Medizin für die Demokratie Part 6

Episode 6: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Also immerhin DAS weiß ich! – Über das Aushalten von unübersichtlichen, komplexen Situationen und die Fähigkeit DENNOCH Regie über das eigene Leben zu führen

In der vorerst letzten Folge dieser kleinen Krisen-Staffel (erscheint demnächst bei YouTube unter „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“) kehre ich jetzt zum Kern des Mischpult-Prinzips zurück und fasse quasi zusammen:

Unsere Gesellschaft ist in vielen Bereichen von hierarchischen Strukturen geprägt. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Überwindung ungleicher Machtverhältnisse, was sich unter anderem in polarisierenden Debatten um Rassismus oder Sexismus zeigt. An vielen Stellen herrscht Ratlosigkeit darüber, wie wir Beziehungen, Klassenräume oder Organisationen so aufstellen und schützen können, dass Würde, Freiheit und Sicherheit jedes einzelnen Menschen gewahrt werden. Genau dort setzt die Arbeit mit dem Mischpult-Prinzip an.

Der Grundgedanke des Mischpult-Prinzips entstand in einer Situation, die ich als ausweglos empfand. Nämlich in einer persönlichen Krise. Ich fühlte mich damals als Lehrerin in Neukölln ohnmächtig und war im wahrsten Sinne des Wortes ent-setzt: Orientierungslos, hilflos, panisch, auf dem Weg in die Depression. Alles, was ich bis dahin gelernt und geglaubt hatte, stimmte nicht mehr. Ich fühlte mich ohnmächtig und wie ein Opfer äußerer Umstände, die ich glaubte, nicht ändern zu können. 

Womit ich es in Wahrheit zu tun hatte, war eine komplexe Situation, die sich weder mit autoritärer Führung noch mit einem Festhalten an norm-orientierten Lehrplänen in etwas Konstruktives verwandeln ließ. 

Komplexe Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass wir nicht alle Faktoren kennen, die diese Situation bestimmen, dass es nicht EINE richtige Lösung dafür gibt und dass alle bisher bekannten Denkmuster und Regelsysteme hier unzureichend sind. 

Was ich dem entgegengesetzt habe und was jetzt über zehn Jahre lang immer wieder ausweglos erscheinende Situationen ins Konstruktive wenden konnte, war der zentrale Gedanke: Führe Regie über dein Leben! 

Aus diesem Gedanken entstand das Mischpult-Prinzip: Ein Konzept, das transparent Strategien der Führung und der Selbstführung vermittelt. 

Wie genau das Schritt für Schritt umgesetzt werden kann – dafür ist das Mischpult-Prinzip ein konkretes Instrumentarium, das uns hilft, erstens die dementsprechende Haltung zu entwickeln, die dafür notwendig ist und zweitens zu wissen, wie genau ich immer wieder Führung und Selbstverantwortung übernehmen kann und mich also in der Folge NICHT mehr wie ein Opfer der Umstände fühlen muss. UND wie gleichzeitig ANDEREN transparent vorleben kann, wie SIE wiederum aus Ohnmachtsgefühlen herauskommen und selbst Führung übernehmen können. Dadurch entsteht bei allen Beteiligten Sinn und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Die Basis für Selbstwertgefühl. 

Führe Regie über dein Leben! ist die Quintessenz all dessen, was ich zur Bewältigung von Krisen und Ohnmachtsgefühlen sagen kann. Meiner persönlichen Erfahrung nach ist die Selbstermächtigung aller Beteiligten das einzige, was uns in scheinbar aussichtslosen Lagen wirklich helfen kann. 

Die Ausbildung von echtem Selbstwertgefühl ist die Basis für mentale und psychische Stärke – eine immer wichtiger werdende Ressource, um komplexe Situationen, mit denen wir es zunehmend zu tun haben, aushalten zu können. 

Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen unseren Lebensbedingungen und Bildungschancen in einem wettbewerbsorientierten System und der Möglichkeit, mentale und psychische Stärke ausbilden zu können. Wer zu lange Anpassung als Voraussetzung für Anerkennung erlebt, verlernt den Zugang zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Fähigkeiten und kann irgendwann auch durch die best-gemeinten herkömmlichen Hilfs- und Bildungsangebote nicht mehr selbstbestimmt denken, handeln und fühlen. 

Auf Anpassung und Gehorsam setzende Führungskonzepte, wie sie in Schulen, Hochschulen und Ämtern noch immer Gang und Gebe sind, verstärken die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit bei all denjenigen, die den zugrunde gelegten Normen nicht entsprechen können und machen diejenigen, die ihnen entsprechen KÖNNEN zu fremdbestimmten Effizienzmaschinen. Beides sehr schlechte Voraussetzungen, um auf komplexe Anforderungen zuversichtlich, stark und selbstverantwortlich reagieren zu können. 

Daher ist der Blick auf die noch immer hierarchisch geprägten Strukturen in unserer Gesellschaft und wie wir sie verändern können, wichtiger denn je.

Das Problem, das ich auch jetzt wiedersehe, ist, dass alles immer noch stark von der Perspektive DER Menschen aus gedacht ist, die über die entsprechenden psychischen und grundsätzlichen Ressourcen verfügen, um in den bestehenden normierten Kontexten (vermeintlich) funktionieren zu können. Diese Perspektive reicht zur Bewältigung komplexer Situationen und globaler Krisen aber nicht mehr aus. 

Wir brauchen konkrete Instrumentarien, die ALLE Menschen zum eigenständigen HANDELN ermächtigen. Weder autoritäre, normbasierte Führung auf der einen Seite noch gutgemeinte Strategien des Helfens und Unterstützens auf der anderen Seite, bewirken bei anderen Menschen die Ausbildung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit – als Grundlage für selbstverantwortliches Handeln. 

Ganz im Gegenteil verstärken diese herkömmlichen Konstrukte in den Menschen das unmündige Kinder-Ich: Entweder das angepasste oder das rebellische innere Kind. In den verantwortlichen Erwachsenen-Modus kommt auf diese Weise niemand. Auf Anpassung abzielende Führung – oft gepaart mit einer angeblichen Helfer-Absicht – impliziert immer, dass das Gegenüber irgendwie Leitung und Hilfe braucht, demnach also schwach bzw. nicht vollwertig ist. Das Gefühl, das entsteht, wenn wir so angesprochen werden, bewirkt das Gegenteil von Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Es erzieht uns massenweise zu angepassten oder rebellischen Kindern, die es gewohnt sind, zu folgen oder zu rebellieren. 

Jetzt befinden wir uns in der größten Krise, die die meisten von uns wahrscheinlich je erlebt haben. Und ich persönlich bin davon überzeugt, dass das, was ich damals im Kleinen verstanden habe, jetzt im Großen erst recht gilt: 

Wenn alles den Bach runter geht, es keine Gewissheiten mehr gibt und wir den Boden unter den Füßen verlieren, dann ist das einzige was wirklich ALLEN helfen kann: Zu lernen, wie ich mich Schritt für Schritt als selbstwirksam und sinnvoll erleben kann. Und zwar in unübersichtlichen, chaotischen Feldern, in denen es viel mehr als nur eine Wahrheit gibt. 

Das Beruhigendste, was ich selbst je erlebt habe, war die Erfahrung, dass ich mit dem Drei-Schritt, dem Skalen-Prinzip und dem übergeordneten Ziel der Kooperation (also mit den zentralen Mischpult-Prinzipien) in JEDER noch so unkontrollierbaren Situation das Gefühl hatte, dass ich irgendwie klar kommen kann. Dass ich NICHT untergehe. Dass ich mir SELBST eine Perspektive schaffen kann. Und dass ich NICHT einer feindlichen Welt hilflos ausgeliefert bin. 

