Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 23: Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Eine Demütigung ist eine Demütigung ist eine Demütigung. Die Frage ist, wie mensch, damit umgeht. Übliche Phasen sind, glaub ich, und so ging es mir auch: Erstmal Schock. Dann Verleugnung (das wird schon alles wieder). Dann Wut. Dann sehr erstaunlich krasser Schmerz. 

Ich wollte das zuerst nicht wahrhaben, wollte diesen Schmerz nicht fühlen. Aber er kam mit aller Wucht. Es haute mich um. Immer wieder fing ich wie aus dem Nichts an, zu weinen. Ich heulte in der Badewanne, ich heulte am Küchentisch, ich heulte nachts im Bett, ich heulte morgens unter der Dusche. Werde ich jetzt Psycho?, dachte ich. In meinem Bauch wütete ein großer, dumpfer Schmerz und es gelang mir nur phasenweise, mich davon abzulenken. Anfangs verstand ich gar nicht, was überhaupt mit mir los war. Gib doch dieser einen Frau nicht so viel Macht, sagten meine Freundinnen. Das klang logisch, aber mein Körper sagte etwas anderes. Mir war dauernd schlecht, als müsste ich mich übergeben. Mir wurde klar, dass ich mit dem, was ich die letzten Jahre getan hatte, etwas sehr Persönliches von mir freigeschält und in die Welt gestellt hatte. Und dass ich damit nicht nur die Kinder ein Stück weit befreit hatte, sondern vor allem mich selbst. Die Jugendlichen hatten einen verschütteten Teil meiner Persönlichkeit lebendig werden lassen. Sie hatten mich ermutigt, zu mir selbst zu stehen, so, wie ich sie umgekehrt dazu ermutigt hatte. Wir hatten uns irgendwie gemeinsam und gegenseitig befreit. Es war ein Raum entstanden, der vorher nicht da war und der irgendwie etwas Zukünftiges, Zuversichtliches aufmachte. Eine Ahnung davon, wer wir sein könnten. Die Situation in der Boddinstraße hatte diesen Raum explodieren lassen und mich in den Keller meiner Kindheitsängste verfrachtet. In dieses: Ich bin nichts wert, ich kann nichts, es hat alles keinen Sinn, es war alles umsonst, spring einfach vom Balkon. Es fühlte sich unerträglich an. Ich erlebte Tage, ja wahrscheinlich Wochen wie durch einen Schleier. 

Wie nun weiter? Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Entscheidung treffen musste: Unterwerfung und in der Folge wachsender, sich verfestigender Groll oder Flucht nach vorne – in die Eigenverantwortung?  Dafür gibts ja auch diesen blöden Spruch, der mir aber zumindest die Richtung anzeigte: Aufstehen. Krönchen richten und Weiter gehts. 

Das war aber erstmal deswegen so schwierig, weil es viel einfacher war, mich selbst zu bemitleiden, meine Wunden zu lecken und in Gedanken die SCHULDIGEN zu suchen, zu finden und sie gedanklich immer wieder aufs Neue zu verfluchen. Das tut ja vermeintlich – bzw gefühlt – erstmal gut. Mensch kann sich so schön im Recht fühlen und sich im Elend suhlen – bringt aber leider nix. Denn ich musste ziemlich schnell feststellen, dass ich mich dadurch langfristig keineswegs besser fühlte. Eher immer schlimmer, eher RICHTIG scheiße. Nämlich wie ein Opfer. Sich wie ein Opfer zu fühlen ist langfristig, glaube ich, das Gefährlichste und Ungesündeste, was es so gibt. 

Auch was dieses Thema anging, hatte ich von den Jugendlichen einiges gelernt. Ey du OPFER! Das hätte Taher gesagt. Und natürlich hätte er dummerweise recht gehabt. ALLE Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, hatten zehntausend bessere Gründe, sich zu bemitleiden, als ich. Und von ihnen kam die Formulierung Ey, du Opfer! Als ultimative Beleidigung. Nicht etwa: Du Arme, das ist ja gemein von der Welt, dass sie dich gefickt hat. Nee. Die Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, WUSSTEN, dass die Welt ungerecht ist. Dass Erschütterungen und Verletzungen durch Demütigung an der Tagesordnung sind. Denn im Gegensatz zu mir erlebten sie die Auswirkungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ja tagtäglich, während ich im Vergleich dazu eher so die Prinzessin auf der Erbse war. Ich begann, die Sache von außen zu betrachten. Aus der Perspektive der Neuköllner Jugendlichen. Und aus DIESER Perspektive konnte man die Sache auch ganz anders betrachten, nämlich so: 

Ich heulte also schon rum, nur weil ich jetzt mal etwas unsanft aus meiner privilegierten Erwartungshaltung herausgeflogen war („Ich bin gut, also wird alles gut“. NOT!). Wer konnte sich eine solche Erwartungshaltung überhaupt leisten? Wieso war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass man meine Leistung anerkennen und wertschätzen würde? Ich landete etwas unsanft auf dem Boden der Tatsachen und stellte fest: Wenn niemand zu dir sagt: Du armes, armes Hascherl und dir aufhilft, nachdem du gestürzt bist und dir die Knie aufgeschlagen hast, dann nützt es irgendwie nicht so viel, weinend auf der Straße sitzen zu bleiben, dann musst du wohl oder übel alleine wieder aufstehen. Wenn keiner deinen Sturz beachtenswert findet, dann kannst nur du selbst die Entscheidung treffen: Opfer sein oder nicht Opfer sein? Wenn du kein Opfer sein willst: Sei keins! 

