Türwächter*innen der Freiheit Kapitel 23: Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung

Selbstverständlich ist eine wahre Geschichte nur deshalb eine wahre Geschichte, weil sie frei erfunden ist. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären also rein zufällig.

Eine Demütigung ist eine Demütigung ist eine Demütigung. Die Frage ist, wie mensch, damit umgeht. Übliche Phasen sind, glaub ich, und so ging es mir auch: Erstmal Schock. Dann Verleugnung (das wird schon alles wieder). Dann Wut. Dann sehr erstaunlich krasser Schmerz. 

Ich wollte das zuerst nicht wahrhaben, wollte diesen Schmerz nicht fühlen. Aber er kam mit aller Wucht. Es haute mich um. Immer wieder fing ich wie aus dem Nichts an, zu weinen. Ich heulte in der Badewanne, ich heulte am Küchentisch, ich heulte nachts im Bett, ich heulte morgens unter der Dusche. Werde ich jetzt Psycho?, dachte ich. In meinem Bauch wütete ein großer, dumpfer Schmerz und es gelang mir nur phasenweise, mich davon abzulenken. Anfangs verstand ich gar nicht, was überhaupt mit mir los war. Gib doch dieser einen Frau nicht so viel Macht, sagten meine Freundinnen. Das klang logisch, aber mein Körper sagte etwas anderes. Mir war dauernd schlecht, als müsste ich mich übergeben. Mir wurde klar, dass ich mit dem, was ich die letzten Jahre getan hatte, etwas sehr Persönliches von mir freigeschält und in die Welt gestellt hatte. Und dass ich damit nicht nur die Kinder ein Stück weit befreit hatte, sondern vor allem mich selbst. Die Jugendlichen hatten einen verschütteten Teil meiner Persönlichkeit lebendig werden lassen. Sie hatten mich ermutigt, zu mir selbst zu stehen, so, wie ich sie umgekehrt dazu ermutigt hatte. Wir hatten uns irgendwie gemeinsam und gegenseitig befreit. Es war ein Raum entstanden, der vorher nicht da war und der irgendwie etwas Zukünftiges, Zuversichtliches aufmachte. Eine Ahnung davon, wer wir sein könnten. Die Situation in der Boddinstraße hatte diesen Raum explodieren lassen und mich in den Keller meiner Kindheitsängste verfrachtet. In dieses: Ich bin nichts wert, ich kann nichts, es hat alles keinen Sinn, es war alles umsonst, spring einfach vom Balkon. Es fühlte sich unerträglich an. Ich erlebte Tage, ja wahrscheinlich Wochen wie durch einen Schleier. 

Wie nun weiter? Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Entscheidung treffen musste: Unterwerfung und in der Folge wachsender, sich verfestigender Groll oder Flucht nach vorne – in die Eigenverantwortung?  Dafür gibts ja auch diesen blöden Spruch, der mir aber zumindest die Richtung anzeigte: Aufstehen. Krönchen richten und Weiter gehts. 

Das war aber erstmal deswegen so schwierig, weil es viel einfacher war, mich selbst zu bemitleiden, meine Wunden zu lecken und in Gedanken die SCHULDIGEN zu suchen, zu finden und sie gedanklich immer wieder aufs Neue zu verfluchen. Das tut ja vermeintlich – bzw gefühlt – erstmal gut. Mensch kann sich so schön im Recht fühlen und sich im Elend suhlen – bringt aber leider nix. Denn ich musste ziemlich schnell feststellen, dass ich mich dadurch langfristig keineswegs besser fühlte. Eher immer schlimmer, eher RICHTIG scheiße. Nämlich wie ein Opfer. Sich wie ein Opfer zu fühlen ist langfristig, glaube ich, das Gefährlichste und Ungesündeste, was es so gibt. 

Auch was dieses Thema anging, hatte ich von den Jugendlichen einiges gelernt. Ey du OPFER! Das hätte Taher gesagt. Und natürlich hätte er dummerweise recht gehabt. ALLE Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, hatten zehntausend bessere Gründe, sich zu bemitleiden, als ich. Und von ihnen kam die Formulierung Ey, du Opfer! Als ultimative Beleidigung. Nicht etwa: Du Arme, das ist ja gemein von der Welt, dass sie dich gefickt hat. Nee. Die Jugendlichen, die ich in Neukölln kennen gelernt hatte, WUSSTEN, dass die Welt ungerecht ist. Dass Erschütterungen und Verletzungen durch Demütigung an der Tagesordnung sind. Denn im Gegensatz zu mir erlebten sie die Auswirkungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ja tagtäglich, während ich im Vergleich dazu eher so die Prinzessin auf der Erbse war. Ich begann, die Sache von außen zu betrachten. Aus der Perspektive der Neuköllner Jugendlichen. Und aus DIESER Perspektive konnte man die Sache auch ganz anders betrachten, nämlich so: 

Ich heulte also schon rum, nur weil ich jetzt mal etwas unsanft aus meiner privilegierten Erwartungshaltung herausgeflogen war („Ich bin gut, also wird alles gut“. NOT!). Wer konnte sich eine solche Erwartungshaltung überhaupt leisten? Wieso war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass man meine Leistung anerkennen und wertschätzen würde? Ich landete etwas unsanft auf dem Boden der Tatsachen und stellte fest: Wenn niemand zu dir sagt: Du armes, armes Hascherl und dir aufhilft, nachdem du gestürzt bist und dir die Knie aufgeschlagen hast, dann nützt es irgendwie nicht so viel, weinend auf der Straße sitzen zu bleiben, dann musst du wohl oder übel alleine wieder aufstehen. Wenn keiner deinen Sturz beachtenswert findet, dann kannst nur du selbst die Entscheidung treffen: Opfer sein oder nicht Opfer sein? Wenn du kein Opfer sein willst: Sei keins! 

