfliche Ansage „Hallo, hier ist Maike Plath, mit wem ich spreche ich?“ mit dem anderen Text verwechselt. Auch bei den Weihnachtsliedern sind mir die Texte teilweise unklar, ich singe sie dennoch – stolz darauf, dass ich sie auswendig kann – mit viel Inbrunst zu Papas Klavierbegleitung mit. 

Vom Glauben ist mir heute nicht mehr so viel geblieben. Was mich aber immer noch überzeugt, ist der Grundgedanke der Nächstenliebe. Erstaunlich war für mich nur immer die Beobachtung, dass ausgerechnet die Leute, die eifrig von Nächstenliebe redeten, ihre Nächsten eigentlich nicht so sehr liebten.

Schon als Kind lernte ich, dass genau diejenigen die ganz besonders beflissen für die Nächstenliebe eintraten, andere Menschen tüchtig ausgrenzten und verurteilten. Von der Nächstenliebe ausgeschlossen wurden all diejenigen, die beispielsweise NICHT in die Kirche gehen wollten, oder NICHT heiraten und Kinder kriegen oder NICHT einer geregelten Arbeit nachgehen oder in irgendeiner anderen Weise ihr eigenes, abweichendes Ding leben wollten.

Aha. Dachte ich. Besser nix falsch machen. Denn dann gilt die (Nächsten-) Liebe leider nicht für dich. 

Glücksburg an der Ostsee, 1975-1990: 

Wie alle Kinder wollte ich unbedingt geliebt werden und ich merkte schon sehr früh, dass ich deutlich MEHR geliebt wurde, wenn ich die Erwartungen anderer grundsätzlich über meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche stellte. Erwartungen der anderen in meiner Kindheit waren: Nicht widersprechen. Viel lächeln, höflich sein, lieb sein. Mit angemessener Tonlage sprechen. Sich über Geschenke freuen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dafür dann trotzdem übertrieben dankbar sein. Briefe in Schönschrift schreiben: Liebe Tante Olga, vielen, vielen Dank für den tollen Serviettenring, den ich SEHR gut gebrauchen kann. (Nach diesem ersten gelogenen Satz, der schnell von der Hand ging, musste man dann noch die ganze Seite vollkriegen. Schwierig, denn wer war Tante Olga?). Gute Noten schreiben. Pünktlich sein. Zuverlässig sein. Den Sonntags-Spaziergang mitmachen, obwohl ich lieber in meinem Zimmer auf dem Bett liegen und lesen wollte. Sonntag Nachmittaggemeinsam mit der Familie Kuchen essen, obwohl ich keinen Kuchen mag. Klassische Musik hören (keine U-Musik. Schlechter Einfluss. Macht dumm. Ach so). Mit den richtigen Kindern befreundet sein. Zum Beispiel nicht mit den Kindern, deren Eltern geschieden sind. Schlechter Einfluss. Ach so. Sich bei Tisch benehmen, also mit Messer und Gabel essen und Serviette in den Schoß legen. (Hier kam der Servietten-Ring zum Einsatz! Wo der heute geblieben ist, keine Ahnung). Anschließend dann Mund abtupfen und Serviette ordentlich mit Messer und Gabel (parallel!) auf den Teller zurücklegen. Parallel heißt: Fertig. Ansonsten muss weiter gegessen werden. Kartoffeln nicht schneiden, sondern mit der Gabel zerdrücken. Auf keinen Fall – nie niemals IRGENDWAS mit den Händen essen oder gar die Finger ablecken! Nicht diskutieren. Besser zustimmend nicken und anderen das Gefühl geben, dass sie entzückend und klug sind. Grundsätzlich höflich zu Erwachsenen sein. Ungerechtigkeiten runterschlucken (kein Fass aufmachen, nicht „hysterisch sein“). Ich wusste als Kind nicht, was „hysterisch“ ist, aber wenn ich anfing zu heulen oder wütend wurde oder widersprach, dann kam der Satz: Sei nicht hysterisch. Ach so. Emotional werden war also „hysterisch“. Besser vermeiden. Und: NIE! – NIEMALS über die eigenen Gefühle reden. GOTT- wie peinlich! 

Ok. Ließe sich jetzt weiter auflisten. Punkt ist aber verstanden, glaube ich. 

Was mir auf jeden Fall gründlich ausgetrieben wurde, war: Mir selbst treu zu sein. Oder überhaupt zu WISSEN, was das überhaupt bedeutete: Mir selbst treu sein. Was ich stattdessen irgendwann perfekt konnte: Die Erwartungen meines Umfeldes in Windeseile „riechen“ können und dann eine bravouröse Anpassungsleistung hinlegen. Ich wollte immer die Eins: Was für ein entzückendes Mädchen! Was für ein KLUGES Kind! (Ich wollte unbedingt klug sein! Die beste sein!). Drunter machte ich es nicht. Bisschen Wut runterschlucken. Kein Ding. Meinen Gefühlen zu irgendwas grundsätzlich misstrauen und wegdrücken. Ich lernte: Die sind IMMER peinlich und machen dich lächerlich und wertlos. Also besser: Ohne Jammern Zustände aushalten, die sich unangenehm anfühlen. Kein Problem. Reiß dich zusammen! Merkte ich irgendwann gar nicht mehr so. Gab ja dann immer die Eins und das Lob – also Zuwendung. Und von dieser Zuwendung nährte sich mein Selbstwert. 

Seltsamerweise hatte ich dabei aber immer eine diffuse Grund-Angst, „irgendwie aussortiert zu werden“, raus zu fliegen, weg geschickt zu werden, bzw. VIELLEICHT DOCH DUMM, also UNBEGABT zu sein. Das war nur so gefühlt und ziemlich unkonkret, aber deswegen nicht weniger bedrohlich. Ich verwendete also viel Gedanken und Energie darauf, mich so zu benehmen, dass ich nicht als DUMM oder UNHÖFLICH oder SCHWIERIG gelten konnte, mein wahres, also vielleicht dummes (?) Ich zu verbergen.

Während der Grundschulzeit spielte ich immer gerne Schule. Meine Freundinnen bekamen von mir liebevoll gestaltete „Arbeitsbögen“, die sie „ausfüllen“ mussten und die ich hinterher „benotete“. Das Spiel machte aber nur Spaß, wenn alle eine 1 bekamen. Ansonsten gab es Tränen und Streit. Also lernte ich meine „Arbeitsbögen“ so zu entwerfen, dass alle eine 1 bekamen oder ich gab während des Ausfüllens viele „gute Tipps“. 

Meine damaligen Grundschullehrerinnen machten das aber nicht so. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir unsere ersten Noten bekommen haben, aber es war trotzdem immer vollkommen klar, wer gut war und wer nicht. Schon im ersten Jahr verschwanden die zwei MICHAELS aus unserer Klasse, weil sie ganz eindeutig NICHT GUT waren. Der eine Michael war klein und dünn und hibbelig und kriegte immer Wutanfälle. (Hysterisch, dachte ich). Dann musste er raus vor die Tür und von außen die Türklinke runter drücken. Das machte er aber nicht, sondern stattdessen trat er von außen laut bollernd gegen die Tür. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Der andere Michael war sehr dick und machte gar nichts – oder aß Paprika Chips aus einer großen raschelnden Tüte. Er war auch nach einem Jahr weg. Wir wussten alle in der Klasse, dass die Michaels „nicht mitkamen“ und deswegen woanders hinmussten. Da, wo die „bösen“ und die „dummen“ Kinder hinkamen: Zur Sonderschule – oder noch schlimmer: Zur Hauptschule.

Die befand sich neben dem Grundschulgebäude und die Schüler*innen beider Schulen nutzten den Schulhof gemeinsam. Die Hauptschüler*innen hielten sich in den Pausen bevorzugt am Rande des Hofs an den Fahrradständern auf. Dort standen sie und rauchten und waren – aus unserer Sicht – irgendwie älter, ein bisschen gefährlich und – cool.

Meine Freundin Kerstin und ich spielten meistens mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klasse Gummi-Twist. Wir gingen nie zu den Fahrradständern, weil wir ein bisschen Schiss vor den Hauptschülern hatten. Besonders die Jungs mit ihren Lederjacken und „bösen Gesichtern“ jagten uns Respekt ein. Gleichzeitig wussten wir, dass die Hauptschule die Schule für die dummen Kinder ist und wir fühlten uns ein bisschen wichtig, weil klar war, dass wir natürlich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium kamen.

Kerstin kam irgendwann auf die Idee, dass wir eine Mutprobe machen könnten: Marcel ärgern. Marcel war bei den Hauptschülern derjenige, der am gefährlichsten aussah. Er war in der 8. Klasse, rauchte Kette, sagte immer „Scheiße“ und „Fuck“ und hatte manchmal ein blaues Auge. Wir stellten uns vor, wie er nach der Schule wahrscheinlich immer Leute verprügelte. Marcel schien uns der perfekte Kandidat für eine Mutprobe zu sein.