Das war so ein bisschen die Weisheit, die ich von Taher & Co mitgenommen hatte. Bei ihnen war das allerdings dann teilweise nicht immer konstruktiv gewesen. Ich hatte zum Beispiel Taher irgendwann davon überzeugen können, dass es nicht unbedingt zielführend ist, die Opfer-Rolle zu verweigern, indem man “Arschlöchern den Fuckfinger zeigt und türenknallend den Raum verlässt”. So gut sich das im ersten Moment anfühlen mag: Was ist das ZIEL der Aktion? Taher war über diese Frage einigermaßen überrascht gewesen. Das Ziel? Ey wallah- das Ziel ist, denen zu zeigen, dass die Wixxer sind! 

Ja. Und DANN? Wenn du beispielsweise die MSA Prüfung bestehen willst, und da sitzen halt ein, zwei Arschlöcher in der Prüfungskommission, und du zeigst denen den Fuckfinger und rennst raus, was bringt dir das dann? Du hast dann einfach mal deinen Abschluss vergeigt. Die Prüfungskommission interessiert das wenig. Aber DU bist dann derjenige, der keinen Abschluss hat. 

Taher macht darauf dieses Gesicht, das soviel heißt wie: Ist mir doch egal, ich krieche niemandem in den Arsch. 

Aber er sagt es nicht, ich sehe, er kämpft mit sich, weil sein brillianter Verstand zwangsläufig zur Kenntnis nimmt, wenn ein Argument einfach mal ein Argument ist. Taher kann sowas anerkennen. Deswegen grinst er dann auch und sagt: Ja, man scheiße. Aber ich bin kein Opfer! Und so rum schleimen, das mach ich auch nicht, das können Sie vergessen! 

Es gibt noch was ZWISCHEN Opfer sein und Schleimen, Taher, und das wäre: Die Situation auf DEIN Ziel hin zu steuern. OHNE Unterwerfung. 

Und na klar ist er jetzt gespannt. Wir verbringen daraufhin ein paar Wochen jeden Dienstag Nachmittag mit zielgerichtetem Statustraining und tatsächlich besteht Taher seine mündliche MSA Prüfung mit einer zwei. (In Wahrheit wäre ein “Sehr gut” angemessener gewesen. Was er ablieferte, war weit über dem sogenannten Erwartungshorizont, aber einige Kollegen konnten sich zu einer “1” nicht durchringen, weil “ich NIE eine 1 gebe”. Ach so). 

Ich weiß also eigentlich, was es zum Thema Kompensation von Demütigungen so an Möglichkeiten gibt. Dass es darum geht, sich ein eigenes Ziel zu setzen und dann mit allen Kräften die Opferrolle zu vermeiden, wenn was schief geht – stattdessen: Immer konstruktiv auf das eigene Ziel bezogen agieren – und eben NICHT reagieren. Theoretisch weiß ich ganz genau, dass du es irgendwie schaffen musst, die Verantwortung für dein Ziel SELBST zu übernehmen, statt unter dem Erwartungsdruck der anderen einzuknicken, dich zu unterwerfen und dann rumzuheulen. Trotzdem bin ich – wie immer in meinem Leben – auch jetzt wieder überrascht, wie schwer es ist, wenn diese tollen Erkenntnisse einem Realitätscheck unterzogen werden – wenn es also mal tatsächlich akut wird. 

Wenn nämlich plötzlich eine Situation eintritt, in der es sehr sehr SCHWIERIG wird, NICHT in die Opfer-Rolle zu fallen, weil etwas WIRKLICH ungerecht ist. DANN zeigt sich nämlich überhaupt erst, ob wir die schöne Theorie in die Praxis umgesetzt kriegen. Und so blonde große Kartoffeln wie ich haben da ja relativ wenig Trainingsmöglichkeiten: Im Vergleich zu meinen Schüler*innen erlebte ich nämlich nur einmal alle Jubeljahre eine WIRKLICHE Ungerechtigkeit und Demütigung so wie jetzt – während sie das täglich erlebten. 

Es war dieser Gedanke, der mich letztendlich aus der Schmerzstarre herausholte. Jedes Mal, wenn sich mein Magen in Erinnerung an die Situation zusammenzog und die Tränen in meine Augen zu schießen drohten, dachte ich: Sei kein blödes Opfer, Frau Plath. MACH was! Da kommt jetzt keiner und pustet und tröstet und klebt ein Mickey Maus Pflaster auf dein Knie. Also steh einfach auf und lauf weiter. MACH was. 

Und also machte ich was. Ich setzte mir ein Ziel: In spätestens drei Jahren raus hier aus diesem institutionalisiertem Irrsinn. 

Ziel also geklärt. Wie genau das Ziel zu erreichen war? Geschenkt. Spielte vorerst keine Rolle. Es ging erstmal darum, all meine Gedanken und Handlungen auf das Ziel hin auszurichten – ganz im Kleinen. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Ist dies oder jenes auf mein Ziel bezogen hin sinnvoll? Nein? Dann lass es. Oder ja? Dann mach es. 