Das war so ein bisschen die Weisheit, die ich von Taher & Co mitgenommen hatte. Bei ihnen war das allerdings dann teilweise nicht immer konstruktiv gewesen. Ich hatte zum Beispiel Taher irgendwann davon überzeugen können, dass es nicht unbedingt zielführend ist, die Opfer-Rolle zu verweigern, indem man “Arschlöchern den Fuckfinger zeigt und türenknallend den Raum verlässt”. So gut sich das im ersten Moment anfühlen mag: Was ist das ZIEL der Aktion? Taher war über diese Frage einigermaßen überrascht gewesen. Das Ziel? Ey wallah- das Ziel ist, denen zu zeigen, dass die Wixxer sind! 

Ja. Und DANN? Wenn du beispielsweise die MSA Prüfung bestehen willst, und da sitzen halt ein, zwei Arschlöcher in der Prüfungskommission, und du zeigst denen den Fuckfinger und rennst raus, was bringt dir das dann? Du hast dann einfach mal deinen Abschluss vergeigt. Die Prüfungskommission interessiert das wenig. Aber DU bist dann derjenige, der keinen Abschluss hat. 

Taher macht darauf dieses Gesicht, das soviel heißt wie: Ist mir doch egal, ich krieche niemandem in den Arsch. 

Aber er sagt es nicht, ich sehe, er kämpft mit sich, weil sein brillianter Verstand zwangsläufig zur Kenntnis nimmt, wenn ein Argument einfach mal ein Argument ist. Taher kann sowas anerkennen. Deswegen grinst er dann auch und sagt: Ja, man scheiße. Aber ich bin kein Opfer! Und so rum schleimen, das mach ich auch nicht, das können Sie vergessen! 

Es gibt noch was ZWISCHEN Opfer sein und Schleimen, Taher, und das wäre: Die Situation auf DEIN Ziel hin zu steuern. OHNE Unterwerfung. 

Und na klar ist er jetzt gespannt. Wir verbringen daraufhin ein paar Wochen jeden Dienstag Nachmittag mit zielgerichtetem Statustraining und tatsächlich besteht Taher seine mündliche MSA Prüfung mit einer zwei. (In Wahrheit wäre ein “Sehr gut” angemessener gewesen. Was er ablieferte, war weit über dem sogenannten Erwartungshorizont, aber einige Kollegen konnten sich zu einer “1” nicht durchringen, weil “ich NIE eine 1 gebe”. Ach so). 

Ich weiß also eigentlich, was es zum Thema Kompensation von Demütigungen so an Möglichkeiten gibt. Dass es darum geht, sich ein eigenes Ziel zu setzen und dann mit allen Kräften die Opferrolle zu vermeiden, wenn was schief geht – stattdessen: Immer konstruktiv auf das eigene Ziel bezogen agieren – und eben NICHT reagieren. Theoretisch weiß ich ganz genau, dass du es irgendwie schaffen musst, die Verantwortung für dein Ziel SELBST zu übernehmen, statt unter dem Erwartungsdruck der anderen einzuknicken, dich zu unterwerfen und dann rumzuheulen. Trotzdem bin ich – wie immer in meinem Leben – auch jetzt wieder überrascht, wie schwer es ist, wenn diese tollen Erkenntnisse einem Realitätscheck unterzogen werden – wenn es also mal tatsächlich akut wird. 

Wenn nämlich plötzlich eine Situation eintritt, in der es sehr sehr SCHWIERIG wird, NICHT in die Opfer-Rolle zu fallen, weil etwas WIRKLICH ungerecht ist. DANN zeigt sich nämlich überhaupt erst, ob wir die schöne Theorie in die Praxis umgesetzt kriegen. Und so blonde große Kartoffeln wie ich haben da ja relativ wenig Trainingsmöglichkeiten: Im Vergleich zu meinen Schüler*innen erlebte ich nämlich nur einmal alle Jubeljahre eine WIRKLICHE Ungerechtigkeit und Demütigung so wie jetzt – während sie das täglich erlebten. 

Es war dieser Gedanke, der mich letztendlich aus der Schmerzstarre herausholte. Jedes Mal, wenn sich mein Magen in Erinnerung an die Situation zusammenzog und die Tränen in meine Augen zu schießen drohten, dachte ich: Sei kein blödes Opfer, Frau Plath. MACH was! Da kommt jetzt keiner und pustet und tröstet und klebt ein Mickey Maus Pflaster auf dein Knie. Also steh einfach auf und lauf weiter. MACH was. 

Und also machte ich was. Ich setzte mir ein Ziel: In spätestens drei Jahren raus hier aus diesem institutionalisiertem Irrsinn. 

Ziel also geklärt. Wie genau das Ziel zu erreichen war? Geschenkt. Spielte vorerst keine Rolle. Es ging erstmal darum, all meine Gedanken und Handlungen auf das Ziel hin auszurichten – ganz im Kleinen. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Ist dies oder jenes auf mein Ziel bezogen hin sinnvoll? Nein? Dann lass es. Oder ja? Dann mach es. 