Eines Mittags nach der Schule steigen Kerstin und ich also in den Schulbus, mit dem Marcel immer nach Hause fährt. Wir setzen uns direkt hinter Marcel und als der Bus losfährt, fangen wir an, laut Witze über ihn zu machen. Am Anfang haben wir noch Herzrasen und sagen immer nur solche Sachen, wie: „Puh ha, der Marcel ist schon ein wahnsinns-wichtiger Typ“. Aber weil nix passiert, werden wir mutiger und lauter und trauen uns, immer frechere Sachen zu sagen.

Wir machen uns darüber lustig, dass er so oft ein blaues Auge hat und dass er sich wahrscheinlich wie ein toller Gangster fühlt, aber sein IQ ja wahrscheinlich nicht so dolle ist, usw. Dazwischen lachen wir uns vor Aufregung halbtot und uns fallen immer bessere Sachen ein. Wir kommen uns sehr sehr lustig und sehr sehr mutig vor. Diesem arroganten Marcel, dem haben wir es jetzt aber mal richtig gegeben…

Dann kommt die Haltestelle, wo ich aussteigen muss. Ich gehe durch den Bus nach vorne und steige vorne beim Busfahrer aus. Als der Bus weiterfährt und ich alleine auf der Straße stehe, sehe ich, dass Marcel hinten leider auch ausgestiegen ist.

Er kommt in seiner schwarzen Lederjacke auf mich zu und sieht so aus, als wolle er mich töten. Er ist zwei Köpfe größer als ich und ich denke „Der bringt mich jetzt um“. Dann steht er vor mir und zischt: „Du miese kleine Ratte“.

Er packt mich mit beiden Händen am Jacken-Kragen und schüttelt mich durch, dann schubst er mich weg, ich versuche, weg zu laufen, doch er hält mich fest und gibt mir dann einen solchen Tritt, dass ich auf die Straße knalle.

„Du mieses Stück Scheiße, du hochnäsige Prinzessin, du bist der letzte Dreck, nächstes Mal brech ich dir die Nase!“

Ich liege auf dem Asphalt und warte auf den nächsten Tritt. Aber Marcel geht an mir vorbei. Kurze Zeit später ist er weg.

Ich rappel mich auf und schüttel den Dreck von der Jacke. Meine Kniee bluten und meine Hände sind dreckig und blutig verschrammt. Ich heule ein bisschen und gehe dann nach Hause. Meinen Eltern erzähle ich nichts. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies keine ruhmreiche Geschichte für mich ist.

Später habe ich mich immer gefragt, wie Marcel diese Geschichte erzählen würde. Marcel mit dem blau geschlagenen Auge, der mit 14 schon Kette rauchte und nach der 8. Klasse die Schule verließ. Seine Version dieser Geschichte fehlt. (Erst viele Jahre später hatte ich es wieder mit Jugendlichen wie Marcel zu tun – als Lehrerin in Neukölln. Und natürlich hielt ich sie entsprechend meiner Sozialisation anfangs für „kleine Gangster“. Bis ich eines Tages –IHRE Versionen dieser Geschichten hörte. 

In der dritten Klasse hatte ich erwartungsgemäß nur Einsen und meine Hefte sahen aus wie Poesiealben in gestochener Schönschrift (Pelikan Füller! Alles voll geklebt mit Glitzer-Tauschbildern, überall rieselte so silberner Sand aus den Seiten). Zur Belohnung für meine perfekte Schönschrift „durfte“ ich einmal eine ganze Stunde lang vorne am Lehrerpult sitzen und vor allen anderen Bonbons lutschen, die in einem riesigen Glas vor mir standen. Hatte Frau Meier extra von zu Hause mitgebracht. Sie erklärte strahlend vor der ganzen Klasse, dass ich jetzt die ganze Unterrichts-Stunde vorne am Pult sitzen und Bonbons lutschen durfte, weil ich immer so schön meine Hausaufgaben machte und meine Hefte aussahen wie Kunstwerke. Ich hatte es „verdient“, meinte sie. Ich selber war fassungslos über diese Grausamkeit und überlegte noch wochenlang, was ich Frau Meier getan hatte oder ob sie vielleicht wirklich so dämlich war. Natürlich war diese Stunde mein sozialer Suizid. Die ganze Klasse HASSTE mich – logisch – fortan.

Nach diesem Bonbon-Stunden-Trauma passte ich auf, dass ich keine Einsen mehr schrieb. Ich vergaß mit Absicht meine Hausaufgaben, schrieb Wörter absichtlich falsch und malte mit Spucke auf meinem Tisch herum. Einmal musste ich deswegen nach vorne kommen. Frau Meier, die zu dem Zeitpunkt SEHR ENTTÄUSCHT von mir war, zitierte mich nach vorne ans Pult und fragte übertrieben laut: Welche Hand war das? Ich wunderte mich, dass sie schon wieder so dumm war – denn mit welcher Hand hatte ich wohl geschrieben, wenn ich Rechtshänderin war? Ich sagte: Die da und hielt meine linke Hand hin. Denn die rechte brauchte ich für zu viele Sachen, wie ich fand. Sie patschte mir drei Mal hart auf die Hand und sagte dabei mit empörter Stimme: Eins! Zwei! Drei!

Ungefähr zu der Zeit habe ich aufgehört, Schule zu spielen. 

Der Gedanke, dass man sehr schnell „raus fliegen“ kann, kam mir schon sehr früh. Lange, bevor ich mit der Schule Bekanntschaft machte. Als Kind beobachtete ich bei meinen Eltern, dass es nur sehr wenige Menschen gab, über die sie positiv redeten. Die meisten waren irgendwie „SCHLECHTER EINFLUSS“ für mich und meine Geschwister, da sollten wir uns fernhalten. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es sehr oft um Kollegen, Bekannte oder sogar Familienmitglieder, die irgendwas falsch machten bzw. falsche Ansichten hatten, „faul“ waren – oder ordinär. Ordinär sein war ganz schlimm. Ich wusste lange Zeit nicht genau, was mit „ordinär“ gemeint war. Aber es hatte etwas mit Sprache und mit Verhalten zu tun – und mit „den Verhältnissen“, aus denen man kam. Die „Verhältnisse“ waren wichtig. Kinder von geschiedenen Eltern beispielsweise waren „kein guter Einfluss“ für mich, denn das waren Leute, deren Familienverhältnisse „unübersichtlich“ waren. Hieß: Geschieden, womöglich alleinerziehende Mütter mit neuen Partnern, oder Männer mit neuen Frauen, alles gar nicht gut. Das leuchtete mir als Kind auch irgendwie ein. In jedem Märchen konnte ich erfahren, dass eine Stiefmutter keine gute Sache war. Aber darüber hinaus wurde es schwierig für mich, die Regeln zu durchschauen, nach denen meine Eltern andere Menschen beurteilten bzw. abwerteten. Ich verstand nur: Man konnte offenbar sehr viel falsch machen. 

Meine Eltern benutzten damals noch das Wort „Gammler“. „Gammler“ waren Jugendliche mit langen Haaren und irgendwie ungepflegten Klamotten, die rauchten und „LAUTE POPMUSIK“ hörten, gar nicht gut. Meine Mutter sagte „Popmusik“ oder „Klopfmusik“ und fand, das „sei etwas für die Affen“. Sie hatte diese Ansicht 1:1 von ihrem Vater übernommen, der offenbar als Vorbild galt – obwohl ich immer Angst vor ihm hatte und bei jedem Besuch froh war, wenn wir wieder ins Auto steigen und wegfahren durften.

Mit sechs Jahren beschloss ich, dass es vielleicht lustiger wäre, bei Beate zu wohnen, als bei meinen Eltern. Seit mein kleinerer Bruder geboren war, kam Beate zu uns, um auf ihn aufzupassen: Sie war 19, trug immer enge Jeans und Lederjacke und war in meinen Augen eine Lichtgestalt. Ein Kindermädchen wie Mary Poppins. Ich dachte, dass es viel schöner sein würde, wenn ich bei Beate wohnte. Dann hätte mein kleiner Bruder Beate am Vormittag für sich allein und ich am Nachmittag und nachts. Diese Vorstellung machte mich zufrieden, es erschien mir gerecht. Ich stellte mir meinen „Umzug“ in allen Einzelheiten vor und wartete, bis sich eine gute Gelegenheit ergab. 

An einem Herbstnachmittag, ich war seit zwei Monaten in der ersten Klasse, war ich bei einer Freundin in der Nachbarschaft zum Spielen. Vorher packte ich sehr sorgfältig einen kleinen roten Plastikkoffer: Zwei Bifis, eine Tafel Schokolade und meine beiden Puppen, die hießen Petersen und Christiansen (ich hatte beobachtet, dass das in Schleswig Holstein die Namen waren, mit denen man DRIN BLIEB im Spiel, das waren die Leute, die schon sehr LANGE hier wohnten und die man deswegen niemals aussortieren würde. Und für meine Puppen wollte ich natürlich nur das Beste. Die sollten auf jeden Fall ohne Zweifel DAZU GEHÖREN und deswegen mussten sie Petersen und Christiansen heißen). 