Bei allem, was durch das Mischpult-Prinzip darüber hinaus dann alles möglich wird, ist es DIESER Grundgedanke die Basis: Dass jeder Mensch auf der Basis dessen, was er sie es mitbringt zu jeder Zeit Entscheidungen treffen und dadurch das eigene Leben selbst bestimmen kann. Das fängt im ganz Kleinen an. Aber jede einzelne, noch so kleine Erfahrung der Selbstwirksamkeit sichert den Boden weiter, auf dem wir stehen – und irgendwann wieder gehen (– vielleicht auch irgendwann wieder tanzen) – können. 

Wenn uns jetzt auch alles andere um die Ohren fliegen mag: Es macht unbedingt Sinn, auf Selbstwert, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung zu setzen und zwar sowohl bei uns selbst, als auch bei anderen. Nur, wenn wir merken, dass uns nicht ALLES entgleitet, können wir auch solidarisch mit anderen sein und erleben genau durch diese Verbindung und Nähe mit ANDEREN wiederum Sinn und Motivation, weiter zu machen und Lösungen für komplexe Situationen zu finden. 

Übergeordnete Fragen, die wir uns jetzt beispielhaft anhand des Drei-Schritts in Bildungs- und Führungskontexten stellen sollten sind: 

Wer wollen wir sein? (Ziel) 

Wie kommen wir dahin? (Erfahrungsspielraum) 

Wofür entscheiden wir uns in jedem einzelnen Augenblick auf das übergeordnete Ziel bezogen? (Orientierung an Skalen). 

Was erfahren wir im offenen und authentischen Austausch mit anderen? (Reflexion) 

Und wie können wir uns miteinander verbinden, um uns zusammen jeweils selbstwirksam und sinnvoll zu fühlen und dabei gemeinsame Ziele erreichen? (Kooperation)

Spätestens in einer Welt nach der Corona Krise müssen wir einsehen, dass die wichtigste Fähigkeit, die es zu vermitteln gilt, die Kompetenz ist, unsichere, mehrdeutige und komplexe Situationen auszuhalten und konstruktiv, kreativ und eigenverantwortlich darauf zu reagieren. 

Das heißt: Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Stärke besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und beherzt Entscheidungen zu treffen. 

Ich bin NICHT besonders optimistisch, dass unsere Welt oder auch nur unsere Gesellschaft in Deutschland „einfach so“ besser und solidarischer wird. Das kann sie nur werden, wenn sich auch die Strukturen ändern. Und das wiederum passiert nur, wenn sehr viele Menschen stark, zuversichtlich und handlungsfähig bleiben und gezielt darauf hinleben. Auch im ganz Kleinen. 

Es kommt auf dich an und auf mich und auf möglichst viele andere, die jetzt nicht in Angst, Wut oder Hilflosigkeit versinken, sondern den nächsten kleinen Schritt in Richtung Selbstbestimmung tun. Ins sogenannte Erwachsenen-Ich. In Richtung: Führe Regie über dein Leben! 

Nur dadurch können wir Orientierung und Ermutigung für andere sein, dasselbe ebenfalls zu versuchen. Und nur dann gibt es eine Chance, dass sich die Dinge in eine positive Richtung entwickeln. Die Demokratie lebt vom Gestaltungswillen und der Zuversicht der vielen. Und vom Vertrauen in sich selbst und andere, und darin, dass wir in Kooperation miteinander einen Unterschied machen können. Hin zu einer menschlicheren Gesellschaft. Hin zu einer menschlicheren Welt. 

Medizin für die Demokratie Part 3


Was ist los mit uns und warum hängen wir manchmal noch innerlich im „demokratischen Kindergarten“ fest – wie ich das jetzt mal so nenne. Es wäre so nützlich und auch tröstlich, wenn wir den Sprung in eine etwas selbstbestimmtere Haltung finden würden… so ein bisschen mehr Erwachsenen-Ich vielleicht… 

Wie könnte das gehen? 