Es fühlte sich in dieser Zeit so an, als würde ich meine Gedanken wie ein Zirkus-Dompteur seine Tiger in einer Manege mit einer Peitsche durch den brennenden Reifen zwingen. Meine Tiger, äh Gedanken, wollten immer nur gemütlich im Opfer-Kreis in der Runde laufen – Motto: Du arme arme Maike, das hat jetzt aber doll “aua “ gemacht, statt die Anstrengung zu vollbringen durch den brennenden Reifen der Selbstverantwortung zu springen. Ich musste ständig meine Tiger zur Räson bringen. Nein… ! Nicht in Richtung Selbstmitleid laufen… Nein…! Nicht noch mal die gemütliche Runde im Kreis…! Nicht in Richtung Wut auf Frau Reimann! Nicht in Richtung Selbstmitleid und „Ich kann ja sowieso nix machen“! Stattdessen HIER längs, ja genau, unangenehm, aber ja: Zack! – durch den brennenden Reifen: Und der brennende Reifen lautete: WAS kannst du konkret TUN? Und: MACH das, fang an, beweg deinen Arsch! 

Auch wenn all meine versiertesten Ängste IMMER für die gemütliche Runde und gegen den brennenden Reifen plädierten. Die Ängste gingen in etwa so: 

Was willst du denn MACHEN, Maike? Du hast doch gar nix anderes gelernt? – Wie kannst du deine Schüler*innen im Stich lassen? – Wie willst du ausreichend Geld verdienen?  Du wirst auf der STRASsE landen! – Das wird jetzt der biografische Absturz, DER Fehler, durch den du dir dein Leben versaust… Und – auch schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten! – Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! – Und (raffinierteste Angst-Argumentation): Das ist doch Hybris, Maike! So schlimm war das doch gar nicht, was die Reimann gesagt hat. Vielleicht hat sie sogar ein bisschen recht und du hast dich zu wichtig genommen? Warum kannst du nicht einfach mal klein beigeben und Dienst nach Vorschrift machen? Ist doch alles gar nicht so schlimm… stirbt ja keiner von! Und du kriegst Beamtengehalt. Safe! Warum musst du immer gleich die Welt verändern wollen, denk mal nicht, dass DU der Nabel der Welt bist…! Vielleicht wären ja alle viel GLÜCKLICHER, wenn sie nur gehorchen und Arbeitsbögen ausfüllen und Dienst nach Vorschrift machen müssen! Lass doch die armen Leute in Ruhe! 

Ja, Die Angst hat sehr sehr scharfsinnige Argumente. 

Während in meinem Kopf also dieses kleine Schmerz-Theater abläuft, versuche ich mich mit dem neuen Buch von Güner Balci abzulenken: Arabqueen. Ich schlage vor, dass wir das als Lektüre für den Deutschunterricht anschaffen, denn ich mache ja jetzt “Dienst nach Vorschrift” und nach 30 Jahren “Rokal, der Steinzeitjäger” kann man ja vielleicht mal was Neues wagen. 

Kurz darauf sitzt meine Klasse brav im Klassenraum und alle haben das gleiche Buch vor der Nase. Arabqueen. Was für ein schönes Bild!! Sieht aus wie Theater. Ist es auch. Meine Klasse erfindet jetzt ein Theaterstück, das ihre Gedanken zu Güner Balci’s Buch zum Ausdruck bringen soll. Es darf aber nicht so aussehen wie Theater, sondern tendenziell eher wie Deutschunterricht und Stationenlernen – na klar mit Bewertung nach Noten. In die Aula können wir auch nur noch selten und mit Voranmeldung. Alles wird SEHR misstrauisch beäugt. Und die Situation wird nicht besser. 

Also versuche ich außerhalb der Schule Sicherheitsnetze für unsere Arbeit zu spannen. Wir brauchen einen sicheren Raum, am besten ein kleines Theater, wo niemand es verdächtig oder anstößig findet, wenn wir stundenlang am Stück “komische Sachen, also Faxen, machen”. Komische Sachen sind alles, was NICHT “normal”, also nicht nach Deutschunterricht aussieht. 

Einige Kneipengespräche, Berliner Theaterbesuche und sogenannte “Netzwerken-Aktionen” später lande ich an einem Ort, dessen Namen schon nach Sicherheit klingt: Heimathafen Neukölln. Ein Heimathafen. Doch wie kommen wir da rein? 

An einem heißen Nachmittag im August sitze ich in einem stickigen kleinen Büro und versuche die Heimathafen-Betreiberinnen (eine Theaterregisseurin und eine Schauspielerin) davon zu überzeugen, dass ich ihr Haus brauche, um “Faxen zu machen”. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch und es läuft eher schleppend:

Schauspielerin: Wir haben das schon versucht mit einer Jugendtheater-Abteilung am Haus, aber da kommt keiner. 

Ich: Naja, die Jugendlichen hätte ich ja schon… 

Regisseurin (mit ausdruckslosem Gesicht): Und wieso glaubst du, dass du hier eine Jugendtheaterabteilung aufbauen kannst-du bist doch LEHRERIN. 

Ich: Das ist richtig. Aber ja, ich glaube, das kann ich. 

Regisseurin: Aber du bist LEHRERIN. 

Sie spricht es aus wie eine Krankheit. Ein bisschen so wie: Aber du hast eitrigen Hautausschlag.  

Ich: Ich habe eine Fachqualifikation für Darstellendes Spiel in der Oberstufe und mache seit Jahren mit den Jugendlichen Theater. 

Regisseurin: Ach so? Aber an Hauptschulen gibts doch gar kein Theater. 

Ich: Offenbar ja schon, wenn ich es seit Jahren mache. 