Als ich ungefähr eine Stunde mit meiner Freundin Yvonne im Garten gespielt hatte, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu Beate. Der kleine Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht groß und ich hatte mir gemerkt, wo Beate wohnte. Ich dachte, dass sie sich bestimmt freuen würde, wenn wir zusammenwohnen würden, denn sie war ja auch alleine. Und vormittags, während ich in der Schule war, würde sie ja sowieso immer bei uns zu Hause sein und auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Dann konnte sie immer berichten, wie es mir geht und niemand musste traurig sein. Das war mir wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern wegen mir traurig waren. 

Nach höchstens 10 Minuten Fußweg stand ich vor Beates Wohnungs-Tür und klingelte. Es dauerte sehr lange, bis sie die Tür öffnete und ich war erstaunt, wie sie aussah: Sie hatte nur so eine Art Nachthemd, also ein sehr großes Mickey Maus T-Shirt, an und ich dachte, komisch, ist sie mitten am Tag schlafen gegangen? Überhaupt war alles sehr seltsam, weil sie sich auch nicht so sehr freute, wie ich gedacht hatte. Trotzdem sagte sie irgendwann doch: Na gut, dann komm mal rein. Wir gingen durch einen engen dunklen Flur und ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Beate rief: Teddy, Maike ist hier! Und bevor ich mich fragen konnte, wer „Teddy“ war, sah ich ihn schon: Wir standen im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und da lag ein Mann im Bett. Er hatte nur eine Unterhose an und rauchte eine Zigarette. Mir war irgendwie sofort klar, dass mein Plan nicht aufgehen würde. Ich bekam zwar ein Glas Orangensaft und Beate lächelte und sagte: Na, was machst du denn hier? Aber ich wusste, dass sie dachte, ich wäre nur zu Besuch gekommen. Ich trank meinen Saft aus, nahm meinen Plastikkoffer und machte mich wieder auf den Weg. Nach Hause wollte ich aber auch nicht. Deswegen setzte ich mich auf eine Bank auf den Parkplatz vor dem Glücksburger Schloss, Petersen und Christiansen links und rechts neben mir, und aß meine Bifis. Erstmal überlegen. Wo könnte man sonst noch hin? Mir fiel nichts ein. Irgendwann wurde es dunkel und ich stand auf und ging langsam nach Hause. Meine Mutter war nicht weiter überrascht über mein Erscheinen, was mich ein bisschen enttäuschte, was aber auch nicht verwunderlich war, denn sie dachte ja, ich wäre bei Yvonne gewesen. 

Im Postgebäude in Glücksburg hing an der Wand ein großes Plakat mit „Gammlern“. Jedenfalls stellte ich mir so die „Gammler“ vor. Es waren düster dreinblickende Menschen mit wirren Haaren, die schreckliche Verbrechen begangen hatten, wurde mir mit bedeutungsvollem Blick zugeraunt, und die deshalb von der Polizei gesucht wurden. Ich stand oft vor diesem Plakat, betrachtete die Gesichter der gesuchten „Touristen“ (wie ich das Wort verstanden hatte), und gruselte mich auf angenehme Weise, denn mir war klar, dass solche schlimmen Verbrecher niemals nach Glücksburg kommen würden. Hier war ich in Sicherheit. Aber irgendwo da draußen rannten also diese „Touristen“ rum und knallten Leute ab. Ich gruselte mich wohlig und war froh, dass ich immerhin nie so eine schlimme Außenseiterin sein würde wie diese „Touristen“. Im Verhältnis zu denen gehörte ich noch ordentlich dazu und machte alles richtig. 

Ich lernte, dass die „Touristen“ auf dem Plakat im Postamt „Linke“ waren. Aber auch insgesamt waren bei meinen Eltern Leute nicht gerne gesehen, die „LINKS waren“, oder Leute, die irgendwie „anders „ lebten“ –  und über Schwule wurde gar nicht erst geredet, das war völlig undenkbar. Schlechter Einfluss waren auch die SCHWER ERZIEHBAREN JUGENDLICHEN aus dem Heim nebenan. Die waren „KRIMINELL“. Dann gab es als Vorstufe zum schlechtem Einfluss noch die Leute, die man zumindest höchst skeptisch betrachten musste, z.B. die Leute von der Waldorfschule. Als Kind glaubte ich, dass da nur verrückte Spinner sind. Meine Mutter sagte immer: „Nett aber verrückt. Im wahren Leben kommen die nicht klar“. 

Was auch interessant war: Der Lehrerberuf stand zwar hoch im Ansehen, immerhin waren ja sowohl meine Mutter als auch mein Vater Lehrer – aber es galt ausschließlich der Gymnasiallehrer. Realschullehrer, Hauptschullehrer, oder gar Grundschullehrer galten bedeutend weniger und als Kind kam mir das auch ganz logisch vor: Zum Gymnasium gingen ja auch die klugen Kinder, die weniger klugen kamen an eine Realschule und die ganz Dummen mussten zur Hauptschule. Diese Logik übertrug ich 1 zu 1 auch auf die entsprechenden Lehrer und zu Hause am Mittagstisch wurde das bestätigt. 

Der einzige Schultyp, der von meinen Eltern geachtet wurde, war das Gymnasium. Auf der Realschule und der Hauptschule waren die „Nicht-so-Begabten“. Es war völlig undenkbar, dass ich nicht aufs Gymnasium gehen würde. Als ich endlich dort war langweilte ich mich meistens und hatte regelmäßig Bauchschmerzen wegen der Klassenarbeiten. Besonders Mathearbeiten konnten auf Wochen meine Stimmung versauen. Auf dem Weg zum Gymnasium, an dem auch meine Eltern unterrichteten, fuhr ich – im Familienauto auf der Rückbank – immer an Feldern mit Kühen vorbei. Jeden Morgen wünschte ich mir, ich wäre eine von diesen Kühen und könnte einfach auf der Weide stehen und kauen. Den ganzen Tag lang. Kein Stress. Keine Erwartungen. Einfach nur grüne Wiese und fressen. Außerdem fand ich Kühe sehr schön. Besonders ihre Augen. Die wissen was, von der Welt, dachte ich. Auf dem Rückweg nach Hause hatte sich die Lage dann aber komplett verändert. Auf dem Rückweg hätte ich niemals im ganzen Leben mit einer dieser Kühe tauschen wollen. Denn dann kamen die schönen Sachen. Mit Freundinnen im Garten sämtliche Bücher von Erich Kästner nachspielen. Das doppelte Lottchen. Das fliegende Klassenzimmer. Emil und die Detektive. Die Rollen wurden verteilt und dann spielten wir Kapitel für Kapitel durch. Mit Kostümen und Musik-Einspielungen vom Kassettenrekorder. Also quasi mit Soundtrack. Manchmal spielten wir auch Winnetou und Old Shatterhand. Aber da gab es oft Streit, weil jede von uns Winnetou sein wollte.

Zu Hause ging es in den Gesprächen beim gemeinsamen Mittagsessen häufig um Noten. Eine 3 war ein Disaster. Undenkbar. Eine Enttäuschung. In den Herkunfts-Familien meiner Eltern war die akademische Bildungsbiografie der unausgesprochene Standard. Wehe dem, der „dahinter“ zurückblieb: Gleich „gestorben“. Als Kind lernte ich schnell, dass alle Menschen, die kein Abitur und kein Studium hatten, „irgendwie gescheitert“ waren. Man blickte in unserer Familie auf sie herab. Mir war im Alter von fünf, sechs Jahren bereits klar, dass sich der Wert eines Menschen an seinem gesellschaftlichen Status bemisst. Künstler*in beispielsweise durfte man in unserer Familie nur werden, wenn man „dann auch sichtbar, also öffentlichkeitswirksam, Erfolg hatte“ – sich also der gesellschaftlich hohe Status durch „öffentliche Anerkennung“ einstellte. Da niemand in meiner Herkunftsfamilie als Künstler berühmt geworden ist, obwohl es viele versuchten, endeten die künstlerischen Ausbruchversuche immer irgendwie auf halber Strecke und wurden dann durch Kompromisse („dann werde ich halt doch Lehrer, Tierarzt, Rechtsanwalt,…“) an die Norm der akademischen Bildungsbiografie angepasst. 

Mit 14 war ich bereits davon überzeugt, dass ich zu den „Nicht-so-Begabten“ gehörte, quasi eine Hochstaplerin war, die sich nur deswegen am Gymnasium hielt, weil ich die heimlichen Codes kannte, um in diesem Feld zu überleben. Selbstwert also gen Null. Denn außer dem Deutsch- und Musikunterricht, der Big Band und der Theater- und Ballett-AG fand ich alles ziemlich uninteressant und konnte mir nichts länger als zwei Wochen merken. Glücklicherweise war mir aber von kleinauf der Katalog der Ausschluss-Kriterien gut bekannt, so dass ich diverse Tricks anwenden lernte, um meiner Umwelt vorzutäuschen, dass ich zu den „Begabten“ gehörte und somit im Kreis der Anerkannten bleiben durfte. Für Klassenarbeiten schrieb ich stundenlang Spickzettel in Mini-Schrift, die ich mir mit Tesafilm in die Innenseiten eines langen Ober-Hemds (Achtung 80-er!) klebte und Zeile für Zeile abschrieb. An den ganz und gar nicht in Frage kommenden FETEN, auf denen GENESIS gehört und Joints geraucht wurden, nahm ich teil, in dem ich nachts mit dem Fahrrad nach Flensburg fuhr und morgens früh wieder zurück, um dann am Sonntag Morgenam Frühstückstisch betont hellwach und ausgeschlafen zu performen. 