Anhand einer Krise lässt sich sehr gut beobachten, was es mit der inneren Haltung im „Kind- oder im Erwachsenen-Modus“ auf sich hat. 

Es gibt derzeit Menschen, die 24/7 im Einsatz sind und ununterbrochen selbstverantwortlich Entscheidungen treffen müssen. Diese Menschen sind zwangsläufig in den Erwachsenen-Modus gegangen, weil sie sich in der Zuspitzung der Lage den Kind-Modus nicht mehr leisten konnten. Diese Leute sagen: 
Für eine Opferhaltung habe ich keine Zeit. 

Da mag jetzt jemand einwenden: Na toll – aber davon kriegen wir ja noch lange keine Demokratie. Nee. Wobei…

Aber wie auch immer: Diese Haltung ist jedenfalls die Grundvoraussetzung, um eine Demokratie lebendig und funktionsfähig zu machen und zu halten. Und dazu gibt es jetzt gerade ne Menge zu erleben und zu lernen, was wir nach der Krise nutzen könnten. 

Was an diesem Beispiel des „Zwangsläufig-ins-Erwachsenen-Ich-Wechseln“ so ein bisschen bedeutsam ist: Ohne äußeren Druck – also freiwillig – gehen wir offenbar nicht so gerne in den Erwachsenen-Modus.

Erstens, weil wir ein Leben lang gelernt haben, im Kind-Modus zu bleiben – wahlweise im angepassten oder im rebellischen Kind – und auch, weil viele gesellschaftliche Institutionen und Strukturen (vor der Krise) immer unser inneres Kind anspiel(t)en. Das ist gar keine böse Absicht, da sitzt kein James-Bond-Bösewicht im Hintergrund und hat das alles fiese so geplant, dass wir alle Kinder bleiben und somit schön steuerbar. Das ist einfach eine notwendige Entwicklungsphase der Demokratie (gewesen). Wir waren einfach noch nicht weiter.

Und jetzt könnte man sagen: Hey Kinners! Jetzt mal raus an die frische Luft und plant jetzt mal selber eure Ausflüge – ins Leben! Und das ist so ein bisschen lustig, weil ein Hauch davon ja gerade passiert: Angela Merkel sagt: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“. Sie möchte gerne, dass wir jetzt mal einen Schritt weiter kommen mit der Demokratie. Aber sie weiß: Verdammich viele Kinners am Start! 

Die angepassten Kinder schreien: „Wir brauchen unbedingt Ausgangssperre! Wenn ICH nicht raus darf, DANN auch kein anderer! Da musst du jetzt WIRKLICH mal hart durchgreifen, Angela!! ALLE müssen zu Hause bleiben!!! Aber auch wirklich ALLE jetzt!! Und bitte bitte harte Strafen für diejenigen, die sich nicht dran halten!! Denn ICH bin brav. Und ich kann mich dann so gut fühlen, dass ich alles RICHTIG mache!!“

Die rebellischen Kinder schreien: „Merkt ihr was? MERKT ihr was??? Angela will die Demokratie abschaffen!!! Sie sagt nicht Ausgangssperre aber sie VERBIETET uns raus zu gehen und hebelt über Nacht alle demokratischen Grundrechte aus! Und WESWEGEN??? Wegen einem Virus, der nicht schlimmer ist als ne Grippe! Das ist doch der Wahnsinn! Die Wirtschaft bricht zusammen! Das gesamte soziale Leben bricht zusammen! Die Welt geht unter! Es wird Diktaturen und Kriege geben!! ALLES geht den BACH runter!!! ICH sehe es kommen! Aber die Politiker sind alle zu blöd!! (ICH bin genial, denn ich sehe es alles, aber MIR hört ja keiner zu! Und wenn ich was sage, kriege ich gleich einen Shitstorm! Schluchz!)“. 