Schweigen. Humor kommt hier nicht so gut. Ok. Ich rudere etwas zurück. 

Ich: Nee, aber stimmt natürlich. Offiziell ist Theater an Hauptschulen noch nicht etabliert als Fach. Es hat sich nur gezeigt, dass es Sinn macht und erfolgreich ist. Und genau: Weil es noch keinen offiziellen Platz hat, bin ich ja jetzt hier. Ihr seid doch ein Theater für den Kiez hier. Ich bring euch die Jugendlichen aus dem Kiez. 

Schauspielerin: Ja. Aber du bist LEHRERIN.

Ok. Denke ich. Das wird jetzt monothematisch. Offenbar ist mein Beruf an dieser Stelle ein Makel. Wenn ich an Leute wie den Sheriff denke, kann ich das natürlich verstehen. Aber wahrscheinlich gehts hier eher um das symbolische Kapital. Im Programmheft sähe es hier wahrscheinlich besser aus, wenn ich Regisseurin oder wenigstens Schauspielerin wäre. Irgendwie künstlerischer halt, als was mensch landläufig so mit “Lehrerin” assoziiert. Ich kann das ein bisschen verstehen. Also setze ich ein ermutigendes Lächeln auf und sage:

Ja. Doof. Dass ich Lehrerin bin. Aber vielleicht versuchen wir es einfach mal. Ihr habt ja nichts zu verlieren. Wir bringen euch eine Jugendtheater-Produktion zum Thema “Arab Queen” als Antwort von Neuköllner Jugendlichen auf eure Haus-Inszenierung des Romans und dann schauen wir weiter. Kostet euch ja erstmal nix, ich hab ja mein Beamtengehalt (Noch. Füge ich in Gedanken hinzu). Und dann schauen wir weiter. 

Schweigen.

Regisseurin: Und wie heißt eure Produktion zum Roman “Arab Queen”? 

Ich: Arabqueen und Thilo Sarazzin. 

Schweigen. 

Regisseurin: Ok. Ihr macht zwei Vorstellungen bei uns am Haus und könnt für die Proben bis dahin die Studiobühne nutzen. Und dann sehen wir ja, wie es läuft. 

Ich denke: Yes. Mit einem Bein drin. Das reicht fürs erste, und sage:

Wunderbar. Wann können wir anfangen? 

Wir sind durch die Tür. Es gibt jetzt einen sicheren Raum. Als ich auf die Karl-Marx-Straße trete, muss ich kurz schlucken. Einen Teil meiner Schäfchen habe ich ins Trockene gebracht. Und erste Schritte aus der lähmenden Opferhaltung gewagt. Es ist ein Anfang. Und eine erste behutsame Rückeroberung von Zuversicht. 

Aktuell

Online Kurse bei Maike Plath

„Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung – Das Mischpultprinzip: Ein Online-Seminar zur Einführung der zentralen Prinzipien gleichwürdiger Führung und Selbstführung“

Die derzeitige Covid 19 Pandemie können wir als einmalige gesellschaftliche Lernsituation begreifen, in der wir alle mit unseren eigenen internalisierten autoritären Mustern konfrontiert werden und diese Schritt für Schritt erkennen und überwinden lernen können. 

Basis-Kurs:

4 Zeitstunden für Gruppen bis zu 14 TN

Online-Kurs via Zoom

Inklusive begleitendes Material und Protokoll

750,- Euro

Dieses Angebot kann nur von Gruppen/Institutionen gebucht werden, nicht von Einzelpersonen. Der Preis ist nicht der Preis pro Person, sondern für die gesamte Gruppe a 14 Personen für vier Zeitstunden Mischpult-Online-Seminar. Es handelt sich hier um eine grundsätzliche Einführung in das Mischpult-Prinzip am Beispiel des oben genannten Themas. Dieses Format wurde bewusst als Online-Format entwickelt und kommt bereits sehr gut an (- es ist auch für online-skeptische Menschen geeignet!).

Anfragen an: 

kontakt@maikeplath.de

Programm:

Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung – Das Mischpultprinzip

Ein Konzept zur gleichwürdigen Führung

Einführung

Die Ausbildung von echtem Selbstwertgefühl ist die Basis für mentale und psychische Stärke – eine immer wichtiger werdende Ressource, um komplexe Situationen, mit denen wir es zunehmend zu tun haben, aushalten zu können und damit DIE Grundvoraussetzung für die Fähigkeit sich selbst und andere zu führen. 

Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen unseren Lebensbedingungen und Bildungschancen in einem wettbewerbsorientierten System und der Möglichkeit, mentale und psychische Stärke ausbilden zu können. Wer zu lange Anpassung als Voraussetzung für Anerkennung erlebt, verlernt den Zugang zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Fähigkeiten und kann irgendwann auch durch die best-gemeinten herkömmlichen Hilfs- und Bildungsangebote nicht mehr selbstbestimmt denken, handeln und fühlen. 

Auf Anpassung und Gehorsam setzende Führungskonzepte, wie sie in Schulen, Hochschulen und Ämtern noch immer Gang und Gebe sind, verstärken die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit bei all denjenigen, die den zugrunde gelegten Normen nicht entsprechen können und machen diejenigen, die ihnen entsprechen KÖNNEN zu fremdbestimmten Effizienzmaschinen. Beides sehr schlechte Voraussetzungen, um auf komplexe Anforderungen zuversichtlich, stark und selbstverantwortlich reagieren zu können. 