Es fühlte sich in dieser Zeit so an, als würde ich meine Gedanken wie ein Zirkus-Dompteur seine Tiger in einer Manege mit einer Peitsche durch den brennenden Reifen zwingen. Meine Tiger, äh Gedanken, wollten immer nur gemütlich im Opfer-Kreis in der Runde laufen – Motto: Du arme arme Maike, das hat jetzt aber doll “aua “ gemacht, statt die Anstrengung zu vollbringen durch den brennenden Reifen der Selbstverantwortung zu springen. Ich musste ständig meine Tiger zur Räson bringen. Nein… ! Nicht in Richtung Selbstmitleid laufen… Nein…! Nicht noch mal die gemütliche Runde im Kreis…! Nicht in Richtung Wut auf Frau Reimann! Nicht in Richtung Selbstmitleid und „Ich kann ja sowieso nix machen“! Stattdessen HIER längs, ja genau, unangenehm, aber ja: Zack! – durch den brennenden Reifen: Und der brennende Reifen lautete: WAS kannst du konkret TUN? Und: MACH das, fang an, beweg deinen Arsch! 

Auch wenn all meine versiertesten Ängste IMMER für die gemütliche Runde und gegen den brennenden Reifen plädierten. Die Ängste gingen in etwa so: 

Was willst du denn MACHEN, Maike? Du hast doch gar nix anderes gelernt? – Wie kannst du deine Schüler*innen im Stich lassen? – Wie willst du ausreichend Geld verdienen?  Du wirst auf der STRASsE landen! – Das wird jetzt der biografische Absturz, DER Fehler, durch den du dir dein Leben versaust… Und – auch schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten! – Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! – Und (raffinierteste Angst-Argumentation): Das ist doch Hybris, Maike! So schlimm war das doch gar nicht, was die Reimann gesagt hat. Vielleicht hat sie sogar ein bisschen recht und du hast dich zu wichtig genommen? Warum kannst du nicht einfach mal klein beigeben und Dienst nach Vorschrift machen? Ist doch alles gar nicht so schlimm… stirbt ja keiner von! Und du kriegst Beamtengehalt. Safe! Warum musst du immer gleich die Welt verändern wollen, denk mal nicht, dass DU der Nabel der Welt bist…! Vielleicht wären ja alle viel GLÜCKLICHER, wenn sie nur gehorchen und Arbeitsbögen ausfüllen und Dienst nach Vorschrift machen müssen! Lass doch die armen Leute in Ruhe! 

Ja, Die Angst hat sehr sehr scharfsinnige Argumente. 

Während in meinem Kopf also dieses kleine Schmerz-Theater abläuft, versuche ich mich mit dem neuen Buch von Güner Balci abzulenken: Arabqueen. Ich schlage vor, dass wir das als Lektüre für den Deutschunterricht anschaffen, denn ich mache ja jetzt “Dienst nach Vorschrift” und nach 30 Jahren “Rokal, der Steinzeitjäger” kann man ja vielleicht mal was Neues wagen. 

Kurz darauf sitzt meine Klasse brav im Klassenraum und alle haben das gleiche Buch vor der Nase. Arabqueen. Was für ein schönes Bild!! Sieht aus wie Theater. Ist es auch. Meine Klasse erfindet jetzt ein Theaterstück, das ihre Gedanken zu Güner Balci’s Buch zum Ausdruck bringen soll. Es darf aber nicht so aussehen wie Theater, sondern tendenziell eher wie Deutschunterricht und Stationenlernen – na klar mit Bewertung nach Noten. In die Aula können wir auch nur noch selten und mit Voranmeldung. Alles wird SEHR misstrauisch beäugt. Und die Situation wird nicht besser. 

Also versuche ich außerhalb der Schule Sicherheitsnetze für unsere Arbeit zu spannen. Wir brauchen einen sicheren Raum, am besten ein kleines Theater, wo niemand es verdächtig oder anstößig findet, wenn wir stundenlang am Stück “komische Sachen, also Faxen, machen”. Komische Sachen sind alles, was NICHT “normal”, also nicht nach Deutschunterricht aussieht. 

Einige Kneipengespräche, Berliner Theaterbesuche und sogenannte “Netzwerken-Aktionen” später lande ich an einem Ort, dessen Namen schon nach Sicherheit klingt: Heimathafen Neukölln. Ein Heimathafen. Doch wie kommen wir da rein? 

An einem heißen Nachmittag im August sitze ich in einem stickigen kleinen Büro und versuche die Heimathafen-Betreiberinnen (eine Theaterregisseurin und eine Schauspielerin) davon zu überzeugen, dass ich ihr Haus brauche, um “Faxen zu machen”. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch und es läuft eher schleppend:

Schauspielerin: Wir haben das schon versucht mit einer Jugendtheater-Abteilung am Haus, aber da kommt keiner. 

Ich: Naja, die Jugendlichen hätte ich ja schon… 

Regisseurin (mit ausdruckslosem Gesicht): Und wieso glaubst du, dass du hier eine Jugendtheaterabteilung aufbauen kannst-du bist doch LEHRERIN. 

Ich: Das ist richtig. Aber ja, ich glaube, das kann ich. 

Regisseurin: Aber du bist LEHRERIN. 

Sie spricht es aus wie eine Krankheit. Ein bisschen so wie: Aber du hast eitrigen Hautausschlag.  