Wenn ich heute sagen soll, was ich in der Schule gelernt habe, dann ist das ziemlich wenig: Die englische Sprache (durch ständiges Romanlesen ab 14 ganz ok), ein bisschen Latein (die paar Sätze könnte man auch in 10 Minuten aus einem Sprüchebuch auswendig lernen), ein bisschen Französisch (Je ne parle pas Francais… ). Fertig. Für diesen Output am Ende von 13 Schuljahren erscheint mir das Ergebnis im Verhältnis zum Zeitaufwand recht kümmerlich. Erstaunlich, welche Bildungswunder sich heutzutage so viele vom Gymnasium erhoffen. Ich würde gerne mal testen, was heutige Abiturienten 5 Jahre nach ihrem Abschluss noch abrufen können – und wie zentral wichtig sie diese Wissens-Restbestände in Bezug auf ihr zukünftiges Leben einschätzen… 

Sehr leer ist mein Gehirn, was die Erinnerung an all diese vielen Jahren Fachunterricht angeht: Im Fach Erdkunde erinnere ich mich beispielsweise noch an das „Klimadiagramm von Timbuktu“, nicht aber, was es eigentlich aussagte. Ich kann mich auch an einige ratternde Filme mit herumfliegenden Kritzeln auf der Leinwand erinnern: Beispiel: Das Paarungsverhalten der Stichlinge. Wie sie sich nun paaren, kann ich allerdings nicht sagen und weiß auch nicht, ob ich das jemals wusste. 

Aus der Schulzeit ist ein großes Nichts zurück geblieben.. Ich habe demnach Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre die Zeit totgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Menschen, an die Orte, an die Theateraufführungen, an die Proben, an unsere Texte, unsere Stücke und Gespräche, an die Reisen mit der Theatergruppe und der Big Band und die Auftritte – und das Hochgefühl, das ich dabei hatte. Den Rest habe ich offenbar erfolgreich ausgemistet. 

Es war damals aber immer klar, dass genau diese Anteile des Schullebens eben NICHT „zählten“. Das war nicht der „richtige Unterricht“. Das war „nur Spaß“, nur AG, nur Freizeit. Wenn ich nun aber 30 Jahre später feststelle, dass ich vom „richtigen Unterricht“ nahezu alles vergessen habe, mich aber andererseits bis auf den heutigen Tag auf zahlreiche Erfahrungen beziehe, die ich in den „Spaß-Projekten“ gemacht habe, frage ich mich, wieviel Sinn diese „Das ist die ernste Arbeit“- und „Das ist nur Spaß“- Gewichtung macht. 

Das Gleiche gilt für den Beziehungsaspekt. 

Interessiert habe ich mich in der Schule eigentlich immer nur für die ANDEREN – meine Mitschüler*innen und was ich mit ihnen erlebte. Was die machten, was die sagten, welche Gefühle das bei mir auslöste, was in der Gruppe passierte, wer cool war, wer nicht, wer mit wem „ging“ – und meine eigene Position innerhalb der Gruppe. Alles andere war uninteressant und wurde in meinem Gedächtnis erfolgreich geschreddert. All das aber galt in den Augen meiner Eltern als oberflächlich. Ach so. 

Genau wie in der Schule lernte ich auch zu Hause, dass ich auf der einen Seite Ablehnung erfuhr, wenn ich „schwierig“ oder „oberflächlich“ wurde und auf der anderen Seite Anerkennung und Nähe, wenn ich erfolgreich war. Ich sollte mich „benehmen“, freundlich, höflich und hilfsbereit sein, regelmäßig Klavier üben, meine Hausaufgaben machen und „funktionieren“. Mir war vollkommen klar, dass ich nicht „diskutieren“ und nicht „emotional“ werden sollte. Ich wusste immer, was „man macht“ und was „man nicht macht“. 

Sobald ich auch nur anfing zu rebellieren, wurde mir sofort vorgeworfen, dass ich „unter dem Einfluss“ von irgendeinem furchtbaren Menschen stünde. Auf keinen Fall konnte so ein Gedanke in mir selbst entstanden sein, denn „so bist du ja gar nicht“. 

Was ich als Erziehung erlebt habe, bestand also im Wesentlichen darin, das, was ich selbst dachte oder tun wollte, als vollkommen abstruse Verhaltensweisen zu unterdrücken und „schlechte Einflüsse“ (von denen ich geradezu umzingelt zu sein schien) von mir fernzuhalten. Was ich tun und sagen musste, damit ich Nähe und Zuneigung erhielt, wurde für mich zu einem sehr eindeutigen Verhaltens-Kanon, den ich meistens schauspielerisch zufriedenstellend absolvierte – ohne dabei zu zeigen, was ich wirklich dachte oder wollte. So erspielte ich mir Lob und Zuspruch, wusste aber immer, dass ich das nicht wirklich verdient hatte – denn ich tat ja nur so „als ob“. 

Meine „Werte“ mit 20 ließen sich dann irgendwann wie folgt zusammenfassen: Sei zu allen Leuten nett (Interpretation von Nächstenliebe) und passe dich bestmöglich an. Sei eine entzückende, BESCHEIDENDE (!), Person, die sich in allem selbst zurückstellt, mit einem glockenhellen Lachen, die allen Menschen immer alles recht macht. 

Genau. Deswegen war das Wort Integrität für mich ein Fremdwort. 

Unmerklich hatte sich bei mir eine Grundhaltung ausgebildet, die jeglichem Gefühl für meine eigene Integrität komplett entgegenlief und die Grundlage dafür war folgendes:

Lange Zeit fühlte ich mich ganz toll moralisch überlegen, dass ich „mein eigenes Wollen so in den Hintergrund stellte“. Denn da lag der vermeintliche Wert des Altruismus drunter: Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Immer schön bescheiden sein, ne? Und das war dann auch so schön, wenn alle mich deswegen MOCHTEN. So kommt mensch ja gut durchs Leben: Immer freundlich, immer leicht devot, immer hilfsbereit, immer schön lächeln. Immer bei den Erwartungen der anderen sein. Nee, mach du mal, ich nehm mich selbst ja nicht so wichtig. Geh du mal vor. Nee, ich schlaf auf jeden Fall auf der Couch. Ich brauch nicht so viel. Ach, nimm einfach, nee, ist kein Problem. Ich mach das einfach umsonst. Es geht mir ja um die INNEREN Werte.Ach. Es ist so toll, ein guter Mensch zu sein. 

Nein. Eigentlich nicht. Denn. In Wahrheit wird man dadurch. Ein. Schlechter. Mensch.

Weil: Unmerklich war ich auf der moralischen Autobahn gelandet, die direkt zu den lästernden und ausgrenzenden Menschen führte, die von Nächstenliebe reden, aber ihrem Vordermenschen im Supermarkt in der Schlange mal ganz kurz „aus Versehen“ den Einkaufswagen in die Hacken rammen müssen. Diese leichte passiv-aggressive Art. Der schon wieder! Kann der nicht mal seinen Müll weg bringen? Nicht so viel trinken? Nicht so laut sein? Nicht rauchen? Mehr arbeiten? Fleißiger sein? Sportlicher sein? Hilfsbereiter sein? ANDERS sein? BESSER sein….??? So wie ICH…??? Ja genau: Warum können die anderen nicht so PERFEKT sein, wie ich immer bin (…äh… sein MUSS)…?? 

Naja. Und jetzt sind wir ein bisschen beim Kern angelangt. Bei der Erschütterung in Neukölln. Das „Lieb-Sein“ ging bei mir nämlich nur so lange gut, wie darauf auch auf dem Fuße die „Belohnung“ folgte. Eigener Selbstwert nämlich: Gleich Null. Deswegen war es wichtig, dass andere (ununterbrochen) wahrnahmen, was für ein GUTER Mensch ich war und mich  entsprechend auch lobten: Toll gemacht, Maike! Super! So lange ich alles „richtig“ machte und dafür Bestätigung von außen erhielt, war alles gut. Selbstwert safe. Zwar ertappte ich mich dann trotzdem des öfteren bei so passiv-aggressiven Gedanken („Die immer – ich nie!!), wenn sich jemand meiner Ansicht nach „zuviel raus nahm“, aber ich hätte noch sehr lange so weitergemacht – wenn nicht in Neukölln in gewisser Weise ein kleiner Infarkt stattgefunden hätte. Alles, was ich bis dahin gelernt hatte, funktionierte nämlich leider nur in „Happyland“*, also dort, wo alle weitestgehend dieselbe Sozialisation und dieselben Vorteile hatten, wie ich. Da, wo die Mehrheit weiß und akademisch gebildet war. In SOLCHEN Umfeldern wusste ich den Code der Anpassung. Wusste, wie ich mich verhalten musste, um Anerkennung zu bekommen. Natürlich nicht für das, was mich SELBST ausmachte. Aber immerhin für das, was allseits als Qualität abgenickt und verstanden wurde. Und so sah ich auf die Welt. 