Ursprung und Einordnung des Mischpult-Prinzips

Die Zuordnung des Ansatzes zum Begriff „Theater“ ist ein Missverständnis. Dieses Missverständnis trat auf, weil auf struktureller Ebene ein Name für die Sache gefunden werden musste, um dem Mischpultprinzip in schulischen Strukturen einen Platz zu ermöglichen. In Wahrheit geht es um weitaus mehr. Es geht um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Führung, nämlich um eines, das Selbstverantwortung, Selbstführung und persönliches Empowerment in den Fokus stellt. Es geht um den Körper im Raum, und damit um die Möglichkeit, mit allen Facetten unseres Selbst mit anderen vielschichtig und gleichwürdig kommunizieren zu können – jenseits der eigenen beengenden Konditionierungen aus Kindheit und Sozialisation und jenseits von gesellschaftlicher Beschriftung/Bewertung. Je mehr wir wertenden und zensierenden Kontexten ausgesetzt sind, desto weniger Knanäle unseres Mischpults werden wirksam. Und umgekehrt gilt auch: Je weniger Kanäle meiner selbst mitschwingen, desto mehr bewerte und zensiere ich mich selbst, desto mehr Angst entsteht und desto mehr denke ich, ich müsste mich verstecken und mich schützen. Das ist aber so tragisch, denn diese Angst, sich zu zeigen, steht im krassen Widerspruch zu der zentralen Sehnsucht des Menschen, von anderen gesehen und verstanden zu werden, sich als Mensch voll einzubringen. Wir Menschen suchen Kooperation und Nähe, lernen aber aufgrund unserer auf Angst, Wettbewerb und Abgrenzung basierenden Sozialisation, uns zu verstellen und zu verstecken. – Und damit unser gesamtes Potential NICHT einzubringen, nicht zu entwickeln.

Selbstermächtigung – Führe Regie über dein Leben!

Wir LERNEN durch familiäre Konditionierung und gesellschaftliche Sozialisation die Angst davor, ICH zu sein, uns als die Person einzubringen, die wir sind und wir verlernen, ganzheitlich zu kommunizieren. Das Mischpult-Prinzip setzt beim Theater an, weil es damals erstmal darum ging, den rein kognitiven Kanal um ein Vielfaches zu ERWEITERN, indem wir uns wieder Zugang verschaffen zu den zahlreichen Erfahrungs- und Kommunikationsmöglichkeiten unseres Körpers. Denn auf diese Weise können wir überhaupt erst mit all den uns zur Verfügung stehenden eigenen „Kanälen“ in Schwingung kommen und darüber in eine vielschichtige Kommunikation mit den jeweils anderen kommen. Aber der allein körperorientierte Fokus reicht unter gesellschaftlichem/politischen Gleichwürdigkeits-Anspruch nicht aus. Es musste von Anfang an AUCH selbstermächtigende, künstlerische/kreative Arbeit mit Output sein, im Gegensatz nämlich zu beispielsweise anderen empowernden, körperorientierten Ansätzen, weil es so wichtig ist, Menschen das Gefühl von SELBSTWIRKSAMKEIT zu ermöglichen. Es geht beim Mischpultprinzip darum, Wege aufzuzeigen, wie alle Beteiligten sich selbst als gestaltend und erfolgreich erleben können – auf der Basis des Eigenen und durch eine facettenreiche, verbindende Kommunikation mit anderen. 

Das Mischpult-Prinzip ist mehr als Theater

Leider wurde dieser Ansatz von der stark kognitiv ausgerichteten und hierarchisch geprägten Theaterpädagogik vielfach missverstanden und auf den theaterpädagogischen Aspekt reduziert. Das Mischpult-Prinzip ist allerdings nicht nur ein GEGENENTWURF zur bestehenden Theaterpädagogik, sondern auch ein künstlerisches Instrumentarium zur radikalen Demokratisierung von Prozessen und Räumen. Jetzt ist der Zeitpunkt da, um sich aus dieser Fremdbeschriftung durch das „Theater“ zu lösen, und neue Begrifflichkeiten zu finden, die besser geeignet sind, um das auf den Punkt zu bringen, wofür das Mischpult-Prinzip in Wahrheit steht. Nämlich um ein radikal demokratisierendes, struktur- und gesellschaftsveränderndes Denken und Gestalten, Fühlen und Handeln.

Darum geht es

Es geht um die tatsächliche, auch und insbesondere körperliche Begegnung im Raum und die Bereitstellung zahlreicher Ausdrucksmittel, um mit allen Facetten unseres Selbst mit anderen vielschichtig und gleichwürdig kommunizieren und gestalten zu können und auf diese Weise komplexe Probleme zu lösen und gemeinsame Ziele erreichen zu können.

Mehr Demokratie wagen

Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Stärke besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und dennoch beherzt Entscheidungen zu treffen und je mehr Menschen aus dem Modus des angepassten oder des rebellischen Kindes heraus kommen und stattdessen im Erwachsenen-Modus Verantwortung übernehmen (sowohl, indem sie selbst Führung übernehmen oder aber auch selbstbestimmt kooperieren/selbstbestimmt folgen). 

Eigene autoritäre Konditionierung erkennen:

Die derzeitige Covid 19 Pandemie können wir als einmalige gesellschaftliche Lernsituation begreifen, in der wir alle mit unseren eigenen internalisierten autoritären Mustern konfrontiert werden und diese Schritt für Schritt erkennen und überwinden lernen können. 

Im Online-Seminar erproben wir mit Hilfe der Mischpult-Prinzipien ein interaktives Format, in dem wir direkt erleben, was es bedeutet, einen gleichwürdigen Raum herzustellen und auch, was uns dabei manchmal im Wege steht (Input, Arbeit in Kleingruppen, Auswertung im Plenum).