Ja. Das sind so die rebellischen Kinder. Und das ist jetzt im Prinzip so der „demokratische Kindergarten“ in Deutschland. Und Angela ist echt geduldig mit ihren Kindern und auch zuversichtlich, denke ich. Denn eben: In einer Krise wird es wahrscheinlicher, dass Menschen in den Erwachsenen-Modus kommen. Und einige – insbesondere die „systemrelevanten“ Leute sind da ja auch größtenteils schon angekommen. 

Ja und wie geht das denn jetzt, wenn ich noch nicht so systemrelevant bin und also zu Hause sitze und immer diese schlimmen Sachen bei Spiegel Online lese und mich dann frage: „Scheiße- muss ich jetzt WIRKLICH mal was sagen wegen der demokratischen Grundrechte? Aber nee eigentlich vertrau ich da schon auf unsere Demokratie und unsere Politiker*innen… die werden diese Sachen bei Spiegel Online ja auch lesen… Mmmh. Ja, aber vielleicht sollte ich mal gegen diese Verschwörungstheoretiker (ja, es sind nur Männer…) im Netz was sagen… aber ich weiß gar nicht was, denn ich hab ja auch keine Ahnung… mmmh. Ja was soll ich jetzt MACHEN?“

Ok. Ich mach mal nen kleinen Vorschlag: Als erstes vielleicht ruhig mal gepflegt zusammen brechen. Und zulassen, dass das jetzt ne Krise ist. Und keine Angst vor Gefühlen haben. Bisschen heulen. Bisschen wackeln. Und dann irgendwann das innere Kind liebevoll los lassen. Und in kleinen Dosen trainieren, den allgemeinen Unsicherheits-Zustand auszuhalten. Das ist wirklich schwer. Das Nicht-Wissen auszuhalten. Aber je besser uns das gelingt, desto mehr Energie haben wir irgendwann wieder zur Verfügung für das, was notwendig sein wird. Vielleicht sogar für schöne und erfüllende Aufgaben – wer weiß… 

In diesem Sinne für heute Tschüss! 
Mehr in Part 4! May the (democratic) force be with you! 

Intermission: Update Corona

Der Blog und Podcast „Türwächter*innen der Freiheit“ wird in ungefähr einer Woche fortgesetzt. In den letzten Tagen ist mir – wie uns allen – das Leben um die Ohren geflogen und es gab Dringlicheres zu tun und zu retten, so dass ich keine Zeile schreiben konnte – bis auf die Projekt-Idee, die ihr hier unter diesem Text findet und die auch ihr gerne als Inspiration nutzen könnt. Allmählich gewöhnt sich mein Kopf an den Schock. Und so bald wie möglich, geht es dann hier weiter. Ich wünsche uns allen, dass wir es schaffen, trotz dieser Erschütterung, mit der Zeit allmählich auch die Chancen sehen zu können, die diese gewaltigen Veränderungen eröffnen. Und dass wir die Kraft und die Zuversicht entwickeln, sie zu nutzen – zum Beispiel für mehr MITEINANDER. Bis vor kurzem klang sowas wie ein frommer Wunsch vom Kirchentag. Jetzt finde ich den Satz ziemlich vernünftig. In diesem Sinne: Bleibt stark, zuversichtlich und gesund. Bis demnächst hier an dieser Stelle mit dem 19. Kapitel der „Türwächter*innen der Freiheit“. Möge die Kraft mit uns sein. 😉 Maike

ACT-PROJEKT IN KRISENZEITEN:
«DECAMERONE»
 Von Maike Plath 

Decamerone (Klassiker von Boccaccio): Sieben Frauen und drei
Männer fliehen vor der Pest im Jahre 1348 aufs Land und
verbringen dort zehn Tage in einer Art Quarantäne in
einem Landhaus in den Hügeln von Florenz,
drei Kilometer vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt.
Im Landhaus versuchen sich die zehn jungen Menschen
gegenseitig zu unterhalten.
Daher wird jeden Tag eine Königin oder ein König bestimmt,
welcher einen Themenkreis vorgibt. Zu diesem Themenkreis
hat sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte
auszudenken und zum Besten zu geben.
Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die
Gruppe wieder nach Florenz zurück.
 