Ich: Ich habe eine Fachqualifikation für Darstellendes Spiel in der Oberstufe und mache seit Jahren mit den Jugendlichen Theater. 

Regisseurin: Ach so? Aber an Hauptschulen gibts doch gar kein Theater. 

Ich: Offenbar ja schon, wenn ich es seit Jahren mache. 

Schweigen. Humor kommt hier nicht so gut. Ok. Ich rudere etwas zurück. 

Ich: Nee, aber stimmt natürlich. Offiziell ist Theater an Hauptschulen noch nicht etabliert als Fach. Es hat sich nur gezeigt, dass es Sinn macht und erfolgreich ist. Und genau: Weil es noch keinen offiziellen Platz hat, bin ich ja jetzt hier. Ihr seid doch ein Theater für den Kiez hier. Ich bring euch die Jugendlichen aus dem Kiez. 

Schauspielerin: Ja. Aber du bist LEHRERIN.

Ok. Denke ich. Das wird jetzt monothematisch. Offenbar ist mein Beruf an dieser Stelle ein Makel. Wenn ich an Leute wie den Sheriff denke, kann ich das natürlich verstehen. Aber wahrscheinlich gehts hier eher um das symbolische Kapital. Im Programmheft sähe es hier wahrscheinlich besser aus, wenn ich Regisseurin oder wenigstens Schauspielerin wäre. Irgendwie künstlerischer halt, als was mensch landläufig so mit “Lehrerin” assoziiert. Ich kann das ein bisschen verstehen. Also setze ich ein ermutigendes Lächeln auf und sage:

Ja. Doof. Dass ich Lehrerin bin. Aber vielleicht versuchen wir es einfach mal. Ihr habt ja nichts zu verlieren. Wir bringen euch eine Jugendtheater-Produktion zum Thema “Arab Queen” als Antwort von Neuköllner Jugendlichen auf eure Haus-Inszenierung des Romans und dann schauen wir weiter. Kostet euch ja erstmal nix, ich hab ja mein Beamtengehalt (Noch. Füge ich in Gedanken hinzu). Und dann schauen wir weiter. 

Schweigen.

Regisseurin: Und wie heißt eure Produktion zum Roman “Arab Queen”? 

Ich: Arabqueen und Thilo Sarazzin. 

Schweigen. 

Regisseurin: Ok. Ihr macht zwei Vorstellungen bei uns am Haus und könnt für die Proben bis dahin die Studiobühne nutzen. Und dann sehen wir ja, wie es läuft. 

Ich denke: Yes. Mit einem Bein drin. Das reicht fürs erste, und sage:

Wunderbar. Wann können wir anfangen? 

Wir sind durch die Tür. Es gibt jetzt einen sicheren Raum. Als ich auf die Karl-Marx-Straße trete, muss ich kurz schlucken. Einen Teil meiner Schäfchen habe ich ins Trockene gebracht. Und erste Schritte aus der lähmenden Opferhaltung gewagt. Es ist ein Anfang. Und eine erste behutsame Rückeroberung von Zuversicht. 

Kapitel 16: Die Bretter, die die Welt bedeuten

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Justin ist schuldistanziert. Wenn er weiterhin so viele Fehlstunden ansammelt, müssen wir uns was überlegen. Das läuft da insgesamt völlig aus dem Ruder. Der Junge ist total von der Rolle. Hat sich nicht im Griff. Provoziert. Verweigert den Unterricht – oder erscheint gar nicht erst. Wenn der nicht allerschnellstens wieder in die Spur kommt, können wir den hier nicht weiter beschulen“. 

Sagt der Sheriff. Ich sitze im Lehrerzimmer in der Runde der Kollegen*innen, die in der 8b unterrichten, es geht um die nächste Klassenkonferenz von Justin, und ich fühle mich mal wieder sagenhaft scheiße. Denn natürlich wäre jetzt der Moment, etwas zu sagen. Justin ist nämlich bei mir keineswegs schuldistanziert. Verweigert auch nicht den Unterricht. Ganz im Gegenteil ist so eine neue Wachheit in seine Augen gekommen. Außerdem ist er jetzt jeden Mittwoch zuverlässig bei der Theater-AG. Wo er inzwischen unverzichtbar ist. Nicht nur hat er sich mit Herrn Schulze angefreundet und mit ihm vier alte Strahler aus dem Keller geborgen, die wir nun als Scheinwerfer benutzen, nein – er hat mit dem Hausmeister-Trio auch noch ein Wochenende in der Aula verbracht und geholfen, die Bühne schwarz zu streichen und mit ihnen zwei zusätzliche Holzwände an den Seiten der Bühne angebaut – dann kann man hinter der Bühne sein, ohne, dass die Zuschauer einen sehen, sagt Justin – und auch insgesamt ist es in Wahrheit eher so, dass Justin sich wahlweise im Hausmeister-Kabuff oder in der Aula aufhält – und offenbar in bestimmten Unterrichtsstunden ganz bewusst fehlt – aber deswegen ganz und gar nicht schuldistanziert ist. Denn eben: In der Schule ist er ja. Leider nur nicht da, wo er laut Plan sein soll. Vor allem offenbar nicht bei Herrn Böhm. Wenn ich aber daran denke, dass er noch bis vor kurzem 90 Prozent des Unterrichts mit Kapuze auf und Kopf auf dem Tisch reglos wie eine Statue aus Stein die Zeit abgesessen hat, dann denke ich schon, dass man die Entwicklung der letzten Wochen insgesamt als positiv bezeichnen könnte. Eigentlich sogar als fulminanten Durchbruch. Aber klar, pathetisch werden nützt jetzt nix. Ich forme in Gedanken die Worte, die dieses „Gremium“ hier am Tisch eventuell überzeugen könnte und höre mich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich sagen:

Also mein Eindruck ist eher, dass Justin sich gerade total verbessert. Er ist IMMER bei der Theater AG und in meinem Unterricht fehlt er auch nicht. Ich glaube, der macht gerade eher auf und da passiert was Positives. Den jetzt abzuschulen, wäre doch eine Vollkatastrophe…

Weiter komme ich nicht, denn Herr Böhm unterbricht mich jetzt in eisigem Ton:

Danke für diese ungebetene Einschätzung, Kollegin Plath, die hier im Übrigen niemand teilt. Was in deinen Stunden los ist, wissen wir hier alle. Dass Justin bei DIR zum Unterricht kommt, erstaunt auch niemanden: Bei dir dürfen die ja machen, was sie wollen. Chaos veranstalten ist aber nicht das, was denen auf Dauer im Leben weiterhilft. Daher hoffe ich, dass noch ein paar sinnvollere Vorschläge kommen, die vor allem auf ETWAS mehr beruflicher Kompetenz beruhen. 

Er schaut in die Runde. Einige grinsen.

Mir schießt das Blut ins Gesicht und ich kriege kaum Luft. Mist. So vieles will ich sagen, aber ich habe keine entsprechenden Worte. Wo soll ich anfangen? 

Bei all den Geschichten, die die Jugendlichen jetzt beim Theater erzählen und in letzter Zeit sogar aufschreiben und in Bildern und kleinen Szenen auf die Bühne bringen? Bei meinem Besuch vor zwei Wochen bei Justins Mutter? Bei meiner Erkenntnis, dass Justins Mutter den ganzen Tag trinkt und weint und völlig überfordert ist und ich nicht eine Sekunde länger wütend darüber sein kann, dass sie sich nicht um ihr Kind kümmert, weil sie selbst noch eins ist und dringend Hilfe benötigt? Oder bei meinen vergeblichen Telefonaten mit dem Jugendamt, wo ich immer nur weitervermittelt werde und zu hören bekomme, dass derzeit aufgrund der Vielzahl der Fälle keine Unterstützung möglich ist, wenn ich Glück habe, in sechs Monaten vielleicht? Oder soll ich das Ganze gleich abkürzen mit meiner neuen Erkenntnis, dass es auf uns selber ankommt, weil von außen keine Hilfe zu erwarten ist und gar nichts besser davon wird, wenn wir die Verantwortung immer nur an andere, an eine andere Schule, eine andere Institution, eine andere Maßnahme abgeben? Während mir das alles durch den Kopf rauscht, werde ich wütend. Und das ist hilfreich, denn ich finde meine Stimme wieder:

Es ist doch Wahnsinn, Justin an eine andere Schule oder sonst irgendeine andere Institution abzuschieben – jetzt, wo er gerade anfängt, Vertrauen zu entwickeln. Wenn er offenbar ein Problem damit hat, regelmäßig zur Schule zu kommen, ist es doch absurd, ihn deswegen GANZ raus zu schmeißen! Da sollten wir doch lieber nach den Ursachen forschen, WARUM er fehlt! 

Breiiges Schweigen im Raum. Herr Böhm atmet an. Doch dann passiert das Unerwartete. Jemand sagt:  

Das sehe ich ehrlich gesagt auch so. 

Ich drehe mich um, es ist Andrea Marquart, die Sportlehrerin, ich habe sie eigentlich noch nie etwas sagen gehört. 

Herr Böhm lacht laut und höhnisch:

Da haben sich ja zwei gefunden! Bei der einen toben sie in der Aula rum, bei der anderen in der Turnhalle. Geschätzte Kolleginnen, es geht hier darum, dass Justin ein Anrecht auf FACHUNTERRICHT hat. Nichts gegen eure Spaß-Faxen und Freizeitaktivitäten, ist ja auch mal ganz schön ab und dann, aber Justin braucht ganz eindeutig ein geordnetes Umfeld, eine klare Struktur, eindeutige Ansagen und Regeln. Vor allem würde ich doch aber anraten, dass wir solche Fälle professionell behandeln und Expertenmeinungen einholen, statt hier emotionale Bauchentscheidungen zum Besten zu geben. – Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass insbesondere bei der Kollegin Plath gerade so einiges aus dem Ruder läuft. Der Junge dreht ja nicht ganz zufällig gerade frei! 

Und jetzt verengen sich die Augen des Sheriffs und er holt zur lang erwarteten Attacke aus: 

Und das liegt nicht ganz unwesentlich an dem ganzen Quatsch, den die Kollegin Plath da in ihrem angeblichen Unterricht einführt: Veto Recht und andere fragwürdige Experimente. Ich wollte es ja eigentlich hier nicht zur Sprache bringen, aber die Kollegin hetzt derzeit ganz bewusst unsere Schüler gegen uns auf. Als hätten wir hier nicht schon genug Probleme! 