Folgerichtig bemitleidete ich mich bei meinem allumfassenden Scheitern in Neukölln selbst. Ich hatte doch immer alles RICHTIG gemacht! Warum fanden die Jugendlichen meinen Unterricht doof? Warum lehnten die mich ab? Es konnte nur eine Erklärung geben: Weil sie zu dumm und zu minderwertig waren, um meine tolle Leistung zu SEHEN und anzuerkennen! Ich dachte „Perlen vor die Säue!“. Was ich nicht sehen konnte, war: Mein gesamter Selbstwert beruhte NICHT auf einer eigenständigen Leistung oder einer eigenen Idee, die ich gegen Widerstände in der Welt durchgesetzt hatte, sondern in der beständigen Anpassung an Fremderwartungen. Ich konnte nur Anpassungsleistungen honorieren, nicht aber selbständiges Denken oder eigenständiges Handeln, denn das machte mir Angst, weil es mir mein größtes Defizit schmerzhaft bewusstmachte: Dass ich selbst nicht wusste, wer ich war, wenn ich selbständig denken und handeln sollte. Dass mein Selbstwert von äußeren Bewertungen abhing. Vom Lob und der Zuwendung der anderen. Wenn das wegfiel, merkte ich, dass ich mich selbst für nicht besonders wertvoll hielt. Dass beim Thema Selbstwert Tabula Rasa war. Wer war ich, wenn mich NIEMAND toll fand? 

Und hätte ich solche Gedanken jemals in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld geäußert oder sogar versucht, irgendeinen eigenen, abweichenden Weg einzuschlagen, die Rolle der Gefall-Barbie zu verlassen, dann wäre die Reaktion im besten Fall abfällig-amüsiert gewesen, es hätte geheißen: „Ach, jetzt braucht sie was eigenes. Jetzt braucht sie ihr Jodel-Diplom!“ (Zitat Loriot… Nicht umsonst ist Loriot erwiesenermaßen ein großer Kenner der (Voll-)Psychosen des weißen Bildungsbürgertums).

Türwächter*innen der Freiheit – Fünftes Kapitel

Knietief durch die Scheiße Teil 2 – Das Lehrerzimmer

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Das Seltsame ist: Im Lehrerzimmer scheint niemand diese Probleme zu kennen. Alle schimpfen zwar über “dieses allerletzte Pack” und diese “Vollpfosten” usw., aber als ich von meiner totalen Überforderung berichte und um Rat frage, scheinen alle mitleidig überrascht von meiner Inkompetenz zu sein. Tja also sowas trauen die sich bei MIR nicht… das kommt in MEINEM Klassenraum nicht vor, das sollten die sich mal trauen, da mach ich sofort kurzen Prozess mit denen… die wissen bei mir ganz genau, wo der Hase längs läuft… 

Ja und wo läuft der Hase längs? Das kann mir offenbar keiner erklären. 

Das musste schon selber rausfinden, Mädel, sagt der Klassenlehrer der 8b, ein etwa 60-jähriger Kollege mit grimmiger Visage und Holzfällerhemd, während er breitbeinig vor mir sitzt, laut schmatzend einen Apfel isst und sich am Sack kratzt. Ein anderer Kollege wendet sich mir mit etwas freundlicherer Miene zu und fragt: Weeßte, was de machen musst, Mädel? Ich überlege kurz, ob ich diesen Kollegen hier noch mal erklären sollte, wie ich heiße und dass ich mit 33 Jahren eigentlich nicht wirklich als “Mädel” bezeichnet werden möchte, aber da der Typ vor mir offenbar gerade sowas wie Entgegenkommen zeigt, verzichte ich auf meine Bemerkung und frage nur: Nee, weiß ich nicht… was denn? Der Typ beugt sich vor, scheinbar erfreut, dass er jetzt sein persönliches Geheimrezept zum Besten geben darf und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben: Also du gehst den Flur entlang bis du vor deinem Klassenraum stehst. Dann machste die Tür weit auf, dann wirfste ne Bombe in den Sauhaufen rein und machst ganz schnell die Tür von außen wieder zu!

Ich starre den Typen entgeistert an, während nun beide, auch der Sack-Kratzer, in röhrendes Gelächter verfallen und sich gegenseitig High Five geben. Meine Anwesenheit haben sie völlig vergessen, sie scheinen sich prächtig zu amüsieren, ach wat ham wa jelacht…., ich diene nur als Staffage und Anlass für diese WAHNSINNS-KOMISCHE Schenkel-Klopfer-Pointe… Ach so. 

Auch ansonsten fühle ich mich im Lehrerzimmer wie ein Alien. Jeglicher Kontaktversuch von meiner Seite, jeglicher Versuch von Heiterkeit oder Wärme wird argwöhnisch als das Gegenteil ausgelegt. 

Kein Mensch scheint hier Spaß zu haben und sobald doch jemand wagt, einen Hauch von guter Laune zu verbreiten, wird das zynisch kommentiert oder mitleidig belächelt. „Das Lachen wird dir hier schon noch vergehen“, raunzt mich ein Kollege im Vorbeigehen an, und ich lasse erschrocken meine Gesichtszüge runter sacken. Hatte gar nicht gemerkt, dass ich gelacht (?), gelächelt (?) hatte. 

Bereits in den ersten Tagen kämpfe ich gegen massive Fluchtgedanken. Ich komme mir im Lehrerzimmer vor wie auf einer psychiatrischen Station voller schwerst-gestörter Patienten, von denen alle krampfhaft so tun, als sei „alles normal“. Außer mir scheint sich niemand zu wundern. 

Das Lehrerzimmer ist eine große, seelenlose Rumpelkammer, in der alle zuvor da gewesenen Kollegen ihren Krempel zurück gelassen haben – als wären sie bei der ersten Gelegenheit Hals über Kopf geflüchtet – und wie nach einem apokalyptischen Ereignis sind überall diese undefinierten herrenlosen „vergessenen Gegenstände” übrig geblieben – in diesem Geisterhaus, in dem sich niemand für irgendwas verantwortlich fühlt, weil: Ist ja nicht meins. Diese gesprungene Tasse lag ja schon in der Spüle rum, als ich kam… 

Die gesamte Kommunikation bis hin zum Tonfall ist mir unheimlich: Unter einer dünnen Decke burschikos, fröhlich zur Schau gestellter Kumpelhaftigkeit liegt direkt darunter unverhohlene Bitterkeit und Verachtung. Den anderen Kollegen*innen, den Jugendlichen, ganz besonders den Eltern und letztendlich der gesamten Welt gegenüber. Diese Menschen hier sind im letzten Stadium einer schweren Depression. Denke ich. Aber ohne jegliche Krankheitseinsicht. Weswegen jegliche Therapie zwecklos ist. 

Nachts träume ich immer wieder in einer Dauerschleife von diesem Lehrerzimmer: 

Die Gestalten sitzen mit offenen Wunden da. Um sie herum eine leichte Fahne Verwesungsgeruch. Abgebissene Körperteile liegen auf dem klebrigen Linoleum-Boden und werden von den hin und her schlurfenden blassen Gestalten achtlos mal hierhin, mal dorthin beiseitegeschoben. Dabei brabbeln sie ununterbrochen zornig vor sich hin, z.B. dass Kollege M endlich mal seinen stinkenden Müll wegräumen soll und wie das denn hier schon wieder aussieht. Aus ihren schlaffen, faltigen, unkontrolliert zuckenden Mündern hängen lange, seidige Speichelfäden, gemischt mit gelblichem Eiter oder orangenem Blut. Keiner wischt sie weg. Im Lehrerzimmer gibt es keinen Spiegel. Nur eine Kaffeemaschine. Die röchelt und röchelt braune Soße heraus wie ein Patient mit chronischer Diarröh. Daneben im schmutzgrauen Waschbecken ein kippelnder Berg klebriger, fleckiger Becher und Tassen, die allesamt mit feinen grauen und schwarzen Adern durchzogen sind, die Ränder abgeschlagen wie klaffende Zahnlücken. Abwaschen tut hier keiner. Wozu auch? Es sind ja schon alle tot. Da kann man auch aus bakterien-wimmelnden Tassen trinken. 

Die Fenster bleiben zu, man will sich ja nicht noch was weg holen, da könnte ja jeder kommen. Leuchtend puckert der Kopierer wie ein elektronisches Organ im Nebenzimmer vor sich hin. Um zwei Uhr wird ihm jeden Tag der Garaus gemacht, dann hat dieses Herz lange genug geschlagen. Nicht, dass da noch jemand Experimente nach 14 Uhr macht! Während der Zeiger an der farblosen 70-er Jahre Wanduhr die schal gewordene Zeit vertickt, warten die depressiven Zombies im Lehrerzimmer vergeblich auf ihr Ende. Das Blut an den abgebissenen Körperteilen trocknet und wird bröckelig. 