Ausführliche Programmbeschreibung:

Spätestens in einer Welt nach der Corona Krise müssen wir einsehen, dass die wichtigste Fähigkeit, die es zu vermitteln gilt, die Kompetenz ist, unsichere, mehrdeutige und komplexe Situationen auszuhalten und konstruktiv, kreativ und eigenverantwortlich darauf zu reagieren. 

Das heißt: Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Fähigkeit besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und konstruktiv und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen wir lernen, aus dem angepassten oder rebellischen Kind-Modus in den Erwachsenen-Modus zu wechseln und Führung zu übernehmen oder/und selbstbestimmt kooperieren zu können. 

Wir brauchen konstruktive, in die Zukunft gerichtete Ziele und möglichst viele Menschen, die stark, zuversichtlich und handlungsfähig bleiben und gezielt darauf hinleben. 

Die Demokratie lebt vom Gestaltungswillen und der Zuversicht der vielen. Und vom Vertrauen in sich selbst und andere, und darin, dass wir in Kooperation miteinander gemeinsame Ziele verfolgen können. Hin zu einer menschlicheren Gesellschaft. 

Die Entwicklung des Mischpult-Prinzips als Konzept gleichwürdiger, demokratischer Führung basiert auf der Praxiserfahrung, dass Menschen nur dann miteinander kooperieren und demokratische Kernkompetenzen erwerben, wenn entsprechende Umfelder dafür geschaffen werden, in denen demokratisches Denken und Handeln Schritt für Schritt von Grund auf vermittelt, verstärkt und im konkreten, praktischen Handeln verinnerlicht werden. 

In überfordernden Situationen, wie sie in Schulen, bei gemeinsamen Arbeitsprozessen, im Alltag mit Kindern und in der Führung in Unternehmen immer wieder auftreten, wird aus der Not heraus vielfach autoritär (re-)agiert, was die Konflikte und die empfundenen Demütigungen aller Beteiligten nur verschärft und die Ausbildung von Selbstwert verhindert. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit nur autoritäres Verhalten ihrer Bezugspersonen als Antwort auf überfordernde Situationen erlebt und können nun als Erwachsene ebenfalls nur so reagieren. 

Um auf der Basis ihrer eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Potentiale Führung/Verantwortung für sich selbst, phasenweise auch für die anderen und grundsätzlich für ein gemeinsames Ziel übernehmen zu können und zu wollen, brauchen Menschen Alternativen zum autoritären Handeln. 

Dafür braucht es transparente Konzepte sowie einen angeleiteten, schrittweisen Prozess, in dem wir konkrete Strategien der Selbstführung lernen und in der Folge dann auch Führung für andere und für gemeinsame Ziele übernehmen können, sowie (Lehr-) Personen, die auf der Basis eigener Integrität als gleichwürdig agierende Rollenmodelle vorleben, was Demokratische Führung bedeutet. 

Das Mischpult-Prinzip kann in künstlerischen Prozessen genauso angewendet werden, wie in Schulen, Hochschulen oder in Arbeits- und Unternehmenskontexten. 

Die Teilnehmenden lernen die Elemente des Mischpult-Prinzips im praktischen Tun kennen. Sie erleben alternative Handlungsweisen und wie es sich für sie selbst anfühlt, wenn Menschen sich gleichwürdig begegnen und in Kooperation miteinander Lösungen für komplexe Herausforderungen finden. 

Das Mischpult-Prinzip setzt sowohl inhaltlich als auch strukturell auf Prozesse, die zur Autonomie und Verantwortungsübernahme des*der Einzelnen führen. Damit leistet dieser Ansatz einen nachhaltigen Beitrag zur Stabilisierung unserer Demokratie und einer menschlicheren Gesellschaft. 

Weitere Informationen:

www.maikeplath.dewww.maikesblog.de

www.act-berlin.de

Social Media Links:

https://youtube.com/redemalordentlich
https://www.facebook.com/maikeplath/

Youtube: Kanal „ACT_berlin“ 

Podcast auf Spotify: „Türwächter*innen der Freiheit“

Zur Person

Maike Plath, 

Theaterpädagogin, Autorin, ehemalige Lehrerin und Mitglied des Leitungsteams von ACT e.V. – Führe Regie über dein Leben! 

Maike Plath ist die Begründerin des Mischpult-Prinzips. Ihr umfangreiches Konzept zu gleichwürdiger (Selbst-)Führung entwickelte sie aus der 17jährigen Praxis mit Jugendlichen heraus – erst als verbeamtete Lehrerin, seit 2013 im Rahmen von ACT e.V. Neben praktischen Forschungsfeldern widmet sich diese Bildungsinitiative der Weitergabe des Konzeptes an Erwachsene mit Führungs-, Erziehungs- und Bildungsverantwortung mit dem Ziel Beziehungs- und Demokratiefähigkeit in der Gesellschaft nachhaltig zu stärken.

Zusatzinformationen: Rosa von Praunheim portraitierte ihre Arbeit 2017 im Kinofilm „Act! Wer bin ich?“ Das Konzept von Maike Plath liegt in 10 Publikationen vor.