Bis vor wenigen Tagen hat wohl niemand von uns sich vorstellen
können, wie schnell all die Dinge des täglichen Lebens,
die wir ganz selbstverständlich fanden, zum Stillstand kommen könnten:

Zuerst sollten wir nur die Hände waschen und die Armbeuge husten,
dann aufs Händeschütteln und Umarmen verzichten.
Dann wurden Großveranstaltungen abgesagt.
In den sozialen Medien las man einiges, aber das war ja alles
wieder Panikmache. Oder? Jedenfalls. Ganz plötzlich, von einem
Tag zum anderen, veränderte sich die Stimmung und die Meldungen.
Von einem Tag zum anderen ist unser Alltag weggefegt.
Alle Planungen für die nächsten Wochen zusammengebrochen.
Plötzlich ist: nichts. Und dazu eine unheimliche Stimmung.
Leere Regale bei dm und rossmann, wo das Klopapier war.
Erschreckende Meldungen aus Italiens Krankenhäusern.
Leere Bürogebäude, leere Schulen, geschlossene Kneipen,
Kinos und Theater. Wir sollen keine öffentlichen Verkehrsmittel
mehr benutzen. Nicht mehr aus dem Haus gehen, wenn nicht
dringend nötig. Reisen und Termine absagen. Alles von zu Hause
aus machen. Was bedeutet das alles? Und was macht das mit uns,
wenn all das wegfällt, was bis gestern völlig selbstverständlich war?
 
Wir erleben etwas, das uns noch lange beschäftigen wird.
Und zwar insbesondere unter dem Aspekt Menschlichkeit und
Solidarität. Die Entwicklungen der letzten Tage haben uns
einen Schrecken eingejagt. Und das Schlimmste ist noch nicht
überstanden. Unser Alltag wird sich sehr verändern. Aber all das
könnte, wenn wir es überstanden haben, der Auslöser für eine
längst notwendige gesellschaftliche Entwicklung sein.

Ein Beispiel:Systemrelevante Berufe
Für den Fall einer flächendeckenden Ausgangssperre ist die Rede
davon, dass dann alle zu Hause bleiben müssen, bis auf diejenigen,
die die «systemrelevanten Jobs» haben. Denn wenn DIE zu
Hause bleiben, bricht unser ganzes System zusammen. Krass.
Das sind also die Wichtigen, ohne die es nicht geht. Und wer ist das?
Welche Menschen sind die mit den systemrelevanten Berufen?
Das sind diejenigen im medizinischen, pflegerischen und
sozialen Bereich, es sind diejenigen bei der Polizei und der
Feuerwehr, in der Lebensmittelproduktion, in der Infrastruktur,
Telekommunikation und der Müllabfuhr. Und jetzt kommts:
Das sind die Berufe, in denen die allermeisten geringe Einkommen
haben. Jetzt wird deutlich, dass all diejenigen, die wir brauchen,
damit unser Alltag funktioniert und es allen einigermaßen gut
geht, die mit dem wenigsten Geld sind. Und das geht noch weiter.