Ich denke:  Ach, auf einmal sind es jetzt „unsere Schüler“. 

Andrea Marquart starrt den Sheriff an, sagt aber nichts mehr, senkt den Kopf. Und mir pocht die Wut im Hals. Aber auch die Angst, leider. Denken die jetzt alle, ich würde tatsächlich die Schüler aufstacheln? Wie ist es möglich, dass er die Tatsachen so krass verdrehen kann und niemand widerspricht? Soll ich hier kurz mal schildern, wie er mit den Jugendlichen in seinem Unterricht umgeht? Oder mit mir? Was hindert mich daran? Ich habe dieses schreckliche Gefühl, dass niemand mir glauben würde. Und er scheint das zu wissen. Es darf doch nicht wahr sein, wie sicher er sich fühlt, wie hoch er pokert! Und gleichzeitig sehe ich in den Gesichtern der Kollegen um mich herum diesen Zweifel. Dieses: 

Hetzt sie WIRKLICH die Schüler gegen uns auf? Was für ein Veto Recht?  

Das Schlimme ist, dass ich nicht daran glaube, ausreichend Zeit oder Raum zu bekommen, um das Veto Recht so zu erklären, dass der Sinn dahinter verständlich wird. Was der Sheriff sagt, klingt viel einleuchtender, weil einfacher – und empörender. Es ist einfach die bessere Skandal-Nachricht. Er hat damit jetzt die volle Aufmerksamkeit der Runde. Was ich dagegen zu sagen habe, ist irgendwie komplizierter, es hat mit einer längeren Entwicklung zu tun, ich kann dafür noch keine kurzen, knackigen Worte finden, obwohl ich spüre, dass es richtig ist, was ich da angefangen habe. Aber „spüren“ ist leider ein nicht ganz so überzeugendes Argument und nach außen sieht es nun einmal – ja – leider – irgendwie nach Aufstacheln aus. 

Ich habe die vergangenen Wochen sowohl mit meinen Klassen als auch mit der Theater AG in einer aufreibenden emotionalen Dauerauseinandersetzung verbracht, darüber, was das Veto bedeutet und wie es konstruktiv werden kann, statt alle Anwesenden auf die Palme zu bringen. Und dieser Weg führte zunächst einmal über ihre persönlichen Geschichten und Gedanken – und dann immer weiter zu dem ganz tiefen Frust, den diese Kinder in sich angesammelt hatten. Endlich erfuhr ich, warum sie die ganze Schule „verrostet“ fanden, sie kotzten sich regelrecht aus:

Am meisten macht Spaß, bei ALLEM Veto zu machen, isch ficke diese Schule, wallah! Isch ficke diese Lehrer! Isch ficke diese deutschen Kartoffeln! Alter, isch ficke ALLES! 

Mir wurde klar, dass die Veto Karte in etwa so wirkte wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die ganze aufgestaute Scheiße kam jetzt raus. Ein einziges riesen-großes Veto. Es war so, als hätte ich ein Monster aufgeweckt, das seit Jahren im Keller vor sich hinvegetiert hatte, und sich jetzt plötzlich mit aller Wucht erhob. Weil so viel Frust da war, und ich das alles gar nicht in Gesprächen auffangen konnte, spielten wir stundenlang „Open Mike“ mit „All in “, was hieß, dass sie erzählen, schimpfen und auch fluchen durften, so lange sie niemanden im Raum direkt meinten. Das passierte aber auch ohnehin nicht, denn ihre Wut richtete sich nicht gegeneinander, sondern hauptsächlich gegen die Schule, gegen das Job-Center und gegen alle, die sie verlassen, aufgegeben, gedemütigt oder herabgesetzt hatten. Nach den Open Mike Phasen durften sie Wut-Texte und Wutbriefe schreiben, die ich ihnen dann zu Hause ohne Fehler abtippte und ihnen als schöne, ordentliche Texte zurückgab. Ganz allmählich konnten wir dann auf dieser Grundlage Gespräche führen, die etwas länger dauerten, als drei Sätze und die dazu führten, dass die Jugendlichen genauer zuhörten, was ich mit dem Veto-Recht meinte und wie sie es in meinen Unterrichtsstunden konstruktiv anwenden konnten. Sie nutzten es zunehmend als Schutzschild, wenn sie irgendetwas nicht machen, sagen oder präsentieren wollten und wir redeten viel über eigene Grenzen und wo diese von anderen überschritten worden waren und warum das schmerzhaft gewesen war. Manche ihrer Texte waren nur kurz, bestanden teilweise nur aus ein oder zwei Sätzen, hatten es aber in sich und auf der Bühne wurden daraus mit Hilfe des Fernbedienungs-Spiels ganze Geschichten, die immer weniger wirkten, wie alberne Sketche, eher wie bildhafte, theatrale Bruchstücke von Wut und Enttäuschung. 

Und nach einer dieser Stunden steht Justin irgendwann neben mir und murmelt: 

Ich will nicht mehr, dass Herr Böhm „Du fette Sau“ zu mir sagt. Ich mach da jetzt Veto

Und ja. Es stimmt. Ich habe ihn darin bestärkt. Nicht konkret gegen Herrn Böhm, aber insgesamt darin, sich gegen Herabsetzungen und Beleidigungen dieser Art zu wehren. Eine Grenze zu ziehen. Zu sagen: So redet keiner mit mir. Hier ist Schluss. Die Grenze ist überschritten. 