Medizin für die Demokratie Part 6

Episode 6: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Also immerhin DAS weiß ich! – Über das Aushalten von unübersichtlichen, komplexen Situationen und die Fähigkeit DENNOCH Regie über das eigene Leben zu führen

In der vorerst letzten Folge dieser kleinen Krisen-Staffel (erscheint demnächst bei YouTube unter „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“) kehre ich jetzt zum Kern des Mischpult-Prinzips zurück und fasse quasi zusammen:

Unsere Gesellschaft ist in vielen Bereichen von hierarchischen Strukturen geprägt. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Überwindung ungleicher Machtverhältnisse, was sich unter anderem in polarisierenden Debatten um Rassismus oder Sexismus zeigt. An vielen Stellen herrscht Ratlosigkeit darüber, wie wir Beziehungen, Klassenräume oder Organisationen so aufstellen und schützen können, dass Würde, Freiheit und Sicherheit jedes einzelnen Menschen gewahrt werden. Genau dort setzt die Arbeit mit dem Mischpult-Prinzip an.

Der Grundgedanke des Mischpult-Prinzips entstand in einer Situation, die ich als ausweglos empfand. Nämlich in einer persönlichen Krise. Ich fühlte mich damals als Lehrerin in Neukölln ohnmächtig und war im wahrsten Sinne des Wortes ent-setzt: Orientierungslos, hilflos, panisch, auf dem Weg in die Depression. Alles, was ich bis dahin gelernt und geglaubt hatte, stimmte nicht mehr. Ich fühlte mich ohnmächtig und wie ein Opfer äußerer Umstände, die ich glaubte, nicht ändern zu können. 

Womit ich es in Wahrheit zu tun hatte, war eine komplexe Situation, die sich weder mit autoritärer Führung noch mit einem Festhalten an norm-orientierten Lehrplänen in etwas Konstruktives verwandeln ließ. 

Komplexe Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass wir nicht alle Faktoren kennen, die diese Situation bestimmen, dass es nicht EINE richtige Lösung dafür gibt und dass alle bisher bekannten Denkmuster und Regelsysteme hier unzureichend sind. 

Was ich dem entgegengesetzt habe und was jetzt über zehn Jahre lang immer wieder ausweglos erscheinende Situationen ins Konstruktive wenden konnte, war der zentrale Gedanke: Führe Regie über dein Leben! 

Aus diesem Gedanken entstand das Mischpult-Prinzip: Ein Konzept, das transparent Strategien der Führung und der Selbstführung vermittelt. 

Wie genau das Schritt für Schritt umgesetzt werden kann – dafür ist das Mischpult-Prinzip ein konkretes Instrumentarium, das uns hilft, erstens die dementsprechende Haltung zu entwickeln, die dafür notwendig ist und zweitens zu wissen, wie genau ich immer wieder Führung und Selbstverantwortung übernehmen kann und mich also in der Folge NICHT mehr wie ein Opfer der Umstände fühlen muss. UND wie gleichzeitig ANDEREN transparent vorleben kann, wie SIE wiederum aus Ohnmachtsgefühlen herauskommen und selbst Führung übernehmen können. Dadurch entsteht bei allen Beteiligten Sinn und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Die Basis für Selbstwertgefühl. 

Führe Regie über dein Leben! ist die Quintessenz all dessen, was ich zur Bewältigung von Krisen und Ohnmachtsgefühlen sagen kann. Meiner persönlichen Erfahrung nach ist die Selbstermächtigung aller Beteiligten das einzige, was uns in scheinbar aussichtslosen Lagen wirklich helfen kann. 

Die Ausbildung von echtem Selbstwertgefühl ist die Basis für mentale und psychische Stärke – eine immer wichtiger werdende Ressource, um komplexe Situationen, mit denen wir es zunehmend zu tun haben, aushalten zu können. 

Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen unseren Lebensbedingungen und Bildungschancen in einem wettbewerbsorientierten System und der Möglichkeit, mentale und psychische Stärke ausbilden zu können. Wer zu lange Anpassung als Voraussetzung für Anerkennung erlebt, verlernt den Zugang zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Fähigkeiten und kann irgendwann auch durch die best-gemeinten herkömmlichen Hilfs- und Bildungsangebote nicht mehr selbstbestimmt denken, handeln und fühlen. 

Auf Anpassung und Gehorsam setzende Führungskonzepte, wie sie in Schulen, Hochschulen und Ämtern noch immer Gang und Gebe sind, verstärken die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit bei all denjenigen, die den zugrunde gelegten Normen nicht entsprechen können und machen diejenigen, die ihnen entsprechen KÖNNEN zu fremdbestimmten Effizienzmaschinen. Beides sehr schlechte Voraussetzungen, um auf komplexe Anforderungen zuversichtlich, stark und selbstverantwortlich reagieren zu können. 

Daher ist der Blick auf die noch immer hierarchisch geprägten Strukturen in unserer Gesellschaft und wie wir sie verändern können, wichtiger denn je.

Das Problem, das ich auch jetzt wiedersehe, ist, dass alles immer noch stark von der Perspektive DER Menschen aus gedacht ist, die über die entsprechenden psychischen und grundsätzlichen Ressourcen verfügen, um in den bestehenden normierten Kontexten (vermeintlich) funktionieren zu können. Diese Perspektive reicht zur Bewältigung komplexer Situationen und globaler Krisen aber nicht mehr aus. 

Wir brauchen konkrete Instrumentarien, die ALLE Menschen zum eigenständigen HANDELN ermächtigen. Weder autoritäre, normbasierte Führung auf der einen Seite noch gutgemeinte Strategien des Helfens und Unterstützens auf der anderen Seite, bewirken bei anderen Menschen die Ausbildung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit – als Grundlage für selbstverantwortliches Handeln. 