Ich komme von draußen. Ich war noch nie hier. Ein Luftzug, als ich die Tür öffne. Die Zettel mit den Terminen für die Klassenkonferenzen an der Innenseite der Tür flattern für einen Moment wild durcheinander. Ich sage etwas. Aber ich kann meine eigene Stimme nicht hören. Die Zombies lächeln mich an. Kleine orangene Rinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln über das Kinn. Eine Bewegung im Raum wie ein unsichtbares, lautloses Zittern. Dann erheben sie sich. Die Stuhlbeine kratzen quietschend und ächzend über den blass-grünen Linoleum-Boden. Wie Fingernägel auf einer riesigen Schiefertafel. Aus ihren Mündern quillen blubbernde Blut-Bäuerchen. 

Ich weiß, wie man sich benimmt. Ich lächle. 

„Hallo. Ich hab Blumen mitgebracht.“ 

„Aha. Das ist NETT.“

„Soll ich die mal ins Wasser stellen?“

„Geht nicht. Wir haben keine Vasen.“

„Und das Waschbecken?“

„Is voll. Siehste doch.“

„Naja, das kann man ja mal abwaschen.“

Schweigen. 

Ein älterer Zombie erwacht ganz plötzlich aus seiner Erstarrung, lacht sehr laut, krächzend, kriegt sich scheinbar gar nicht wieder ein. 

„Da biste noch nich ma richtig hier, da willste hier gleich allet aufn Kopf stellen, ick gloob dit nich!“

Er schüttet sich aus vor Lachen. Alles knarrt und knattert in seinem Brustkorb. 

Keiner sagt was. Alle warten, bis der Anfall vorüber ist. Null Reaktion. 

„Naja, aber wäre ja schon blöd, wenn die jetzt schlapp werden,“ insistiere ich. Was anderes fällt mir nicht ein. Noch immer keine Reaktion. 

Ich beschließe also einfach selbst tätig zu werden und gehe zum Waschbecken. Auf dem langen Weg zu dem Berg mit den geäderten Tassen ist mir nicht ganz wohl. Ich fühle einen kalten Hauch in meinem Nacken. Es ist fauliger, alter Atem. Ein schmatzendes, grauenvolles Geräusch. Der tiefe Biss hinterlässt eine klaffende Wunde in meiner linken Schulter. Lose schlackert mein Arm im Gelenk. Ist das mein Arm? Noch einmal das Schmatzen – wie ein Riss durch die Stille. Etwas reißt ab. Flutscht auseinander. Eine Fontäne Blut. Mein Arm fällt. Fällt auf den Linoleum-Boden. Ich schreie. 

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?!“

„Du musst hier halt noch so einiges lernen.“

„Warum habt ihr mir den Arm abgebissen?“

„Das ist völlig irrelevant, das wirste noch merken. Das ist hier alles kein Zuckerschlecken und dein ewiges Gelächle wird dir hier auch schon noch vergehen…“

„Aber was hat das denn für einen Sinn, mir den Arm abzubeißen?“

„Mit dieser psychologisierenden Betroffenheitskacke kommst du hier nicht weiter“, der Zombie fletscht seine fauligen Zähne und äfft nach: „Ja, was hat das für einen tieferen Sinn, dass X dies tut und Y jenes? Was DENKEN sich X und Y wohl dabei? Nee, nee, diesen ganzen Scheiß kannste mal schön knicken.“

„Aber mir fehlt ein Arm!“

„Ja, und? Du hast ja noch einen.“

„Ich finde, es wäre das Mindeste, das ihr mir erklärt, was das alles soll. Ihr könnt mir doch nicht den Arm abbeißen und dann einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung!“

„Du hast ganz offensichtlich ein Wahrnehmungsproblem. Hier IST alles in bester Ordnung.“

„Aha. Das sieht man ja…“

„Und jetzt wird sie auch noch überheblich, also das klassische Programm. Keine fünf Minuten hier, aber sie weiß schon Bescheid, was hier alles besser laufen muss.“

„Tut mir leid. So habe ich es nicht gemeint. Vielleicht kann man hier ja auch einfach mal zusammen aufräumen…“ 

Hysterisches, gehässiges Gelächter. 

Neue Blutrinnsale laufen aus ihren Mundwinkeln, während sie sich langsam in meine Richtung in Bewegung setzen. Das hysterische Gegacker verwandelt sich langsam in das alte zornige, speichelnde Gebrabbel. Mit vor Wut gereckten Hälsen humpeln sie auf mich zu. Am Boden herumliegende Körperteile werden wie Fußbälle zur Seite gekickt. Ein Gemisch aus Blut und Eiter schwappt rülpsend aus ihren Mündern, während sie mich mit ihren krampfigen, zitternden Händen zu greifen versuchen. Das erste schmatzende Geräusch lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie fangen an, Stücke aus meinem Körper heraus zu beißen. Ich reiße mich los, stürze durch den Raum. Die Tür. Das Flattern der Zettel. Die Tür kracht ins Schloss. Ich rolle, falle, kollere die Treppe runter. Raus ins Freie. 

Morgen muss ich wieder hier hin. Ich frage mich, wie lange sie brauchen werden, bis ich so bin wie sie. 

Türwächter*innen der Freiheit – Viertes Kapitel

Knietief durch die Scheiße – Teil 1: Warten, bis es leise ist…

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

(Alle Kapitel auch zum Anhören auf „Maikes Podcast“ hier auf der Seite in der linken Leiste).

Am nächsten Tag ist mir mulmig, als ich wieder die Treppen zum Klassenraum der 8b hochsteige. Nach der misslungenen Musikstunde gestern steht heute ein neuer Versuch bei ihnen an. Wie reagiere ich auf Taher, der gestern so ausgerastet ist? Soll ich auf die Situation von gestern eingehen? Muss ich ja wohl. Ich kann ja nicht ernsthaft akzeptieren, dass sie mir meine Sachen geklaut haben. Immerhin waren weder Geld, noch Handy, noch mein Schlüssel in der Tasche. Aber meine ganzen Unterlagen, mein privater Kalender, das Stifte-Etui, das ich so liebe und ein Lippenstift… mir wird schon wieder heiß im Gesicht, wenn ich nur dran denke. Es ist eine Mischung aus Scham und Wut. Sehr unangenehm und schwer auszuhalten. Aber es nützt ja nix. Wenn ich den Vorfall ignoriere, kann ich gleich nach Hause gehen und im Schuhladen neben unserer Wohnung in Mitte als Verkäuferin anfangen. Ich atme tief durch und öffne die Tür. Es ist nicht großartig anders, als gestern. Chaos. Gegröle. Niemand beachtet mich. Ich stelle meine Tasche auf dem Pult ab. Dasselbe Spielchen also, denke ich. Aber diesmal muss ich mich durchsetzen. Die Frage ist nur, wie. Dieses „Vorne-Stehen und warten bis es leise ist“ funktioniert einfach nicht, ich sollte lieber einen Salto Mortale machen, auf den Tisch springen oder laut beten, keine Ahnung. Stattdessen setze ich mich erstmal aufs Pult und beschließe, erstmal nichts zu machen. Also nicht, damit sie leise werden, denn diese Hoffnung habe ich ohnehin schon aufgegeben, sondern einfach, um mir Zeit und einen Überblick zu verschaffen. Ich sitze also da so rum und beobachte das Geschehen. Ich konzentriere mich darauf, ruhig zu atmen und mir selbst gut zuzureden. Letztendlich kann ich hier ja machen, was ich will. Also theoretisch könnte ich auch die ganze Stunde hier so auf dem Pult rumsitzen und abwarten, bis es klingelt. Mein Blick fällt auf den Sitzplan, der mit Tesafilm auf die Pult-Tischplatte geklebt ist. Aha, ich könnte vielleicht die Namen lernen. Ich studiere den Sitzplan, hoffe, dass die meisten an ihren „richtigen“ Plätzen sitzen und versuche mir die Namen einzuprägen. 

Plötzlich fliegt die Tür auf, Taher erscheint. Wie gestern hat er keine Tasche, keine Jacke, er lässt sich vorne auf seinen Platz fallen, mustert mich kalt. Ich fühle meinen Puls, versuche aber, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Also weiter die Namen lernen. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Es ist eigentlich absolut lächerlich. Was bin ich für eine Lehrerin, die hier so rum sitzt und nichts tut? Übersetzt: Die komplett hilflos ist? Es ist ein Alptraum. 

Ich spüre Tahers bohrenden Blick. Die Buchstaben vor meinen Augen flackern. Es ist schwer, sich zu konzentrieren, wenn Blicke einen quasi aufspießen. 

Dann knallt Taher mit der Hand auf den Tisch und alle zucken zusammen und schauen ihn an. Schauen mich an. Mein Herz rast. Es geht wieder los. 

Taher: Ey was los? Machst du keinen Unterricht? Isch hab jetzt Musik, wallah! Ich will was lernen. 