Was genau nun Justin Herrn Böhm gegenüber gesagt oder getan hat, weiß ich nicht, aber offenbar ist die Entwicklung der letzten Wochen nicht spurlos am Sheriff vorbeigegangen. Wahrscheinlich ist die Situation zwischen Justin und Herrn Böhm eskaliert. Kann ich mir gut vorstellen, so klar und irgendwie stark wie Justin jetzt immer wirkt. Mir wird plötzlich ganz schlecht, weil ich ahne, warum wir hier überhaupt sitzen. Es geht gar nicht um Justin. Es geht um einen Machtkampf. Und ich kriege Angst, wenn ich nur dran denke. Ich hätte eigentlich längst was sagen müssen. Aber es scheint in dieser beklemmenden Atmosphäre irgendwie ganz und gar unmöglich das Offensichtliche auszusprechen. 

Ich mache trotzdem noch einen Versuch. Sämtliches Blut scheint mir dabei in den Kopf zu schießen und ich kriege kaum Luft. 

Justin wehrt sich im Moment nur gegen diese ständigen Herabsetzungen. Ich halte das für sehr gesund. 

Ich bin vor lauter Stress so kurzatmig, dass ich Luft holen muss. Dann schiebe ich noch hinterher: 

Und es stimmt nicht, dass ich die Schüler aufhetze. Ich ermutige sie nur, für ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzustehen. 

Mehr schaffe ich nicht. Mein Kopf fühlt sich an wie Brei. Ich nehme nur noch verschwommen wahr, dass Herr Böhm sich aufrichtet, die Adern an seinem Hals und auf der Stirn hervortreten und er anfängt zu brüllen. MICH anzubrüllen. 

Ich glaube echt, es hackt! Haste jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was? Wie kann man nur so dermaßen arrogant sein bei gleichzeitiger vollkommener Verblödung! Willst du uns jetzt erklären, wie wir unseren Job zu machen haben?? Na, vielen Dank auch! Die Kollegen hier reißen sich tagtäglich den Arsch auf, damit aus diesem Gesocks hier noch IRGENDWAS Produktives raus kommt und was machst du? Spielst hier die Heilige! Die ARMEN Kinder! Mein Gott- bist du naiv, das ist ja gar nicht auszuhalten! Deren GRENZEN UND BEDÜRFNISSE!! Ich lach mich tot! Haste mal eine Sekunde über die Grenzen und Bedürfnisse der Kollegen hier nachgedacht?? Nee- Solidarität ist bei dieser Kollegin hier ganz klein geschrieben, ach Quatsch, was red ich: Gar nicht vorhanden! Schleimt sich auf miese Art und Weise bei den Schülern ein: Bei mir dürft ihr alles, aber die BÖSEN anderen Lehrer- die verstehen euch nicht, die machen alles falsch, ach dann wehrt euch doch mal gegen die und macht denen das Leben schwer! Ich könnte kotzen! Ich werd mich beschweren, Kollegin, das lass ich mir hier nicht mehr bieten! Macht euren SCHEISS doch alleine!!! 

Und mit lautem Poltern verlässt der Sheriff die „Bühne“, WUMMS, die Lehrerzimmer-Tür fällt hinter ihm zu, die vielen Zettel mit den Namenslisten der Jugendlichen für die nächsten Klassenkonferenzen zittern noch eine Weile. 

Ich sacke innerlich zusammen. Eine Kollegin sagt in leicht bissigem Ton: 

Ich wunder‘ mich auch immer, woher diese jungen, völlig unerfahrenen Kolleginnen ihr Bomben-Selbstbewusstsein her nehmen. Unterrichten zwei, drei Wochen und wissen dann gleich alles besser… aber das nützt ja nun alles nix, ich nehme mal an, diese Besprechung hier ist zu Ende. Ich schau mal, wo der Werner hingegangen ist. 

Klar. Der arme verletzte Werner-Sheriff muss jetzt schnellstens umsorgt werden nach diesem traumatischen Ereignis: Ihm wurde widersprochen. Ich packe meine Sachen und gehe zur Damentoilette. Nachdem ich mir ein paar Ladungen kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und damit das Aufkommen von Tränen einigermaßen in den Griff bekommen habe, öffnet sich die Tür und drei Kolleginnen betreten das Damenklo. Kaum haben sie mich vor dem Waschbecken ausgemacht, brechen sie in aufgeregte Sympathiebekundungen aus: 

Ach Mensch, Maike! Ich fand das ganz toll, was du gesagt hast- ich bin absolut auf deiner Seite, du hast sowas von recht!

Ich tupfe mein nasses Gesicht mit Toilettenpapier ab (Handtücher gibts nicht) und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Denn was ich sagen, nein, eigentlich schreien WILL, ist: Ja und warum habt ihr nix gesagt?? 

Wobei. Andrea hat was gesagt. Ist allerdings jetzt nicht hier auf dem Damenklo. Ich beschließe, sie suchen zu gehen. Ich murmle sowas wie   Danke, danke…das freut mich…   und mache mich schnell auf und davon. 