Ganz im Gegenteil verstärken diese herkömmlichen Konstrukte in den Menschen das unmündige Kinder-Ich: Entweder das angepasste oder das rebellische innere Kind. In den verantwortlichen Erwachsenen-Modus kommt auf diese Weise niemand. Auf Anpassung abzielende Führung – oft gepaart mit einer angeblichen Helfer-Absicht – impliziert immer, dass das Gegenüber irgendwie Leitung und Hilfe braucht, demnach also schwach bzw. nicht vollwertig ist. Das Gefühl, das entsteht, wenn wir so angesprochen werden, bewirkt das Gegenteil von Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Es erzieht uns massenweise zu angepassten oder rebellischen Kindern, die es gewohnt sind, zu folgen oder zu rebellieren. 

Jetzt befinden wir uns in der größten Krise, die die meisten von uns wahrscheinlich je erlebt haben. Und ich persönlich bin davon überzeugt, dass das, was ich damals im Kleinen verstanden habe, jetzt im Großen erst recht gilt: 

Wenn alles den Bach runter geht, es keine Gewissheiten mehr gibt und wir den Boden unter den Füßen verlieren, dann ist das einzige was wirklich ALLEN helfen kann: Zu lernen, wie ich mich Schritt für Schritt als selbstwirksam und sinnvoll erleben kann. Und zwar in unübersichtlichen, chaotischen Feldern, in denen es viel mehr als nur eine Wahrheit gibt. 

Das Beruhigendste, was ich selbst je erlebt habe, war die Erfahrung, dass ich mit dem Drei-Schritt, dem Skalen-Prinzip und dem übergeordneten Ziel der Kooperation (also mit den zentralen Mischpult-Prinzipien) in JEDER noch so unkontrollierbaren Situation das Gefühl hatte, dass ich irgendwie klar kommen kann. Dass ich NICHT untergehe. Dass ich mir SELBST eine Perspektive schaffen kann. Und dass ich NICHT einer feindlichen Welt hilflos ausgeliefert bin. 

Bei allem, was durch das Mischpult-Prinzip darüber hinaus dann alles möglich wird, ist es DIESER Grundgedanke die Basis: Dass jeder Mensch auf der Basis dessen, was er sie es mitbringt zu jeder Zeit Entscheidungen treffen und dadurch das eigene Leben selbst bestimmen kann. Das fängt im ganz Kleinen an. Aber jede einzelne, noch so kleine Erfahrung der Selbstwirksamkeit sichert den Boden weiter, auf dem wir stehen – und irgendwann wieder gehen (– vielleicht auch irgendwann wieder tanzen) – können. 

Wenn uns jetzt auch alles andere um die Ohren fliegen mag: Es macht unbedingt Sinn, auf Selbstwert, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung zu setzen und zwar sowohl bei uns selbst, als auch bei anderen. Nur, wenn wir merken, dass uns nicht ALLES entgleitet, können wir auch solidarisch mit anderen sein und erleben genau durch diese Verbindung und Nähe mit ANDEREN wiederum Sinn und Motivation, weiter zu machen und Lösungen für komplexe Situationen zu finden. 

Übergeordnete Fragen, die wir uns jetzt beispielhaft anhand des Drei-Schritts in Bildungs- und Führungskontexten stellen sollten sind: 

Wer wollen wir sein? (Ziel) 

Wie kommen wir dahin? (Erfahrungsspielraum) 

Wofür entscheiden wir uns in jedem einzelnen Augenblick auf das übergeordnete Ziel bezogen? (Orientierung an Skalen). 

Was erfahren wir im offenen und authentischen Austausch mit anderen? (Reflexion) 

Und wie können wir uns miteinander verbinden, um uns zusammen jeweils selbstwirksam und sinnvoll zu fühlen und dabei gemeinsame Ziele erreichen? (Kooperation)

Spätestens in einer Welt nach der Corona Krise müssen wir einsehen, dass die wichtigste Fähigkeit, die es zu vermitteln gilt, die Kompetenz ist, unsichere, mehrdeutige und komplexe Situationen auszuhalten und konstruktiv, kreativ und eigenverantwortlich darauf zu reagieren. 

Das heißt: Unsere Welt wird besser, je mehr Menschen die Stärke besitzen, das Unsichere und Mehrdeutige auszuhalten und beherzt Entscheidungen zu treffen. 

Ich bin NICHT besonders optimistisch, dass unsere Welt oder auch nur unsere Gesellschaft in Deutschland „einfach so“ besser und solidarischer wird. Das kann sie nur werden, wenn sich auch die Strukturen ändern. Und das wiederum passiert nur, wenn sehr viele Menschen stark, zuversichtlich und handlungsfähig bleiben und gezielt darauf hinleben. Auch im ganz Kleinen. 

Es kommt auf dich an und auf mich und auf möglichst viele andere, die jetzt nicht in Angst, Wut oder Hilflosigkeit versinken, sondern den nächsten kleinen Schritt in Richtung Selbstbestimmung tun. Ins sogenannte Erwachsenen-Ich. In Richtung: Führe Regie über dein Leben! 

Nur dadurch können wir Orientierung und Ermutigung für andere sein, dasselbe ebenfalls zu versuchen. Und nur dann gibt es eine Chance, dass sich die Dinge in eine positive Richtung entwickeln. Die Demokratie lebt vom Gestaltungswillen und der Zuversicht der vielen. Und vom Vertrauen in sich selbst und andere, und darin, dass wir in Kooperation miteinander einen Unterschied machen können. Hin zu einer menschlicheren Gesellschaft. Hin zu einer menschlicheren Welt.