Ich zwinge mich, nur langsam von meinem blöden Sitzplan aufzuschauen. Dann treffen sich unsere Blicke. Meiner und Tahers. Ich falle quasi in seinen Blick hinein. Bleibe da. Warte ab. (Weil mir nichts einfällt, was ich sagen könnte). 

Taher starrt mich an: Ja, guck ma nisch so hässlisch! Ich will jetzt Musikunterricht! 

Inzwischen ist es still geworden im Raum. Alles schaut fasziniert nach vorne: Da gibt es die nächste spannende Schlacht mit Taher zu besichtigen. 

Ich zwinge mich zur Ruhe und halte weiterhin Tahers Blick stand. 

Ganz ehrlich, Taher: WAS für einen Unterricht willst du denn? 

Taher stößt sich abrupt mit den Händen von seinem Tisch ab und poltert mit seinem Stuhl nach hinten. 

WALLAH!! Woher soll ISCH das wissen?? DU bist die verfickte Lehrerin! Du wirst dafür BEZAHLT!! Also MACH was, mach ma jetzt Musikunterricht, du Hure!! 

Ich schüttele den Kopf, schaue ihn weiterhin an. 

Ja, Taher. Mach ich. Aber nur, wenn es Sinn macht. Und so, wie du redest, macht es KEINEN Sinn. Jetzt mal ganz ehrlich: Was denkst du denn, was guter Unterricht ist? 

Taher schlägt wieder mit voller Wucht auf den Tisch, dreht sich kurz weg. Schaut auf den Boden. Dann wieder dieser wütende Blick: 

Bin ISCH jetzt hier der Scheißlehrer oder was??? 

Ich: Nee. Aber vielleicht ein guter Berater? Du hast ja schon viele Lehrer erlebt. Und ich hab hier das Gefühl, ihr wollt mich sowieso nur auflaufen lassen, egal, was ich mache. Du findest doch scheinbar ALLES Scheiße, was hier läuft. Dann sag doch mal: Was meinst du mit MUSIKUNTERRICHT?? Also so, dass du da Bock drauf hast? 

Totenstille. 

Taher funkelt mich böse an. Aber irgendwas ist einen Millimeter besser als vorher, sagt mir mein Bauchgefühl und ich merke, dass ich irgendwie „Land gewinne“. Oder? 

Leider nein. 

Taher grinst. Dann sagt er betont ruhig: Alles klar: Also guter Musik-Unterricht ist, wenn wir dir unsere Lieblings-CDs nach vorne schmeißen und du machst den DJ. Und lässt uns in Ruhe. Und klar wird nur coole Musik aufgelegt. Das entscheide ICH dann. 

Er lacht auf unangenehme Weise, dreht sich abrupt von mir weg und poltert in die Klasse:

Ey wallah, wie hässlisch sie ist! Sie kann nicht unterrichten! 

Aber der Rest der Klasse starrt mich nur erwartungsvoll an und reagiert – nicht. Einige Jungs hinten grinsen. 

Ich will nicht aufgeben, mache einen neuen Versuch: Taher. Ich mein das ernst. WAS willst du? Ich kenn so eine Scheiße hier nicht. Ihr habt mir gestern meine Sachen geklaut, du bist ausgerastet. Was soll der ganze Scheiß? Ich bin GERNE Lehrerin, aber das hier bei euch ist echt absurd. Ich VERSTEH nicht, was du willst, was hier los ist bei euch. Wenn du nicht mit mir redest, wird’s nicht besser. 

Taher macht eine wegwerfende Geste mit der Hand, pustet laut Luft aus, als wäre es ihm einfach zu blöd. 

Wallah, ist sie BEHINDERT! sagt er, steht abrupt auf, geht nach hinten, lässt sich dort auf das abgewetzte Sofa am Fenster fallen und tippt in sein Handy. 

Fatima meldet sich. 

Ja, Fatima? 

Mach jetzt mal normal Unterricht, Frau Plath, sagt Fatima mit provokant nach vorn gerecktem Kinn. Die anderen lachen. Es wird jetzt plötzlich wieder laut im Raum, Fuad ruft von hinten: Ja, genau, mach ma Musikunterricht, ich will jetzt ENDLICH was lernen, wallah! 

Gib ma Arbeitsbogen! ruft jemand anders. 

Ich: Und was ist mit meinen Sachen? Bevor hier irgendwas los geht, muss ich die wieder haben. 

Mahmout: Wieso? War doch kein Geld drin. Nix Wichtiges. Waren doch nur langweilige Zettel. 

Ich: Ja, aber MEINE langweiligen Zettel. Und meinen Kalender und meine Stifte-Tasche LIEBE ich. 

Mahmout lacht auf: So SCHULSACHEN? Bist du behindert? 

Ich: Ich weiß nicht, welche Sachen für DICH ne Bedeutung haben? 

Mahmoud: Mein Handy. 

Ich: Ja genau. Dann stell dir vor, jemand würde dir dein Handy weg nehmen. 

Die ganze Klasse röhrt vor Lachen, kreischt, kriegt sich gar nicht mehr ein. Was war jetzt wieder so komisch? 

Mahmout erklärt es mir, während Taher sich hinten immer noch übertrieben inszeniert ausschüttet vor Lachen. 

Mahmout: Die nehmen mir DAUERND mein Handy weg, ey. Scheiß OPFER-Lehrer! 

Fatima: Und dann müssen wir zwei Wochen warten, bis wir das wieder kriegen.

Ich: Wieso zwei Wochen? 

Fatima: Is so. Dann können die Eltern das in der Schule abholen. 

Selina: Handies sind nicht erlaubt im Unterricht. Wenn wir Sms tippen oder es klingelt, nehmen die uns das weg. Und damit wir zu Hause richtig Ärger kriegen, müssen das die Eltern in der Schule abholen. 

Ich: Ok. Verstehe. 

Mahmout: Also bei dir sind Handies erlaubt? 

Ich merke, wie mich diese Frage stresst. Wenn ich jetzt „Ja“ sage, habe ich mit absoluter Sicherheit ein Problem mit den Kollegen. Aber habe ich das nicht vielleicht sowieso? Ich winde mich etwas peinlich um eine klare Antwort. 

Ich: Also manchmal sind Handies ja sinnvoll. Wir können das ja von Fall zu Fall entscheiden. Auf jeden Fall solltet ihr die natürlich im Unterricht ausmachen. – Ist ja klar. (Das füge ich noch mit etwas Nachdruck hinzu, was den gegenteiligen Effekt von Nachdruck hat. Ich komme mir vollkommen lächerlich vor). 

Außerdem sind wir voll vom Thema abgekommen, denke ich, es ging doch eigentlich um meine Sachen! 

Ich: Aber ganz egal jetzt, wie wir das zukünftig mit den Handies hier regeln. Ich will erstmal meine Sachen wieder haben. 

Taher: Aber unsere Handies nimmst du uns dann trotzdem weg, oder was? 

Ich: Man, Taher, das ist hier kein Tauschgeschäft! 

Taher: Nee, man, stimmt! Du machst, was du willst, und wir sind die Scheiß-Opfers! Ey, diese Schule ist verrostet, wallah! 

Es wird wieder laut. 

Der Moment der kleinen Hoffnung ist vorbei. Sie haben wieder dichtgemacht. Was mit meinen Sachen ist, keine Ahnung. Ich stehe vorne wie der Alien. Langsam hole ich meine Arbeitsbögen raus. So ein Schwachsinn, denke ich und gebe Mehmet den Stapel, der mit ausdruckslosem Gesicht die Blätter sofort beginnt, auszuteilen. 

Na endlich, man! schreit Selina: Sie macht UNTERRICHT! und lacht ein bisschen hämisch. Während einige wenige tatsächlich anfangen, sich über die Arbeitsblätter zu beugen, falten die anderen Papierflieger daraus und lassen sie durch die Luft sausen. Innerhalb weniger Sekunden herrscht wieder der ohrenbetäubende Lärm. Kevin, ein kleiner blasser Junge, der hinten alleine am Fenster sitzt, hält sich die Ohren zu. Selina schreit: Jetzt setz dich doch mal durch, Frau Plath! Du musst die rauswerfen, die laut sind! 

Und was soll das bringen? schreie ich zurück. Selina zuckt mit den Achseln. 

Machen halt alle so. Du bist zu lieb, man. So lernen wir nix.

Wie zum Beweis geht jetzt hinten zwischen Taher und einem anderen Jungen eine Prügelei los, es sieht so aus, als würden sie sich umbringen wollen. Zwei andere Jungs halten die beiden nur mit Mühe und äußerster Kraftanstrengung auseinander, wildes Geschrei und Gepolter. Ich durchquere mit ein paar sehr schnellen Schritten den Raum, werfe mich quasi zwischen die beiden Streithähne und höre mich zu meiner eigenen Überraschung aus vollem Hals brüllen: Ihr spinnt ja wohl total! Jetzt ist Schluss!

In dem Gerangel werde ich hin und hergeworfen, jemand packt mich und schubst mich unsanft zur Seite. 