Wenn ich Michelle Pfeiffer in „Gangstas Paradise“ gewesen wäre, dann hätten sich jetzt mehr und mehr Leute getraut, dem Sheriff zu widersprechen, Justin hätte Unterstützung erhalten, der Sheriff hätte beleidigt das Feld geräumt – oder wäre – von Justin’s Theater-Erfolg zutiefst berührt – ein neuer Mensch geworden. Das Schuljahr hätte geendet mit der gefeierten Aufführung der Theater AG, einem glücklichen Justin, einer strahlenden Mutter, die den Entzug geschafft hat und mit einer großen allgemeinen Versöhnung im Lehrerzimmer. Aber es war kein Film. Und Herr Böhm verließ nicht das Feld und wurde auch nicht geläutert. Ganz im Gegenteil trommelte er zur Schlacht. Er drohte mir, mich „fertig zu machen“, sollte ich mich weiterhin in SEINER Klasse einmischen. Justin nahm er in die Mangel und setzte ihn unter Druck. Was genau sich abspielte, weiß ich nicht, aber in der folgenden Konferenz gab Justin mit gesenktem Kopf zu Protokoll, Herr Böhm nenne ihn zwar immer „fette Sau“, aber das sei nur Spaß und eigentlich seien sie ja „gute Kumpels“, Herr Böhm sei eben ein strenger, aber eben auch ein guter Lehrer, der „die Lage im Griff hätte“. Andrea und ich gaben unsere Beobachtungen und unsere Sichtweise trotzdem zu Protokoll. Die Reaktion darauf war allgemeines, unangenehmes Schweigen, bei dem ich mich die ganze Zeit fühlte wie eine Verräterin. Aber: Taher, Mahmout, Chris und Selina bestätigten zu meiner großen Überraschung meine und Andrea‘s Aussagen und schrieben – ganz und gar freiwillig und ohne dazu aufgefordert worden zu sein – den längsten Text, den sie wohl je in der Schule freiwillig geschrieben hatten, nämlich eine Wörter- Liste mit folgender Überschrift: „Liste der Beleidigungen, wie Herr Böhm uns immer nennt – von der 8b“. Die Reaktion darauf im Kollegium war:  Ach. Die Jugendlichen erzählen halt viel, wenn der Tag lang ist. 

Außer, dass Herr Böhm einen weiteren Tobsuchtsanfall bekam und mir androhte, mich wegen Verleumdung anzuzeigen, bewirkte das Ganze leider so gut wie nichts, außer, dass Justin die Klasse wechselte, weil er es mit Herrn Böhm nicht mehr aushielt. Und der Sheriff selbst schwieg grimmig zu allen Vorwürfen, wurde aber auch nachhaltig von Frau Rische und dem Hühnerstall verteidigt und getröstet – und machte Andrea und mir fortan das Leben zur Hölle. Was man halt alles so machen kann, wenn Mann heimliche Schulleitung ist. Im Kollegium änderte sich NICHTS, zumindest dachte ich das damals. Aber offenbar änderte sich sehr wohl etwas, nur fand das eher im Verborgenen statt. In den Köpfen einzelner, die aber noch nicht laut werden wollten oder konnten. 

Ich selbst leckte zu Hause meine Wunden, stellte fest, dass die Welt nicht gerecht ist – mit 33 Jahren wurde das ja auch allmählich mal Zeit – und hielt mich an meine neuen Freundinnen: Andrea und Mausi. Wir saßen abends im Café Casablanca und versuchten zusammen zu begreifen, warum ein Phänomen wie der Sheriff so unangreifbar war und was das eigentlich über uns alle aussagte.  

Sag mal, Mausi: Hast du denn damals mal was gesagt, wenn sich der Sheriff wie ein Arschloch verhalten hat?   fragte ich, und hoffte auf eine Gebrauchsanweisung. Aber zu meiner Enttäuschung bekam ich nur ähnliche Variationen davon zu hören, wie es auch jetzt gelaufen war. So ein bisschen Aufruhr, mutiger Schlagabtausch, aber leider kein überzeugendes Ergebnis. Zu wenige trauten sich, ebenfalls aus der Deckung zu kommen. 

Mausi schaut traurig in ihr Weinglas:  Wir sind halt alle zum Stillhalten erzogen worden. Das hat System. Du siehst ja auch jetzt: Die Kinder werden ja nicht dazu erzogen, freie Menschen zu sein, sondern sich an alle Gegebenheiten anzupassen, egal wie unmöglich die eigentlich sind. Und wer da aus der Reihe tanzt, bekommt die volle Ladung sozialen Druck zu spüren. 

Mein erstes Schuljahr in Neukölln ging also nicht mit einem Happy End zu Ende, wohl aber mit einer fulminanten Theateraufführung, bei der 14 Jugendliche mit voller Power auf der Bühne standen und ihre Geschichten erzählten. Und auch, wenn Herr Böhm natürlich nicht kam und nur ein paar versprengte Eltern und befreundete Jugendliche im Publikum saßen, entgingen mir nicht die Tränen, die einige Zuschauer*innen in den Augen hatten, und ich dachte: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und als Justin in einer Szene mit weit ausgebreiteten Armen auf der Bühne steht und sagt: Was ich in diesem Jahr gelernt habe? Ich habe gelernt, Veto zu sagen, muss ich mich abwenden, weil mir selbst die Tränen kommen. Also. Alles in allem ein gar nicht ganz so schlechter Anfang.