 Zweites Beispiel:Systemrelevante menschliche Wärme
Was braucht der Mensch, um Krisen-Zeiten nicht nur körperlich
zu überleben, sondern auch psychisch heile durchzukommen?
Was braucht der Mensch, um Mensch bleiben zu können?
Nehmen wir zur Anschauung einmal das Kinderbuch «Frederic»:
Da muss eine Gruppe von Mäusen einen harten Winter
überstehen. Quasi eine Krise. So, wie wir jetzt.
Es gibt die systemrelevanten Mäuse, die tagein, tagaus
Nahrung heranschaffen und alles gewährleisten, was die Mäuse
benötigen, um körperlich zu überleben. Nur die Maus
Frederic scheint sich an diesen Tätigkeiten nicht zu beteiligen.
Stattdessen «sammelt er Farben, Gerüche, Worte, …».
Als dann der harte Winter kommt, haben die Mäuse
genug zu essen. Aber mit der Zeit wächst bei ihnen der Stress,
sie fürchten sich, wissen nicht wohin mit sich, haben nichts
zu tun und fühlen sich unglücklich. Da kommt Frederic und
erzählt ihnen Geschichten. Und die Mäuse kuscheln sich
aneinander und wärmen sich an den Geschichten von Frederic,
denn während sie ihm lauschen, sind sie nicht nur körperlich
miteinander verbunden, sondern auch mental in denselben
Gedankenräumen.
 
Wir wissen, dass Menschen «soziale Distanzierung» nicht
lange aushalten, ohne Symptome zu bekommen.
Der Mensch ist ein Herdentier, das ohne menschliche
Wärme ganz schnell zugrunde geht. Seelisch und psychisch.
Schon jetzt sind ältere Menschen in ihren Wohnungen allein
und haben wegen dem Corona Virus Angst, raus zu gehen.
Sie sind nicht über digitale Geräte mit anderen Menschen
verbunden. Sie sind allein und haben Panik, können nicht schlafen,
vermissen soziale Kontakte. Sie werden quasi krank, ohne
sich überhaupt durch den Virus infiziert zu haben.
Aber so geht es nicht nur Älteren. Wenn Menschen plötzlich
in ihren Wohnungen aufeinanderhocken, niemand mehr
zur Arbeit oder zur Schule muss, entstehen Spannungen
und Konflikte. Und Menschen ohne Familie sind einsam
und sorgen sich viel mehr, als wenn sie in Kontakt mit
anderen sind. Menschen brauchen andere Menschen.
Das heißt:
 
Wenn wir diese Krise gemeinsam meistern wollen und uns
deshalb für eine bisher ungewisse Zeit an die soziale Distanzierung
gewöhnen müssen, dann brauchen wir trotzdem menschliche
Wärme und Zusammenhalt. Wir brauchen erstens die Menschen
in den systemrelevanten Berufen, damit wir körperlich heile
durch den Winter kommen. Wir brauchen aber auch die
Frederics. Und Netflix und Computerspiele können uns zwar
zerstreuen und uns bei Langeweile helfen. Menschliche
Wärme geben sie uns aber nicht. Was ist also die gegenwärtige
Herausforderung?
 
Wir leben in Zeiten, in denen wir wie nie zuvor über das Netz
in Verbindung bleiben können. Bisher wird der
Kommunikationsaspekt im Netz viel zu häufig durch
Beschimpfungen und Hassbotschaften genutzt.

Dies wäre der Zeitpunkt für eine Wende.
 
Weg von Abgrenzung und Gegeneinander hin zu allem,
was uns verbindet, uns tröstet und uns hilft, zu leben.
Hin zu menschlicher Wärme. Das wäre die zweite
systemrelevante Komponente für unsere Gesellschaft:

In diesem Fall könnten wir es «Fernwärme» nennen.  

 Projekt Fernwärme
«DECAMERONE»:
 
Alle ACT-Projektgruppen könnten ihre begonnenen Projekte
so weit denken, wie sie jetzt sind. Bei einer späteren
Präsentation — eventuell im Juni, eventuell aber auch später —
würde das Projekt bis zu dem Punkt gezeigt, bis wohin
«noch alles normal war». Dann bricht die
Theaterproduktion, der Film, die Tanzproduktion, usw. ab.
Es wird dunkel. Und dann kommen eure Stimmen,
eure Eindrücke, Geschichten und Erlebnisse aus
der Zeit der Corona-Krise. Eure Gedanken für eine
bessere Gesellschaft. Eure Ängste. Eure persönlichen
Berichte von Ereignissen aus dem weltweiten Ausnahmezustand.
 