Misch disch nisch ein, das hat nix mit dir zu tun, sagt jemand nah an meinem Ohr. Die Schrankwand kracht zu Boden, die Mädchen kreischen, Kevin rennt heulend nach vorne und schreit: Ich will normalen Unterricht! Ich will normalen Unterricht! 

Ich rappel mich wieder auf und gehe nochmals mit aller Kraft dazwischen. Wieder werde ich mit voller Wucht zur Seite gestoßen. Ich stelle mich breitbeinig auf und brülle so laut, wie ich meine eigene Stimme selbst noch nie gehört habe: STOPP! Es REICHT!! 

Erstaunlicherweise kehrt Ruhe ein. Taher schmeißt sich zurück aufs Sofa, winkt mit einer abfälligen Geste ab: Ey du Missgeburt – wir sehn uns später. 

Ja, wir klärn das später, du Hurensohn! 

Als ich gerade aufatmen will, geht die Klassenraumtür auf: Ein älterer Kollege steht im Türrahmen, offenbar der Klassenlehrer der 8b. Er steht da breitbeinig im Türrahmen, die Arme in die Seiten gestemmt und grinst – ja man kann es nicht anders sagen – höhnisch. 

Was n HIER los? Ich glaub, mein Schwein pfeift! Ach! Und da is ja die Kollegin Plath! Ich dachte, hier ist kein Lehrer in der Klasse… Na, wenn Sie das hier als Unterricht bezeichnen… Interessante Pädagogik… Na denn! (Er tippt sich an die Stirn). Viel Spaß noch, Kollegin.

Und weg ist er. 

Ich lasse mich auf den Stuhl am Pult sinken und starre auf den Sitzplan. Es hat alles keinen Sinn, denke ich. 

In der Pause fliehe ich ins Raucherzimmer, sitze zwischen den Rokal-der-Steinzeitjäger-Lektüren, ziehe an meiner Zigarette und denke in einem Dauer-Loop: Nicht heulen, Frau Plath. Erst, wenn du zu Hause bist. 

Dann Musik in der 8a. Schon von draußen das Gejohle und Geschrei. Ich gehe rein und denke: Es sind nur 45 Minuten. Das schaffst du schon. 

Schaffen ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Ich versuche gar nicht erst, von vorne irgendetwas anzusagen, sondern gehe gleich durch die Bankreihen und verteile meine Arbeitsbögen. Das sind sie gewöhnt, das verursacht am wenigsten Ärger. Es ist zwar völlig fürn Arsch, weil keiner ernsthaft was einträgt auf den Papieren, aber es sieht immerhin noch am ehesten nach Unterricht aus und führt mysteriöserweise dazu, dass dann immerhin die meisten an ihren Plätzen sitzen bleiben. Warum auch immer. Dort tippen sie zwar auf ihren Handies rum, spielen Karten, lackieren sich die Fingernägel oder zeigen sich Hochzeitsfotos aus dem Libanon, aber wenigstens sind sie dann mit sich beschäftigt und beachten mich nicht. Was in gewisser Weise eine Erholung ist. 

Warum verteile ich nicht einfach nur noch Arbeitsbögen und sitze meine Zeit ab? Wäre doch leicht verdientes Geld? Ich gehe so ein bisschen auf und ab, bleibe am Fenster stehen, schaue raus, schaue auf die Uhr. Immer noch erst zehn Minuten vergangen. Noch 35 Minuten. Ich langweile mich. Und plötzlich muss ich lachen. Was MACHEN wir hier eigentlich? Einen Wettbewerb, wer am besten die Zeit totschlägt? Wir sitzen hier alle diese 45 Minuten ab. Keiner von uns möchte hier sein. Alle würden lieber woanders sein und was anderes machen. Aber hier sind wir. Zusammen in diesem hässlichen, verwahrlosten Raum – und warten darauf, dass es klingelt. Und letztendlich darauf, dass wir endlich nach Hause dürfen. Was für ein Irrsinn. 

Ich traue meinen Augen nicht: Da meldet sich jemand. Ich gehe zaghaft hin, die Erinnerung von gestern noch in den Knochen. Aber es hat keinen Zweck von hier aus zu sprechen – man versteht sein eigenes Wort nicht bei diesem Lärm. Bei Meltem angekommen, kniee ich mich vor sie hin, schaue sie fragend an. Meltem sagt: Mir ist schlecht. Kann ich nach Hause? 

Immerhin fragt sie, denke ich. Taher wäre einfach gegangen. 

Was ist denn los?, frage ich. Statt einer Antwort, kullern Tränen. Entsetzt beuge ich mich vor: Was ist los, Meltem? Hat dir jemand weh getan? 

Jetzt schluchzt Meltem. Nickt. Ich nehme ihre Hand, sie schluchzt weiter. 

Magst du nicht drüber reden? 

Meltem schüttelt den Kopf, drückt aber weiter meine Hand. 

Ich will nach Hause, murmelt sie.

Ok, höre ich mich sagen, richte mich auf, gehe zum Pult und hole das Klassenbuch. 

Darf Meltem nach Hause? Ich will auch nach Hause, schreit ein Mädchen von hinten, das aussieht wie die Gewinnerin eines Model-Wettbewerbs. Ich werfe kurz einen Blick auf den Sitzplan. Das müsste Shirin sein. 

Shirin? Sie nickt. Mir ist schlecht, Frau Plath, ich habe meine Tage. 

Ich auch! Ich will auch nach Hause!, ruft sofort jemand anders. Ach du Scheiße, denke ich. Jetzt wollen alle nach Hause. 

Riesengeschrei: Was hat Meltem? Warum darf die nach Hause? Ich will auch nach Hause!

Ok. Sage ich sehr laut. Das ist jetzt echt albern. Entweder wir reden jetzt kurz, was mit euch los ist, und warum wer nach Hause muss, oder alle bleiben hier. Fertig. 

Ein Geheule geht los, wie eine Wolfsgeheul-Persiflage. Ey, Sie sind VOLL fies, Frau Plath. Wie HÄSSLISCH!!! Meltem geht’s WIRKLICH schlecht! Und ich hab ECHT meine Tage! 

Und wieder – brülle ich… 

Ruhe jetzt! STOPP! Das darf doch nicht wahr sein. Ihr setzt euch jetzt hin! SCHNAUZE!!! (ja, tatsächlich. DAS brülle ich, ich kann nicht glauben, dass ich das bin). Ein kurzer Moment der Überraschung. Die Mädchen grinsen. Ayse murmelt in meine Richtung: Na siehste… GEHT doch… 

Meltem hat inzwischen ihren Kopf auf die Arme gelegt und schluchzt lautlos vor sich hin. Ich streichle ihr vorsichtig über den Rücken. Sie zuckt zusammen. Schaut auf. 

Wolln wir? frage ich. 

Sie nickt. Wir gehen zusammen raus vor die Tür, das Klassenbuch habe ich unter den Arm geklemmt. Draußen auf dem Flur schließe ich vorsichtig die Tür und sehe Meltem an. 

Jetzt erzähl mal… sage ich. 

Aber Meltem schüttelt den Kopf und rennt davon. 

Meltem!

Ich habe den Impuls hinterher zu rennen, aber da kracht schon wieder irgendwas im Klassenraum um. Ich reiße die Tür auf und im selben Moment springen drei Jungs vom Pult, auf dem sie offenbar gerade getanzt hatten. Sämtliche Gegenstände auf dem Pult, zwei große Plastikbehälter mit Stiften und Scheren und eine Blumenvase sind auf den Boden geflogen, der Inhalt in einer Wasserpfütze auf dem Boden verteilt. Ich mache mich daran, aufzuräumen. 

In den folgenden Tagen bereite ich gefühlt 100 verschiedene Stundenentwürfe vor. Vor allem aber denke ich: Du WEISsT doch, wie guter Unterricht funktioniert. Mit Sicherheit geht das nicht frontal vom Pult aus. Also das allererste, was du schaffen musst, ist ein Stuhlkreis und auf Augenhöhe mit ihnen reden! In Beziehung gehen. Du hast das doch alles tausend Mal gemacht und eine ganze Schrankwand voller genialem Unterrichtsmaterial angesammelt! Das DARF doch nicht wahr sein, dass du das nicht hinkriegst! 

Ok. Gesagt getan. Erster Schritt: Demokratische Gesprächskultur, denke ich. In den folgenden Tagen kann Mensch dann besichtigen, wie Frau Plath in ihren Klassen versucht, einen Stuhlkreis aufzubauen. Ungelogen dauert dieses Vorhaben grundsätzlich genau eine Unterrichtsstunde lang. Wenn endlich der Stuhlkreis aufgebaut ist, alle im Kreis sitzen und ein winziger Moment Ruhe einkehrt, also genau in dem Moment, in dem ich sage: Ok, und jetzt fangen wir an – klingelt es zur Pause. 

Und jeden Tag packe ich am Ende eines weiteren langen Kampf-Tages meine Sachen zusammen, setze mich in die U8, die mich nach Mitte bringt und denke: 

Nicht heulen. Erst, wenn du zu Hause bist.