Wie ihr eure Geschichten, Gedanken, Beiträge verfasst,
ist euch selbst überlassen. Denkbar wären gemeinsame
Plattformen, in denen ihr eure gegenseitigen Beiträge lesen
oder per Video anschauen — und auch aufeinander reagieren
könnt. Denkbar wäre die Produktion eines Podcasts mit
mehreren Folgen. Oder eine Film-Serie, die ausschließlich
mit Handy oder sehr einfacher Kamera gefilmt ist:
Jede*r von euch filmt sich dabei selbst und erzählt —
beim Spaziergang durch die Stadt, oder beim
«Durchdrehen im eigenen Zimmer», wenn es auch
mal unerträglich ist. Denkbar wäre auch, dass ihr dokumentiert,
wie ihr anderen in der Nachbarschaft, die in Quarantäne
sind, helft, für sie Einkäufe erledigt oder mit ihnen telefoniert,
ihnen Witze erzählt oder am Telefon etwas vorlest.
Oder sie zu ihren Gedanken oder Erinnerungen befragt.
Oder ihr dokumentiert Begegnungen in Berlin mit anderen
(nur zu zweit und zwei Meter Abstand halten, versteht sich).
Oder ihr erstellt ein graphic novel, ein Daumenkino, ein
Musikvideo, oder oder oder…
 
Bedingung aber ist: Ihr seid dabei jeweils allein wie Frederic.
Jede*r verfolgt seine eigene Idee, teilt sie aber mit allen
anderen und darüber bleibt ihr in ständigem Austausch.
Wer technische oder andere Hilfe benötigt bei der
Umsetzung der eigenen Idee, kann in der Gruppe (online)
um Unterstützung bitten. Es ist fast immer alles benötigte
Wissen in einer Gruppe vorhanden, wenn ihr kommuniziert.
Und haltet es einfach: Auf eure Stimme, eure Gedanken,
Erlebnisse, Gefühle und Beobachtungen kommt es an.
Nicht auf Perfektion.
 
So könnten wir menschliche Wärme und Zusammenhalt erzeugen.
Weil wir in gemeinsamen Gedankenräumen sind.
Und eine gemeinsame Sache erschaffen. Die auch andere
trösten und ablenken wird von wiederum ihren Krisen
und einsamen Momenten oder einfach nur ihrer
Langeweile. Mit vielen Formaten (wie z.B. Podcasts )
könnt ihr darüber hinaus auch noch weiter — quasi
in jedes Zimmer — wirken und auch fremde Menschen
aufmuntern. Und das alles wird auch uns helfen,
diese Zeit zu überstehen und beieinander zu bleiben.
Solange, bis wir uns wieder umarmen dürfen.
 
Am Ende hätten wir all diese Geschichten, Kommentare
und Materialien aus einer Zeit, die wir alle nie vergessen werden.
Und die uns dann auch zusammengeschweißt haben wird.
Und vielleicht entstehen aus euren Beobachtungen und
Gedanken aus dieser Zeit neue Ideen für die Zukunft.
Das halte ich durchaus für möglich.
 
Lasst uns noch heute anfangen mit dem neuen
ACT-Projekt «Decamerone».
(Und denkt daran, dass es in jeder Gruppe jemanden braucht, der ein bisschen die Verantwortung und Steuerung übernimmt. Dabei könnt ihr euch auch abwechseln).
Und: Wir bleiben natürlich in Kontakt.
Haltet uns auf dem Laufenden!
 
Auf unserer Seite www.act-berlin.de findet ihr erste Ideen
zu möglichen Umsetzungen.